Manuskripte

„Cox oder der Lauf der Zeit“ heißt ein Roman von Christoph Ransmayr. Darin erzählt er, wie der englische Uhrmacher Alister Cox Uhren bauen soll, an denen man sehen kann, wie die Zeit vergeht. Auf Wunsch und Befehl des Kaisers von China. 

Denn der Kaiser hat gemerkt: Zeit ist nicht gleich Zeit. Manchmal vergeht sie rasend schnell. Ein andermal kriecht sie wie eine Schnecke. Kindern kann eine halbe Stunde unendlich lang vorkommen. Alten Menschen fliegen die Tage, Monate und Jahre nur so davon. Der Kaiser in dem Roman will es deshalb genau wissen. Wie erlebt ein Kind die Zeit? Wie empfindet man die Zeit kurz vor dem eigenen Tod? Und dann will der Kaiser auch noch eine Uhr, die die Ewigkeit messen kann.  Er will begreifen – was ist das, die Zeit?

Aber ob verschiedene Uhren ihm da weiter helfen? Ob eine Uhr schnell oder langsam tickt, das ist ja lediglich die Frage von ein paar Zahnrädern mehr oder weniger. Der Uhrmachermeister begreift bald, dass es dem Kaiser in Wirklichkeit gar nicht um Uhren geht. In Wahrheit hat der Kaiser Angst davor, dass auch er sterben muss. Er kann noch so mächtig sein, auch seine Lebenszeit vergeht. Auch wenn er sich selbst „Herr der zehntausend Jahre“ nennen lässt.

Der gottgleiche Kaiser wünscht sich Ewigkeit. Obwohl er spürt: Die Zeit überwinden, das kann niemand. Und am Ende des Romans ist es nicht der scheinbar allmächtige Kaiser, sondern der Uhrmachermeister, der eine Ahnung davon bekommt, dass Ewigkeit etwas ist, was jenseits der Zeit ist. Nur manchmal in einem kurzen Moment blitzt auch jetzt schon etwas davon auf, wie eine Ahnung von etwas völlig Neuem.

Christen sagen, Ewigkeit ist Zeit und Existenz bei Gott. In der Gott heilen wird, was im zeitlichen Leben unheil war. In der Gott zusammenfügt, was uns Menschen zerbrochen ist. Und in der Gott alle Tränen abwischen wird von unseren Augen.  Eine Uhr für diese Ewigkeit bei Gott kann niemand bauen.  Aber es gibt Momente, an denen kann man sie vielleicht erahnen. So wie es in der Bibel steht:

Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende" (Prediger 3,11). Cox, der Uhrmacher in dem Roman von Christoph Ransmayr macht am Ende genau diese Erfahrung.

Christoph Ransmayr; Cox oder der Lauf der Zeit, Frankfurt a.M., 2016

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„Ich werde heute Abend für Sie beten.“ Dieser Satz, morgens im Zug, hat die Mitreisenden aufblicken lassen. Die Frau vorne rechts im Zugabteil öffnet die Augen. Der Mann im Anzug, mit dem Laptop auf den Knien, hebt seinen Blick vom Bildschirm. Und der Junge am Fenster, mit dem Mickeymausheft, hat seine Mutter fragend angeschaut.

Als der Zug eben angefahren war, hat der Schaffner die Tür geöffnet und einen alten Herrn ins Zugabteil gebracht. Er soll sich auf den freien Platz setzen, den, auf den die Frau in Jeans und Wanderschuhen ihre Beine hochgelegt hat. Der alte Herr ist sichtlich erleichtert und dankbar. Kein Wunder bei dem Gedränge da draußen auf dem Gang. Er hat eine leichte Behinderung. Von einem Schlaganfall vielleicht.  Er setzt sich, atmet auf und sagt zum Schaffner: „Danke. Ich werde heute Abend für sie beten.“ Das ist der Satz, der alle im Abteil dazu bringt, kurz aufzusehen.  Was hat der Mann da gerade gesagt? Er will beten – für den Schaffner? Der aber lacht: „Ja, wenn sie so einen guten Draht nach oben haben, dann tun sie das mal. Ich kann‘s brauchen.“ Und die junge Frau, die ihre Beine für den alten Herrn vom Sitz genommen hat: „Ja, und für mich bitte gleich mit.“ Lachen im Abteil. Ein bisschen verlegen. Dann gehen alle wieder ihrer Beschäftigung nach. Der alte Herr aber lacht nicht. Er hat es ernst gemeint. Er wird wirklich für die beiden beten. Obwohl er sie gar nicht kennt, wird er an sie denken, über sie nachdenken. Sie Gott anvertrauen. Gutes für sie erbitten.

Das tun Christen. Für andere beten. Doch dass jemand öffentlich in einem Zugabteil davon spricht, vor völlig fremden Leuten, das ist wohl eher selten. Fürbitte ist eher eine stille Sache. Aber ich bin sicher, gar nicht so selten. Manche Leute sagen: „Ich denke an dich“  und meinen „ich bete für dich“ Und das tun ziemlich viele für andere, auch solche, die meinen, den Draht nach oben längst verloren zu haben. Und manche Menschen sagen auch: Denk bitte an mich, mir geht’s nicht gut. Denk an mich, ich muss morgen ins Krankenhaus. Denk an mich um 10 Uhr, da schreibe ich eine Klassenarbeit“. Für mich heißt das: Denk an mich und bete für mich.

Es tut einfach gut, zu wissen, ich habe etwas Schweres vor mir, aber es denkt jemand an mich. Es betet jemand für mich. Er macht gewissermaßen Gott auf mich und auf meine Situation aufmerksam. So eine Fürbitte ist dann wie eine Rückenstärkung für eine zusätzliche Portion Mut und Kraft. Und die kann man ja eigentlich immer brauchen.

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„Shanah tovah!“. „ Ein gutes Jahr!“. Jüdinnen und Juden wünschen sich das heute. Am 21. und 22. September feiern sie Rosch ha-Schana. Das jüdische Neujahrfest. Mit besonderen Bräuchen in der Synagoge und auch zu Hause in der Familie.

Möge es süß und köstlich werden, das neue Jahr!  So heißt es an Rosch ha-Schana. Darum ist es Brauch, dass man beim festlichen Essen abends in der Familie unter anderem ein Stück Apfel in Honig eintaucht, auf dass einem das neue Jahr süß schmecken möge.

Der wichtigste Brauch an Rosch ha-Shana aber ist das Blasen des Schofar im Gottesdienst in der Synagoge. Der Schofar ist ein hohles Widderhorn. Sein Klang geht durch Mark und Bein. Es mahnt zum Nachdenken über das eigene Tun im alten Jahr. Der Ton des Schofar erinnert daran, dass die Gebote Gottes die Richtlinien sind, an denen Menschen sich dabei orientieren sollen. 

Am Neujahrstag können die jüdischen Gläubigen sich frei sprechen lassen  von ihren Fehlern im vergangenen Jahr und auch von den Versprechungen, die sie gemacht haben, die sie aber nicht einhalten konnten.

Das bringt mich zum Nachdenken. Wie oft liegt mir ein Versprechungen auf der Seele, das ich mir selbst oder anderen gemacht habe. Aber dann merke ich: das kann ich gar nicht leisten. Mein Versprechen ist viel zu groß.

Ich habe eine Frau kennengelernt, die hatte sich selbst versprochen, ihren demenzkranken Ehemann zu pflegen, bis ans Lebensende. Aber dann hat sie feststellen müssen. Sie schafft es nicht. Es geht einfach nicht. Sie hat schwer getragen an ihrem schlechten Gewissen und an dem Gefühl, versagt zu haben. Sie hat Gott um Hilfe bei der schweren Entscheidung gebeten. Freundinnen und Freunde haben ihr geholfen. Sie haben ihr gesagt, es ist genug jetzt. Das ist zu viel für dich. Wir suchen mit dir nach einer guten Lösung für dich und auch für deinen Mann. Heute lebt ihr Mann im Pflegeheim. Fast jeden Tag ist sie bei ihm. Ohne schlechtes Gewissen, körperlich und seelisch wieder erholt und voll Zuwendung und Liebe für ihren Mann.

Ich glaube, dass Gott so barmherzig ist und Menschen von zu schweren Aufträgen entbindet,  die sie sich aufgebürdet haben. Denn nur wer wieder frei ist von einem unlösbaren Versprechen, kann auch  kreativ werden, eine neue, eine bessere Lösung zu finden.

Shana tovah, ein gutes Jahr –  darum allen, die heute Rosch ha-Schana feiern.  Und shana tovah auch allen, die jetzt noch einmal Bilanz ziehen möchten, damit der Rest der Jahres nicht nur gut – sondern süß und köstlich wird.

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Kinder dürfen am Sonntag bei der Bundestagswahl nicht mitwählen. Doch sie sollten Gelegenheit haben, sich zu äußern. Und sie sollten Erwachsene haben, die ihnen zuhören und die ernst nehmen, was Kinder zu sagen haben.

Darum steht der Weltkindertag heute in Deutschland unter dem Motto: „Kindern eine Stimme geben“. Unicef Deutschland und das Deutsche Kinderhilfswerk machen darauf aufmerksam, dass Kinder sich Sorgen machen über die Zukunft. „Politik wird besser, wenn wir die Kinder fragen“, sagt darum Christian Schneider, der Geschäftsführer von Unicef Deutschland.

Wenn Erwachsene über etwas entscheiden, was Kinder angeht, dann sollten sie auch gefragt werden, was sie davon halten. In einer Gesellschaft, die immer mehr von älteren Menschen geprägt wird, ist die Stimme der nachwachsenden Generation wichtig. Wie heißt es so schön? Kinder sind  unsere Zukunft. Das stimmt. Aber eben nicht nur, damit  unsere Renten gesichert bleiben oder damit uns die Fachkräfte nicht ausgehen. Sondern darum, weil wir heute dafür verantwortlich sind, wie die Welt von morgen aussieht. Kinder müssen mit dem leben, was die Generation ihrer Eltern und Großeltern entschieden hat. Dass sie das können, dazu können wir heute schon etwas beitragen. Zum Beispiel, indem wir zuhören, welche politischen Ziele Kinder für die Zukunft wichtig finden.

An der Bürotür des badischen Landesbischofs hängt ein handgeschriebenes Plakat, auf dem Kinder ihm ihre eigene politische Agenda mitgeteilt haben. Da steht:

Lieber Landesbischof Cornelius-Bundschuh! Wir Kinder wünschen uns

1. Frieden : dass alle Menschen auf der Welt in Frieden leben, vor allem, die, die jetzt fliehen müssen
2. Gerechtigkeit: dass keine Armut mehr herrscht, dass alle Menschen genug zum Leben haben ( Kleidung, Essen und Trinken und ein Dach über dem Kopf)
3. Umweltschutz: dass die Umwelt nicht so verschmutzt wird, z.B. durch Plastiktüten; dass Tiere geschützt werden ( keine Massentierhaltung und keine Tierquälerei)
4. Liebe für alle: dass Eltern Zeit für ihre Kinder haben, dass keiner alleine sein muss, dass Erwachsene nicht streng sind, dass die Menschen freundlich und lustig miteinander umgehen, dass alle glücklich sind und ihre Wünsche erfüllt werden.

Ich finde, damit haben die Kinder doch alle großen politischen Themen genannt, auf die es im Moment ankommt.
Wenn Sie also zur Bundestagswahl gehen und Kinder haben oder wollen oder kennen und mögen, dann denken Sie bitte daran: Die Kinder haben am Sonntag keine eigene Stimme. Sie als Erwachsene können aber ihre Stimme auch im Namen der Kinder abgeben.

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Das Frauenwahlrecht ist nicht vom Himmel gefallen. Es war ein langer Weg, bis aus Müttern und Töchtern, aus Schwestern und Tanten, aus Gattinnen und Dienstmädchen Bürgerinnen geworden sind, die gleichberechtigt wählen dürfen.

Dass es so weit gekommen ist, dafür haben Frauen lange gekämpft. Eine der ersten war die französische Schriftstellerin Olympe de Gouges zur Zeit der Französischen Revolution. Ihr war damals aufgefallen, dass das Ideal der Gleichheit aller Menschen nur die Gleichheit von Männern meint. Darum hat sie eine „Erklärung der Menschenrechte der Frau und Bürgerin“ verfasst. Eine Regierung, die die Frauenrechte nicht achtet, kam für sie nicht in Frage. 1793 wurde sie dafür verurteilt und unter der Guillotine enthauptet. 

