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SWR3 Gedanken

10JUL2021
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Gandersheim geht es so wie vielen deutschen Städten, die langsam veröden. Immer mehr Geschäfte und Wohnungen in der Innenstadt stehen leer, weil die Mieten einfach zu teuer sind. Genau dagegen wollen die ankämpfen, die das Wohnzimmer vor dem Rathaus aufgebaut haben. Sie nennen sich „Oasenspieler“ und wollen ihre Stadt attraktiver, zu einer kleinen Oase machen. Und dazu sind die Ideen an der Wäscheleine wichtig: eine Theatergruppe, ein Trinkwasserbrunnen oder ein öffentlicher Garten.

Die Wünsche bleiben keine Papiertiger, sondern sie werden mit Ehrenamtlichen-Power verwirklicht. Claudia Rische ist eine der „Oasenspielerinnen“. Sie erzählt: „Wir haben die Leute in der Stadt einfach angesprochen, an Haustüren geklingelt und gefragt, wer etwas zum Gemeinschaftsgarten beisteuern möchte.“ Und so ist eine Menge zusammengekommen: Gartenmöbel, Werkzeug, ein Lieferwagen, das Catering von einer Pizzeria und sogar ein brachliegendes Grundstück am Rand der Altstadt. An einem Wochenende sind dann viele Freiwillige gekommen und haben den Gemeinschaftsgarten angelegt - mit Gartenhäuschen, Feuerstelle und Kartoffelacker.

Wenn die „Oasenspieler“ wieder Lust haben, dann nehmen sie sich das nächste Kärtchen von der Wäscheleine vor. Die Aktion war nämlich ein voller Erfolg. Viele Leute haben entdeckt, dass man aus eigener Kraft etwas ändern kann – direkt, schnell, ohne viel Bürokratie, und ohne dass es die Welt kostet. Alle konnten ihre speziellen Fähigkeiten einsetzen, und es hat richtig Laune gemacht. Und neben dem öffentlichen Garten ist noch etwas entstanden: ein ganz neues Wir-Gefühl.

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09JUL2021
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Eine Website hat mich ganz schön aufgerüttelt. Mir war schon immer klar, dass die Todesstrafe unmenschlich ist. Aber seit ich diese Website besucht habe, haben all die Hingerichteten ein Gesicht und eine Stimme bekommen. Und die sagen ganz deutlich: Die Todesstrafe gehört abgeschafft.

Es ist die Homepage der Gefängnisverwaltung des US Staates Texas, auf der alle fast 600 bisher hingerichteten Menschen aufgelistet sind. Man kann ihre Personalien mit Bild anschauen, und die letzten Worte, die sie gesagt haben. Manche grüßen ihre Liebsten, einige beteuern ihre Unschuld, andere bitten um Vergebung, und viele beten auch.

Es gab mal Zeiten, da wurden Witze über „famous last words“ gemacht, nicht zuletzt weil ein Album der Band Supertramp so hieß. Aber bei dieser Auflistung bleiben einem die Witze im Halse stecken. Weil diese Worte mich berühren, weil sie echt sind und weil mir das Drama um die Todesstrafe noch einmal bewusst wird. Kimberly McCarthy hat vor ihrem Tod gesagt: „Das ist kein Verlust, das ist ein Gewinn. Ich gehe jetzt nach Hause zu Jesus.“

Wohl denen, die so einen starken Glauben haben, für die Sterben so etwas ist wie nach Hause gehen. Dieser Gedanke kann echt helfen und trösten. Aber er darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Todesstrafe furchtbar und unerträglich ist. So, wie es Thomas Barefoot vor seiner Hinrichtung im Oktober 1984 gesagt hat: „Ich hoffe, dass wir eines Tages auf das Teuflische, was wir gerade tun, zurückblicken können.“

 

siehe Homepage der Gefängnisverwaltung des US Staates Texas:

https://www.tdcj.texas.gov/death_row/dr_info/barefootthomaslast.html  

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08JUL2021
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„Geburtstag hat jede Kuh – Namenstag nicht“, so argumentieren diejenigen, die den Namenstag wichtiger nehmen als den Geburtstag. In einigen Gegenden ist das üblich. Heute wissen viele gar nicht mehr, wann ihr Namenstag ist. Lässt sich aber leicht rauskriegen, z.B. im ökumenischen Heiligenlexikon, das gibt´s auch online. Eng wird´s da für Namen wie Solarfried, Ikea oder Pepsi-Carola, aber die könnten ihren Namenstag auch am Fest „Allerheiligen“ feiern, das ist so etwas wie ein Sammelbecken für alle, die keinen Namenspatron haben.

