Manuskripte

Wolf-Dieter Steinmann, evang. Kirche, trifft Filiz Kuyucu, Sozialarbeiterin in Mannheim im Erstaufnahmelager, auf dem DEKT in Berlin

CU in the mirror of God’s eyes

Die 25- jährige war eine von 4 jungen Leuten, die am Donnerstag Barack Obama und Angela Merkel auf dem Filiz KuyucuKirchentag begegnet sind, eine große Ehre für sie:

Ich treff zwei sehr besondere Persönlichkeiten, sehr aufregend und sehr viel Vorfreude, bis natürlich aber auch absolute Nervosität: Beherrsch ich meine Frage? Wird meine Frage auch richtig beantwortet?

Die hat Filiz Kuyucu, die als Sozialarbeiterin täglich mit Flüchtlingen arbeitet, lang überlegt.

Ich hab gesagt, dass mir bewusst ist, dass die Politik mit verschiedenen Herkunftsländern an Lösungen arbeitet, und hab dann wirklich gefragt, was können sie jetzt tun, dass weniger Menschen auf dem Mittelmeer sterben.

Zufrieden war sie mit den Antworten von Merkel und Obama nicht. Enttäuschung habe ich gespürt, als wir uns Stunden danach getroffen haben.

Persönlich habe ich das Gefühl, es gab keine konkrete Antwort, dass wirklich auch jetzt noch mehr Menschen gerettet werden müssen.

Aber ich glaube, das facht ihr Feuer und ihr Engagement auch an. Davon hat sie reichlich, das hab ich auch gespürt am Donnerstagabend. Da hat sie mit 30 jungen Leuten ihr Stück auf die Bühne gebracht. Die Hälfte aus der Evangelischen Studierendengemeinde in Mannheim und die andere Hälfte junge Schwarze aus Chicago: Videos, Interviews und die große Power der Gospelmusik machen das Stück aus.

Es ist natürlich, ich finde, ein sehr bedeutsames Stück. Einfach, weil wir sehr viel gelernt haben in diesem Austausch, womit die Leute täglich leben müssen. Hinzu kam, dass mir wichtig war dass man die Thematik wirklich richtig versteht.
Diese Kraft und Energie mit denen die Leute aus Chicago singen, die steckt einen auch wirklich an und wir haben auch gelernt, was es bedeutet zu singen: Freiheit, seine Stimme zu erheben. Und das verbinde ich jetzt auch viel mehr mit singen.

Den Rassismus hat sie kennengelernt vor 6 Wochen in Chicago. Beim Austausch in einer der größten schwarzen Gemeinden dort. Einen Schwarzen hat sie gefragt: Fühlst Du dich als Amerikaner oder Afrikaner?

Als ich die Antwort bekommen habe „mehr als Afrikaner aufgrund der Geschichte“. Das ist ne Aussage, die musste ich erst mal verdauen.

Nach 6 Generationen immer noch auf dem falschen Kontinent?
Ein anderer hat gesagt: Wenn er einem weißen Polizisten begegnet, ist sofort dieser Angstfilm da mit denen, die aus so ner Begegnung nicht heil nach Hause gekommen sind. In der Gospelmusik steckt das drin.

Wie das einen auch mit den afrikanischen Wurzeln verbindet und man es dadurch einfach nie ganz verliert, weil man einfach weiß, wie sehr die Vorfahren gelitten haben, und der Rassismus nach wie vor da ist und die Leute tagtäglich kämpfen müssen.

Kampfgeist kommt aus dem Glauben. Ihr Stück heißt darum- „Einander sehen im Spiegel der Augen Gottes.“ Gott sieht die die leiden. Filiz Kuyucu ist das sehr nah gekommen. Als Versprechen  und Frage: Sehe ich andere ohne Vorurteil?

Gott sieht mich, aber es macht einem auch bewusst, andere Menschen noch mal zu sehen und wie sieht Gott diese Menschen und wie  sehe ich diese Menschen. ‚So viel Schwarze sind im Gefängnis, vielleicht sind die Schwarzen einfach krimineller?‘ Da kann man viele eigene Vorurteile aufbrechen.

Apropos: Wen sehen Sie, beim Namen „Filiz Kuyucu“?
Türkische Wurzeln? Richtig. Aber sie ist auch evangelisch und Deutsche. Wie das, erzähle ich nach dem nächsten Titel.

 

Erst Mensch, dann Afroamerikaner, Flüchtling , Moslem, Christ…..

Filiz Kuyucu hat bewegte Wochen erlebt: In Chicago eingetaucht in eine schwarze Gemeinde. Mit schwarzen und weißen Freunden auf dem Kirchentag ihr Stück aufgeführt. Angela Merkel und Barack Obama getroffen.
Bewegt leben, das passt zu ihr: Ihr Vater ist Türke, Muslim, die Mutter, Deutsche und Christin. Ihre Eltern haben ihr beide Religionen eröffnet. Bei der Konfirmation hat Filiz sich entschieden: Evangelisch.

Im Endeffekt gibt es nur einen Gott, aber mir hat das Evangelium einfach viel mehr zugesprochen und ich habe mich da viel geborgener gefühlt und habe mich dann bewusst entschieden, taufen zu lassen. Das war sehr schön, weil ich hatte den kompletten Rückhalt meiner Familie.

Sozialarbeit hat sie studiert. Seit 4 Jahren arbeitet sie mit Geflüchteten. Und hat von ihnen viel gelernt über sich und ihren Glauben.

 Ich glaube, aber ich zweifle auch so oft. Ich treffe so viele Menschen, die viel Stärke aus ihrem Glauben ziehen und der Zweifel doch so viel geringer aussieht.

Für viele Geflüchtete, die sie begleitet - Muslime, Hindus, Christen – ist der Glaube ein starker Halt: Oft das einzige, was man ihnen nicht nehmen kann.
Und in der schwarzen Gemeinde in Chicago hat sie neu erlebt, wie wichtig Gemeinde ist: Weil man den anderen Gott ansehen kann.

Ich geh zwar zur Kirche, aber mir war die Gemeinde an sich nie so wichtig. Mir war mein Glaube wichtig. Aber wenn man es wirklich sieht, dann weiß man OK, Gott ist immer bei mir, auch wenn ich zweifle. Dann ist das was unwahrscheinlich Wertvolles.

„Du siehst mich, Gott,“ ist ein Glaubensbekenntnis aus der Bibel. Eine schwangere Frau hat es gesagt. Sie war in die Wüste geflüchtet, weil ihr Leben so furchtbar war. Jemand findet sie. Und schickt sie zurück in ihr Leben. Für sie ein „Engel Gottes“. Und tatsächlich, sie geht.
Filiz bedeutet diese Geschichte sehr viel. Auch für ihre Arbeit mit Flüchtlingen.

Wenn ich es auf meine Arbeit beziehe, dann leben sie ja in einem System, das darauf gerichtet ist, nicht gesehen zu werden. Daher ist auf jeden Fall viel wert, wenn die Leute sehen, es gibt Leute, die sehen mich, weil ich denke, das Schlimmste ist, allein zu sein und zu wissen, ich existier eigentlich für niemanden mehr.

