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SWR3 Gedanken

Zwischenzeiten. Es gibt immer wieder Zwischenzeiten im Leben. Ich habe  gelernt, dass man sie leben muss, oft auch aushalten muss, damit man in die nächste Lebensphase eintreten kann. Neutrale Zonen werden diese Zwischenzeiten auch genannt. Die Zeiten nach einer Trennung oder die Zeiten zwischen den Paarbeziehungen und der Elternphase. Die Phase, zwischen dem Berufsleben und der Rente oder zwischen der Trennung oder dem Tod des Partners und der Zeit danach. Die neutralen Zonen sind das Niemandsland zwischen dem was war, von dem ich mich verabschieden muss und dem was noch nicht ist, aber kommt, kommen muss, damit das Leben lebendig bleibt.
Alle Psychologen und Theologen raten Menschen in den neutralen Zonen diese auszuhalten, mit allen Schmerzen, mit aller Orientierungslosigkeit und aller Trauer, die es dabei auch gibt. Und nicht versuchen sie mit Ablenkung und Betriebsamkeit zu überdecken. Das ist leicht gesagt, ich weiß. Und schwer getan, und auch schwer auszuhalten. Es ist aber vielleicht leichter wenn man ab und zu eine Auszeit nimmt. Sich immer wieder genügend Zeit für sich selbst nimmt. Es ist auch leichter wenn man eine Begleiterin oder einen Begleiter dabei hat. Die meinen Stillstand zulassen, aushalten können. Weil sie wissen, dass es nicht dabei bleibt. Weil sie wissen, dass in der Winterstarre schon der Frühling steckt. Und dass es Zeit, seine Zeit braucht bis das Leben wieder blüht und sprießt. Darum lohnt es sich auf jeden Fall diese Zwischenzeiten zuzulassen, sie zu spüren, zu leben, sie reifen zu lassen. Damit ich in die neue Lebensphase hineinwachsen kann. Damit ich mich entwickeln kann in diesem meinem Leben. Denn das Leben ist Entwicklung. Von seinem Anfang an bis zu seinem Ende.

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Es passiert immer ganz plötzlich - bei einem selbst und bei anderen: Wenn man den wunden Punkt berührt hat, dann gibt es oft unerwartete, ja heftige Reaktionen und man weiß meistens nicht warum die Reaktion so heftig ist, weil ja niemand seinen wunden Punkt zur Schau stellt. Die meisten Menschen, die ich einigermaßen gut kenne, haben einen solchen wunden Punkt, ich auch. Und oft trägt man ihn ein Leben lang mit sich herum. Bei dem Einen ist es eine zerbrochene Beziehung, bei einem Anderen ein Fehler, den er sich nicht verzeiht oder jemand hat in einer entscheidenden Situation versagt. Die Möglichkeiten sind so vielfältig wie die Menschen. Die Möglichkeiten den wunden Punkt zu heilen aber nicht. Sie sind bei allen gleich: Am Anfang der Heilung des wunden Punktes steht dass ich ihn sehe, ihn annehme als Teil meines Lebens. Ganz wichtig auch, dass  ich nicht allein mit ihm bleibe, sondern rede, mit einem Freund, mit der Partnerin, mit Gott oder einem Therapeuten. Egal, Hauptsache es ist ein geschützter Rahmen, in dem ich diese Intimität gut aufgehoben weiß. Zum wunden Punkt gehört auch, dass er immer wieder auftaucht, dass er versorgt, gehegt und gepflegt werden muss, wie eine Wunde eben. Dass man ihn aber auch immer wieder in Ruhe lassen muss. Damit er heilen kann. Es ist dieses behutsame Hin und Her zwischen in Ruhe lassen und Pflegen, das den wunden Punkt dann irgendwann einmal heilt und ihn zur Narbe macht. Einer Narbe, die zwar noch an den wunden Punkt erinnert, aber nicht mehr weh tut. Endlich nicht mehr weh tut...

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Es ist eine Figur, die find ich schräg und faszinierend zugleich: Simeon der Stylit, ein sogenannter Säulenheiliger. Simeon hat vor ungefähr 1600 Jahren im heutigen Syrien gelebt. Er war wohl ein besonders radikales Exemplar von Gottsucher. