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SWR3 Gedanken

„Nimm das Leben nicht zu ernst, du kommst da eh nicht lebend raus!" Keine Ahnung, wann und wo ich diesen Spruch gehört habe, aber ich finde ihn unglaublich gut.

Um das gleich klarzustellen: Ich bin nicht dafür, dass man alles einfach auf die leichte Schulter nehmen sollte. Natürlich muss ich das Leben ernst nehmen. Es geht nur darum, Kleinigkeiten nicht zu Katastrophen aufzubauschen. Der Spruch besagt ja bewusst, dass man das Leben nicht ZU ernst nehmen soll. Und das trifft meiner Meinung nach genau die Mecker-Mentalität einiger Personen.

Es gibt Menschen, die bringen es fertig einen cholerischen Anfall zu bekommen, weil sie sich ausgerechnet wieder in der Schlange angestellt haben, in der es am langsamsten vorwärts geht. Dabei ändert das Meckern überhaupt gar nichts an der Situation. Die Kassiererin wird nicht plötzlich zu Superwoman mutieren und in Überschallgeschwindigkeit arbeiten. Es gibt einfach Dinge, die  sind wie sie sind, die man sowieso nicht ändern kann.

Klar kann ich mich auch über Kleinigkeiten aufregen. Will ich aber nicht. Ich finde, es ist einfacher, dann das eigene Verhalten zu ändern. Dazu muss ich versuchen, die Dinge positiv zu sehen. Kein Parkplatz direkt vor der Tür? Na, dann hab ich wenigstens etwas Bewegung an der frischen Luft. Schlange stehen? Na und, dann nütze ich die Zeit eben für einen kurzen Plausch mit jemandem in der Schlange.

Wenn ich bei den unangenehmen Dingen die positiven Aspekte bewusst suche, dann finde ich sie auch. Das braucht nur ein bisschen Übung, und es steigert die Lebensqualität ungemein. 

Nimm das Leben nicht zu ernst, du kommst da eh nicht lebend raus. Ja, aus dem Leben werd ich sicher nicht lebend rauskommen. Und der Tod ist eine sehr ernste Angelegenheit. Aber gerade, weil ich weiß, dass mein Leben begrenzt ist, will ich nicht überernst leben.

Ich will ja gar nicht aus dem Leben rauskommen, sondern voll im Leben drin sein. Und um das richtig auskosten zu können hilft es schon, meine Alltagsproblemchen nicht zu ernst zu nehmen. Die werden mich schon nicht umbringen.

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„Die Zeit ist abgelaufen". Ich kann diesen Satz nicht ausstehen. Bei jeder schriftlichen Prüfung war mir dieser Satz zuwider. Die Zeit ist abgelaufen. Das bedeutet, dass mir für eine Aufgabe eine bestimmte Zeit zugestanden wird. Von jemand anderem. Furchtbar. Ich hab mir immer gewünscht, dass ich einfach sagen kann: Die Zeit soll sich gefälligst danach richten, wann ich fertig bin. Aber leider hab ich für die meisten Dinge im Leben nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung. Sogar für das Leben selbst.

Durch die Geburt bekommt jeder Mensch ein Leben geschenkt. Ich starte in mein Leben mit Unmengen an Tagen, Minuten und Sekunden, die nur ich selbst leben kann. Irgendwann ist meine Lebenszeit dann aufgebraucht. Am Ende meines Lebens steht der Tod. Kein Mensch ist unsterblich auch ich nicht. Das ist grausam? Ja.

Als mir das bewusst wurde, fand ich diesen Gedanken furchtbar. Ich finde es gemein, dass ich nicht einfach endlos vor mich hinleben kann, sondern mit jeder Minute auch eine Minute meiner Lebenszeit verbrauche. Diese Minute bekomme ich nie wieder zurück. Was weg ist, ist weg. Andererseits glaube ich, dass mir dieser Gedanke auch ganz neue Möglichkeiten gibt. Die Möglichkeit, das Leben als das anzuerkennen, was es ist: Ein Geschenk. Ich habe keinen Antrag auf mein Leben gestellt und ich habe es nicht selbst gemacht. Dass ich überhaupt lebe empfinde ich als ein Glück und ich bin sehr dankbar dafür.

Es liegt an mir, diese geschenkten Tage und Minuten mit Leben zu füllen. Ob ich weine, lache, spiele, arbeite oder mich einfach nur ausruhe. Ich selbst kann meine Lebenszeit so füllen, dass es nicht zu viel verschwendete Zeit gibt. Dabei geht es nicht darum, dass ich andauernd was tun muss. Auch eine Minute des Nichtstuns ist eine wertvolle Minute. Genuss kann niemals verschwendete Lebenszeit sein.

Die Zeit läuft nicht einfach so ab, sondern mit mir. Jede Minute, in der ich lebe, ist eine wertvolle Minute. Denn im Endeffekt geht es nicht um die ver-lebte Zeit, sondern um die ge-lebte Zeit.