Aber der Anfang war gemacht. Wie ein roter Faden zieht sich der Kampf ums Frauenwahlrecht durch die europäische Geschichte. Was für uns heute so selbstverständlich ist, musste sich gegen erhebliche Vorurteile von Männern und Frauen durchsetzen. Bis ins 20. Jahrhundert hinein meinten viele, Frauen könnten in der Politik nicht mitwirken, sie seinen weniger intelligent und hätten eine „natürliche“ Bestimmung ausschließlich für die Familie.

Gott sei Dank sind die Emanzipation und das Frauenwahlrecht trotzdem gekommen. Heute haben wir in Deutschland eine Bundeskanzlerin, Ministerpräsidentinnen, Ministerinnen auf Bundes –und Länderebene und es gibt Frauen in den Leitungsfunktionen in Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Kirche. Aber die Zahlen belegen, dass Frauen in den Führungspositionen immer noch wenige sind. Solange hier noch ein Ungleichgewicht herrscht, ist die Gleichberechtigung von Männern und Frauen noch nicht ganz umgesetzt.

Demokratie braucht aber Frauen und Männer, die gewählt werden, weil sie das Richtige wollen für die Frauen, die Männer und die Kinder in einem Land. Das ist mir auch als Christin wichtig, denn es entspricht meinem christlichen Bild vom Menschen. Frauen und Männer sind von Gott gleichwertig und gleichberechtigt geschaffen. Beide haben Wesentliches beizutragen und nicht ihr Geschlecht bestimmt, ob sie zu einer Aufgabe in der Lage sind oder nicht. Es kommt auf ihre Qualifikationan, auf ihre Werte und Ziele und ihr Verhandlungsgeschick. Sie sind gleich wichtig und sie sollen in gleicher Weise vorkommen,- als Kandidatinnen und Kandidaten und als Wählerinnen und Wähler.

Und falls Sie am Sonntag nicht persönlich zur Bundestagswahl gehen können, noch können Sie die Briefwahl beantragen. Denn Ihre Stimme ist wichtig– als Frau und als Mann.

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Ein Schreiben von der Queen of England zum 80. Geburtstag. Ist das zu fassen? Ich war dabei, als die Jubilarin den Brief geöffnet hat. Ihre Freundinnen haben es möglich gemacht. Sie wussten, das Geburtstagskind ist ein Fan der Königshäuser. Sie haben an die europäischen Höfe geschrieben und tatsächlich Antworten bekommen.

Sie war ja auch immer dabei gewesen. Die Beerdigung von Lady Di, die Trauung von Victoria von Schweden, die Taufen von Gabrielle und Jacques von Monaco. Kein royales Familienereignis ohne ihre Anwesenheit – vor dem Fernsehapparat. Der Glamour, die Pracht und die historischen Schickale, sie mag das einfach.

Dabei ist sie eine überzeugte Demokratin und eine kritische Christin. Beileibe will sie keine Monarchie als Staatsform! Für sie sind alle Menschen von Gott gleich geschaffen, ohne Unterschied. Alle sind sie Kinder Gottes und gerade darum echte Königskinder, egal, ob sie in eine bürgerliche oder in eine königliche Familie hineingeboren sind.  Alle mit gleichen Rechten und gleichen Pflichten.

Der Reformator Martin Luther hat diese Erkenntnis in zwei großartigen Sätzen zusammengefasst. Erstens:“ Ein Christ ist ein freier Mensch und niemandem untertan“. Das war im Mittelalter die Definition für Adel. Niemandem dienen zu müssen. Frei sein. Und der zweiter Satz: „Ein Christ wird freiwillig zum Knecht und macht sich anderen Menschen untertan.“ Indem er sich gerade nicht für besser hält als andere, sondern versucht, ihnen Gutes zu tun.

Das passt erstaunlich gut zum Leben der Jubilarin. Vor ihrem Ruhestand war sie Sozialarbeiterin und hat mit alkoholkranken Menschen gearbeitet. Und als in den 60er Jahren  ein neuer Umgang mit den inhaftierten Jugendlichen Einzug hielt, war sie als erste weibliche Erzieherin dabei. Sie war dabei, als die Gitter vor den Fenstern der kriminell gewordenen Jugendlichen abmontiert wurden. Und als man aufgehört hat, sie durch Schläge zu erziehen. Sie konnte das, weil sie in den jungen Straffälligen immer den guten Kern gesucht hat. Sogar bei denen, die wegen einer Gewalttat einsaßen. Sie hat immer das Königskind gesucht. Weil sie überzeugt war, dass es da ist, in jedem Menschen. Aber man muss ihm Raum geben und mithelfen, damit es gedeihen und sich zum Guten entwickeln kann. So ein Königskind schlummert in jedem Menschen. Davon ist sie überzeugt, bis heute.