Dann können wir auch so etwas wie Engel sein, wenn wir andere sehen?
Da bremst sie. Halt geben, ja, aber Leben retten, das nicht. Und dass der Engel die Frau zurückschickt, will sie auch nicht direkt aktualisieren.

Ich arbeite im Flüchtlingsbereich. Die Leute fliehen. Wenn ich denen jetzt sagen würde: ‚Du bist nicht allein, geh zurück.‘! Das ist etwas, was sehr schwer vorstellbar ist. Freiwillig zurück in diese Gefahr zu gehen, von der man gerade geflohen ist.

Aber im nächsten Moment spüre ich wie die Geschichte in ihr weiter denkt.

Ich kann sehen, dass es manchmal ja auch das Bessere ist, zurück-zugehen. Das heißt, nur weil man von etwas geflohen ist, nicht dass es dadurch besser wird. Und wenn man weiß, dass man nicht allein ist…

Weil Gott einen sieht….
Ich gehe ganz erfüllt. Dabei bin ich Filiz Kuyucu das erste Mal begegnet. Ich habe aus dieser jungen Frau den Geist Gottes gespürt, der Menschen trägt und der einem hilft; Menschen zu sehen.

Das ist der erste Schritt, hier steht kein Moslem vor mir, hier steht kein Flüchtling vor mir, hier steht kein Afroamerikaner vor mir, hier steht ein Mensch, so wie ich einer bin.

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Will ich gesehen werden, wenn ich Schmerzen habe? Wahrgenommen von anderen?
Einerseits nein: Ich will nicht bemitleidet werden, weil es mir irgendwo weh tut. Irgendwas tut ja immer weh.
Aber andererseits: Dass meine Schmerzen nicht gesehen werden. Will ich das?  Dann übersieht und übergeht man ja auch mich.

Schmerzen von Menschen zu übersehen und zu übergehen, hat etwas Unmenschliches. Aber es geschieht, tausendfach. Privat. Wenn ein Partner um den Schmerz des anderen weiß, aber nichts mehr davon wissen mag.
Aber auch öffentlich geschieht das - wie vor ein paar Wochen: Da ist dieses Übersehen und Übergehen von Schmerzen vor unser aller Augen exerziert worden:
Beim Bombenanschlag auf die Spieler und Betreuer von Borussia Dortmund. Erinnern Sie sich? Auf dem Weg zum Spiel wurde ihr Bus mit drei Bomben angegriffen. Zwei Menschen wurden körperlich verletzt. Und die seelischen Schmerzen der anderen?
Sie wurden übersehen, jedenfalls übergangen. Fußballfunktionäre haben entschieden: Morgen spielt ihr.

Der Schock und der Schmerz der Spieler sie wurden vernachlässigt. Dabei hatte man ihnen nach dem Leben getrachtet. Stattdessen hat man sie veranlasst, gedrängt zu spielen. Zu funktionieren. Ihre Schmerzen auch selbst zu übergehen. Und ich habe als Teil der so genannten Fußballfamilie mitgespielt. Zugeschaut beim Spiel. Die Schmerzen der Spieler weg geschoben, klein geredet.

Dabei sollte normal sein, dass wir Schmerzen sehen. Normal, weil es menschlich ist. Und es ist auch menschlich, dass ich meine Schmerzen sehen lasse.
So wie es erzählt wird in der Geschichte einer Frau:
Allein schon jeden Morgen aufzustehen, war eine Qual. Ihr Rücken hatte sich über Jahre verkrümmt. Aufrecht gehen, unmöglich, und bewegen nur unter Schmerzen.
Sie konnte sich nicht daran gewöhnen, die anderen schon. Deshalb war es für diese Frau, von der die Bibel erzählt, allein schon eine Wende, als Jesus sie sieht. Er sieht ihren Schmerz und schenkt ihr Achtung. Er beachtet sie und Gott damit auch. Und er spricht sie auf ihre Schmerzen.

Ein Mensch sollte nicht schweigen müssen über das, was ihm weh tut.
Kann man es so sagen: Es ist unmenschlich, wenn wir Schmerzen übersehen und übergehen? Ich meine ja.
Körperliche, seelische Schmerzen verdienen Achtung. Es ist menschlich, wenn ich Schmerzen nicht unsichtbar mache und übergehe. Sondern wenn ich sie sehen lasse. Und es ist menschlich, Schmerzen zu zeigen. Schmerzen sollen sichtbar sein in dieser Welt. Wer Schmerzen hat, muss sie nicht verschämt verbergen. Wer Schmerzen hat, hat das Recht gesehen zu werden.

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„Wo hast Du denn Deine Augen?“ ruft mein Beifahrer. Ich hätte die Fußgängerin am Zebrastreifen sehen müssen: Ich habe in ihre Richtung geschaut, war nicht abgelenkt. Aber ich habe sie nicht gesehen. Gott sei Dank ist nichts passiert. Ich habe sie nicht gesehen.

Es passiert schnell Schlimmes, wenn man Menschen aus den Augen verliert. Egal ob unbewusst oder bewusst. Wie in dem bitterbösen Konflikt in den ersten Kapiteln der Bibel. Zwischen zwei Frauen und einem Mann:
Die Eheleute Sarah und Abraham können keine Kinder bekommen. Die altorientalische Sitte erlaubte in diesem Fall, dass die Leibmagd der Ehefrau an deren Stelle tritt. Hagar, die Magd, Ausländerin, Hagar also übernimmt für ihre Herrin Sarah die „Leihmutterschaft“. Und wird schwanger von Abraham, dem Ehemann.

Aber diese „Lösung“ hat nichts gelöst. Vielleicht hat man sich anfangs noch gefreut. Aber dann böse Blicke. Sarah sieht voll Neid, wie ihre Magd groß wird und stolz. So war das nicht gedacht. ‘Was bildet diese Ausländerin sich ein.’ Aber deren Selbstbewusstsein wächst. Die Blicke, mit der die Magd ihre Herrin Sarah bedenkt. Hämisch und brennend.
Und der Mann? Abraham spürt die Dramatik zwischen ihnen. Aber er will sich heraushalten. Er sieht Unheil kommen und sieht weg. Seine Frau will ihn zwingen, Position zu beziehen. ‘Deine Sache’ meint er. Und Sara zeigt, sie kann „Herrin“.
Und Abraham schaut zu, auch als die schwangere Hagar keinen anderen Ausweg mehr sieht, als zu flüchten.
Sarah mag triumphiert haben. Sie konnte die Andere nicht mehr sehen.

Und Abraham? Ob es seiner Feigheit zu Pass kam, als die junge Frau, die von ihm schwanger ist, flieht? Aus den Augen, aus dem Sinn? Aber er musste doch wissen, dass sie in der Wüste kaum überleben kann.
‘Wo hast Du Deine Augen,’ möchte man ihn fragen.
Oder: ‘Du Sarah, was für Augen hast Du, dass Du dem Leben so was antun kannst.’

Und mein Beinaheunfall mit der Fußgängerin fällt mir wieder ein:
‘Wo haben wir unsere Augen? Was für Augen haben wir?’
Bei uns, für uns? Immer noch, immer wieder diese Sarah- und Abrahamaugen?  Die sich vor Lebensinteressen von anderen verschließen.
Solche Augen schauen gott-los.

Das erzählt das Ende der Geschichte. Gott sei Dank ein gutes. Mitten in der Wüste findet ein Engel Hagar. Und hilft ihr ins Leben zurück. Ohne diese Engels Begegnung wäre sie gestorben.
Und dann folgt in der Bibel dieser Satz. Und Hagar nannte den Namen GOTTES, der zu ihr gesprochen hatte: El-Roi. Das heißt: Du bist ein Gott, der mich sieht.
Göttliche Augen sehen zu, dass Menschen leben können. Wo haben wir unsere Engels-Augen?

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Ein Lied kann sehr verschieden klingen. Wie es gesetzt ist, wer es wie singt, welche Instrumente ihm Ausdruck verleihen. Und darum kann es einem auch in verschiedenen Lebenslagen ansprechen, berühren Mut geben. Das habe ich jüngst mit Martin Luthers „Ein feste Burg ist unser Gott“ erfahren.

Zum Glück, denn lange Zeit hat die „feste Burg“ in meinen Ohren immer sehr nach „Trutzburg“ geklungen: Laut, auftrumpfend, kämpferisch.
Dabei: Ganz zart lässt zB. Felix Mendelssohn Gottes Schutz nahe kommen. Wie ein sanfter Hauch sucht er mich in dieser Musik. Oft brauche ich ja genau das: Eine leise Berührung, die wahrnimmt, dass ich Angst habe und doch zu mir durchdringt: „Du, ich bin noch da. Ich steh zu Dir – wie eine ewige Liebe.“

Musik 1 „Choral ein feste Burg“ aus Mendelssohn Symphonie Nr 4

Der Glaube, eine feste Burg? Luther hat den biblischen Psalm 46 so in ein Bild gefasst. Wenn man diesen Psalm hört, wird deutlich: Da ist keine Aggression gegen andere. Diese ‚Burg‘ schützt, bietet Zuflucht, denen die bedroht werden. Wenn die Härten des Lebens einem zusetzen.

Musik 2  Ein feste Burg track 11 aus CD Jazz N‘Spirit

Gott ist unsere Zuversicht und Stärke,  
eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben.
Kommt, schaut die Werke des Herrn, der den Kriegen ein Ende macht in aller Welt.

„Ein feste Burg“ - klingt das nicht doch auch mächtig? Und selbst wenn. Eines geht nicht an, sich damit eigenmächtig zu machen. Ermutigen soll der Glaube, damit man sich nicht klein kriegen lässt. Und es ist auch ein Unterschied, ob jemand das Lied singt, der eh schon oben ist oder ob die es singen, die unten sind. Damit es Kraft gibt, Widerstand zu leisten, gewaltfrei. Wie in dieser Version von Mahalia Jackson der schwarzen Bürgerrechtsbewegung.

Musik 3 „A mighty fortress is our God”, Mahalia Jackson

In der letzten Version kommt mir „ein feste Burg“ noch einmal anders nah. Der Choralsatz strahlt nicht ungebrochen. Wie das Leben selber. Es kratzt immer wieder am Grundvertrauen. Und sät Zweifel an Gott. Trotzdem, deutlich und klar höre ich: Wenn ich mich an Jesus Christus halte, werde ich immer wieder herausfinden und üben, was menschlich ist und was nicht. Ich kann immer neu Vertrauen fassen zu Gott. Denn in allem, was einem widerfährt, ist Gott da, er geht mit und voraus.

Musik 4 coro picc  Str 2 „Ein feste feste Burg ist unser Gott“

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Musik 1   „Choral ein feste Burg“ track 7 aus CD Mendelssohn Symphonies 4&5     
Erato EAN 0 2292 45932 2 LC 0200     
English Chamber Orchestra  Raymond Leppard

Musik 2  „Ein feste Burg“ ) track 11 aus CD Continuum;  Jazz N‘Spirit   
Dabringhaus und Grimm EAN 7 60623 16626 1

Musik 3 „A Mighty Fortress is Our God  Track 1 aus CD Mahalia Jackson,   
„A Mighty Fortress“   Columbia CK 65200   LC  00162

Musik 4  „Ein feste Burg ist unser Gott“ coro piccolo Christian- Markus Raiser   
AMS  M0472059   01-008

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Christian Albecker, Foto: Claude Truong-NgocWolf-Dieter Steinmann trifft Christian Albecker, Präsident der Protestantischen Kirchen von Elsass und Lothringen in Straßburg

Sorge um und für die Zukunft
Seit 3 Jahren ist er Präsident der Evangelischen Kirchen im Elsass und Lothringen. ‚Sie können auch „Albecker“ (dt. gesprochen) sagen‘, hat er gesagt. Als Elsässer schlägt er Brücken zwischen deutsch und französisch. Es beschäftigt ihn sehr, auch als Christ, wie es weitergeht mit seinem Frankreich: Tief gespalten. Die Parteien, die immer regiert hatten, ohne Glaubwürdigkeit.

Natürlich bin ich selbst und viele andere besorgt.

Wir sind alle verantwortlich für was geschieht in der Politik. Wenn wir nichts tun, entscheiden andere für uns. Wir haben nicht zu sagen, wählt für diese oder diese. Aber es ist wichtig, dass ihr in der Gesellschaft auch als Zeugen Christ seid und mitmacht. Es geht grundsätzlich immer mehr um Werte dh. was ist wichtig für uns als Christen.

Christ ist man auch als Bürger. Grundwerte, für ihn als Franzosen sind das „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“. Und die verbindet er mit christlichen: Offenheit, Nächstenliebe, die allen Menschen gilt. Aber viele Menschen tun sich schwer damit, weil sie verunsichert sind.

Die Leute haben grundsätzlich Angst. Ich glaube, die Leute verstehen die Welt nicht mehr und dann wird es emotional und irrationell. Die Aufgabe der Kirche wäre, die Leute zu hören, zu verstehen und auch eine Botschaft zu sagen. Das Evangelium ist nicht die Angst, es ist der Glauben und die Hoffnung.

Und Versöhnung. Dazu mahnt ihn auch der morgige 8. Mai. Vor 72 Jahren endete der 2. Weltkrieg. Er denkt dabei auch an seine Urgroßmutter: 5 mal musste sie die Nationalität wechseln und noch als alte Frau vor den Deutschen flüchten.

Die Folgen des Krieges und des Nationalismus waren furchtbar für unsere Region. Für all diese Geschichte müssen wir unbedingt die deutsch-französische Freundschaft und den Frieden fördern.

Dazu wäre gut, wenn beide Länder weniger arrogant würden.

Die Franzosen auf kultureller Ebene: Also: Unsere Kultur, die Deutschen, die sind hinter dem Mond zu Hause. Und die Deutschen, die sind auf wirtschaftlicher Ebene arrogant. Und da müssen wir beide vielleicht ein bisschen demütiger sein.

 Für sein Land hofft er auf neue Wege aus der politischen Krise. Und glaubt, da kann man von Deutschland lernen.

Warum kann man nicht einen Konsens in grundsätzlichen Fragen haben? Dann kann man auf andere Fragen, die nicht so wichtig sind auch andere Meinungen haben. Ich hoffe, dass wir in dieser schwierigen Lage mit solch einer Lösung weiterkommen.

