Manuskripte

Manchmal schüttelt es mich, wenn ich merke wie alt ich bin. Und es ist nicht bloß die äußere Zahl, 62. Ich merk das Alter. Es zwickt, Knochen tun weh. Die Augen lassen nach. Und es ist nicht nur der Körper. Auch der Geist: Manches trau ich mir nicht mehr zu. Und manchmal fühl ich mich müde. Wenn man es ehrlich auf den Punkt bringt: „Der Lack ist ab.“

Schlimm? Vielleicht sogar im Gegenteil. Wenn man sich das erst mal ins Gesicht sagen kann, macht einen das vielleicht freier. Und gibt neue Möglichkeiten. Das legt mir ein Spruch nah, den ich auf einem Plakat gelesen hab. Da wird nicht gejammert, dass der Lack ab ist. Im Gegenteil: „Der Lack ist ab, aber der Glanz ist da.“ Das könnte ein Lebensmotto sein für Leute jenseits der 50 oder 60. Und helfen, dass ich das Älterwerdens annehmen kann.

‚Der Lack ist ab.‘ Es ist so, manches, was wir an uns einmal sehr gemocht haben, was uns schön gemacht hat. Manches ist einfach weg und kommt auch nicht mehr. Es hat keinen Sinn, ihm hinterher zu kämpfen. Ich denke an eine Freundin. Die sieht fast nichts mehr auf einem Auge. Man könnte medizinisch noch was versuchen. Erfolgsaussichten sehr zweifelhaft. Sie hat beschlossen. Ich will nicht so viel Lebensenergie in einen vielleicht verzweifelten Kampf investieren. Ich will nach vorn schauen.

An dieser Stelle loslassen und dafür umso mehr sehen, was ich noch kann. Sie verkörpert für mich dieses Motto: „Der Lack ist ab, aber der Glanz ist da.“ Das kann heißen, ‚noch‘ da, oder ‚wieder‘ da. Oder vielleicht sogar. Ich entdecke überhaupt jetzt erst Seiten in mir, die glänzen können. In einem alten Lied gibt es eine  Zeile. Mit der konnte ich früher wenig anfangen: „Es glänzet der Christen inwendiges Leben.“

Das ist ein Versprechen: Die Strahlkraft eines Menschen hängt nicht am schönen Außen, wir können von innen glänzen. Ich denke zB. an Heiner Geißler, der vor kurzem gestorben ist. Äußerlichen Lack, ich glaube, den hatte er schon lange nicht mehr nötig. Aber was aus ihm geglänzt hat, war das Feuer für Gerechtigkeit. Je tiefer seine Falten und je gebückter sein Gang geworden sind, umso mutiger sein Geist.

Oder ich denke an Christiane Hörbiger, die Schauspielerin. Sie ist sichtbar alt geworden. Aber strahlt eine Würde aus. In ihren Falten glänzt so viel Leben, mehr als ihre makellose Schönheit mir früher gezeigt hat. Wie kann man so glänzen? Vielleicht wenn man sich nicht mehr selbst beweisen will. Sondern wenn man einfach lebt. Und Liebe aus einem glänzt. Oder Gott.

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„Ich bin Gast auf der Erde.“ Ich weiß es, Sie wissen es, wir Menschen sind sterblich. Aber ich tu viel dafür, dass ich nicht daran denke. Allerdings wenn der Tod sich dann ins Leben drängt, dann macht er mich hilflos. Wäre das anders, wenn ich mehr dran denken würde, dass ich Gast bin auf der Erde?
Ich frage mich das, seit ich vor ein paar Wochen folgendes erlebt habe, ausgerechnet im Fitnessstudio.

Ich bin hingekommen und habe gleich gemerkt, da stimmt was nicht. Ein Trainer raunt mir zu: „Wir haben einen Notfall.“ Vor der Trainingsfläche stehen Kursteilnehmerinnen, ratlos, geschockt. Mitten unter ihnen ist jemand zusammengebrochen. Muss vom Notarzt reanimiert werden.
Wie alle anderen bin ich dann trotzdem zum Trainieren gegangen. Mit ganz komischem Gefühl im Bauch. Draußen auf dem Parkplatz der Notarztwagen. Man hat ihn nicht übersehen können. Jeder hat geahnt, da kämpft eine von uns, wahrscheinlich auf Leben und Tod.

Eine von uns. Wir sind ja eine Community, eine Gemeinschaft. Steht auf den Flyern, die im Studio ausliegen.
Aber woran merkt man was von Gemeinschaft, wenn so was passiert?

Ich war hilflos und ratlos. Hab trainiert. Wie alle anderen auch. Das Personal hat wie immer gute Laune versprüht. Die Musik auf den Flächen war genauso laut und voll Power wie immer. Niemand hat inne gehalten. Drinnen jedenfalls. Wir drinnen, wir sind ja die Community der Gesunden. Draußen auf dem Parkplatz im Notarztwagen. Da waren die anderen. Die, die hautnah spüren mussten. „Wir sind nur Gast auf Erden.“

Irgendwas müssten wir jetzt anders machen. Habe ich das starke Gefühl gehabt. Und gespürt: Ich würde jetzt gern mit anderen zusammen beten. Eine Blume hinlegen, ging nicht, so schnell gab es keine. Aber zusammenstehen, die Hände falten, an sie denken und für sie beten: Für die Frau, die Angehörigen und die Ärzte. Auch für dieses Haus, eigentlich für uns alle, damit wir nicht so tun müssen, als wäre nichts.