 

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Vollbremsung!! Ich fahre gerade mit 120 Sachen auf der Überholspur, da zieht so ein Voll-Ego aus der Mittelspur vor mich und gefährdet sein und mein Leben. Ohne meine Vollbremsung hätt's gekracht. Rücksichtslos! Im wahrsten Sinne des Wortes. Vermutlich hat er einfach nicht in den Rückspiegel geschaut, sonst hätte er mich gesehen. Wie unvorsichtig.

Ich hätte ja nicht gedacht, dass Rück-sicht und Vor-sicht so eng zusammenhängen. Vorsichtig zu fahren heißt immer auch, Rücksicht auf die anderen zu nehmen.

Ich muss beides tun: Vorausschauen, um zu sehen, ob meine Richtung stimmt und was vor mir passiert. Und der Blick in den Rückspiegel sagt mir, was hinter mir geschieht. Hätte der gute Mann sich eine Rück-Sicht erlaubt, dann hätte er sich wohl ganz anders verhalten.

Im Leben ist es ja ähnlich. Schon komisch, dass mir das erst auf der Autobahn klar wird. Die Orientierung nach vorne brauche ich, um zu erkennen, wo ich hin will. Meine Ziele liegen vor mir und ich muss schauen, dass ich sie erreiche. Trotzdem darf ich nicht einfach rücksichtslos meinen Weg gehen. Ich muss aufpassen, dass ich durch meine Handlungen niemanden in die Quere komme. Vielleicht muss ich mich auch einfach mal überholen lassen. Von Menschen, die erfahrener, schlauer, kreativer, schneller, besser oder geschickter sind als ich. Die sind dann einfach besser ausgestattet und ich muss mich mit meiner Stellung zufrieden geben. Ich kann ja auch nicht mit meinem Clio einen Porsche überholen. Dann muss ich halt auf der Mittelspur bleiben. Wenn ich die Möglichkeit habe und die Bahn frei ist, kann ich ja immer noch Gas geben. Nur muss ich darauf achten, dass ich Rück-Sicht übe und aufpasse, dass die Menschen unverletzt bleiben, die ich hinter mir zurücklasse.

Im Job wie auf der Autobahn ist es, finde ich, dasselbe Prinzip:

Es geht nicht um die Geschwindigkeit, mit der ich mein Ziel erreiche. Es geht darum, körperlich und seelisch unversehrt anzukommen. Mit Rücksicht und Vorsicht.

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Frühling! Nach diesem langen und dunklen Winter brauche ich den Frühling mehr denn je. Ich liebe es, wenn die ganze Welt zu neuem Leben erwacht. Wenn die Sonne die Welt mit ihren Strahlen wärmt, die Blumen in bunten Farben leuchten, die Vögel um die Wette singen und das Gras wieder wirklich grün ist. Jedes Jahr habe ich das Gefühl, dass mit der Natur auch ich zu neuem Leben erwache. 

Meistens mache ich dann einen langen Spaziergang. Die frische Frühlingsluft füllt meine Lungen und ich lasse mich gerne davon beeindrucken, was die Erde da wieder für bunte Wunder hervorbringt. Genau das ist die Natur für mich: Ein Wunder. Wenn ich so durch die Natur laufe und alle Eindrücke auf mich wirken lasse, dann scheint mir das alles fast zu schön um wahr zu sein. Immer wieder habe ich mich gefragt, woher das alles kommt. Und immer wieder komme ich zu dem Ergebnis, dass Gott dahinter stecken muss. Ich meine jetzt nicht, dass er seine Hand aus dem Himmel streckt und jedes Blümlein einzeln aus dem Boden zupft. Aber hinter dieser ganzen Pracht muss doch irgendeine Idee stecken. Es scheint mir unvorstellbar, dass diese Schönheit der Natur einfach so passiert sein soll.

Oft genug muss ich mir anhören, dass mein Gefühl nur kindlich-naive oder religiöse Schwärmerei sei. Schließlich kann man den Aufbau eines Blütenblatts unter dem Mikroskop betrachten;  Biologische Entwicklungsprozesse in Formeln darstellen; Die Natur wissenschaftlich untersuchen. Ich streite ja auch nicht ab, dass die Entwicklung der Natur wissenschaftlich erklärt werden kann, aber ich glaube trotzdem, dass die Grundidee für diese Pracht von Gott kommt. Denn auch die Naturwissenschaft stößt immer wieder an die Grenzen des Erklärbaren.

Max Planck, Träger des Nobelpreises für Physik, hat zu diesem Thema etwas gesagt, das ich sehr schön finde. Und zwar: „Für den gläubigen Menschen steht Gott am Anfang aller Überlegungen, für den Wissenschaftler am Ende.