Ein Grundkonsens könnte Parteien koalitionsfähig machen, etwas was in Frankreich bisher kaum gab. Dass es das bei uns gibt, dazu hat auch die ökumenische Religionskultur ihr Teil getan, meint er.

Weil es immer schon gleichgewichtig Evangelische und Katholiken gab. In Deutschland ist man mehr gewöhnt, dass es Menschen gibt, die anders denken und glauben, deswegen muss man Kompromisse finden.

Christian Albecker will, dass Religionen öffentlich ihren Platz bekommen.

Religiös im laizistischen Frankreich
Christian Albecker (frz.), oder Albecker (dt.) ist der Präsident der Protestantischen Kirchen in Elsass und Lothringen. 250000 Protestanten sind sie, etwa 1/7 der Bevölkerung. Mehr als ich dachte. Überhaupt spüre ich bei unserer Begegnung: Es bräuchte noch mehr Verbindungen wie die zwischen 2 Winzergemeinden in Baden und Elsass. Die haben einen gemeinsamen Wein kreiert. Und mit dem badischen Landesbischof und ihm deutsch-französisch gefeiert.

Wir machen ne besondere cuvée für 500 Jahre Reformation. Das machen wir auf einem Schiff, auf dem Rhein. Dann haben wir zuerst Gottesdienst gefeiert und Jochen Cornelius-Bundschuh und ich haben gepredigt. Jochen auf Deutsch und ich auf Französisch.

Das wird wahrgenommen. Wenn Kirchen sich öffentlich zeigen und einbringen. Überhaupt spürt er: Im laizistischen Frankreich wird Religion Thema, trotz der Trennung von Kirche und Staat.

Jetzt haben unsere Politiker die Erfahrung gemacht, dass man nicht mehr sagt: ‚Religion ist eine rein private Sache.‘ Wenn man das sagt, dann treffen sich die Muslime in Hinterhöfen und man weiß gar nicht, was da geschieht. Das Trennungsgesetz von 1905 sagt: Man darf die Religionen nicht finanzieren. Dann geht es so, dass man Imame hat, die sind von der Türkei oder Marokko bezahlt. Ist das besser?

Christian Albecker hofft, dass der Staat aktivere Religionspolitik treibt. ZB. auch finanziell. Dass er mit den Religionen in Dialog geht. Dabei soll er religiös neutral sein. Aber wenn er die Religionen fördert, kann er sie auch fordern.

Laizität ist eine gute Sache. Das heißt nur die Neutralität von dem Staat. Dass jede Religion ihren Platz hat. Man soll sie nicht als Problem ansehen, sondern sie herausfordern, dass sie an den Lösungen teilzunehmen.

Wir sind in einem Vertrag mit dem Staat. Der Staat bezahlt manche Sachen. Wir haben dann auch Verantwortungen in der Gesellschaft.

Wenn Religion ins Private abgleitet oder gedrängt wird, kann das doppelt zum Problem werden. Sie wirkt nicht mehr positiv in die Gesellschaft hinein, geistig und karitativ. Und: Der Staat kann sie auch nicht mehr zivilisieren. Darum freut es Christian Albecker, wie lebendig seine Protestantischen Kirchen in Elsass und Lothringen sind. Wenn zB. eine Gemeinde ein religiöses Musical auf die Beine stellt und 500 Leute aus der Region kommen.

Es ist eine Freude, in dieser Kirche mitmachen zu können, ein Zeuge des Evangeliums zu sein. Und ich entdecke jeden Tag die Freude in dieser Kirche arbeiten zu dürfen.

Es tut mir gut, diese Zuversicht von Christian Albecker zu spüren. Die braucht es für die Zukunft: Damit wir auch Verantwortung übernehmen können und uns engagieren, um die Krisen in Frankreich und Europa zu meistern.

Dass wir so weit gekommen sind, ist eine große Sorge, aber letztendlich ist es nicht das Jüngste Gericht. Und letztendlich ist die Hoffnung des Evangeliums immer noch größer als unsere weltlichen und menschlichen Entscheidungen.

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Vor kurzem habe ich mich mit Jay Alexander unterhalten, dem Sänger. Sie kennen ihn vielleicht. Er singt solo und ist auch eine Hälfte von Marshall und Alexander. Wir haben über die Lieder geredet, die er liebt und für sein Leben gern singt: „Ich bin schon ein arger Romantiker. Manche von den Liedern klingen vielleicht nach Kitsch. Aber ich finde sie einfach berührend.“ Hat er gesagt.

Ich hatte das Gefühl, er will mir verständlich machen, warum er Lieder davon singt, wie schön die Welt ist und das Leben: „Schön ist die Welt, ich küsse ihre Hand Madame, Plaisir d’Amour. Dein ist mein ganzes Herz.“ Kann man solche Lieder aus vollem Herzen und mit Inbrunst singen? „Wo doch gleichzeitig so viele schlimme Dinge auf der Welt passieren,“ hat er gefragt. Singt man sich damit die Welt nicht einfach nur schön? Macht sie sich schöner als sie ist?

Das Gespräch mit Jay Alexander ist mir noch eine ganze Weile nachgegangen. Wie steh ich zu dem was er gefragt hat?
Meine Antwort: Ja, man darf solche Lieder singen. Ach was, man darf, man soll. Unter einer Bedingung, vielleicht. Sie sollen einem echt von Herzen kommen. Dann können sie auch Seelen trösten. Dann sind solche Lieder vielleicht so etwas Ähnliches wie ein schöner Blumenstrauß, den ich mitbringe bei einem Krankenbesuch. Wenn ich einen Kranken besuche, wissen wir auch beide, es ist nicht schön und gut, was mit ihm ist. Aber soll ich ihm deswegen keine Freude machen und nicht daran erinnern: Du, die Welt hat auch immer noch Schönes?

Ich jedenfalls brauche immer wieder auch etwas, was andere vielleicht Kitsch nennen. Ich glaube nämlich, wir Menschen brauchen Schönheit. Wir müssen immer wieder auch Schönes sehen, hören und schmecken. Denn Schönes löst ganz automatisch Freude aus.

Vielleicht braucht man Schönes gerade dann besonders, wenn man ein sensibler Mensch ist. Oder ein verletzter. Es gibt so viel Schlimmes in der Welt. Das geht einem nahe, wenn man die Augen und die Ohren davor nicht verschließt. Dann braucht man Schönes. Was einen daran erinnert. Es passieren zwar schlimme Dinge auf der Welt. Man könnte an ihr verzweifeln und am lieben Gott auch. Aber oft liegt haarscharf daneben etwas ganz Schönes, Berührendes, Beglückendes. Und wenn es sich zeigt, soll man nicht wegschauen oder weghören. Sondern sich die Seele daran wärmen und stärken. Sie soll am Schlimmen nicht verzweifeln oder verbittern. Wir dürfen und sollen uns an Schönheit freuen. Deswegen gibt es auch schöne Musik.

„Schön ist die Welt.“ Kann man das sagen oder voller Inbrunst singen, wo man doch weiß: Auf der Welt passieren viele schlimme Dinge. An denen könnte man verzweifeln. Ja, ich finde man kann das sagen: „Schön ist die Welt!“. Wenn man sich danach nicht zurücklehnt, sondern spürt: Ich bin auch verantwortlich, dass die Welt schön bleibt und auch immer wieder wird.

