Manuskripte

SWR1 Sonntagmorgen 3vor8

(zur Opferung des Isaak, Gen.22, 1f.) 

Es gibt Bibelstellen, mit denen habe ich eine Geschichte. Eine wechselvolle, anstrengende Geschichte. Dazu gehört die von der Opferung Isaaks. Sie ist heute in den Katholischen Kirchen zu hören. Darin wird Abraham, der Stammvater Israels, von Gott auf die Probe gestellt. Abraham solle seinen einzigen Sohn, der ihm noch im höchsten Greisenalter geschenkt wurde, Gott opfern. Solle seinen geliebten Sohn töten, als Zeichen seines Gehorsams. Und Abraham ist kurz davor, hat das Messer schon in der Hand, da greift Gott ein und hält ihn davon ab. Stattdessen opfert Abraham einen Widder, der sich mit seinen Hörnern in einem Gestrüpp verfangen hatte. Schon als Kind fand ich diese Geschichte nur schrecklich. Was für ein Gott, der Menschen auf solch fürchterliche Proben stellt. Und was für ein Vater, der sein eigenes Kind umbringen würde um Gott zu gehorchen. Auch als ich selbst Vater geworden war schreckte mich dieser grausame Gehorsam ab. So weit kann und darf ein Glaube doch nie und nimmer gehen. Das ist übrigens auch eine der gängigen Auslegungen dieser schockierenden Bibelstelle: dass der Gott Israels keine Menschenopfer will. Denn bei anderen Völkern im Umfeld Israels gab es das. Und die Geschichte von Abraham und Isaak solle zeigen, dass der Gott Israels eben keine Menschenopfer wolle. Heute lese ich viele Bibeltexte anders. Mit Blick auf die zeitlosen seelischen Anteile darin. Und da sehe ich die Geschichte von Abraham und Isaak auch als ein Bild für die Lösung der Eltern von ihren Kindern. Manchmal können Eltern ihre Kinder nicht loslassen. Wollen sie innerlich behalten. Oder können es nicht ertragen, wenn sie sich anders entwickeln als gewünscht. Manchmal brechen dann Eltern mit ihren Kindern. Wollen sie vergessen, sich innerlich abtrennen von ihnen. Dass das aber nicht sein kann und nicht sein darf, könnte auch eine Botschaft dieser Opferungsgeschichte sein. Um Kinder gehen lassen zu können, darf man sie nicht innerlich opfern wollen, sondern die Dinge opfern, die einen daran hindern sie gehen zu lassen. Bei Abraham war dieses richtige Opfer der Widder, der sich mit seinen Hörnern im Gestrüpp verfangen hatte. Ein Bild für die typisch männliche Widerborstigkeit nachzulassen und nachzugeben. Genau diese Widerborstigkeit gilt es aber aufzugeben, zu opfern, zu Gunsten der nachfolgenden Generation. Die nach dem Willen Gottes ihren ganz eigenen Weg gehen soll. Darauf vertrauen zu können, ist für mich die schönste innere Botschaft dieser äußerlich so schrecklichen Geschichte...

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