Und deshalb hat niemand auch nur gelächelt, als die Freundinnen der Jubilarin den Brief der Queen überreicht haben. Denn es war königliche Post für eine Frau, die in schwierigen jungen Menschen immer das Königskind gesucht und gefunden hat.

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Entschuldigung, das ist wohl das schwerste Wort. Elton John hat das gesungen. Sorry seems to be the hardest word.
Sich bei jemandem zu entschuldigen, weil man etwas gesagt oder getan hat, was dem anderen schadet, das ist wirklich nicht einfach. Weil man es ja meistens nicht mehr rückgängig machen kann: die dumme Bemerkung, die den anderen verletzt hat; oder der Moment, an dem man nur noch an sich selbst gedacht hat und nicht an andere.

Vielleicht ist das der Grund, warum manche Leute sich gleich selber entschuldigen.
Entschuldigung, war ja nur halb so schlimm, sagt die Frau, die mir beim Einsteigen in den Zug ihren Ellenbogen in die Seite rammt.

 Sorry, aber Sie haben ja nicht so lange warten müssen, sagt der Mann am Schalter, nachdem er sein privates Gespräch am handy-Gespräch beendet hat.
Und kürzlich ist es mir selbst passiert, dass ich das gesagt habe: Entschuldigung, aber es ist ja nichts passiert.

Ich finde, man kann sich eigentlich nicht selbst entschuldigen, wenn doch ein ganz anderer Mensch betroffen ist. Das muss schon der andere tun. Zu einer Entschuldigung gehören immer zwei. Einer der sie ausspricht. Und einer, der sie akzeptiert und den anderen aus seiner Schuld entlässt, also ent-schuldet.
Aber warum versuchen wir dann doch, uns selbst zu entschuldigen? Vielleicht, weil wir aus eigener Erfahrung wissen, dass es manchmal schwer ist, jemandem zu vergeben. Es kann richtig schwere Arbeit sein.

Vielleicht deshalb hat Petrus bei Jesus angefragt: Wie oft muss ich vergeben? Genügt sieben Mal?“ Und Jesus hat geantwortet:  „Nicht sieben Mal, sondern siebzig mal sieben Mal.“ Ich verstehe das so: vergeben kann man nicht so locker nebenbei. Vergeben braucht Kraft und Zeit und manchmal auch viel Geduld. Manche Verletzungen machen sich immer wieder bemerkbar – dann muss man wieder vergeben. Immer wieder.

Manchmal geht Vergeben aber auch ganz leicht, finde ich, zumindest bei den alltäglichen Kleinigkeiten.  Wenn ich spüre, der andere hat gemerkt, sein Verhalten mir gegenüber war jetzt nicht in Ordnung. Dann kann ich sagen: Ist schon ok. War nicht so schlimm. Und bei den größeren Verletzungen:  Das hat mich verletzt. Ich kann das nicht gleich vergeben und vergessen. Aber ich will mich bemühen.
Manchmal braucht es Mut, um Entschuldigung zu bitten. Die Chancen, dass der andere sie uns auch gewährt, stehen aber sehr viel höher, wenn wir es nicht selbst tun, sondern den anderen darum bitten.

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Zwischen Jammern und Klagen ist ein himmelweiter Unterschied. Das ist mir aufgefallen, an mir selbst und an anderen. Wer jammert, der dreht sich im Kreis und ändert gar nichts. Klagen aber hilft und bringt weiter.

Zuerst das Jammern: Die Chefin, die Kollegen, der Haushalt, der Ehemann, die Kinder, die Kopfschmerzen…jammern kann man immer. Es nützt nur nichts. Es bleibt alles so, wie es ist. Wer viel jammert, zieht sich selbst immer weiter nach unten und andere gleich noch mit.