Jay Alexander spürt diese Verantwortung auch beim Singen. In einem seiner Lieder besonders, hat er mir erzählt. „Es gibt eine Zeit,“ heißt es. Die zweite Strophe geht so: „Aller Reichtum dieser Welt ist so wertlos wie das Geld, wenn die Liebe nicht mehr eint, was im Frühling sich gereimt.“

Klingt erst einmal arg bekannt. „Reichtum, Geld, Liebe.“ Die gibt es in vielen Liedern. Und natürlich zählt am Ende die Liebe.
Aber wenn ich mir die Strophe durch den Kopf gehen lasse, sie hat Hand und Fuß fürs normale Leben: Es stimmt doch. Wenn keine Liebe mehr ist zwischen Menschen, dann halten uns auch Geld und Besitz nicht mehr zusammen. Im Gegenteil. Geld und Reichtum bringen Menschen dann eher auseinander, machen neidisch und eitel. Geld ohne Herz macht Menschen kalt für andere.
Ob deswegen manche was gegen Flüchtlinge haben?

Mit der Macht ist es ähnlich, findet Jay Alexander: „Macht macht Menschen auch eitel, darum denken viele mächtige Leute so oft an sich selber,“ hat er gemeint.
Ich habe da an die Bibel denken müssen. Dort hat ein Prophet die Mächtigen kritisiert: Das sind keine guten Hirten, schimpft er, weil sie sich selber weiden! Dabei sollen doch die Hirten ihre Herden weiden.“ Sprich, Hirten sollen sich um ihre Herden kümmern.

Darum, hat der Prophet gesagt, kümmert sich Gott jetzt selber um die Menschen. Und später sagt Jesus von sich „Ich bin der gute Hirte.“
Bei ihm waren Macht und Herz verbunden. Er hat sich gekümmert, wenn andere unter die Räder gekommen sind. Er hat die nicht abgeschrieben, die Fehler gemacht haben, hat Schwache aufgebaut. Er musste Starke nicht klein machen.

Und jetzt finde ich: Macht und Herz verbinden, das können wir Jesus doch nachmachen. Sie und ich. Wenn wir unsere Kraft, unseren Einfluss als Eltern, bei der Arbeit, im Verein so gebrauchen wie er, das hilft. Das macht die Welt vielleicht auch wieder ein bisschen schöner. Ich glaub, jeder und jede von uns hat da Möglichkeiten. Im Kleinen. Wir sind nicht machtlos. Können dazu beitragen: „Schön ist die Welt“.

Ich wünsche Ihnen eine guten Sonntag und eine schöne Woche.

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Von Gott kann sich jeder was abschauen. Sie und ich. Und es tut gut, wenn wir uns was abschauen von Gott. Uns und den Menschen, die uns anvertraut sind. Über die wir Macht haben. Ich habe doch keine Macht über andere, sagen sie? Doch ich glaube, jeder und jede von uns hat zeitweise Macht über andere. Das darf man, glaube ich, akzeptieren.

Beispiel: Wenn ich kleine Kinder habe, wäre es doch unverantwortlich, die Macht und Verantwortung die man als Eltern für sie hat, nicht wahrzunehmen. Sie brauchen Fürsorge, Schutz. Jemand der den Weg ins Leben zeigt. Als Vater und Mutter sind wir so wichtig. Als hoffentlich gute Mächte für unsere Kinder.
Und es gibt noch viele Situationen, in denen wir Macht haben über andere. Auf Zeit oder manche auf Dauer: Als Lehrer, als Chefin, als Ärztin Patienten gegenüber. Als Trainer einer Mannschaft. Als Journalistin für Hörer. Oder als Politiker.

Ich finde, Macht haben ist nicht das Problem. Wer eine machtvolle Gabe hat, sollte sie nicht brach liegen lassen. Entscheidend finde ich, wie wir unsere Macht annehmen und sie gebrauchen. Und dabei kann sich jeder was abschauen von Gott.

In der Passage in der Bibel, die heute in den evangelischen Kirchen im Mittelpunkt steht, sagt Gott wie Macht gut wird: Er wird sie gebrauchen wie ein guter Hirte: Aufmerksam, fürsorglich. Anders als manche Menschen, wenn sie Macht missbrauchen. Menschen missbrauchen ihre Macht, so drückt sich die Bibel aus, „wenn sie sich selbst weiden! Dabei sollen doch die Hirten ihre Herden weiden.“ Sich selbst weiden. Das meint wohl: Die Macht einsetzen für sich selbst und nicht für die, für die man Verantwortung hat. Das ist Machtmissbrauch.  Und das wird in der Bibel mit klarer Kante kritisiert.

Das ist strenger Maßstab. So ein Machtmissbrauch kann ja leicht passieren. Ich habe mich als Vater manchmal gefragt: Habe ich jetzt entschieden, was für meine Kinder gut war, oder bin ich von mir ausgegangen? Bin ich ihnen gerecht geworden oder dem, was ich vielleicht aus ihnen machen will? Wie gebraucht man Macht gut? Dafür müssen Macht und Herz für andere zusammen finden und sich verbinden. So wie Gott verspricht „guter Hirte“ zu sein:

"Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist."

Gute Macht kümmert sich, wenn jemand unter die Räder kommt. Schreibt die nicht ab, die fehl gegangen sind, baut Schwache auf. Muss Starke nicht klein machen. Das wäre es, wenn wir so machtvoll wären: Ob als Eltern, Chefin oder Präsident.

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34,1 Und des Herrn Wort geschah zu mir: 2 Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der Herr: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden?

10 So spricht Gott der Herr: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen. 11 Denn so spricht Gott der Herr: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. 12 Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war. 13 Ich will sie aus den Völkern herausführen und aus den Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und wo immer sie wohnen im Lande. 14 Ich will sie auf die beste Weide führen, und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels. 15 Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der Herr. 16 Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist.

 

Hesekiel 34,1.2,10-16.

 

 

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Wolf-Dieter Steinmann im Gespräch mit
Professor Hans-Christoph Rademann; Foto: Holger SchneiderHans-Christoph Rademann,
Leiter der Internationalen Bachakademie Stuttgart  und der Gaechinger Cantorey

Steinmann:
Herr Professor Rademann, Sie sind seit 4 Jahren Leiter der Internationalen Bachakademie in Stuttgart. Und damit auch der Gaechinger cantorey.
Über Ostern sind Sie in den USA auf Konzertreise, darum haben wir das Gespräch vorher aufgezeichnet. Da stehen auf dem Programm Johannespassion und h-moll Messe, beides Johann Sebastian Bach..
Finden Sie in diesen beiden Werken auch „persönliche“ Ostermusik?

Rademann:
Natürlich weniger jetzt in der Johannespassion, die ja nun in dem Sinne wirklich keine Ostermusik ist, aber ich glaube, dass viele Menschen, die sich gewünscht haben, dass bei ihrer Beerdigung der Schlusschoral der Johannespassion erklingt, ein phänomenaler Choral, der ja auch nicht traurig endet, sondern hymnisch: "Erwecke mich, heißt es ja da." Dieser Choral den kann schon auch als Sinnbild verstehen, dass die Passion in Ostern reinragt.

