Manuskripte

04NOV2019
AnhörenDownload
DruckenAutor

Am Ende dieser Woche steht der 9. November, und deswegen wird’s diese Woche sicher noch mal viele Filme und Erinnerungen zum 9. November 89 geben: 30 Jahre ist der Mauerfall jetzt her. Und trotzdem: Ich will mich in diesen Tagen auch besonders an den anderen 9. November erinnern: den vor 81 Jahren, der 9. November 1938. In der Reichspogromnacht wurden die Geschäfte von Jüdinnen und Juden geplündert und zerstört, Menschen wurden gejagt auf den Straßen, Synagogen angegriffen und in Flammen gesetzt. Juden wurden ab diesen Novemberpogromen nicht mehr nur diskriminiert, sondern systematisch verfolgt und getötet. Am Ende der Nazizeit, 1945, waren 6 Millionen Jüdinnen und Juden ermordet worden.

Ich muss dieses Jahr auch besonders an diesen 9. November denken wegen des 9. Oktobers. Da ist vor einigen Wochen etwas geschehen, von dem ich dachte, dass es in Deutschland nie mehr geschehen würde, nie mehr geschehen darf. Eine Synagoge wurde angegriffen, von einem jungen deutschen Rechtsextremen. Es war der höchste jüdische Feiertag, Jom Kippur, und rund 50 Menschen waren dort im Gotteshaus zum Gebet versammelt. Und dann kommt einer schwer bewaffnet mit Gewehren und Sprengstoff und versucht die Tür aufzuschießen, drinnen kann der Gemeindevorsteher es über die Überwachungskamera sehen. Jüdinnen und Juden, die 2019 in Deutschland in einer Synagoge Angst um ihr Leben haben müssen. Ich kann das immer noch kaum glauben und mir kommen die Tränen, wenn ich daran denke, Tränen der Trauer und Tränen der Wut.

Ich will nicht, dass in meinem Land Menschen jüdischen Glaubens Angst um ihr Leben haben müssen oder dass Menschen auf offener Straße erschossen werden. Ich will mich dagegen wehren, ich tue das, was ich tun kann: Vor jüdischen Synagogen Solidarität zeigen. Mich einsetzen für mehr politischen, gesellschaftlichen und juristischen Druck gegen Rechtsextremismus. Und wenn nötig: im Zug etwas sagen, wenn rechte Sprüche geklopft werden, wenn abfällig über Juden geredet wird. Dieser 9. Oktober und natürlich auch dieser 9. November: Sie sollen sich nie wiederholen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29697
03NOV2019
AnhörenDownload
DruckenAutor

Der November ist der Totenmonat. Und der beginnt – zumindest in katholischer Tradition – mit einem persönlichen Erinnern an die Toten. An wen denkst du, wenn du an die Toten denkst? Das hat mich mal ein Bekannter gefragt, und die Frage geht mir in diesen Tagen durch den Kopf. Ich denke vor allem an meine Mutter. Sie ist früh gestorben, schon über 25 Jahre ist sie tot, aber wenn ich von ihr erzähle, bekomm ich heute noch manchmal Tränen in die Augen. Zu ihr werd ich heute ans Grab gehen, vielleicht eine Kerze anzünden und eine Blume hinstellen. Gestern war das Fest „Allerseelen“, vorgestern „Allerheiligen“. Das sind traditionell die Feste, an denen katholischen Christen auf die Friedhöfe gehen, dort Andachten feiern, Gräber segnen, Kerzen aufstellen.

An wen denkst du, wenn du an die Toten denkst? Ich denke auch an Freundinnen und Freunde, die schon gestorben sind, manche mit Mitte 40, viel zu früh. Ihr Tod war ein furchtbar trauriges Abschiednehmen für die Partner, die Familie und auch für uns Freundinnen, ich vermisse sie noch immer. Aber in all der Trauer um die Toten ist da auch noch etwas anderes. Eine Hoffnung. Ich glaube daran: Die Toten sind nicht nur tot. Es gibt sie noch. Sie leben weiter. In einer anderen Welt, die ich nicht kenne und nicht genau beschreiben kann. Aber ich glaube: Sie sind dort gut aufgehoben, bei Gott. Und ich hoffe darauf, dass ich sie irgendwann wiedersehen werde. Wenn ich selbst in diese andere Welt hinübergehe.