Und dran denken, dass Gott da ist: Für alle, die sich jetzt Sorgen machen. Ich glaube, beten hilft.
Ich habe nicht den Mut gehabt, sichtbar zu beten. Habe es still für mich getan. Aber mit anderen zusammen wäre einfach besser gewesen. Als Zeichen, dass wir solidarisch sind, auch wenn Schlimmes passiert. Als Zeichen auch für die draußen, dass sie wissen können: Andere denken jetzt an uns und fühlen mit uns mit.
Und für uns auch darum, dass wir nicht zwanghaft auf unsere Gesundheit fokussiert sind. Und dabei vergessen: Wir sind Gäste auf der Erde.

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Was ist bloß los mit unseren großen Jungs?“ Den Stoßseufzer habe ich in letzter Zeit öfter gehört. Von Müttern und Vätern. Ich kenne ihn auch von mir. „Was ist los mit unseren großen Jungs?“ Gemeint sind damit erwachsene junge Männer zwischen 20 und 30. In dem Stoßseufzer steckt viel Kummer, Sorge, Ratlosigkeit und immer wieder die Frage: Was kann ich bloß machen?

Eine Mutter hat mir erzählt, ihr Sohn findet beruflich seinen Weg nicht. Er fängt was an, bricht ab.
Oder: Ein Vater musste die dicken Schulden bezahlen, die sein Sohn im Internet gemacht hat, auf Pornoseiten. Vielleicht ist er sogar süchtig danach. Ein anderer ist zwar beruflich erfolgreich, aber er kriegt es nicht hin mit einer Beziehung. Dabei sehnt er sich so sehr danach.

Da stehst du als Mutter oder Vater hilflos da, leidest mit, quälst dich mit Fragen. ‚Hab ich was falsch gemacht in der Erziehung? Was kann ich machen? Druck machen, raushalten? Vielleicht sogar, mich innerlich von ihm zurückziehen, damit es mir nicht mehr so weh tut? Das bitte nicht. Auch wenn unsere großen Jungs so anders sind als wir es gern hätten oder wir es ihnen wünschen. Wir bleiben Mutter und Vater. Manchmal tut das weh.

Wie in der Geschichte vom so genannten „Verlorenen Sohn“ in der Bibel.
Die begleitet mich, seit ich Vater bin: In der Geschichte wird erzählt, wie die enge Beziehung von Vater und Sohn getrennt wird. Der Sohn geht. In der Fremde gerät sein Leben aus der Spur. Man kann Angst kriegen, dass er vor die Hunde geht.

‚Er verliert sich. Ich verlier ihn.‘ Die Angst kann man als Vater und Mutter bei manchem unserer großen Jungs kriegen.
Mir hat die biblische Geschichte geholfen. Da steht nicht, dass der Sohn „verloren“ ist. Irgendwann habe ich kapiert. Es ist Angst, wenn wir als Vater und Mutter fürchten, mein Sohn „verliert“ sich. Die biblische Geschichte setzt dieser Angst Vertrauen entgegen: Dieses Vertrauen sagt: ‚Dein Sohn verliert sich nicht, er sucht.‘ Und die Beziehung zum Vater hält.

Was ich in der Geschichte noch sehe: Vielleicht wäre es besser für manche große Jungs, wenn man sie als Vater und Mutter eher loslassen würde. Vielleicht müsste man zu ihnen sagen: ‚Los jetzt, auf eigene Füße.‘ Sie nicht daheim lassen, sondern vertrauen, dass sie genug mitbekommen haben, von uns und von Gott, dass sie sich finden werden. Und ihre Suche ein gutes Ende nimmt.

Übrigens. Der Junge, von dem ich vorhin erzählt habe, hat inzwischen sein Jobglück gefunden. Und der mit den Pornoschulden hat auch die Kurve gekriegt.

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Peter HeilemannWolf-Dieter Steinmann trifft Peter Heilemann, Diakon in Tübingen, kurz vor dem Ruhestand

40 Jahre Diakon

Wie schafft man es, gelassen und versöhnt zu gehen? Wenn einen der Beruf richtig ausgefüllt hat. In zwei Wochen ist für Peter Heilemann Ruhestand. Nach 40 Jahren als Diakon bei der Kirche. Inzwischen kann er auch loslassen.

Ich weiß nicht, wer da spricht zu mir, mein Körper vielleicht oder meine Seele, oder der liebe Gott ist vielleicht im Spiel, jedenfalls sagt etwas in mir: Du merkst doch, dass Deine Kräfte nicht mehr die sind wie vor 10 oder 20 Jahren.