Früher haben werdende Eltern gar nicht groß überlegt, wie sie ihr Kind nennen möchten. Sie haben einfach den Namen genommen, der im Heiligenkalender dran war, als das Kind geboren wurde. Das Kind hat seinen Namen quasi selbst mitgebracht. Heute am 8. Juli wäre das Kilian. Ein Freund von mir heißt Nikolaus, weil er am 6. Dezember Geburtstag hat. Die Namen der Heiligen waren deshalb so beliebt, weil man sich dadurch eine besondere Verbindung zu ihnen versprochen hat. Das gibt es auch heute noch, wenn Eltern ihre Kinder nach einer Oma oder einem verstorbenen Freund benennen.

In meiner Familie feiern wir gerne unsere Namenstage. Es kommt eine Kerze auf den Tisch, und von den Großeltern gibt es für die Kinder die obligatorische „Namenstagsschokolade“. Aber neben Schokolade und Kerze gibt es noch eine schöne Botschaft für den Tag: An einer Stelle im Lukasevangelium sagt Jesus zu seinen Jüngern, und damit auch zu uns: „Freut euch darüber, dass eure Namen im Himmel verzeichnet sind.“ Ich bin für Gott also nicht nur eine Nummer von Milliarden, sondern er hat Lust darauf, mit mir in Beziehung zu treten – ganz persönlich und mit meinem Namen.

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07JUL2021
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An der Ostküste der USA ist etwas total Irres passiert: Ein Taucher, der in der Nähe von Cape Cod nach Hummern gesucht hat, wurde von einem Buckelwal verschluckt. Der 56-Jährige war für gut 30 Sekunden im Wal, bevor dieser aufgetaucht ist und ihn wieder freigelassen hat. Walexperten gehen davon aus, dass der Wal das extra getan hat, um den Taucher zu retten.

Das ist genau wie bei der Geschichte des Propheten Jona. Der wird auch von einem Wal verschluckt und wieder ausgespuckt. Jona hat zunächst mal überhaupt keine Lust auf einen göttlichen Auftrag. Er soll den Einwohnern von Ninive so richtig einheizen, weil die ständig über die Stränge schlagen: Glückspiel, Gewalt und Gelage.

Verständlich, dass Jona nicht als Spielverderber dastehen möchte. Und deshalb verkriecht er sich vor Gott auf ein auslaufendes Schiff. Aber das ist natürlich für die Katz, denn Gott sieht alles – weiß man doch. Ein mächtiger Sturm zieht auf. Jona ahnt, dass er daran schuld ist und geht ehrenhaft über Bord, um wenigstens die Crew zu retten. Und jetzt kommt der Wal ins Spiel. Der verschluckt Jona – genau wie beim Hummerfischer von Cape Cod. Aber Jona bleibt nicht nur eine halbe Minute im Wal, sondern geschlagene drei Tage.

Im Innern des Wals stellt sich Jona seinen größten Ängsten: nämlich in Ninive ausgelacht, ignoriert oder niedergemacht zu werden. Und als er schließlich bereit ist für die heikle Prophetenmission, da wird er wieder ausgespuckt ans rettende Ufer.

Der Wal steht sinnbildlich dafür, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Diese Aufgabe wirkt erst mal groß, dunkel und bedrohlich. Aber wenn ich mich ihr stelle, kann das einen neuen erlösten Menschen aus mir machen: weniger ängstlich, weniger eitel, weniger selbstbezogen und um ein Abenteuer reicher – wie der Hummerfischer von Cape Cod.

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06JUL2021
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Oft ist es schlauer, die Mitte zu wählen statt extrem rechts oder extrem links. Ich spreche vom Elfmeterschießen. Aber was fürs Elferschießen gilt, gilt auch in anderen Bereichen.

Der Frankfurter Wirtschaftsprofessor Christian Rieck und sein Team haben über 400 Elfmeterschüsse untersucht. Fast alle Schützen schießen meistens mit ihrem Lieblingsfuß in ihre Lieblingsecke. Das ist für einen Torwart vorhersehbar, denn längst gibt es Statistiken dazu, welcher Spieler wohin schießt. Und deshalb werfen sich die Torhüter meistens in diese Ecke. In nur 13 % der Fälle schießen Spieler in die Mitte. Deshalb empfiehlt Christian Rieck: „Die Schützen sollten öfter den Mut aufbringen, auf die Mitte des Tors zu zielen. Das wäre vielversprechender.“

Und was tun mit dieser Erkenntnis? Meiner Meinung nach ist die Mitte nicht nur auf dem Fußballplatz die bessere Wahl, sondern auch bei anderen Gelegenheiten. Ich könnte mir bei einem Streit, wann immer es geht, erst beide Parteien anhören, bevor ich mir ein Urteil bilde. Und dann liegt die Lösung meistens in der Mitte, in einem Kompromiss. Das ist auch in der Politik so. Schnelle Lösungen hören sich zwar schlüssig und einfach an, sind aber meistens nicht die besten, weil sie der komplexen Lage nicht gerecht werden.