In mir ist die tiefe Hoffnung: Meine Mutter wird mich dann einst wieder in die Arme schließen. Mit dem einen Freund werd ich wieder beim Kaffee zusammensitzen. Und mit der anderen guten Freundin noch mal joggen gehen. Keine Ahnung, ob das wirklich so sein wird, in dieser andern Welt, im Himmel. Aber irgendetwas davon schon. Diese Hoffnung aufs Wiedersehen, die gehört für mich auch unbedingt in diese Novembertage. Neues Leben, ewiges Leben, wunderbare Begegnung.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29696
17AUG2019
AnhörenDownload
DruckenAutor

Irgendwie war ich in den letzten Wochen von ziemlich viel Tod und Trauer umgeben. Ausgerechnet in der sonnigen Sommer- und Ferienzeit. Ein Onkel von mir ist bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Von einem alten Bekannten zuhause kam die Todesanzeige. Und ein Kollege hat innerhalb von zwei Wochen erst den Vater, dann die Mutter verloren. Dann war da auch noch diese schreckliche Tötung eines Kindes am Frankfurter Hauptbahnhof. Oft komme ich dort an dem Gleis vorbei, und wenn ich all die Blumen und Teddybären sehe, berührt es mich. Ja, der Tod macht keine Sommerpause – er ist auch in diesen Juli- und Augustwochen da.

 

Und er macht mich immer wieder sprachlos. Was soll ich sagen, wenn jemand um einen geliebten Menschen trauert? Welche Worte sind die richtigen, welche Gesten? Ich will nichts Oberflächliches sagen, nichts Banales, ich will auch nicht über den Schmerz einfach hinwegtrösten. Und trotzdem natürlich Trost spenden. Ich hab in diesen letzten Wochen auch wieder darüber nachgedacht, was für mich nach dem Tod kommt. Was ich glaube über das Jenseits. Was meine Hoffnung ist. „Nach dem Tod kommt gar nichts“, das sagen viele. Aber ich kann genau das nicht glauben. Wissen kann ich es natürlich auch nicht. Aber ich hoffe darauf: Nach dem Tod beginnt ein neues Leben. Und der geliebte Mensch ist bei Gott gut aufgehoben.

Solch eine Hoffnung vertreibt natürlich nicht den Schmerz. Auch, wer an die Auferstehung glaubt, weint und klagt, wenn ein geliebter Mensch gestorben ist. Sogar Jesus selbst, erzählt die Bibel, hat um einen verstorbenen Freund geweint (vgl. Johannes 11,35). Ich erlebe immer wieder, wie andere verzweifelt und traurig sind über den Tod eines geliebten Menschen. Und ich selbst habe auch schon bittere Tränen um Menschen vergossen. Aber trotzdem ist da eben auch die Hoffnung: Es ist nicht alles dunkel. Es gibt ein Licht. Es gibt einen Gott, der für uns Leben in Fülle will, auch nach dem Tod. Darüber Worte zu finden, ist gar nicht so einfach. Aber ich will es immer wieder versuchen. Und ich hoffe, dass ich damit mich und andere ein wenig trösten kann.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29233
16AUG2019
AnhörenDownload
DruckenAutor

Heute, am 16. August, hätte meine Oma Maria Geburtstag. Sie war die Mutter meiner Mutter und ist schon etliche Jahre tot. Aber ich muss immer wieder an sie denken, heute natürlich besonders. Aber auch dann, wenn im Fernsehen oder in der Zeitung um die Flüchtlingspolitik gestritten wird. Meine Oma war Flüchtling. 1945 ist sie mit ihren sechs Kindern aus Oberschlesien geflohen, mitten im Winter, mit ein paar wenigen Habseligkeiten, die Zwillinge waren gerade mal ein halbes Jahr alt. Meine Mutter war 12. Die Geschichten, die meine Mutter von der Flucht erzählt hat, gehören zu mir, zu meinen Kindheitserinnerungen, meiner Biographie. Ich musste nie von irgendwo fliehen, Gott sei Dank. Aber ein bisschen Flüchtlingskind steckt trotzdem in mir.

