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SWR3 Gedanken

Einmal, als meine Tochter noch ziemlich klein war, waren wir spazieren. Meine Tochter saß im Buggy und obwohl sie noch nicht richtig sprechen konnte, gab sie fast die ganze Zeit Laute von sich. Brabbelnd, sprudelnd, giggelnd. Mal schnell, mal langsam. Mal hoch, mal tiefer. Ich freute mich darüber und war vollkommen fasziniert. Unterwegs trafen wir eine ältere Dame. Die, wie ältere Damen manchmal so sind, mit dem Kind schäkerte und ihr gebannt zuhörte. Als sie sich verabschiedete, sagte sie auf einmal: „Was singt das Kind so schön!“. Einen Moment lang war ich total baff. Singen? Dann musste ich schmunzeln. Ja. Meine Tochter konnte zwar noch nicht sprechen, aber da war ganz offenbar irgendetwas,  eine Melodie, ein Lied, ein Rhythmus in ihr, etwas, das einfach raus musste. –  Der Geiger und Dirigent Yehudi Menuhin, einer der großen Musiker des letzten Jahrhunderts, hat einmal gesagt, das Singen sei zunächst der „innere Tanz des Atems, der Seele“.

Er findet: Singens befreit und bringt und uns den „Rhythmus des Lebens“ bei. Manchmal fällt es leichter, zu singen, als zu sprechen. So wie meiner Tochter damals. Kinder singen sowieso so gerne, und fragen sich gar nicht erst, ob sie singen können. Und folgen viel schneller dem, was Menuhin den „Rhythmus des Lebens“ nennt. Singen macht die Herzen weit, lässt Gefühle raus. Singen verändert. Uns. Deshalb finde ich es auch so schön, und passend, dass Advent und Weihnachten eine Zeit des Singens ist. Ob „Last Christmas“ im Radio oder „Stille Nacht“ an Heilig Abend in der Kirche – ich singe aus vollem Herzen mit. Und lasse zu, dass ich ganz aufgehe im Rhythmus des Lebens.

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Als Kind konnte ich es immer kaum erwarten. Sobald es kalt genug wurde, bin ich morgens  als erstes zum Fenster gerannt, um nachzuschauen. Hat es geschneit? Waren die Dächer auch nur einen Hauch puderzuckerweiß, habe ich gejubelt. Schnee ist bis heute mein schönstes Wetter.

Und eine meiner liebsten Wintererinnerungen ist das mannshohe Schneeiglu das wir mit Hilfe unseres Vaters gebaut hatten. Mein Bruder und ich haben Stunden darin verbracht. Wenn es schneit, sieht die Welt auf einmal anders aus. Riecht anders. Und hört sich anders an. Auf allem liegt eine besondere Stille. Verheißungsvoll. Und friedlich. Solche „Schneemomente“ sind etwas ganz besonderes, finde ich. – Und der amerikanische Dichter Walt Whitman hat das wohl auch gefunden. Er hat mal geschrieben.
„Im letzten Winter sah ich den Schnee beim Bummeln mit dem Nordwestwind;
Und er holte mich aus der Unzufriedenheit über Zäune und eingebildete Grenzen.“

Auch ein Schneemoment der besonderen Art. Schnee hat einen eigenen Zauber. Einen, der einen ganz anderen Blick auf die Welt ermöglicht. Der einen aus dem eingefahrenen Trott rausholen kann. Wenn man feststeckt. Im Jahresendspurtwahnsinn. Im Schnell-noch-tausend-Geschenke-Kauf-Rausch. Im Alles-muss-perfekt-sein-Irrtum. Ein „Schneemoment“ kann helfen. Ein Moment, in dem man erkennt, dass es so viel mehr gibt, als wir vielleicht in diesem einen Moment sehen, denken und fühlen können. Ein Moment, der es uns möglich macht, die Welt in einem anderen Licht zu sehen. In dem wir den Alltagsstress zur Seite legen. Und überlegen können: Was ist eigentlich wirklich wichtig? – Schnee ist immer seltener geworden hier bei uns. Noch immer schaue ich morgens gespannt aus dem Fenster. Und wer weiß... – Aber egal, wie dieses Jahr das Wetter wird: Ich wünsche uns viele solcher Schneemomente. In denen uns plötzlich einfach zum Jubeln ist.