Er war und ist Diakon mit Leib und Seele. Ich habe ihn getroffen im Gemeindecafé. Grade haben sie 30 Menschen zum Mittagessen bekocht. Einsame, die sich freuen von ihm mit Kuss begrüßt zu werden. Männer aus dem Wohnheim. Da sein für Menschen, die verunsichert, verzweifelt sind, für Obdachlose, Arme. Das ist seine Berufung.

Jedenfalls habe ich dann das Gefühl, ich bin eine kleine Brücke zu den Menschen, an denen die meisten vorbeilaufen. Ich verstehe etwas davon wenn jemand nicht die Kraft hat, die er wirklich braucht, um befreit zu leben.

Vielleicht hilft auch beim Gehen und Loslassen, wenn man weiß, es war gut. Peter Heilemann hat der Beruf viel gegeben und er hat geben können. Das hat was, dass Menschen ihm gesagt haben:

 „Endlich bin ich irgendwo, wo ich gesehen und gehört werde und wo ich einen Platz habe und wo ich nicht umsonst bin, und wo ich auch nicht überlegen muss, wo kann ich morgen mein Haupt hinlegen und was mach ich bloß, dass sich endlich mal was ändert.

Als Diakon war er auch Seelsorger im Untersuchungsgefängnis in Tübingen: U-Haft: wer da reinkommt, erlebt meist einen Schock. Der Kontakt zur Familie verboten. Zu zweit in 7 ½ qm.

Da steht ein Doppelstockbett, ein kleines Schränkchen, ein Waschbecken. Zwei Schritte hin und zwei Schritte her. Ganz viele sind vollkommen schockiert, weil sie eben von A nach B versetzt werden und die eine Welt hat mit der anderen gar nichts zu tun.

Peter Heilemann ist da, wenn in der Haft Welten zusammenbrechen. Wie bei einem Häftling, dem am Telefon mit seiner Frau klar geworden ist.

Dass er sie vielleicht schon oft angelogen hat und dass sie jetzt das schon zum dritten Mal mitmacht und gesagt hat, wenn Du noch einmal so was machst, dann bin ich weg und jetzt ist sie vielleicht weg.

Auch wenn es nach wenig aussieht, reden hilft. Und oft helfen dabei biblische Geschichten. Sie wirken wie ein Spiegel, in dem man sich erkennen kann.

Der verlorene Sohn zB., der eigentlich alles verbockt hat. Da kann man sich identifizieren und was über sich sagen und was aus der Tiefe kommt ist immer etwas, was den „schweren Sack“ ein bisschen leichter macht.

Wer mit Menschen zu tun hat, wird auch enttäuscht. Aber er hält das aus. Nächstenliebe ist für ihn das A und O. Nicht vergessen, wie oft er sie selbst braucht.

Was habe ich meiner Frau nicht schon alles versprochen. Und sie ist immer noch da. Und ich bin froh dass sie da ist und ich habe immer noch meine Chance. Das darf man nicht endlos treiben, aber es darf auch Zeit und Rückschläge brauchen und die Hoffnung muss deswegen nicht gleich sterben.

Was bleibt? Peter Heilemann hat mir drei Vermächtnisse verraten.

Ernte eines Berufslebens

Vielleicht ist schon wichtig, wie man anfängt. Das erste Vermächtnis, das Peter Heilemann mitgibt: Wenn man wie er eine Berufung spürt, soll man drauf hören. Obwohl, er hat erst mal Kaufmann gelernt. Notgedrungen, als Umweg.

Weil ich noch nie Kaufmann werden wollte. Ich hatte nicht die Bewerbungsvoraussetzungen. Ich habe das auf mich genommen, diese 3 Jahre, die mich überhaupt nicht interessiert haben, um dieses Ziel zu verfolgen.

Gewusst hat er, ich will Diakon studieren. Heute zieht er daraus den Rat: Wenn man spürt, man ist beruflich auf dem Holzweg, sollte man darauf hören und prüfen, ob man was ändern kann. Nicht nur am Anfang des Berufslebens. Damit das Leben wieder mehr Richtung gewinnt.

Wenn jemand das deutliche Gefühl hat, dass er auf dem falschen Dampfer ist, dann muss dieser Mensch darüber nachdenken, wo es ihn hinzieht. Und wenn das möglich ist, dann sollte man, darf man, diesem Menschen Mut machen, es zu versuchen. In dem Bewusstsein, dass Dinge auch im Leben scheitern können.

Dass er für Menschen da sein will, die in unserer Gesellschaft am Rand stehen, das hat er schon als Jugendlicher entdeckt, in der Kirche. Sogar durch ein Antivorbild: Peter Heilemanns Pfarrer war nämlich ziemlich militaristisch geprägt. Ihm ist klar geworden: Jesus ist anders.

Dann hatte ich schon eine Vorstellung, was Evangelium vielleicht heißen könnte. Ich habe gesagt: „nein, so nicht.“ Und wir haben dann eine Jugendarbeit aufgebaut, die  - heute würde man vielleicht sagen – ein bisschen emanzipatorisch war.