Wenn ich heute von den Flüchtlingslagern in Griechenland oder in Syrien höre, dann denke ich auch an die Lehmhütten, von denen meine Mutter erzählt hat, in denen sie hausen mussten 1945, mit Ratten und Läusen und vor allem mit riesigem Hunger. Die Kinder haben geklaut, um etwas in den Magen zu kriegen. Ich erinnere mich an Andeutungen, wie schwer es war, sich als Frau auf der Flucht gegen die Männer zu wehren. Und wenn ich heute höre, wie über Flüchtlinge geschimpft wird, dann denke ich auch daran, wie meine Mutter erzählt hat, dass man sie als Oberschlesier nach dem Krieg auch nicht nur freundlich behandelt hat.

Viele Deutsche haben solche Fluchtgeschichten in ihrer Familie. Und auch das Volk Israel hat als fremdes Volk in Ägypten gelebt und musste von dort fliehen. „Ihr selbst seid Fremde gewesen“, heißt es in der Bibel manchmal. Sie erinnert daran, wenn sie sagt: Ihr sollt Flüchtlinge freundlich behandeln, sogar: wie Einheimische. Denn auch in euch steckt doch ein Flüchtling. Ihr könnt euch vorstellen, wie das ist.

Für mich ist das die Botschaft der Bibel – und die Botschaft meiner Familiengeschichte. Wenn ich an meine Oma und an meine Mutter denke, dann weiß ich: Ich will Flüchtlingen mit Freundlichkeit und mit Menschlichkeit begegnen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29232
15AUG2019
AnhörenDownload
DruckenAutor

Ein hoher Marienfeiertag ist heute, am 15. August – in Bayern und im Saarland ist deswegen sogar gesetzlicher Feiertag. Mariä Himmelfahrt heißt das Fest, oder genauer: „Aufnahme Mariens in den Himmel“. Ich muss an diesem himmlischen Feiertag auch gleich wieder an eine irdische Bewegung denken: an die streikenden katholischen Frauen der Aktion „Maria 2.0“. Im Mai sind sie durch alle Nachrichten gegangen: Eine Woche lang haben die Frauen ihre ehrenamtliche Arbeit in der katholischen Kirche niedergelegt, als Lektorin im Gottesdienst, Helferin bei der Tafel oder Verantwortliche in der Pfarrbücherei. Sie haben sich dafür eingesetzt, dass die katholische Kirche noch konsequenter gegen den sexuellen Missbrauch vorgeht - und auch dafür, dass Frauen in der katholischen Kirche gleichberechtigt zu allen Ämtern zugelassen werden.

Die Frauen haben sich dabei auf Maria berufen, die Mutter Jesu. Die war ja auch keine so demütige und kleinlaute Frau, wie mancher in der Geschichte der Kirche sie gerne gesehen hätte. Im Gegenteil: Die Maria der Bibel ist eine starke Frau, eine, die sagt: Gott hat mir Größe verliehen. Heute an Mariä Himmelfahrt wird in den katholischen Gottesdiensten ihr berühmtester Gesang aus der Bibel vorgelesen, das Magnificat. Darin heißt es: „Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. Denn der Mächtige hat Großes an mir getan.“ Und weiter: „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.“ (vgl. Lukas 1,48-52). Es ist fast eine Art Revolutionslied, das Maria mit diesem Magnificat anstimmt.

Bei Gott haben alle Menschen die gleiche Größe und Macht, das steckt in diesem Lied und davon bin auch ich überzeugt. Es gibt nicht Niedrige und Hohe oder wie Paulus sagt: Es gibt nicht mehr Sklaven und Freie, Juden und Griechen, nicht männlich und weiblich. Keine Hierarchie. Jeder Mensch hat die gleiche Würde und Größe. Gottes Revolution, das wäre eine Welt, in der wir dieser gleichen Größe wirklich Geltung verschaffen. In der Männer und Frauen tatsächlich die gleichen Rechte und Chancen hätten. Und in der jeder Mensch laut singen könnte, wie diese Maria damals in der Bibel: „Meine Seele preist die Größe des Herrn… denn der Mächtige hat Großes an mir getan.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29231
22MAI2019
AnhörenDownload
DruckenAutor