Und in der h-Moll Messe von Johann Sebastian Bach gibt es eine Passage "et exspecto ressurectionem", bei der Bach durch den gesamten Quintenzirkel eine komplette Verwandlung im harmonischen Bereich komponiert hat, der wirklich so klingt wie das, was man manchmal gehört von den Leuten, die Nahtoderfahrungen hatten, als würde man wirklich durch so nen Tunnel laufen, in Richtung eines Lichtstrahls. Und wie ungeheuerlich Bach diesen Schwebezustand der Hoffnung auf das ewige Leben und dann des Eintritts dieses Zustandes in dem Chor "et vitam venturi saeculi" vertont hat, das ist einfach für mich jedes Mal wieder eine ganz großes Erlebnis und in jeder Aufführung der h-moll Messe warte ich sehnsüchtig auf das Credo, in der diese Passage mir immer näher kommt.

Steinmann:
Kann man sagen, das ist so was wie ein persönliches Ostererlebnis?

Rademann:
Ja, zumindest ist es eine Empfindung, dass es sich um eine Realität handelt. Also die Fragestellung, ob das stimmt oder ob das nicht stimmt, die verliert sich in dem Moment und es formuliert sich selbst als eine Wahrheit, der man nicht widerstehen kann. In dem Moment zweifle ich nicht.

Steinmann:
Wenn Sie Musiker sind, ist es ganz klar, dass wir auch Ostermusik hören müssen. Sie haben mir erzählt, dass das für Sie, nicht unmittelbare Ostermusik, aber eine sehr österliche Musik ist, was schon vor der Passionszeit seinen liturgischen Ort hat, nämlich eine Kantate von Bach.

Rademann: Ich habe es ja so begründet, dassdie Intention von sehr viel Musik die ist, man möge doch, sich das Passionsgeschehen zu eigen machen, wie es beispielsweise in der Matthäus-Passion heißt: "Welt geh aus lass Jesum ein", also man soll seinen Stall sauber machen, also den inneren Stall,  den Müll rausräumen. Damit man einen Raum hat, um ein Verhältnis zu Jesus aufzubauen, so würde ich das mal nennen. Und dazu muss man irgendwo den richtigen Blick entwickeln und es ist in der Bachkantate BWV 23 "Du wahrer Gott und Davids Sohn" ein kurzes Rezitativ, bei dem ein Text von Lukas zitiert wird, nämlich des Blinden, der Jesus ruft, er möge ihm helfen. Und während er ihn ruft, hört man Jesus durch die Musik, also man sieht ihn musikalisch, in dem da der Choral "Christe Du Lamm Gottes“ komponiertt ist: Und das ist so eine unglaublich faszinierende Musik, unglaublich aufhellend.

Steinmann:
Dann hören wir da mal rein:

“Ach, gehe nicht vorüber” 

Ich habe die Erfahrung gemacht, wenn ich im Gottesdienst bin an Ostern, dass mir Auferstehung viel leichter über die Lippen kommt, gesungen als gesprochen. Warum hats Musik leichter, österlich zu sein?

Rademann:
Ich behaupte immer, dass die Musik die Schlauheit des Körpers aktiviert. Also nicht nur des Geistes. Das hatte ich jetzt auch mit einem russischen Journalisten besprochen. Und er hat dann die Augen aufgerissen, völlig entsetzt und hat gefragt: ' Und nicht die Seele?' Und ich suchte dann einen Weg aus der Situation rauszukommen und hab benannt, dass die Seele ja mit dem Körper auch etwas zu tun hat. Ich sag das deshalb, weil ich glaube, da versteht man Dinge, die man mit Argumenten allein vielleicht viel schwerer verstehen würde.

Steinmann:
Übrigens im Alten Testament, im Hebräischen, ist die näfäs, die Seele, vorgestellt, dass sie im Kehlkopf sitzt. Also da ist die enge Verbindung zwischen Körper und Seele eigentlich schon gegeben und die Nähe natürlich auch zum Singen.

Rademann:
Das finde ich sehr interessant, vor allen Dingen, weil man auch sagt, 'es hat ihm die Sprache verschlagen' und es tatsächlich Menschen gibt, die aufgrund von irgendwelchen Erlebnissen, die sie nicht verkraften, tatsächlich auch die Stimme verlieren. Ich habe solche Leute schon gesehen. Manche konnten ein halbes Jahr nicht reden. Das kehrt dann zurück, meistens.

Steinmann:
In den biblischen Erzählungen reagieren Menschen ja sehr sehr verschieden auf die Auferstehung. Die Frauen, die zum Grab kommen, sind zutiefst erschrocken, Thomas ist der Urtyp des Zweiflers. Paulus, als der Jesus begegnet dem Auferstandenen, wird er blind. Das sind tiefe Erfahrungen bevor Menschen glauben können. Gibt es in diesen biblischen Personen, die Ihnen bekannt vorkommen.

Rademann:
Na, ich kann zB den Petrus gut verstehen. Denn, man braucht ja nur auf sein eigenes Leben zu schauen, dass man wirklich ganz sicher ist,  was man tun wird und sich ein Vorhaben setzt und sagt: ‘Ich werde dich nie verraten.’ Und in der entsprechenden Situation, wenn der Druck dann unermesslich wird, dann passiert es doch. Dieses Scheitern, das ist ja permanent zugegen, dass etwas eben nicht so macht wie man es eigentlich machen will. Und da bin ich eigentlich persönlich froh, dass man jetzt das Lutherjahr hat, dass man sich jetzt mal ein bisschen beschäftigt, mit dem Verhältnis von Luther zu diesen Fragen: Das Anerkenntnis dieser Tatsache kann einen auch trösten, dass es eben einfach so ist, dass man damit zu leben hat.

Natürlich hab ich mich auch sehr intensiv mit den Passionen beschäftigt und der Grundgedanke, den ich daraus ziehe, ist, dass Jesus durch diesen Gnadenakt des Kreuzestodes uns frei gemacht hat, erlöst. Und das ist natürlich ein unwahrscheinlicher Liebesakt, der vollzogen wurde und die Musik kann das irgendwie alles parallel transportieren, dass man diese Empfindungen parallel empfindet und gleichzeitig auch irgendwelche Ängste von einem dann abfallen. Und wenn man dann singt: 'Wir wollen alle fröhlich sein, zu dieser österlichen Zeit', da bekomme ich persönlich dann schon so eine Art Gänsehaut, wenn ich mir nur allein den Choral vorstelle.

Botschafter österlichen Friedens

Steinmann:
Herr Professor Rademann, ich habe vorhin schon erzählt, dass Sie über Ostern auf Konzertreise in den USA sind. Sie spielen in säkularen Konzerthäusern. Sind Sie trotzdem so etwas wie ein christlicher Botschafter?

Rademann:
Muss ich ja sein, wenn ich diese Musik aufführe, kann ich ja nicht einfach nur Töne von mir geben oder dem Ensemble schöne Musik abverlangen. Sondern wir spielen da zwei Werke, die von ihrem Wort-Ton-Verhältnis ganz eng verwoben sind und das nehme ich mir auch vor, bei jedem Konzert, dass ich da einen Inhalt transportiere.