Irgendwie waren für ihn die Weichen gestellt. In einer guten Richtung. Sonst könnte er heute 40 Jahre später nicht sagen, dass er es als Diakon in Tübingen gut getroffen hat.

Ja, das hat einfach gut zusammen gepasst. Das was ich schon geahnt habe oder gewusst habe, konnte ich dann wirklich fortentwickeln und was so ein bisschen meine Stärken sind, konnten dann irgendwie zum Tragen kommen.

Sein zweites Vermächtnis: Es ist ein echter Segen, wenn man Orte gefunden hat, wo man mit seinen Stärken hingepasst hat. Dafür kann man dankbar sein. Wenn es wenigstens stückweise so ist. Und wenn man wie er Freiheit hat und Rückhalt erfährt.

Dass ich aus so einer – sich zutiefst diakonisch verstehenden Gemeinde – mich geschickt fühle, in die Vesperkirche, ins Gefängnis, zu den Arbeitslosen, weil ich spüre, was ich dort mache, dass das seine Mitte hat in dieser Gemeinde und eben auch im Gottesdienst. Und da bin ich einfach daheim.

Und noch ein weiteres Vermächtnis nehme ich mit: Eine christliche Gemeinde ist diakonisch aktiv und lebt das auch. Er hofft, dass seine Tübinger weiter dazu lernen und:

Ich glaube, dass manch andere Gemeinde sich sicher auch noch eine ganz gute Strecke in diese Richtung bewegen könnte, das fände ich wünschenswert.

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Martin Schmidt

Wolf-Dieter Steinmann trifft Martin Schmidt, Winzer und Weingutinhaber aus Eichstetten am Kaiserstuhl

Ein Weinbesessener
Er feiert Erntedank, obwohl dieses Jahr ihnen als Winzer viel zugemutet hat. Anfang des Jahres gab es Frost in Südbaden wie lange nicht. Viele Winzer haben 30 %, andere 100 % Trauben verloren. Bei ihnen in Eichstetten am Kaiserstuhl hat es sich noch ganz gut gewendet.

Es ist ein Jahr, das uns auf ewig im Gedächtnis bleiben wird. Das Wetter hat sich ins Positive gedreht, dass wir eine normale Ernte jetzt fast haben. Worüber ich sehr sehr glücklich bin. Das sag ich immer: ‚Die Ernte kommt von oben.‘ Wir Menschen können gar nix beitragen, oder sehr wenig. Wir können dankbar sein.

Martin Schmidt ist der Erntedankgottesdienst sehr wichtig. Auch weil ein großes Unglück auf allen lastet. In der Lese ist ein Winzer ums Leben gekommen, beim Trauben anliefern in seinem Betrieb.  Aber er kann Winzer nicht sein ohne Dankbarkeit und nur mit Zuversicht. Weil Wein unberechenbar ist. Auch jetzt, wenn er reifen soll.

Ein Motto von uns ist auch „laufe lo“ , dass man wirklich der Natur ihren Lauf lässt und sehr wenig eingreift. Und mE gehört da wirklich Gottvertrauen dazu. Wenn man sich da aufs Lehrbuch und auf Analysen verlässt, würde man durchdrehen.

Erfahrung und Intuition sind wichtig. Weil Wein lebt, immer wieder anders ist. Daran muss jeder denken, wenn er mit Lebendigem umgeht.

Ich bin – kann man sagen – besessen. Wenn ich einen Wein probieren kann, werde ich den probieren. Ich komm auf 2000 verschiedene Weine, die ich im Jahr probier. Weil die Vielfalt, die Wein bietet, ist unglaublich. Mir geht’s ganz stark um eine Erfahrung und um ne Erkenntnis.

Wein öffnet ihm Welten, sinnlich und mental. Allerdings bis Weihnachten ist wenig Genuss. Die Jungweine fordern Arbeit und ungeteilten Geschmackssinn. Dabei schmecken sie nicht toll.

Ich habe an die 200 Weine jetzt am Gären, die wir wöchentlich mindestens einmal probieren müssen. Und das ist wirklich Arbeit und ich kann dann auch Abends kein Glas Wein mehr genießen.

Hm. Anfangs hat Martin Schmidt gesagt: ‚Die Ernte kommt von oben.‘ Und jetzt erzählt er von so viel Arbeit. Aber das ist kein Widerspruch: Gott ist der Schöpfer, wir Menschen seine Mitschöpfer und arbeiten Gott hinterher.

Das ist auch für mich als Winzer das Tolle, dass man so ein Produkt schafft, das eben die Lebensfreude vermittelt. Das aber auch besinnlich ist und ein Jahrhunderte altes Kulturgut, das die Menschen schon immer schätzen.

In einem alten Gebet wird Gott schon gelobt, „dass der Wein das Herz der Menschen erfreut.“ - An einer Stelle aber ist Wein für ihn viel mehr als Genussmittel: Im Abendmahl. Da symbolisiert er Gott und zeigt, dass er bei uns Menschen ist: Im Schlimmsten und im Schönsten.