„Wir fliegen im Sommer wahrscheinlich mit der ganzen Familie nach Portugal“, erzählt ein Freund neulich beim Essen in großer Runde. Und fast hätt ich gesagt: „Ach wie toll“. Aber dann sag ich nichts. Gar nichts. Auch nicht das, was mir als gleich als Zweites durch den Kopf geht: „Aber oh, ihr fliegt in den Urlaub, alle zusammen? Seid ihr nicht auch gegen Fluglärm? Und findet ihr nicht auch die Schülerdemos freitags gegen den Klimawandel so großartig?“ Es ist wirklich schwierig mit dem Kampf für den Klimaschutz. Ich kenne kaum einen, der ihn nicht wichtig findet. Und viele tun ja auch schon viel fürs Klima und für die Umwelt: beziehen Ökostrom, vermeiden Plastik, kaufen regionales Gemüse ein beim Markt oder beim Hofverkauf.

Aber Fliegen: Das ist nun mal so cool. So schick. Und so billig. Man kann mit der Familie nach Portugal in den Urlaub fliegen. Oder schnell mal von Frankfurt nach München. Vom Flughafen eine Sms schicken, macht irgendwie mehr her als vom Hauptbahnhof. Und gleichzeitig wissen wir natürlich: Fliegen ist nicht gut fürs Klima. Es ist genau genommen eine der größten Klimasünden überhaupt. Frankfurt-München zum Beispiel: Das produziert mit dem Zug hin und zurück 17 Kilogramm Kohlendioxid. Mit dem Flugzeug sind es über 220 – das ist mehr als 13mal so viel. Und wenn eine fünfköpfige Familie nach Portugal fliegt: Dann macht das über 5.500 Kilo CO 2-Ausstoß. 

Ich hab nichts gesagt, als der Freund von der Urlaubsidee erzählt hat. Ich gönne ihm ja den Urlaub wirklich von Herzen. Aber ich hab mir vorgenommen: Ich werd in Zukunft so selten wie möglich fliegen. Werd die Bahn nehmen, wo immer es möglich ist. Ich war schon mit dem Nachtzug in Rom und in Warschau, das ging ganz gut und fand ich übrigens auch cool. Und die Ziele, die ich nicht mit der Bahn erreichen kann: Die werde ich mir vielleicht einfach verkneifen. Auch, wenn’s weh tut. Unsere Erde ist so dramatisch bedroht vom Klimawandel. Und für mich als Christin ist diese Erde auch Gottes Schöpfung. Ich will sie schützen – auch, indem ich soweit wie möglich auf’s Fliegen verzichte.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28699
21MAI2019
AnhörenDownload
DruckenAutor

Ich kann mich in diesen Wochen kaum satt daran sehen: An diesem fantastischen Grün an den Bäumen und Sträuchern. Es ist eine Farbe, die mir richtig das Herz aufgehen lässt. Immer wieder nach dem langen Winter staune ich darüber, wie die Bäume neue Blätter tragen und grün leuchten. Aber dieses Jahr find ich es irgendwie besonders großartig. Vielleicht hat es damit zu tun, dass es im letzten Jahr im Mai schon so heiß und trocken war. Ich kann mich kaum erinnern, dass mir das Grün da so ins Auge gesprungen ist. Aber dieses Jahr, mit dem Regen, der immer wieder gefallen ist: Da konnte sich das Grün in der Natur prächtig entfalten. Es strahlt richtig Kraft aus, finde ich. Es gibt mir Kraft. 

Grünkraft, das ist ein Wort aus den Schriften der heiligen Hildegard von Bingen, das mir in diesen Maitagen in den Sinn kommt. Grünkraft: Damit meint die heilige Hildegard die Kraft, mit der Gott die Welt erschaffen hat –  aber auch die Kraft, die im Menschen wirkt, die ihm gut tut und ihn selbst schöpferisch werden lässt. 