Steinmann:
Die Johannespassion ist in die Diskussion geraten, weil sie natürlich in Anknüpfung an das Johannesevangelium auch antijüdische Passagen enthält. Wie gehen Sie damit um?

Rademann:
Wenn wir jetzt das Lutherjahr haben, da muss man ehrlich auch sagen, da war es ja genau das gleiche.
Da gab es ja wirklich ganz schlimmen Antisemitismus. Und sicherlich hat Bach darüber sich noch nicht so viel Gedanken gemacht, wie wir das heute machen. Aber ich kann mir persönlich nicht vorstellen, dass dahinter eine Haltung steckt, irgendwie jemand schlecht zu machen oder so. Das glaube ich eigentlich nicht. In den Passionen. Deswegen nehme ich das Werk auch wie es ist. Und ich schäme mich dann auch nicht dafür, dass das dann dort so drinststeht. Aber natürlich weiß man inzwischen darüber ein bisschen mehr als die Leute im 17. oder 18. Jh. wussten.

Steinmann:
Wenn Sie jetzt in den USA unterwegs sind. Wo liegt für Sie die Aktualität  Bachs für heutige Menschen, gerade jetzt?

Rademann:
In erster Linie glaube ich, dass es mein Anliegen, dass man die Bachsche Musik als Friedensmusik empfindet. Und da wird natürlich in den h-moll Messe-Aufführungen ein ganz starker Fokus liegen gerade auf dem "Dona nobis pacem'. Gerade in der Zeit der starken Sprüche und der selbst fest gelegten Wahrheiten - sag ich mal, die müssen ja nicht stimmen, Hauptsache man behauptet, das stimmt - denke ich, kann das schon den einen oder anderen auch zum Nachdenken bringen. Darauf würde ich schon sehr sehr starken Wert legen.

Und bei der Passion natürlich, die Klarheit herauszuarbeiten, auch von dem, was Johannes sich vorgestellt hat. Einfach die Plausibilät der Gedanken, das fängt im Eingangschor schon an, dass die zwei Schlüsselworte miteinander kombiniert sind, die ganz gegensätzlich sind, nämlich die größte Niedrigkeit ist eine Herrlichkeit, in der Jesus ist. Und unsere Niedrigkeit ist dann eine Höhe. Wir bekommen dadurch eine andere Position, dass Jesus für uns in die Tiefe geht. Und das kann man schon musikalisch plausibel rüberbringen.

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Musikangaben:
BWV 23  Rezitativ “Ach, gehe nicht vorüber” 
track 7   aus CD Bach cantatas          
Vol 8 (BWV 22,23,75) Bach Collegium Japan; Suzuki  
EAN 7 31859 000901 7

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24060

Ich bin schon öfter gefragt worden: „Was ist das für ein Buch, diese Bibel. So viele Gewaltgeschichten. Wie können Sie die Bibel so wichtig nehmen?“ Ich verstehe das, da stehen Geschichten drin, mit denen tue ich mich auch schwer. Heute ist in den evangelischen Gottesdiensten so eine dran.

Als junger Vater ist sie mir arg nah gegangen. Wie kann in der Bibel stehen, dass ein Papa bereit ist, sein Kind zu opfern? Abraham heißt der Vater. Er glaubt, dass Gott ihm das befohlen hätte. Kann Gott eine so dunkle Seite haben? „Nimm Deinen Sohn, den Du lieb hast, bring ihn auf dem Heiligen Berg Morija als Brandopfer.“ Bei so einem Auftrag, da sträubt sich doch alles in einem, oder? Aber Abraham glaubt, Gott will das.

Irgendwann ist es mir dann gedämmert. ‚Du begreifst diese Geschichte nicht, wenn Du nur auf den Anfang starrst. Am Anfang schildern Geschichten ja immer das Problem, mit dem Menschen sich plagen. Wenn Du den Sinn echt begreifen willst, guck aufs Ende. Was für eine Lösung gibt es für das Problem.

Das Problem am Anfang der Geschichte ist Abraham, der Vater. Und wen er für Gott hält: Eine Macht, die verlangt, sein Kind zu opfern. Und auch wenn diese Geschichte aus der Bibel uralt ist, das Problem gibt es leider immer noch. Es gab Väter und Mütter. Ne, es gibt sie bis heute, die sind bereit, ihre Kinder zu opfern. Für große Ziele, für höhere Mächte. Das schlimmste Beispiel: Mütter und Väter haben immer wieder ihre Söhne und Töchter zu „Helden“ erzogen und die wurden Opfer für Vaterland oder die Sache.

Oder weniger dramatisch: Eltern wollen „das Beste“ für ihr Kind – meinen sie – und verlangen Falsches von ihnen. Lassen sie zu große Opfer bringen für sportlichen oder beruflichen Erfolg. Und oft ist es in Wahrheit der eigene Ehrgeiz, dem Eltern gehorchen. Kinder werden Opfer von zu hohen Zielen, verkehrten Zwecken, falschen Göttern.

Die Geschichte in der Bibel von Abraham, seinem Sohn und Gott geht anders aus. Sie erlöst Vater und Sohn. Sie ist grad keine Gewaltgeschichte. Sie beendet die Gewalt. Die Geschichte geht nämlich gut aus: Grade will Abraham sein Kind hergeben, da fällt ihm Gott in den Arm. Ein Engel - erzählt die Bibel - bremst den Papa. Und er begreift: Gott will nicht, dass ihm Menschen geopfert werden.

Und für uns heute finde ich: Wenn der Höchste das nicht will, dann wollen wir Väter und Mütter das auch nicht: Wir verlangen von unserem Kind kein Opfer, das zu weit geht. Und wenn andere so was verlangen, dann halten wir dagegen, für unsere Kinder.

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Das „Opfer“ Abrahams

22,1 Nach diesen Begebenheiten stellte Gott Abraham auf die Probe. Er sprach zu ihm: Abraham! Er sprach: Hier bin ich. 2 Und er sprach: Nimm deinen Sohn, deinen Einzigen, den du lieb hast, Isaak, und geh in das Land Morija und bring ihn dort als Brandopfer dar auf einem der Berge, den ich dir nennen werde. 3 Am andern Morgen früh sattelte Abraham seinen Esel und nahm mit sich seine beiden Knechte und seinen Sohn Isaak. Er spaltete Holz für das Brandopfer, machte sich auf und ging an die Stätte, die Gott ihm genannt hatte. 4 Am dritten Tag blickte Abraham auf und sah die Stätte von ferne.

.......

9 Und sie kamen an die Stätte, die Gott ihm genannt hatte, und Abraham baute dort den Altar und schichtete das Holz auf. Dann fesselte er seinen Sohn Isaak und legte ihn auf den Altar, oben auf das Holz. 10 Und Abraham streckte seine Hand aus und ergriff das Messer, um seinen Sohn zu schlachten.

11 Da rief ihm der Bote des HERRN vom Himmel her zu und sprach: Abraham, Abraham! Er sprach: Hier bin ich. 12 Er sprach: Strecke deine Hand nicht aus gegen den Knaben und tu ihm nichts, denn nun weiß ich, dass du gottesfürchtig bist, da du mir deinen Sohn, deinen Einzigen, nicht vorenthalten hast. 13 Und Abraham blickte auf und sah hin, sieh, ein Widder hatte sich hinter ihm mit seinen Hörnern im Gestrüpp verfangen. Da ging Abraham hin, nahm den Widder und brachte ihn als Brandopfer dar an Stelle seines Sohns.