Der Abendmahlswein ist schon immer Abendmahlswein und hat mit den anderen Wein für mich nichts zu tun. Ich bin selbst Kirchengemeinderat und gebe auch oft das Abendmahl und das ist aber für mich etwas ganz ganz anderes.

Wein hat für Martin Schmidt etwas Göttliches.

Schaffen und genießen, denken und danken

Martin Schmidt beeindruckt mich eins ums andere Mal:
Mitten in der hektischen Weinlese nimmt er sich Zeit für mich. Äußerlich ein Ruhiger, Bescheidener - innerlich, ein Weinbesessener. Musiker hätte er auch werden können erzählt der 42-jährige Vater von 3 Kindern, nebenbei. Und ist heilfroh, dass er Winzer ist.

Am meisten liebe ich die Natur und den Kaiserstuhl. Die Erfahrung habe ich erst gemacht nach dem Studium. Wie schön wir es hier haben und wie wichtig der Weinbau ist, um das hier alles zu erhalten. Weil die Winzer den Kaiserstuhl so bearbeiten, deshalb ist die Natur in unserer Umgebung so.

Darum „Kultur-Landschaft“. Natur, von Menschen gestaltet und geschaffen. -
Ich glaube, ich hätte nicht so viel Mut wie er: Er hat mit seiner Frau das elterliche Weingut übernommen und ein zweites, das dessen Erben nicht fortführen wollten.

Wenn man die Ausmaße kennt von diesem Betrieb, muss man schon sagen: Jouu. Es drückt mich nicht, aber da ist, finde ich, einfach der Glaube wichtig, und die Familie, wo man einfach einen Rückhalt hat und bestärkt ist.

Das gibt ihm Zuversicht. Mit der überrascht er mich auch, als ich ihn frage, ob sie am Kaiserstuhl auch den Klimawandel spüren. Klar. Aber er schreckt ihn nicht. Im Gegenteil.

So eine frühe Lese und wenn man dann auch noch guckt, wie hat sich die Zuckerproduktion der Rebe entwickelt, dann leben wir heute im Paradies. Wir sind Profiteure des Klimawandels, weil wir halt heute viel bessere Qualitäten ernten können.

Sie spüren auch die Schattenseiten des Klimawandels: Die Arbeit wird mehr und stressiger. Kürzere, hektische Lese, neue Schädlinge, Pilzkrankheiten und beim Wetter muss man mit allem rechnen.

Man muss im Denken variabler werden, auch in der Ernährung der Pflanzen ist das sehr wichtig. Um gesunde Trauben zu haben, ist der Aufwand heute- ich würde mal sagen – verdreifacht.

Ich merke, mein Bild vom „idyllischen“ Winzerleben ist so was von überholt. Was er alles vereint: Ist moderner Unternehmer, liebt seine Weine, engagiert sich für seine Landschaft und ehrenamtlich im Weinbau und in der Kirche. Geprägt hat Martin Schmidt ein Pfarrer.

Bei der evangelischen Jugend hat er mich eingeführt und mich gefordert und da bin ich auch der Meinung: Wenn jeder Mensch etwas Gutes tut, dann geht es unserer Welt gut.

Was erwartet oder erhofft er von uns als Weinkonsumenten?

Für die Winzer oder für die Landwirtschaft allgemein ist Wertschätzung wichtig, dass man einfach auch ein Produkt hat, das wert geschätzt wird. Man möchte eben nicht, dass mit Wein Missbrauch betrieben wird, sondern dass es wirklich als Kulturgut und Genussmittel gesehen wird.

Das nehme ich mit von Martin Schmidt: Wie wertvoll Wein ist. Und dass ich Grund habe, Gott danke zu sagen. Wie, ich mach es wie er, im Gottesdienst und mit einer Musik, die wir beide sehr lieben, den Kanon von Pachelbel.

Musik hat für mich manchmal etwas Göttliches wie Wein und das ist ein Stück wo ich in der Kirche einfach wieder runterkomme, gleichzeitig schwingt aber auch sehr viel Dankbarkeit mit, wo ich auch wieder Zuversicht tanken kann.

 

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„Habe ich was davon, dass ich Christ bin?“ Lebt man nicht leichter ohne Glauben und christliches Verantwortungsgefühl?
„Wie kann man so fragen?“ sagen Sie vielleicht. Man kann Glauben doch nicht nach Soll und Haben verrechnen. Und das Leben berechnen wie ein Geschäft.
Doch man kann so fragen. Sogar Petrus hat das getan, erzählt die Bibel.