Der Mensch in seinem Innern und die Natur, die ihn umgibt: Die sind bei Hildegard von Bingen eng miteinander verbunden, sie wirken aufeinander. Und das kann ich jetzt im Mai besonders gut nachvollziehen. Es tut meiner Seele einfach gut, dieses Grün zu sehen. Die Bäume und Sträucher, die grün leuchten, sie hellen meine Stimmung richtig auf. Und das Grün lässt mich auch dankbar sein: für diese Natur, die Gott geschaffen hat, für das Leben, das im Frühjahr und Frühsommer so kraftvoll wiederkommt. „Danke, Gott!“ sag ich jetzt manchmal, einfach nur, wenn ich aus dem Fenster und in die Bäume schaue. 

Ich gehe in diesen Maiwochen immer wieder ganz bewusst raus ins Grüne. Genieße es, mich unter einen Baum zu setzen oder durch eine Allee zu spazieren, den Blick immer wieder in die hellen Baumkronen über mir. Ich glaube daran: Gott hat dieses Grün geschaffen. Auch, damit ich Mensch mich daran freue und daraus Kraft schöpfe. Grünkraft.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28698
20MAI2019
AnhörenDownload
DruckenAutor

Gestern vor einer Woche hab ich demonstriert, und zwar nicht gegen etwas, sondern für etwas. Und das war besonders schön. Auf dem Mainzer Gutenbergplatz hab ich für Europa demonstriert, zusammen mit etlichen hundert anderen Menschen. Es gab ein paar Reden, aber vor allem haben wir alle zusammen gesungen. Zuerst das Lied von Queen „Friends will be friends“. Und dann: die „Ode an die Freude“ von Ludwig van Beethoven, die Melodie der Europahymne. Da hatte ich zum ersten Mal einen kleinen Kloß im Hals. Und dann noch einmal: Als ich meinen beiden Neffen beobachtet hab, sechs und neun Jahre alt, wie sie mit den Europaflaggen in der Hand auf dem Platz standen und sie energisch durch die Luft schwenkten, die blauen Flaggen mit den zwölf goldenen Sternen drauf.

Mir ist dabei so richtig bewusst geworden: Ich will, dass meine beiden Neffen in einem friedlichen Europa aufwachsen und leben können. In fünf Jahren und auch noch in fünfzig Jahren. Ich will, dass in diesem Europa auch in Zukunft Menschen freundlich und tolerant und friedlich miteinander auskommen. Europa, das ist ja ein solch großartiges Projekt, eine solch fantastische Entwicklung: Länder, die sich über Jahrzehnte und Jahrhunderte bekriegt haben, mit Millionen Toten: Die haben Frieden miteinander geschlossen. Sich zusammen getan. Sie planen ihre Politik und ihre Gesetze zusammen und nicht mehr jeder für sich und womöglich gegeneinander. Und die Menschen in Europa, sie reisen hin und her und lernen sich kennen, und die jungen Leute machen ihre Ausbildung in den Nachbarländern. Wer weiß, wo meine Neffen einmal landen. Ich finde das großartig. 

Es waren von Anfang an auch christliche Politiker und Engagierte, die an diesem Europa gebaut haben. Und für mich ist das auch das wirklich Christliche in unserem Land und Abendland: Dass wir tolerant und friedlich und über die Grenzen hinweg freundlich miteinander umgehen. Ein christliches Europa: In dem denken nicht einzelne Länder nationalistisch nur an sich, so wie auch kein Mensch nur an sich denken soll. In einem christlichen Europa halten wir zusammen und stehen füreinander ein. Und halten christliche Gastfreundschaft hoch. Gestern vor einer Woche hab ich für Europa demonstriert und gesungen, das war mir wichtig. Und nächsten Sonntag werd ich auf jeden Fall für Europa wählen gehen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28697

„Ist doch egal“, sagt mein sechsjähriger Neffe im Moment öfter, wenn Mama oder Tante etwas von ihm wollen, was er gerade gar nicht will. Sich bei seinem großen Bruder entschuldigen zum Beispiel oder das Zimmer aufräumen oder mithelfen beim Tischdecken. Ist doch egal! Der Spruch bringt mich als Tante auf die Palme. „Nein, das ist nicht egal!“ Sage ich dann. Weil es mir gerade wichtig ist, aber auch weil ich denke: Es ist grundsätzlich richtig, dass sich der Neffe entschuldigt, wenn er jemandem weh getan hat. Und dass er mithilft in der Familie und Verantwortung übernimmt.

