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SWR3 Gedanken

Zwei nackte Brüste als Graffiti und jede Menge Gekrakel. Das haben junge Leute und Dealer auf eine Kirchenwand gesprayt. Bis es der Gemeinde irgendwann zu viel war. Wir müssen was tun, hat der Pfarrer der Kreuzkirche in Graz gesagt. Aber was?

Die Kreuzkirche steht im Volksgarten von Graz. Dort trifft sich abends die Jugend der Stadt. Trinkt ein Bier und raucht. Sie kaufen dort den Dealern ihre Drogen ab und sprayen dann nackte Brüste und jede Menge Gekrakel an die Kirchenwand.

Da war es der Gemeinde zu viel. Wie kann man sich gegen diese Graffitis schützen? Indem man selber Graffitis auf die Wand malt. Denn die Graffitis anderer Künstler zu übermalen geht nicht. Das ist gegen den Graffiti-Sprayer-Ehren-Codex.

Und so hat die Gemeinde Robin engagiert. Robin ist professioneller Graffiti-Maler. Er kann seine Graffiti-Kollegen verstehen, diese 14-, 15-Jährigen Jungs, die einfach nicht genug Aufmerksamkeit bekommen. Und deshalb so dafür sorgen.

Robin macht alle Schmierereien und die nackten Brüste weg. Dafür schreibt er einen neuen Spruch an die Wand. „Brauchst Du was?“ Daneben malt er Jesus. Der sieht aus, als ob er mit den jungen Leuten reden würde. Ganz locker und freundlich. Und er fragt sie „Brauchst du was?

Jesus weiß nämlich, was den jungen Leuten fehlt. Und was sie brauchen. Davon ist Robin überzeugt. „Brauchst du was? Dann geh einfach mal rein. Setz dich hin und entspann dich. Genieße die Ruhe und finde heraus, was du wirklich brauchst. Hier bist du angenommen, wie du bist.

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Braucht es wirklich die Katastrophe? Damit Menschen den Frieden lernen? Manchmal frage ich mich das.
Als die letzten Kugeln des Ersten Weltkrieges verschossen waren und nichts mehr ging, da war es endlich soweit. Die Leute wollten Frieden und haben den so genannten Völkerbund gegründet. Das war heute vor 98 Jahren in der Versailler Friedenskonferenz. Gemeinsam wollten die Völker der Welt ihre Konflikte auf friedlichem Wege bereinigen. Zum Beispiel mit Schiedsgerichten. Das setzte von den Mitgliedern des Völkerbundes freilich voraus, dass sie sich von den anderen korrigieren lassen.

Und daran ist der Völkerbund letztlich gescheitert. Die nationalen Egoismen waren größer als der Gründungsgedanke: Frieden durch Diplomatie, Kompromisse schließen statt schießen.
Nach dem Motto: Deutschland zuerst! Ist Nazi-Deutschland aus dem Völkerbund wieder ausgetreten. Es folgte das millionenfachen Morden im Zweiten Weltkrieg.

Nach dieser Katastrophe haben die Völker die Vereinten Nationen gegründet. Und die Europäische Union. Frieden durch Zusammenarbeit in Wirtschaft, Kultur und Diplomatie. Das war das Ziel. Dafür hat die EU den Friedensnobelpreis gewonnen.

Und jetzt beobachte ich fassungslos und entsetzt, wie in nahezu allen EU-Staaten die nationalen Egoismen wieder aufleben. Deutschland zuerst! America first! Frankreich zuerst! Als hätte man nichts aus der Geschichte gelernt.
Braucht es wirklich die Katastrophe? Damit Menschen Frieden lernen? Wir müssten es besser wissen.

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Nie werde ich diese Frau verstehen! Nie! Wie sie so da steht vor dem Spiegel… Und mir erzählt, sie sei so hässlich. Hier ein Pfund zu viel und dort zu viele Falten. Aber ich weiß es besser! Schließlich sind wir schon einige Jahre zusammen und ich kenne jede Lach-, Zornes- und Trauer-Falte in ihrem Gesicht. Tatsache ist: Diese Frau ist das Schönste, was mir je passiert ist. Wenn sie den Raum betritt, geht für mich die Sonne auf. Nur ihrer Logik kann ich manchmal einfach nicht folgen.

Muss ich auch nicht. Der Schriftsteller Max Frisch hat mal gesagt: Je mehr du einen Menschen kennst, desto mehr wird er ein Geheimnis für dich. Der Mensch ist eben keine Maschine. Bei der müsste ich nur lange genug die Baupläne studieren und dann wüsste ich irgendwann, wie sie funktioniert.