„Sieh mal Jesus, wir haben so viel zurückgelassen, und sind dir gefolgt.“ Ich höre da raus: Und was haben wir jetzt davon? Man könnte denken, Jesus fährt ihm dafür über den Mund. Im Gegenteil. Jesus verspricht Petrus: „Glauben bringt was.“

„Jeder, der für das Reich etwas zurückgelassen hat – Haus, Ehefrau, Geschwister, Eltern oder Kinder – wird dafür ein vielfaches neu bekommen – jetzt schon in dieser Zeit – und dann das ewige Leben, wenn Gottes Reich kommt..“

Und ich. Was habe ich neu bekommen durch den Glauben? Sicher, mit Petrus kann ich mich nicht vergleichen. Der Glaube hat mein Leben nicht auf den Kopf gestellt wie seins. Ich habe niemand verlassen. Ja, ich hätte einen anderen Beruf ergreifen können. Aber ich glaube nicht, dass mir Lehrer oder Agraringenieur mehr gegeben hätte.

Und meine Bilanz sonst?
Drei Dinge fallen mir ein, die der Glaube mir gegeben hat. Zuerst: Ich bin von Haus aus kein Held, habe schnell Befürchtungen und dunkle Gedanken. Auch als Vater war das so. Aber der Glaube macht mich immer wieder heller. Ich habe Hoffnung wieder gefunden: Vielleicht tut sich doch noch eine Möglichkeit auf. Wenn nicht heute, dann übermorgen.

Oder: Beim Abschied von lieben Menschen ist der Glaube auch gut für mich gewesen. Mein Vater und all die anderen, deren Tode sehr wehgetan haben, ich glaube, dass sie gut aufgehoben sind. Von guten Mächten geborgen. Hoffentlich hilft mir mein Glaube auch, wenn es für mich selber mal ans Sterben geht.

Und noch etwas: Mir tut es gut, dass mich der Glaube an Jesus immer wieder aufweckt: Es zählt nicht nur, was mir nützt. Die anderen sind genauso wichtig. Als Christ will ich auch anderen gut tun und das Leben besser machen.

Und keine Schattenseiten, wirklich nicht? Doch. Ich kann mir am Christentum nicht nur die positiven Seiten rauspicken. Zum christlichen Erbe gehört auch Dunkles. ZB. viele Christen haben im Dritten Reich nichts getan gegen rechtes Denken und Unrecht. Heute ist das ein Ansporn, wach zu sein. Ich will dafür einstehen, dass Gott da ist in unserer Welt, und allen Menschen nützen will, ohne Unterschied.

Da sprach Petrus:
„Siehe, wir haben, was wir hatten, verlassen und sind dir nachgefolgt.“
Er aber sprach zu ihnen:
„Wahrlich, ich sage euch: Es ist niemand, der Haus oder Frau oder Brüder oder Eltern oder Kinder verlässt um des Reiches Gottes willen, der es nicht vielfach wieder empfange in dieser Zeit - und in der kommenden Welt das ewige Leben.“

(Lukas 18,28-30)

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Es gibt Musik, die muss ich wiederholen. Einmal hören ist einfach nicht genug. Weil ich nicht von ihr genug bekommen kann. Oder sie beim einmaligen Hören nicht ganz erfassen kann. Ich will wieder hören, bis dieser merkwürdige Zustand kommt: Ich werde beim Hören Teil der Musik und zugleich kommt die Musik ganz in mich. So dass ich einstimmen muss.

Diese Musikerfahrung ist dem Beten ähnlich. Für mich ist deshalb das folgende Lied ein Glücksfall. Nikolaj Rimskij-Korsakov hat dieses „Vater Unser“ komponiert. In der musikalischen Tradition der russisch-orthodoxen Liturgie. Diese Musik muss ich immer wieder hören. Dann komme ich mit Musik ins Beten und singend immer tiefer in die Worte hinein. Wenn ich „VaterUnser, Dein Reich komme“ bete, begegne ich mir selbst, vielleicht sogar neu.

Musik 1  „Vater Unser“ Teil 1

Vater unser im Himmel
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
„Vater Unser  - im Himmel“.

Wenn man so betet, geht man in sich, indem man aus sich herausdenkt. Ich finde das sehr klug von Jesus, dem wir Christen das Vater Unser verdanken. Kann man Mensch sein und menschlich werden, wenn man bei sich bleibt?

Erst wenn ich so geöffnet bin, kommen meine Bedürfnisse ins Spiel. Aber auch nur wieder über diese Brücke: Gott und die anderen. „Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser täglich Brot gib uns heute.“

Beten geht nicht ohne denken. Was will ich denn für mich erbitten? Wo geht mein Wunsch, gut zu essen, über gutes Maß und Genuss hinaus? Wo wird aus echtem Bedürfnis maßloses Begehren? So dass ich viel mehr will, als ich wirklich brauche. Beim Vater Unser kommen mir diese Fragen fast zwangsläufig. Auch darum tut es gut, wenn man es wiederholen kann. Vielleicht findet man beim zweiten Hören und Beten eine erste Antwort. Oder beim dritten.

Musik 2  „Vater Unser“ Teil 2  

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Dieses russisch-orthodoxe Vater Unser macht Lust, es zu singen wie eine Litanei. Immer und wieder. Vielleicht sogar bis der Atem knapp wird. Und die Gedanken ruhiger. Wenn man so singt, verändert sich die Zeit. Sie läuft nicht mehr dahin wie eine Gerade. Sie vergeht eigentlich gar nicht mehr. Im Gegenteil, man scheint der Zeit entnommen. Ist ganz hier. Vielleicht ist das eine Ahnung von Ewigkeit?