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Bald ist es soweit. Weihnachten. Nur noch wenige Tage. Zu keiner Zeit im Jahr gibt es soviel Erwartung. In den Köpfen. Und in den Herzen.

Was kriege ich wohl geschenkt? Denken nicht nur die Kinder. Werden wir uns wieder streiten? Oder gibt es vielleicht doch ein friedliches Zusammensein? Dabei zeigt die Erfahrung: Oft wird alles ganz anders, als wir es uns gewünscht oder erwartet haben.

Damals, vor mehr als 2000 Jahren, hatten die Menschen auch eine ganz bestimmte Erwartung. Die von einem großen König, der kommt, und alles ändert. Die von einem Heiland, der mit Macht und Getöse die ungerechten Verhältnisse, die Armut und Not, endlich umkehrt. Und stattdessen? Wurde ein kleines Kind geboren. In einer Krippe, in einem zugigen, alten, dreckigen Stall. Ohne Macht. Und schon gar kein Getöse. Still und leise war er da. Der Sohn Gottes. Manch einer mag auch damals furchtbar enttäuscht gewesen sein. Aber ein Geheimnis von Weihnachten ist auch, dass es anders kommt, als man denkt und plant. Gott kommt anders als erwartet. Und durchkreuzt die Erwartungen.

Ich finde das entlastend. Wenn es eh anders kommt als geplant, dann kann ich mich doch eigentlich entspannen. Es liegt nicht nur an mir, wie das Fest laufen wird. Vielleicht stehen mir meine Erwartungen sogar im Weg? Es wäre doch mal schön, ganz ohne Erwartungen in dieses Weihnachtsfest zu starten. So, als ob es das erste Mal wäre.

Onkel Erwin zu begrüßen ohne ihm heimlich zu unterstellen, dass er gleich wieder merkwürdige Witze erzählen wird. Die Schwiegermutter umarmen und keine Angst zu haben, dass ihr der Braten zu trocken ist. Die Kinder einfach lassen, ohne Sorge, dass es gleich wieder Streit geben wird. Und vielleicht geht es genau darum: Um diese Offenheit, die wir uns verordnen sollten: Es kommt ganz anders. Gott kommt ganz anders. Warte mal ab.

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In einer meiner Lieblingsfernsehserien verliebt sich der Hauptdarsteller in eine Frau. Die Frau ist wunderbar – witzig, klug, direkt, liebevoll. Und es ist schnell völlig klar, dass sie ihn auch liebt. Aber er weicht ihr aus. Und er erstellt irgendwann sogar eine Liste mit Gründen, die gegen ein Date, ja gegen eine Beziehung mit ihr sprechen.

Auf dieser Liste stehen so Sachen wie: „Sie stellt die Klimaanlage auf 24 Grad...“. Oder: „Sie kocht alles mit Kreuzkümmel.“ Insgesamt fallen ihm fast 100 Gründe dieser Art ein. Und was tut sie? Sie nimmt einen Kugelschreiber, um die Liste zu ergänzen. Und sagt: Ich habe auch Gründe (die unter anderem irgendwas mit seinem Schnurrbart zu tun haben...). „Aber der wahre Grund aus dem wir nicht zusammen sein sollten:
Es ist beängstigend. Ja, ich habe Angst. Und ich weiß, dass du auch Angst hast, das kann ich dir ansehen. Aber das ist gut. Es bedeutet, wir haben was zu verlieren.“ – Menschen haben Angst. Vor allen mögliche Dingen. Vielleicht am meisten voreinander. Menschen sehnen sich nach Nähe – und fürchten sich davor. Haben Angst, in ihren vermeintlichen Schwächen erkannt zu werden. Davor, etwas zu verlieren.