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Was ist Freiheit? Viele Menschen antworten auf diese Frage: tun zu dürfen, was immer ich will. Die Antwort ist irgendwie logisch. Frei bin ich dann, wenn ich mich an keine Regeln halten muss. Einfach das tun kann, wonach mir gerade der Sinn steht. Auf den ersten Blick hört sich das für mich toll an. Arbeiten können, wann ich will, faulenzen wann und wie ich will, nicht mehr einkaufen müssen. So stellt man sich doch ein schönes Leben vor.

Ich lasse mich auf dieses Gedankenexperiment ein und spiele das Leben  in dieser absoluten Freiheit mal durch:

Ich würde morgens erst mal richtig ausschlafen. Vielleicht so bis 11 Uhr. Dann würd ich aufstehen, Kaffee trinken, ausgiebig Frühstücken und Zeitung lesen. Vielleicht nachmittags ein bisschen raus gehen. Dann Mittagessen, mich mit einem tollen Buch auf das Sofa legen. Abends vielleicht ins Kino und dann heim ins Bett. Eine tolle Vorstellung.

Warum sollte ich das nicht einfach mal machen?  - Weil es nicht funktioniert! Vielleicht hat ja der Bäcker, beschlossen, dass er heute auch seine Freiheit genießen will, statt zu arbeiten. Dann fehlt mir mein Frühstück. Oder vielleicht steckt die Zeitung nicht im Briefkasten weil der Austräger heute seine Freiheit genießen wollte oder die Journalisten keine Lust hatten, sich um die Themen der Weltgeschichte zu kümmern.  

Spätestens wenn ich kein Geld mehr habe, weil ich nicht mehr arbeiten gehe, wird es eng. Dann kann ich nicht mehr kaufen, was ich will, sondern muss nehmen, was ich vom Staat  bekomme. Aber das ist sicher nicht das, was ich mir unter absoluter Freiheit vorgestellt habe.

Freiheit im Sinne von „tun was man will" gibt es einfach nicht. Natürlich muss ich arbeiten, um Geld zu verdienen. Und natürlich muss ich mich an gesellschaftliche und rechtliche Regeln halten. Aber dafür kann ich dann meine Freizeit so gestalten, wie ich will. Und wenn ich überlege, was ich tatsächlich alles frei entscheiden und tun kann, dann akzeptiere ich diese Grundregeln gerne.  Eigentlich ist es paradox aber es funktioniert nur so. Nur wenn ich mich an Regeln halte, kann ich meine Freiheit tatsächlich leben.

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Könnten Sie bitte mein Auto ausparken? Der Mann vor mir schaut mich an, als wär ich ein neongrünes Heinzelmännchen. Dann runzelt er die Stirn und fragt mich, ob das mein Ernst sei. Ich lächle ihn freundlich an, halte ihm meine Autoschlüssel hin und sage: „Die Autos stehen so eng, dass ich Angst habe, beim Ausparken eines zu beschädigen. Ich habe aber gesehen, wie sie gerade zielsicher eingeparkt haben. Würden Sie bitte mein Auto ausparken?" Mit einem Schmunzeln hat er es schließlich getan; besser, als ich es je hinbekommen hätte.

Schwierige Parksituationen sind einfach eine Schwäche von mir. Warum sollte ich mir nicht von jemandem helfen lassen, der das super kann? Die Verwunderung meiner Helfer ist allerdings verständlich. Dass man von wildfremden Menschen um Hilfe gebeten wird, ist wirklich nicht alltäglich. Denn es ist ja auch gar nicht so leicht, jemanden um Hilfe zu bitten.  Die Bitte um Hilfe drückt immer aus, dass ich etwas alleine nicht schaffe. Und irgendwie scheint es ein Zeichen von Schwäche zu sein, wenn man etwas nicht alleine schafft. Schwäche wiederum ist in unserer  Gesellschaft nicht gut angesehen. Jeder will möglichst stark und erfolgreich sein, sein Leben alleine meistern, eben ohne die Hilfe von anderen.

Dabei ist es nicht unbedingt eine Stärke, wenn man die Hilfe anderer ausschlägt. Wenn ich mir von niemandem helfen lasse, dann nehme ich mir ja die Chance, dazuzulernen und mich oder meine Lebenssituation zu verbessern.

Kinder sind da viel offener als wir Erwachsene. Vielleicht bin ich da auch von meinem Schulalltag als Lehrerin verwöhnt. Hier ist die Bitte um Hilfe eine Selbstverständlichkeit. Und im Gegensatz zu Erwachsenen ist es für Kinder nicht unbedingt eine Schwäche, Hilfe zu verlangen. Im Gegenteil. Kinder begreifen, dass ihnen gute Ratschläge und Hilfestellungen gut tun und sie weiter bringen. Wer sich helfen lässt, der kann lernen, seine Schwächen zu überwinden. Ich finde diese Einstellung toll. Das Erlebnis, etwas dazugelernt zu haben, sollte immer größer sein als die Angst davor, eine Schwäche einzugestehen.

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