Aber ehrlich gesagt: Ein bisschen verstehen kann ich ihn natürlich auch. „Ist doch egal“, das möchte ich auch manchmal sagen, wenn andere etwas von mir wollen oder eine Aufgabe zu erledigen ist. Im Kleinen wie im Großen. Wenn ich meine Küche aufräumen muss oder im Job etwas ansteht, worauf ich gerade keine besondere Lust habe. Oder auch, wenn ich denke: Ich müsste die Welt mit verbessern, mich mehr engagieren. Dann geht mir durch den Kopf: Was ändert es schon, wenn ich das jetzt nicht gleich erledige? Oder auch: Was bringt das, wenn ich als Einzelne damit loslege? Im Büro einer Kollegin steht die schöne Karte mit dem Ausspruch: „Bevor ich mich aufrege, ist es mir lieber egal!“ Und darin steckt ja auch was ziemlich Wahres: Ich muss nicht ständig und sofort aktiv werden. Ich darf auch mal gelassen und träge bleiben.

Und trotzdem: Wenn ich mich zu sehr gemütlich einrichte in meiner Gelassenheit, dann wird daraus womöglich eine richtige Gleichgültigkeit. Dann ist es mir egal, wie die Welt um mich herum aussieht. Und das ist nicht gut. Ich will mich empören über Ungerechtigkeiten. Ich will wahrnehmen, was die Menschen um mich herum brauchen. Auch, wenn das manchmal anstrengend ist. „Nein, das ist nicht egal!“ Das sage ich nicht nur zu meinem Neffen. Sondern manchmal auch zu mir selbst.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28188

Irgendwann bekam ich von meiner Nachbarin ein Bild aufs Handy geschickt, von unseren Briefkästen. Sie hatte nur einen Smiley dazugesetzt. Und ich hab mich wirklich richtig gefreut über dieses Bild. Auf unseren Briefkästen unten im Treppenhaus, acht an der Zahl, waren nämlich acht Aufkleber zu sehen. Und auf denen stand jeweils zu lesen: „Keine Werbung oder kostenlose Werbezeitung“.

Die Aufkleber gingen auf mich zurück. Immer wieder hatte ich mich in den letzten Jahren über die Stapel an Werbebriefen und Werbezeitungen im Treppenhaus geärgert. So viel Plastik und Papier. Und kaum jemand aus dem Haus schien es wirklich zu nutzen, die Stapel lagen eine Weile auf der Treppe herum und wanderten schließlich ungesehen in den Abfalleimer. Anfang des Jahres hab ich dann endlich einen guten Vorsatz umgesetzt: Ich hab allen Nachbarn einen freundlichen kleinen Brief in den Kasten geworfen, mit einer kleinen Schokolade und – diesem Aufkleber vom Umweltzentrum, auf dem steht: „Keine Werbung oder kostenlose Werbezeitung“. „Ich würd mich freuen, wenn wir bei uns im Haus zu mehr Müllvermeidung beitragen könnten“, stand in meinem Brief. Nach zwei Wochen war es soweit, das Bild von der Nachbarin auf meinem Handy zeigte es: Alle Briefkästen zierte dieser Aufkleber.

Und wirklich: Seitdem ist unser Treppenhaus frei von Werbeprospekten. Ich freu mich jedes Mal drüber, wenn ich die leere Treppe rauf oder runter gehe. Es sieht nicht nur schöner aus. Es trägt eben auch zu weniger Papier- und Plastikmüll bei. Der viele Müll ist ein riesiges Problem, gegen das immer mehr Menschen etwas tun. Sie verzichten beim Einkaufen auf Plastiktüten oder auch auf die Einwegbecher für den Kaffee. Und für viele Menschen – für mich auch – hat das auch was mit dem Glauben zu tun: Weniger Müll, das ist gut für Gottes Schöpfung, das „gemeinsame Haus“, wie Papst Franziskus es in seinem Schreiben über die Umwelt sagt. Das gemeinsame Haus Erde schützen und bewahren: Das fängt für mich im eigenen Haus an, zum Beispiel in meinem Treppenhaus.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28187