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Annette WeißDie unterstützen, ohne die nichts geht.

Wolf-Dieter Steinmann trifft Annette Weiß, Beauftragte für Migration und Flucht bei der Evangelischen Kirche in Karlsruhe

Es wird Zeit, dass ich jemand wie sie treffe, hab ich gedacht, unterwegs zu ihr. Sie ist mittendrin in dem was ‘meine’ evangelische Kirche für Geflüchtete tut. Als Beauftragte für Migration und Flucht in Karlsruhe.
Ich sehe Geflüchtete flüchtig. Gesichter auf dem Bahnhof, in der Straßenbahn. Annette Weiß ist nah dran. Und wichtig für Ehrenamtliche, die sich direkt um Geflüchtete kümmern:

Not und Elend aufzufangen, um die Menschen als Person zu erreichen. Es braucht unglaublich viel Kraft und Zeit und Kleinstarbeit. Ohne Ehrenamtliche würde die Arbeit nicht leben, nicht wachsen, keine Früchte bringen.

Der Staat braucht das ehrenamtliche Engagement in den Kirchen und der Zivilgesellschaft. Um Geflüchteten menschlich gerecht zu werden. Und Ehrenamtliche brauchen Begleitung von Hauptamtlichen wie sie es ist. Sie koordiniert, berät, bildet fort, vernetzt und bietet Seelsorge. Für Geflüchtete da zu sein, fordert nämlich auch seelisch: Geflüchtete hängen oft zwischen ihrer Vergangenheit und einer ungewissen Zukunft. Ehrenamtliche bringen da ‚normales‘ Leben.

Zuhören, Ruhe haben, neue Ideen eines Lebens hier aufzuzeigen, den Geflüchteten mitzunehmen zu einem normalen Alltag, zu Festen, zu einem Essen.

Annette Weiß macht mir klar, wie das fordert. In Karlsruhe zB. engagieren sich viele Ehrenamtliche im Erstaufnahmelager. Problem: Nie weiß man wie lange der Kontakt dauern kann.

Man kann wenig vorausschauend arbeiten, man muss ganz im Jetzt - ganz auf die Situation bezogen - mutig weiterarbeiten.

Sie steht dann bei, „loszulassen“. Und zu tun, was im „hier und jetzt“ möglich ist.

Der persönliche Kontakt schmerzt, wenn dieser abbricht und man das Schicksal des Menschen, der einem ans Herz gewachsen ist, nicht weiter begleiten kann. Das erfordert ein hohes Maß an Distanzierung zu der eigenen ehrenamtlichen Arbeit, ein Absehen von der eigenen Wirksamkeit.

Sorgen macht ihr, dass Geflüchtete oft nur „Geduldete“ sind. Ein Halbjahr, noch eins, vielleicht. Dabei haben viele Arbeit, sind im Fußballverein, in einer Kirchengemeinde. Es setzt ihr zu:

Dass auch diese wieder zurückkehren müssen, Man weiß bei jedem Sprachkurs: 'Ich weiß nicht ob ich ihn beenden werden kann, weil die Duldung läuft in einem halben Jahr aus.' So eine Situation zermürbt.

Das erklärt für sie, warum viele Geflüchtete oft so traurig-müde wirken. Darum ist für viele der Glaube so wichtig: Muslime wie Christen.

Ich denk da an eine Gruppe orthodoxer Eritreer,die einzig und allein aus dem Glauben Halt finden, um die Situation, in der sie sich befinden - nach Folter -  auszuhalten und überhaupt weiterzuleben.

Für Annette Weiß ist klar, dass Kirchen und Christen sich da engagieren.

Tun, was für den anderen gut ist


„Annette Weiß, Beauftragte für Migration und Flucht.“ Das klingt nach Schreibtischjob. Weit gefehlt. Sie packt konkret an. Ist da für Geflüchtete und Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit. Begleitet, berät, vernetzt, leistet Seelsorge. Es freut sie, wie viele Menschen in Karlsruhe aktiv sind. Nicht nur in der Kirche.

Mitmenschlichkeit, vorurteilsfreies Aufeinanderzugehen und sich Öffnen dem sogenannten Fremden gegenüber. Gemeinden haben den Vorteil, dass sie stärker sind, weil sie eine Basisstruktur bilden und die Anbindung an das Gesamtgefüge Kirche.

Gut zu wissen. Denn manchmal denke ich, ich müsste was tun. Aber das ist das Gute an der Kirche. „Jeder und jede nach ihren Gaben.“ Steht schon in der Bibel. Wie bei einem Körper, es muss nicht jedes Teil alles machen. Gut, was Ehrenamtliche leisten.

Sprachunterricht, Begleitung in den Behördengängen. Am Ende des Nachmittags steht ein gemeinsames Essen. Es gibt Sprachcafés, wo man anbietet, in leichter Sprache einfach Kontakt zu Deutschen zu haben. Jeder kann auch nach seinen Begabungen die Nische finden.

Manchmal hör ich: ‘Kirche übertreibt ihren Einsatz für Flüchtlinge.’ ZB. wenn sie ’Kirchenasyl’ gewährt. Für Annette Weiß steht fest: Kirche muss notfalls auch das tun. Und sie sieht sie dabei nicht außerhalb von Recht und Gesetz.

Man reizt sozusagen den Spielraum aus, der möglich ist. Manchmal geht es auch nur darum, Zeit zu gewinnen, um ein laufendes Verfahren nach den gesetzlichen Vorschriften voranbringen zu können.

Menschlichkeit steht für sie ganz oben. Und dazu gehört auch, die Religion der Fremden zu achten. Den christlichen Glauben nicht aufdrängen, aber auch nicht verstecken.

Es gilt den Menschen zu respektieren in seinem Glauben. Wenn Rückfragen kommen, dann erzählen wir von unserem Glauben.

Und wenn Geflüchtete selbst getauft werden wollen? Auch dann haben Gemeinden eine besondere Verantwortung. Vor allem für „nur Geduldete“.

Man greift ja auch in die Zukunft dieses Menschen ein, wenn er wieder in sein Herkunftsland abgeschoben werden sollte, dann ist die Taufe vollzogen worden. Es obliegt den Beteiligten, ob sie diesen Schritt für ihre Zukunft gehen möchten.

 ‘Sieh den anderen Menschen, tu, was für ihn gut ist.’ So geht christlich. Das nehme ich mit von Annette Weiß.
Und: Wie sehr sie glaubt, dass jeder den Impuls in sich hat, die Welt besser zu machen. Wenn man ihm folgt, umso besser.

Wenn man sich die Weltpolitik ansieht, dann ist das manchmal schwer auszuhalten. Aber wenn man sieht, ich habe ein Bewerbungsschreiben geholfen zu formulieren. Vielleicht ist das das Papier gewesen, das dem Geflüchteten hilft, auf seinem Weg voranzukommen. Es sind so winzige kleine Schritte, die wirken, damit man in einer großen Friedensarbeit die Welt ein bisschen besser machen kann.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23919

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