Wer Angst hat, braucht Schutz. Um die Angst zu besänftigen. Manche Menschen bauen sich deshalb Schutzwälle auf. Suchen nach Gründen und schreiben Listen, wie der Mann in meiner Serie. Und das ist okay. Aber manchmal werden diese Schutzwälle zu hoch, zu undurchlässig. Und man läuft Gefahr, dass das wirkliche Leben plötzlich völlig draußen bleibt. – Das wirkliche Leben passiert in Begegnungen, hat auch der jüdische Philosoph Martin Buber einmal geschrieben. Und gemeint: Menschen sind Beziehungswesen.

Ich glaube das stimmt. Wir brauchen einander. Und doch sind gerade die Beziehungen zu anderen oft das, was am meisten ängstigt. Und es braucht Mut. Sehr viel Mut. Aber es lohnt sich. Denn nur so werden wir wirklich lebendig.  

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Kurz vor Feierabend im Supermarkt. Alle haben es eilig. Schnell noch was Leckeres fürs Abendessen kaufen. Lange Schlangen bilden sich. An der Käsetheke ist es besonders voll. Warum dauert es denn hier so lange? Ganz vorne steht eine Frau. Sie trägt ein gemustertes Kopftuch. Und hat einen Einkaufszettel in der Hand. Anscheinend eine längere Bestellung. Ihr Deutsch ist nicht so gut. Sucht sie etwas Bestimmtes? Die Verkäuferin ist genervt. Sie redet sehr laut. Überdeutlich. Betont jedes Wort so komisch. Als hätte sie es mit einer Schwerhörigen zu tun. „Dat is Gorgonzo-laaaa.“ Ein genervter Blick zur Kollegin neben ihr. Ein Augenverdreher. Die Schlange wird immer länger. Die Verkäuferin kennt kein Erbarmen. „Unmöchlich. Immer diese Leute. Und dann können die noch nich mal anständig Deutsch sprechen...“,  tuschelt sie deutlich hörbar zu ihrer Kollegin.

In der Schlange entsteht Unruhe. Bewegung. Zwei Frauen blicken sich an. Sie kennen sich nicht. Aber man merkt: Sie würden gerne was tun. Trauen sich nicht so richtig. Und dann doch: Entschlossen nickt die eine der anderen zu. Die gibt sich einen Ruck. Und geht nach vorn. Zu der älteren Frau mit Kopftuch. Zur Verkäuferin. Und sagt: „Entschuldigung, es wäre schön, sie würden einfach ihren Job machen und uns Kunden weiterhelfen. Und ich meine, wirklich helfen.“

Es ist dringend an der Zeit, die Stimme zu erheben. Dem fast schon alltäglich gewordenen Rassismus was entgegenzusetzen. Das fällt nicht immer leicht. Aber ich bin überzeugt: Es gibt immer jemanden, der uns dabei unterstützen kann. So wie sich die beiden Frauen gegenseitig ermutigt haben, was zu sagen. Halten Sie Ausschau: Sie sind nicht allein. Und auch wenn mal keiner da ist, dann stärkt mich die Zusage Gottes: „Fürchte dich nicht, sondern rede und schweige nicht! Denn ich, Dein Gott, bin mit dir, und niemand soll sich unterstehen, dir zu schaden."

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Anfang des Jahres ging das Bild um die Welt. Ein Mann trägt einen altmodischen, abgewetzten roten Koffer. Der Reißverschluss ist fast ganz zugezogen. Fast. Ein kleines Stückchen steht er offen. Und gibt den Blick frei auf einen kleinen Jungen. Eingewickelt in einen zu großen, himmelblauen Pullover. Die Ärmchen von sich gestreckt. Die Wangen sind rot vor Erschöpfung. Er schläft. Und obwohl er offenbar über Stock und Stein getragen wird, hektisch, in Eile, auf der Flucht: Er schläft. Tief und fest.