Forscher haben über das Jammern herausgefunden: wer immer wieder über dasselbe jammert, der will eigentlich gar nichts ändern. Der will eher sagen: „Eigentlich habe ich mir mein Leben ganz anders vorgestellt.“ oder „ Ich will, dass Du siehst, was ich alles leiste.“ Am Stammtisch, da gibt das gemeinsames Jammern das Gefühl, „wir gehören zusammen“.  Oder man will sich schützen. Wenn zum Beispiel jemand um sein gutes Gehalt beneidet wird, jammert er vielleicht über die viele Arbeit. Dann wird der Neid weniger.
Wer jammert, der will nichts ändern. Der jammert, damit alles so bleiben kann wie es ist.

Mit dem Klagen ist das ganz anders. Klagen sind nichts Alltägliches. Wer klagt, der erlebt gerade Außerordentliches, das ihn erschüttert. In Mark und Bein. Ein geliebter Mensch ist gestorben. Eine Krankheit ist diagnostiziert worden. Es gibt keinen Weg zurück mehr in die Heimat. Wer das erlebt, der muss klagen. Weil der Schmerz so groß ist. Und das Leid so ausweglos. Die Klage kommt aus tiefstem Herzen. Sie braucht nicht viele Worte, aber die sind erschütternd:

 „Wie lange noch muss ich Schmerzen ertragen in meiner Seele, in meinem Herzen Kummer, Tag für Tag… meine Seele will sich nicht trösten lassen… Ich bin so voller Unruhe, dass ich nicht reden kann…“( Ps 77)

Viele solcher Klagen stehen in der Bibel, in den Psalmen. Sie nehmen dort sogar sehr viel Raum ein. Weil wir Menschen klagen müssen, wenn wir etwas nicht mehr ertragen können. Damit wir nicht in unserem eigenen Elend versinken. Und wenn das Leid so groß wird, dass niemand mehr helfen kann, dann brauchen wir eine höhere Macht, vor der wir klagen können: Gott, sieh her. Das bin ich. So geht es mir. Ich bin in so großer Not. Ich will das nicht länger hinnehmen, was mit mir geschieht. Ich spreche es aus. Ich werfe es dir hin. Tu was! Ich kann nicht mehr.

Ich glaube, wer so klagt, der hört auf, im eigenen Leid zu versinken. Der bringt es heraus, was so furchtbar schmerzt . Wer klagt, der sehnt sich nach Heilung seines Schmerzes. Auch, wenn im Moment noch gar nichts davon zu spüren ist.
Was ich mir darum wünsche für Sie und für mich, das ist der Mut zur Klage, wenn es nötig ist. Und heute möglichst wenig Anlass zum Jammern.

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Gnade muss vor Recht gehen, sonst wird unser Leben unmenschlich und kleinlich. Das habe ich beim Lesen einer Erzählung von Gabriele Wohmann [1] so empfunden.
Die Erzählung handelt von der pensionierten Musiklehrerin Ottilia Klein. Damit Tochter und Schwiegersohn ihr Eigenheim abbezahlen können, ist sie in die Einliegerwohnung eingezogen und hilft nun mit ihrer Rente beim Abzahlen der Schulden.Die Tochter Gisela achtet sehr auf Ordnung und Sauberkeit. Wenn sie tagsüber arbeitet, dann ist Ottilia für die Ordnung zuständig und für die Sauberkeit. Besonders in der Küche.

Und dann passiert es, dass Ottilia morgens beim Kaffeekochen schon wieder den falschen Knopf auf drei gedreht hat. Zu spät merkt sie, dass die Kaffeekanne aus Kunststoff auf dem Herd steht und schmilzt. Sie fällt auf den Boden. Verursacht Brandflecken.
Und Ottilia schrubbt um ihr Leben. Das Schlimmste, denkt sie, ist ja nicht die kaputte Kanne. Das Schlimmste ist die Angst. 
« Das gibt‘s doch nicht. Schon wieder ! « würde Gisela rufen  und dann würde sie vorwurfsvoll schweigen. Ottilia kennt das schon.
Mitten in dem ganzen Dilemma steht dann der Klemptner vor der Tür. Ein freundlicher, vergnügter, junger Mann. Er macht sich in der Küche zu schaffen.

Ottilia aber putzt immer noch herum an den Spuren des Unglücks vom Morgen. Das merkt der junge Mann: „Wenn’s weiter nichts ist. Ist doch halb so schlimm. Nur nicht aufregen“.
“Ich halt’s nicht aus, wenn sie so nett zu mir sind,“ sagt Ottilia mit Tränen in den Augen.
Es ist ihr jetzt ganz egal, was der nette Bursche von ihr hält, wahrscheinlich denkt er: „Die spinnt aber ganz gehörig. Aber es war trotzdem schrecklich gut, mit ihm zusammen zu sein..“
So endet die Erzählung „Gnade vor Recht“ von Gabriele Wohmann.

Eine alte Ottilia, die sich schuldig fühlt, weil sie schon wieder etwas falsch gemacht hat, in den Augen ihrer Tochter. Und ein junger Handwerker, der einfach einen anderen Maßstab anlegt an das, was passiert ist.
Wahrscheinlich ahnt er gar nicht, was er Großes in der alten Frau auslöst. Er ist unerwartet gnädig mit ihr.
Er schaut sie an und sieht ihre Angst. Und er spricht sie frei. Gnädig und freundlich gibt er ihr ihre Würde zurück. Gnade – das muss nicht immer gleich ein weltumstürzendes epochales Ereignis. Gnade gibt es auch in kleinen Dosen. Man muss sie nur entdecken. Vielleicht bei der nächsten Gelegenheit, die sich bietet, Gnade vor Recht ergehen zu lassen.



[1]Gnade vor Recht, in: Gabriele Wohmann, Schwarz und ohne alles, Berlin 2008, S.207-219.

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Protestieren, das heißt, für etwas zu sein und nicht gegen etwas. Ich finde, das sollte man gut unterscheiden. Nur wütend sein, nur etwas falsch finden, nur dagegen sein, das reicht nämlich nicht. Man muss auch liefern, wenn man etwas ändern will. Pro-testieren eben – öffentlich für etwas einstehen und eine Alternative anbieten, die besser ist.

So wie Martin Luther es gemacht hat, damals im 16. Jahrhundert. Er war nicht der einzige Widerständler in der Kirchengeschichte. Aber dass er so erfolgreich gewesen ist, das verdankt er dem Umstand, dass er ein wirklich gutes Angebot machen konnte. Ein Gegenmodell, das die Kirche nicht umstürzen sollte, sondern sie reformieren, verbessern. Die Kirche sollte sich nicht um Macht und Geld, sondern am das Evangelium, um die gute Botschaft Gottes kümmern. Luther und die, mit ihm davon überzeugt gewesen sind, haben sich selbst deshalb die Evangelischen genannt.
Später haben sie noch einen anderen Namen bekommen, nämlich die Protestanten. Das war zum ersten Mal am 19. April 1529  in Speyer.

6 Fürsten und 16 Reichstädte haben damals dem Kaiser auf dem Reichstag ein Protestschreiben übergeben. Sie haben protestiert für die Freiheit des Glaubens und des Gewissens. Sie waren überzeugt davon, kein Reichstag kann festlegen, was ein Mensch zu glauben hat. Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Und zwar ausschließlich vor Gott. Zu den Erstunterzeichnern dieser „Speyrer Protestation“ gehörten zum Bespiel die Städte Konstanz, Heilbronn und Reutlingen.

Ihr Protest war so wichtig, weil der Kaiser und manche Fürsten versucht hatten, die Reformation in den evangelisch gewordenen Städten und Ländern zu stoppen und wieder rückgängig zu machen. Die Bürger aber konnten sich kein Zurück mehr vorstellen hinter die Freiheit eines Menschen in Glaubens- und Gewissensfragen. In den Reichsstädten gab es Bürgerversammlungen und Abstimmungen. Die Bürger haben sich mehrheitlich für die Reformation entschieden und verlangt, dass bei ihnen auch weiter evangelisch gepredigt wird. Dafür sind dann ihre Bürgermeister und Ratsherren auf dem Reichstag eingetreten. Dafür haben sie protestiert.

Die Speyerer Protestation von 1529 ist eines der zentralen Ereignisse der Reformation. Sie hat mit ermöglicht, dass sich in Deutschland und in anderen Ländern das Prinzip der Glaubens- und Religionsfreiheit durchsetzen konnte. Der heutige 19. April ist also ein bemerkenswerter Tag. Ein Jahrestag für die Glaubensfreiheit.

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