Nicht so bei meiner Frau. Sie ist immer für Überraschungen gut. Wenn ich denke, ich würde sie kennen, belehrt sie mich spätestens am nächsten Tag eines Besseren. Deshalb, so Max Frisch, ist es gut, die Menschen in der „Schwebe des Lebendigen“ zu halten. Es also gar nicht erst zu versuchen, ihr Geheimnis zu lüften.

Die Idee von Max Frisch ist allerdings schon viel älter. Der Evangelist Markus hat das auch schon gedacht. Er hat um das Jahr 70 die erste Biographie über Jesus geschrieben. Markus wollte auch das Geheimnis lüften, was sich um Jesus gerankt hat. Wer ist er denn jetzt? Ein Mensch? Gott? Halbgott? Ein Held? Aber Markus ist auf keinen grünen Zweig damit gekommen. Immer war Jesus anders – eben ein Geheimnis. Gottes Sohn und sein Ebenbild.

Und so ist das auch mit meiner Frau. Sie ist und bleibt für mich ein Geheimnis. Eines, das immer größer wird, je mehr ich sie kennenlerne.

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Elf Jahre war ich damals alt. Ich kann mich noch gut an die Bilder im Fernsehen erinnern. An den kaputten Reaktor in Tschernobyl. An die radioaktiven Wolken über der Ukraine und Weißrussland. An die vielen Menschen, die gleich oder später daran gestorben sind. Das war heute vor 31 Jahren.

Bisher habe ich immer gedacht, dass wir alle daraus gelernt haben. Dass Radioaktivität zu gefährlich ist, um sie als Energiequelle zu nutzen. Und tatsächlich: hier in Deutschland soll in fünf Jahren der letzte Reaktor vom Netz gehen. Und auch die Kohle, Erdgas und Erdöl, die sogenannten fossilen Energiequellen, sollen nach und nach weniger genutzt werden. Stattdessen werden die erneuerbaren Energiequellen ausgebaut.

Aber wenn ich mich heute umschaue in der Welt, wird mir angst und bange. Amerika soll „great again“ werden, indem man die riesigen Gas- und Erdölvorräte an der Arktis anzapft. Dasselbe in Russland. Beide Großmächte setzen auf die veralteten Energiequellen. Die irgendwann aufgebraucht sind und bis dahin das Klima unglaublich anheizen.

Wenn ich heute meinen Kindern beim Spielen zuschaue, dann frage ich mich oft, wie die Welt wohl aussieht, wenn sie groß sind. Ich möchte nicht, dass sie in einer verstrahlten Welt aufwachsen. Oder in einer Welt, in der Naturkatastrophen zur Tagesordnung gehören, in der ganze Völker auf der Flucht sind, weil ihre Heimat vom Meer überspült oder von der Hitze verdorrt ist. Wenn wir unseren Kindern eine Zukunft gönnen wollen, dann ist der Ausstieg aus der Atomkraft und den fossilen Energien eigentlich alternativlos.

Aber das braucht nicht nur Zeit, es braucht auch jeden Einzelnen von uns. Deshalb werde ich wieder mein Fahrrad aus dem Keller holen. Ist zwar lächerlich wenig, aber irgendwo muss man ja anfangen. Um unserer Kinder willen!

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„Natürlich bin ich deutsch! Wie meine Eltern, Großeltern und Urgroßeltern! Und ich bin stolz darauf! Weil wir pünktlich, zuverlässig und fleißig sind, wir Deutsche. Deshalb funktioniert das auch mit unserer Wirtschaft so gut.“

So ungefähr haben das junge Leute gesagt. Als sie gefragt wurden, was ihre Wurzeln sind. Ähnlich haben das aber auch junge Engländer von sich behauptet. Und die aus Island, Pakistan und anderen Ländern. Alle waren sie stolz auf ihre Nation. Und dass sie dazu gehören. Manche waren auch froh, dass sie keine Deutschen, Osteuropäer oder Briten waren. Sie waren gerne unter sich, unter ihresgleichen im eigenen Land.

Die Forscher, die dieses Interview führten haben, haben sich das alles erst einmal angehört. Dann haben sie den jungen Leuten angeboten, ihre Angaben zu überprüfen. Sie wollten wissen: sind die, die so stolz sind, zu einer bestimmten Nation zu gehören, wirklich zu 100% Angehörige dieser Nation? Zwei Wochen später ist die ganze Gruppe wieder zusammengekommen. Und da hat sich gezeigt: Unter den Ahnen der jungen Leute war ganz Europa versammelt. Und zwar bei allen.

Der Bio-Deutsche war nur zu 45% Deutscher, zu 25% aber Brite, zu 20% Franzose und zu 10% Osteuropäer. Der Brite war zu 20% Franzose, der Pole zu 20% Deutscher. Ob diese Prozentzahlen wirklich so stimmen, bezweifle ich. Aber eins ist dabei klar geworden: Lupenreine Deutsche gibt es ebenso wenig wie 100%-Briten, -Franzosen oder -Polen.

Als die jungen Leute in dem Test das über ihre Herkunft erfahren haben, sind sie alle nachdenklich geworden. Manche haben angefangen zu weinen. Haben sich umarmt. Und alle haben angefangen, das zu sein, was sie schon immer waren: Verwandte.

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Kennen Sie den? Sitzen zwei Kumpels in ihrer Dorfkneipe irgendwo in Norddeutschland. Kommt ein Fremder rein und fragt: „ Können Sie mir bitte sagen, wo man hier übernachten kann?“ Die zwei schauen ihn kurz an, sagen aber nichts. Der Fremde wiederholt die Frage nochmal auf Englisch. Wieder keine Antwort. Dann dieselbe Frage auf Französisch. Aber die zwei starren nur auf ihr Bier und schweigen.

Der Fremde verlässt achselzuckend die Kneipe. Da sagt der eine Kumpel zum Anderen: „Du, der kann ja drei Sprachen!“- „Jou, sagt der andere. Hat ihm aber nix genützt.“

Den Witz hat uns der Vater unserer zukünftigen Schwiegertochter erzählt. Um uns zu verklickern, wie sie als Norddeutsche so ticken. Und wie man da so miteinander redet. Nämlich anders als im Süden.

Hey, du musst gar keine Schwiegertochter aus Afrika haben, hab ich mir gedacht. Das mit dem Multikulti hast du auch in Deutschland. Es reicht, wenn du mit deinem badischen Migrationshintergrund es mit einer norddeutschen Sippe zu tun bekommst. Da musst du ganz schön aufpassen, nicht in diverse Fettnäpfchen zu treten. Wenn man im Norden zum Beispiel schweigt, bedeutet das was ganz Anderes als im Süden. Hier ist das unhöflich. Dort ist es eine Art, miteinander Kontakt aufzunehmen.

Seit dich das weiß, frage ich lieber erst mal nach: „Wie hast du das gemeint?“ oder „Hab ich dich da richtig verstanden?“ Vor allem aber kann man ja auch spüren, wie was gemeint ist. Also den Geist zwischen den Worten. Man kann versuchen, sich in andere hineinzuversetzen, bevor man sie be-urteilt.

Der Fremde in der norddeutschen Kneipe hätte sich zum Beispiel erst mal ein Bier bestellen und neben die zwei Kumpels setzen können. Nach einer Stunde Schweigen hätten die beiden ihm sicher verraten, wo er gut übernachten kann. Vielleicht hätten sie ihm sogar bei sich ein Bett angeboten. Weil sie sich mit ihm so toll haben unterhalten können.

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"Jetzt lass es auch mal genug sein!“ Das ist so ein Satz für den Sonntag heute. Schluss mit emails schreiben und eben mal schnell Wohnung aufräumen. Und vor allem Schluss mit der Sorge, ob das nächste Woche alles klappt mit dem Projekt und den Terminen. Nein. Heute ist Sonntag.

Lass es genug sein! Für Martin Luther war das eine Entdeckung, die nicht nur sein Leben verändert hat. Zu sagen: ich lass es genug sein. Ich lass mich nicht mehr treiben von so einem irrwitzigen Ehrgeiz oder von der Angst, dass das alles nicht reicht, was ich mache.

Martin Luther war schon als Kind hochbegabt, alles ist ihm zugeflogen. Aber seinem Vater war das nicht gut genug. Er sollte mal seine Silberminen übernehmen, aber das war hart. Und der Vater war hart. Alle waren damals hart. Ständig war Krieg oder Pest oder beides. Viele waren krank und am Verhungern. Und das Schlimmste: damals haben alle geglaubt, sie wären selber dran schuld, wenn es ihnen schlecht geht. Sie hätten es selber verbockt. Hätten Gottes Zorn verdient.  Am besten, ich geh ins Kloster, hat Luther gedacht. Da ist es vielleicht weniger gnadenlos.“ Aber im Kloster gings genauso weiter. Mit Extrem-fasten und Hochleistungs-beten.

Und wahrscheinlich hätte sich Luther auf ewig im Hamsterrad des „genug ist nicht genug“ abgestrampelt. Wäre er nicht auf einen Satz in der Bibel gestoßen.
Vielleicht war das ein Sonntag wie heute. Die Vögel haben einfach so vor sich hin geträllert, die Sonne flirrte durch die Blätter geflirrt und Luther liest den Satz: „Lass dir an meiner Gnade genügen“.  Manchmal sagt Gott das durch den Mund eines Kindes, oder durch die Blume. „Du bist geliebt von Anfang an. Sollen die Anderen reden, was sie wollen. Du bist ein freier Mensch. Deshalb hab Vertrauen in Gott. Lebe. Und lass es jetzt auch mal genug sein.

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