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SWR3 Gedanken

15JUN2019
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In einem modernen Kirchenlied heißt es: „Leg deine Rüstung ab. Weil Gott uns Frieden gab, kannst du ihn wagen.“ Vor kurzem habe ich das Lied gesungen und dieser Satz - „Leg deine Rüstung ab“ - hat mein Kopfkino direkt auf eine Burg im Mittelalter katapultiert: Ritterturniere, dicke Burgmauern und Ritterrüstungen, die so schwer sind, dass man sie kaum alleine an- oder ausziehen kann.

Ich hab manchmal auch so etwas wie Rüstungen an: Wenn ich im Zug sitze und einfach mal Zeit für mich brauche: Kopfhörer auf, gute Musik und dann die Landschaft an mir vorbei ziehen lassen. Mit jemand ins Gespräch kommen ist dann einfach nicht drin. Oder wenn ich bei einer Kollegin oder einem Kollegen doch lieber beim „Sie“ bleibe, weil mir das „Du“ irgendwie zu privat – zu nah – werden würde. Das sind wie kleine Abstandshalter. Die brauche ich und ich denke das ist auch gut so.

Ich genieße es aber auch wenn ich das Gefühl habe, ich brauche gerade keine Rüstung:  Bei mir ist das manchmal so, wenn ich Musik mache. Wenn ich so richtig loslassen kann und ich mich ganz leicht fühle. Oder wenn ich mit Freundinnen und Freunden ein gutes Gespräch habe, bei dem es darum geht, was einen gerade so beschäftigt. Dann bin ich zwar in gewisser Weise verletzlich, aber ich weiß, dass ich nichts zu befürchten habe. Die Rüstung ablegen können oder zumindest das Visier hochklappen – das ist ein tolles Gefühl. Alles was ich dafür brauche ist ein bisschen Vertrauen – in mich selbst, in die Menschen, die mir begegnen, und in Gott.

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14JUN2019
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Ein Blaukehlchen ist 1,5 Cent wert. Nicht in der Tierhandlung, sondern wenn man seine Einzelteile zu Geld machen würde. Sein Fleisch, sein Blut und seine Federn, das Skelett: Materialwert insgesamt gerade mal 1,5 Cent. Ist ja auch nicht viel dran an so einem kleinen Vogel. Ich frage mich, was ich wohl wert bin und finde verschiedene Zahlen im Internet: Alles zwischen 10 Euro und mehreren Millionen, je nachdem wie gerechnet wird oder wie schwer ich zum Beispiel bin.

Bei diesen Berechnungen kriege ich aber ein mulmiges Gefühl. Ich glaube das Gefühl kommt daher, dass diese Zahlen gar nichts darüber aussagen, wer ich bin. Alles, was mich tatsächlich ausmacht, bleibt außen vor: was ich erlebt habe und wovon ich träume; wer mir wichtig ist und woran mein Herz hängt; einfach alles, was mich zu dem macht, der ich bin.

Dieses mulmige Gefühl kommt mir auch hin und wieder wenn über Migration diskutiert wird. Wenn es darum geht, dass einige der geflüchteten Menschen gut ausgebildet sind und wir hier dringend Fachkräfte brauchen. Als wären sie nur wertvoll, weil sie ihre Arbeitskraft oder gesuchtes Know-How mitbringen. Aber nicht, weil sie Menschen sind.

Ich bin überzeugt, jeder Mensch ist wertvoll, egal wie produktiv er ist oder was sie kann. Ich bin dankbar wenn mir bei solchen Rechnungen ein bisschen unwohl wird. Das zeigt mir: Was einen Menschen wertvoll macht, kann ich nicht in Zahlen angeben. Manchmal kann ich es nicht einmal in Worte fassen. Ich weiß es einfach. Und das gilt auch für das Blaukehlchen.