Mystiker in allen Religionen haben in solchen Momenten auch Gott erfahren.

Vielleicht ist es darum kein Wunder – nachdem man um elementare menschliche Bedürfnisse gebetet hat – dass das Vater Unser in das Lob Gottes mündet. Und nicht aufhört zu sagen: Er ist schon da und muss noch kommen.

Musik 3„  Vater Unser“ Teil 3 

Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit. Amen.

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Musiken 1-3 „Vater Unser im Himmel“     

                   SWR Archiv Musikarchiv                    M047 2059  009

                   Coro Piccolo   Ltg Christian Markus Raiser

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Wo fängt man an, wenn man schon lange nicht mehr über Gott geredet hat. Wenn Wörter wie „Gott, in die Kirche gehen, glauben“ in einem im Winterschlaf liegen. Wo fängt man an, wenn sie aber noch da sind und auf einmal irgendwie lebendig werden.

Vielleicht bei einer schönen Geburtstagsfeier im Garten, wenn man in entspannter Runde beisammen sitzt. So habe ich es vor ein paar Wochen erlebt. Als einige mitbekommen habe, dass ich Pfarrer bin, hat das wie ein kleiner Katalysator gewirkt. Sie sind lebendig geworden, die religiösen Wörter aus dem Winterschlaf. Und auf einmal war es da: Dass Religion ein Stück des eigenen Lebens war oder noch ist. Und mir kam es so vor, als hätten die Wörter schon lange darauf gewartet, dass sie raus dürfen.

Womit fängt man an, wenn man schon lange nicht mehr über Gott geredet hat? Einer hat erzählt, seit wann er fehlt. Und ja, dass etwas fehlt, auch wenn er mit seinem Leben zufrieden sein kann. Aber, dass er manchmal so unruhig ist. Ohne manchmal sagen zu können, woher die Unruhe kommt.
Eine andere hat erzählt, dass sie Angst bekommt, wenn sie in die Zukunft spürt. Man ist ja nicht mehr die Jüngste. Die Knochen tun weh, und manchmal zieht es in der Brust und erschrickt und sagt trotzdem, sich und den anderen: „alles oK.“

Einer hat bei seinen großen Kindern angefangen, dass er nicht ganz sicher ist, ob er es gut hingekriegt hat mit ihnen. Wie er es gemacht hat. Und was für eine Welt wir ihnen überlassen. Und ich finde, wenn es gut geht mit den Kindern, dann kann man erst recht bei ihnen anfangen und dankbar sein, wie gut es geht.
Wo fängt man an, wenn man schon lange nicht mehr über Gott geredet hat?

Bei den Absplitterungen vielleicht, die das Leben einem beigebracht hat. Bei den kleinen Trümmern, die einen ratlos machen und wo man sich fragt, wer kann das mal wieder zusammensetzen, dass ich wieder gut werde.
Bei dem, was von einem bleibt, wenn schon nicht für immer, dann wenigstens für ewig.

Und da kann man anfangen, wo das Leben gut war und immer noch ist und auf einmal merkt man, es tut gut, wenn man sich dafür bedanken kann. So haben wir angefangen bei der Geburtstagsfeier, im Garten. Schön war es. Vielleicht wäre Ihr Anfang ja anders.

Dann gab es zu essen. Ich hätte gern noch ein bisschen weitergeredet. Eine meiner Lieblingsgeschichten von Jesus erzählt:
‚Von dem Mann, der Gott total verloren hatte. Er kannte das Wort noch, aber es auszusprechen, das traute er sich nicht mehr. Aber dass „Gott“ zu tun hat mit nach „Hause kommen“, das steckt noch in ihm. Und er sehnt sich, irgendwo zu Hause zu sein. Und dann geht er los, obwohl er vorher gemeint hat, es wäre zu spät. War es nicht. Gott hat schon auf ihn gewartet.‘ Anscheinend ist es nie zu spät, von ihm zu reden.

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„Kleider machen Leute.“ Das klingt wie eine Verheißung: Mit Kleidung kann ich zeigen, wer ich bin. Einzigartig individuell und sozial zugehörig. Kleider markieren Identität. Wer ich bin und wo ich dazugehöre.

Im Christentum gibt es dieses „Kleider stiften Identität“ auch. Mit einer überraschenden Pointe. Es gibt ja den Brauch, Täuflingen bei der Taufe ein weißes Kleid anzuziehen. Zum Zeichen einer neuen Identität. Diese hat der Apostel Paulus so beschrieben:

Ihr seid jetzt nämlich alle Kinder Gottes. Denn ihr alle, die ihr getauft worden seid und dadurch zu Christus gehört, habt Christus angezogen. Das Taufkleid zeigt „ihr habt Christus angezogen.“

Der Täufling wird in die Gemeinschaft der Christen aufgenommen. Die Taufe stiftet neue Identität, indem sie soziale, kulturelle und Geschlechteridentitäten nivelliert, schöner gesagt, überbrückt. Das macht Paulus ganz klar. Was in seiner Zeit Menschen unüberwindlich voneinander getrennt hatte, das wird in eine neue christliche Identität eingekleidet.