Das Foto entstand in der Nähe der syrischen Stadt Ghuta, tausende Menschen waren damals auf der Flucht vor Krieg und Gewalt und Not. So wie auch heute noch. So wie auch schon vor 2000 Jahren. Und immer wieder durch alle Zeiten. Und immer sind es vor allem die Kinder, die leiden. Die Unfassbares erleben und aushalten müssen. Und es sind besonders Bilder dieser Kinder, die deutlich machen, wie grausam diese Welt sein kann.

„Das Geheimnis an Weihnachten besteht darin, dass wir auf unserer Suche nach dem Großen und Außerordentlichen auf das Unscheinbare und Kleine hingewiesen werden.“ Es ist nicht bekannt, wer das gesagt hat. Aber ich finde, genau so ist es. – An Weihnachten kommt Gott zu den Menschen. Auf die Erde. Er wird geboren als Kind. In einer Krippe. Zart und verletzlich. Und er schläft. Trotz all der außergewöhnlichen Umstände, in die er hinein geboren wurde. Er schläft. Tief und fest. Dieses Bild geht auch immer wieder um die Welt. Geht jetzt um die Welt. Und ich glaube daran, dass Gott sich in diesem Kind, in allen Kindern zeigt. Und damit nicht nur an Weihnachten unser Augenmerk auf das Kleine, manchmal Unscheinbare, lenkt. Auf die Kinder. Und es ist unsere Aufgabe, sie zu schützen, damit ihnen nichts Schlimmes wiederfährt. ... Das ist das Geheimnis an Weihnachten.

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Das Kind in der Krippe I

Was ich an Weihnachten besonders toll finde ist, dass Gott die Verhältnisse auf den Kopf stellt. Wie er das macht? Zunächst mal wird sein Sohn in einem zugigen, alten Stall geboren. Nackt. Und ungeschützt. Der, der sehnsüchtig erwartet wird, als Retter der Welt, als mächtiger Friedefürst. Und doch ist von royalem Pomp und Hochsicherheitstufe nichts zu merken. Und dann noch das:

Die Ersten, die davon erfahren, sind nicht die Könige oder wichtigen Staatsmänner dieser Welt. Es sind die Hirten auf dem Feld. Die Ärmsten der Armen damals. Wenig geachtet. Im sozialen Gefüge ganz unten. Ohne großes Ansehen in der Gesellschaft. Und ausgerechnet die wissen als erstes davon, dass etwas Großes passiert, dass die Welt sich ändern wird. Gott stellt die Verhältnisse auf den Kopf. Denn er lässt die Kleinen groß werden.

Wie aber ist das heute? Es fällt mir ehrlich gesagt nicht immer leicht daran zu glauben, dass Gott für gerechte Verhältnisse sorgt. Aber ich habe eine große Sehnsucht genau danach: Dass die Kleinen, die Ärmsten, die am wenigsten geachteten, auch heute ganz groß werden. Dass man zum Beispiel denen zuhört, die sonst nicht gehört werden. Den sogenannten „kleine Leuten“, die ja in Wirklichkeit so gar nicht klein sind. Deren Geschichten haben soviel vom Leben zu erzählen, dass man gut daran täte, genau hinzuhören. Und ich wünsche mir, dass man denen etwas zutraut, auf die sonst vielleicht keiner baut. Jugendlichen ohne Schulabschluss – Menschen mit Ausbildungen, die hier nicht anerkannt sind. Sie wissen vielleicht soviel mehr vom Leben – und vom Überleben. Sie sind wichtig und wertvoll. Sie sollten die Chance haben groß rauszukommen.

Weihnachten befeuert meine Sehnsucht. Denn Gott stellt die Verhältnisse an Weihnachten auf den Kopf. Alles wird anders. Oder... Kann anders werden. Daran glaube ich fest. Es liegt an uns. Machen wir uns bereit.

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