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13JUN2019
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Meinen Firmanden habe ich die Frage gestellt: „Hat Gott was mit Rassismus zu tun?“ Mara antwortet sofort: „Ja klar hat das etwas miteinander zu tun!“ Die Jugendlichen in unserer Firmvorbereitung haben sich für einen Abend das Thema Anti-Rassismus ausgesucht. Wir kommen darüber ins Gespräch, welche unbewussten Vorurteile wir gegenüber Menschen haben. Und darüber, wo heute noch Rassismus herrscht. Und dann taucht die Frage in der Runde auf: Was hat das mit dem Glauben an Gott zu tun? Wir sind ja schließlich bei der Firmvorbereitung. Die fünfzehnjährige Mara hat da eine ganz klare Meinung: Sie sagt: „Schaut euch doch mal an, wie dieser Jesus auf Menschen zugegangen ist. Dem war es doch sowas von egal, woher jemand kam oder welche Hautfarbe jemand hatte.“

Ich denke mir: Sie hat vollkommen recht. Jemand, der Menschen verachtet kann doch nicht gleichzeitig Christ sein. Die Zahlen einer Studie machen mich deshalb sprachlos. Die so genannte  „Mitte-Studie“ untersucht alle zwei Jahre wie rechtspopulistisch Menschen in Deutschland drauf sind. Die Studie hat herausgefunden: Rechtspopulistische Einstellungen sind bei christlichen und konfessionslosen Menschen in etwa gleich häufig anzutreffen.

Ich muss sagen, das erschreckt mich. Um nicht zu sagen, ich finde das ganz schön peinlich für eine Religion, in der es darum geht, seine Nächsten zu lieben und einander zu unterstützen. So wie ich Jesus verstehe, hätte er nichts davon gehalten sich abzuschotten und irgendwo Zäune hochzuziehen – Ein Trostpflaster für mich ist, dass außer Mara auch noch viele andere aus unserer Firmgruppe der gleichen Meinung waren: Rechtspopulismus und Christentum gehen nicht zusammen.

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12JUN2019
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Simon, ein Freund von mir, kann unglaublich gut Witze erzählen. Er braucht nur ein zwei Sätze und schon nimmt er alle außenrum mit in eine ganz eigene Welt: Er fängt an zu erzählen – die Spannung steigt – eine unerwartete Pointe zum Schluss und alle kugeln sich vor Lachen.

Dann lass ich mich hineinfallen ins Lachen, wie in einen kurzen aber intensiven Rausch. Ich mag diesen wohltuenden Kontrollverlust. Alles andere wird sofort unwichtig. Egal wie stressig mein Tag bisher war, oder über was ich mir Gedanken gemacht habe – alles weg in diesem Moment. Ich fühle mich befreit und fast schon erlöst.

Vielleicht fühlt sich Erlösung ja genauso an. Dass ich ganz frei bin und alles, was schwer ist, einfach hinter mir lassen kann. Und dabei bin ich nicht alleine, sondern in guter Gesellschaft. Wer weiß, vielleicht gibt uns das Lachen ja tatsächlich einen kleinen Vorgeschmack auf das, was uns alle irgendwann mal erwartet. Ich bin jedenfalls gespannt darauf, wie meine Pointe am Schluss aussieht.

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11JUN2019
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„Die Hölle, das sind die anderen“, denke ich und betrachte die Menschen um mich herum. Gefühlte 40 Grad im Abteil, es gibt kaum noch Stehplätze. Der Mann gegenüber mustert misstrauisch mein schweres Gepäck. Ich mag Zugfahren – aber nicht so.

„Die Hölle, das sind die anderen.“ In diesem Moment überzeugt mich dieser Satz des Philosophen Jean Paul Sartre total. Wir Menschen machen uns gegenseitig das Leben schwer; und manchmal nur, weil wir uns im Weg herumstehen und uns riechen müssen.

Aber noch bevor ich weiter darüber nachdenken kann, spricht mich der Mann gegenüber an. Wo ich denn herkomme mit dem großen Rucksack und wo meine Reise hingeht. Wir kommen ins Gespräch und erzählen uns ein wenig voneinander. Die Zeit vergeht wie im Flug und die gefühlten 40 Grad merke ich gar nicht mehr.

Als ich dann nassgeschwitzt nach anderthalb Stunden aus der Regionalbahn aussteige, bin ich dann doch überzeugt: Die Hölle, das sind nicht die anderen. Die Hölle wäre, wenn es niemanden mehr geben würde, den es interessiert, wohin meine Reise geht.

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10JUN2019
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Bäume können Musik machen. Davon bin ich überzeugt seitdem ich das Soundprojekt von Markus Maeder gehört habe. Er stammt aus Zürich und experimentiert mit Geräuschen. Er hat eine „Baumsinfonie“ aufgenommen. Dazu hat er eine Waldkiefer mit Mikrofonen und Audiosensoren verkabelt und einen ganzen Tag lang abgehört. Die Geräusche verstärkt er dann bis zu 1000-mal, damit wir sie überhaupt wahrnehmen können.

Am Morgen, wenn die Säfte im Baum langsam in Wallung kommen, hört es sich so an, als würde der Baum leise flüstern. Gegen Mittag, wenn er voll in der Sonne steht, fängt er an zu klicken. Die Wassersäule, die im Baum hochsteigt,  bricht ab, weil nicht mehr genug Wasser nachkommt. Das hört sich dann an wie Popkorn, das in einer Pfanne aufpoppt.

Diese Aufnahmen unterlegt Markus Maeder dann mit Musik. Er macht mit seiner Baumsaftsinfonie hörbar, wie eine Waldkiefer nach Wasser japst. Der Klimawandel macht ihr zu schaffen. Ich finde die Musik, die daraus entsteht, wunderschön und gleichzeitig mache ich mir Sorgen: Jetzt fangen schon die Bäume an zu schnipsen, wie ich im Unterricht früher, wenn ich unbedingt etwas sagen wollte. So als wollten sie auf sich aufmerksam machen und uns sagen: „Hey ihr Menschen! Tut was dagegen!“

Die Kids der „Friday for Future“-Bewegung setzen sich seit einiger Zeit lautstark dafür ein, dass sich da etwas ändert. Und auch viele christliche Gruppen kämpfen dafür, dass wir noch länger auf diesem Planeten leben können. Ich würde mir wünschen, dass diese Gruppen die Lautstärke noch etwas aufdrehen. Nicht nur, dass sie von der Politik gehört werden, sondern dass es auch bei mir öfter „klick“ macht und ich sage: Heute nehme ich das Fahrrad.

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09JUN2019
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Juri Gagarin versucht mich jeden Morgen davon zu überzeugen, dass es keinen Gott gibt. Ich war vor kurzem in Russland und habe ein sowjetisches Propaganda-Plakat aus den 60ern mitgebracht: Man sieht darauf den russischen Kosmonauten Yuri Gagarin, wie er in einem roten Raumanzug im All schwebt. Über einen Schlauch ist er mit einer Rakete verbunden. Er lächelt und salutiert. Unter ihm die zwei Wörter „Voga net“. Das ist russisch und bedeutet so viel wie „es gibt keinen Gott“.

Yuri Gagarin ist 1961 als erster Mensch ins All geflogen. Als er wieder auf der Erde angekommen war, soll er gesagt haben „Ich habe Gott da oben nicht gefunden“. Ich frage mich, nach welchem Gott er da oben gesucht hat: Einen Mann im weißen Gewand auf einer Wolke? Klar, dass er den nicht finden konnte.

Was mir so gut an dem Plakat gefällt ist, dass er diese Frage überhaupt gestellt hat – an diesem extremen Ort – draußen im Weltraum. Das Bild wirkt auf mich so, als hätte er die ganzen Gefahren nur auf sich genommen um dieser einen Frage nachzugehen: Gibt es Gott da oben wirklich?

Das Plakat hängt jetzt an meinem Kühlschrank.  Es fordert mich jeden Morgen dazu auf: Suche Gott an außergewöhnlichen Orten! Halte die Augen auf! Im Wartezimmer beim Arzt, im überfüllten Zug oder in heiklen Situationen, wenn mir der Boden unter den Füßen fehlt.  Wenn mir Gott dort nicht begegnet, könnte ich ja auch mal wieder überlegen, ob mein Bild von Gott noch passt. Höchstwahrscheinlich ist Gott anders, als ich denke. Und vielleicht finde ich sie oder ihn dann ja doch irgendwie, irgendwo, … – hier unten auf der Erde.

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