Klar, Mitte klingt immer auch ein bisschen nach mittelmäßig, langweilig und grau. Aber ich stelle mir die Mitte schattiert vor. Weder ganz schwarz noch völlig weiß, sondern mit ganz vielen unterschiedlichen Nuancen. Das ist abwechslungsreich und spannend, bewegt sich zwischen zwei Polen. Und da schließt sich auch wieder der Kreis zu den Elfmeterschützen. Denn geht ein Ball gerade in der Mitte rein, dann ist das einfach nur abgezockt und cool.

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05JUL2021
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Manchmal stelle ich mir Gott vor wie ein Tablett mit leckeren Schnittchen drauf. Da kommt ein freundlicher Kellner um die Ecke, und wer will kann sich bedienen. Die Schnittchen sehen superlecker aus und schmecken auch so.

Sie stehen in dem Vergleich für Gott. Greife ich bei seinem Angebot zu, dann gibt mir das in vielen Fällen ein gutes Gefühl. Ich kann mich von ihm begleitet und getragen fühlen – gerade von Kranken höre ich das immer wieder. Und das Leben bekommt eine neue Perspektive: Nicht ich bin der Macher, sondern ein anderer. Ich kann nicht alles und darf mir dessen auch bewusst sein.

Klar, wenn ich ein Pumpernickel erwische, dann hab ich schon auch mal was zu kauen. Wenn viel Schlimmes um mich herum passiert, dann nagen die Zweifel an mir. Oder wenn ich selbst in einer Krise stecke, dann mag das in manchen Fällen im Rückblick sogar einen Sinn gehabt haben. Aber manchmal ist es auch einfach nur schlimm. Das ist, wie wenn ich mich an einem leckeren Bissen verschlucke. Da kann mir die Luft wegbleiben und Panik kommen.

Ich greife aber trotzdem gerne zu, weil ich daran glaube, dass mir das „Angebot Gott“ gut tut. Und weil ich merke, dass ich immer wieder Hunger danach habe.

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04JUL2021
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Im Schweizer St. Gallen ist gestern eine abgefahrene Aktion zu Ende gegangen: Jeweils eine Woche lang hat sich eine Freiwillige oder ein Freiwilliger einsperren lassen in eine kleine Holzhütte neben einer Kirche. Im Mittelalter war das so etwas wie ein religiöser Extremsport: sich einsperren lassen, um ganz bei sich selbst und ganz bei Gott zu sein.

Das hat mich neugierig gemacht, und so bin mit dem Motorrad hingefahren. Etwas steif von der Fahrt stakse ich also um das Kirchlein. Ich entdecke den grob gezimmerten Anbau und klopfe vorsichtig an ein kleines Fenster. Ein Mann schaut raus und stellt sich als Christian vor. Er begrüßt mich mit einem freundlichen „Grüezi“ und wir kommen richtig gut ins Gespräch. Ich frage ihn, ob er sich einsam fühlt. Er lacht. „Nachts hört man durch die dünne Wand die Jugendlichen, die hier im Park trinken, kiffen und grölen. Und tagsüber klopfen so viele Menschen ans Fenster, die ein Anliegen haben.“ Christian erklärt, dass er die Anliegen aufschreibt und später ins Abendgebet einfließen lässt.

Ich frage, ob er denn vor lauter Gewusel und Fürbitten auch Zeit für sich selbst und Gott findet. Christian wird nachdenklich und sagt: „Ich begegne Gott anders, als ich es gedacht hätte. Nicht indem ich mich zurückziehe, sondern mitten im Betrieb der Stadt, mitten in den Gesprächen und Fürbitten. Ich bin ganz bei den vielen Menschen, die hier anklopfen. Und da ist für mich auch Gott zu finden.“

Wir quatschen bestimmt eine halbe Stunde, und am Schluss verrät mir Christian, dass er auch Motorradfahrer ist. Ziemlich geflasht trete ich die Heimfahrt an. Und während ich durch´s Hinterland des Bodensees kurve, muss ich immer wieder an einen Satz von Christian denken: „Such Gott nicht zu weit weg, manchmal ist er näher als du denkst.“

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