Es spielt darum keine Rolle mehr, schreibt Paulus, ob ihr Juden seid oder Griechen, unfreie Diener oder freie Menschen, Männer oder Frauen. Denn durch eure Verbindung mit Christus Jesus seid ihr alle wie ein Mensch geworden.

Gleich auf drei Feldern, stiftet das Christentum Gemeinschaft. Auf dem der Religion: jüdische, griechische, römische, arabische Menschen gehören im Christentum zusammen, auf dem Feld des Sozialen: Sklaven und Freie gehören zusammen und auf dem Feld der Geschlechter: Männer und Frauen werden in der Taufe gleichwertig. „Wie ein Mensch“ schreibt Paulus. Die Taufe überbrückt Identitäten, mit denen Menschen sich abgrenzen. Wer einmal das Taufkleid an hatte und das ernst nimmt, für den sind trennende Identitätsmarker sekundär. Dieser Gedanke trifft mitten hinein in die Identitätskonflikte, die heute wieder heiß geredet werden:

Es gibt keinen unchristlicheren Satz als den von der angeblichen Herrschaft des weißen christlichen Mannes. Und die drei Felder des Paulus, seine Reihe ist nicht abgeschlossen. Man kann und muss sie fortschreiben. Was er schreibt gilt auch für Rassen, Nationen: da ist nicht schwarz noch weiß, nicht Deutscher und Äthiopierin, da ist nicht hetero- und homosexuell: Da ist Gemeinschaft im Glauben an Jesus Christus. Wer ein Taufkleid anhatte, für den sind Identitäten sekundär, im Christentum sind sie überkleidet. Man kann sie überwinden. Ich meine sogar: Auch verschiedene Religionen schaffen keine unüberbrückbaren Identitäten. Da sei Gott vor, aus dem alle leben.

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Der christliche Glaube hat es in sich. Manches an ihm klingt heute unkorrekt. Erfahrungen, die Christen vor 2000 Jahren gemacht haben, sind zu Überzeugungen geworden. So eine alte zur Überzeugung geronnene Erfahrung ist zum Beispiel: „Um die Sünde aus der Welt zu schaffen, muss man Opfer bringen.“

Heute zucken viele allein schon beim Klang der Worte zusammen: „Sünde, Opfer.“ Ich auch. Sie klingen dunkel. Als wollten sie Schatten aufs Leben legen, das doch so schön und hell sein kann, sein sollte. Anstatt Schatten vom Leben wegzunehmen.
Aber was, wenn es nicht hilft, nur die Worte wegzulassen, weil die Erfahrung dahinter nicht automatisch verschwindet, sondern vielleicht in anderer Gestalt doch wieder auftaucht. Vielleicht nicht als religiöse Erfahrung, aber als säkulare, mitten im Alltag. Beim Autofahren zB.
Ja, ich habe zur Zeit das Gefühl, dass man als Autofahrer das er-fährt: „Um Sünden aus der Welt zu schaffen, muss man Opfer bringen “ Wie ich das meine?

Viele von uns wollen verantwortungsbewusst fahren. Mit einem guten Gewissen. Viele haben Dieselautos gekauft, weil sie die Belastung für die Umwelt und das Klima verringern wollten. Nicht mehr so viele „Umweltsünden“ begehen.
Selbst wenn man das Wort ironisch sagt: Ein Zufall ist es wohl nicht, wenn wir „Umweltsünde“ sagen. Es ist ja was dran. Indem ich mobil bin, bin ich schon ein Teil eines Problems. Belaste die Umwelt mit. Mehr oder weniger.
Selbst wenn ich es nicht „Sünde“ nenne: Ein Problem bleibt es. Umweltbelaster und – sünder bleibe ich sogar dann, wenn ich in Zukunft elektrisch Auto fahre. Batterien und Autos zu produzieren, das geht nicht ohne Klimafolgen ab. Und der Strom wird noch immer großenteils aus Kohle gewonnen.
Sündlos leben ist nicht so einfach. Das ist auch eine christliche Erfahrung. Aber ich kann „Umweltsünden“ mindern. Und das ist auch gut so.

Genau da kommt wieder die alte Erfahrung der Christen vom Anfang ins Spiel: „Um Sünden aus der Welt zu schaffen, muss man Opfer bringen.“
Als Autofahrer Umweltsünden mindern durch Opfer?
Klingt vielleicht groß, aber „Opfer bringen“, manchmal sagen wir dazu ja auch schlicht und alltäglich auf etwas verzichten. Unterscheiden, welche Wünsche notwendig sind und welche nicht. Beim Mobilsein zB. Ich muss nicht alles wollen und tun, was möglich ist. Auf etwas verzichten, beginnt meistens im Kopf. Mit phantasievollem Umdenken und Geist kann man Sünden beikommen. Und das Leben damit sogar schöner machen.

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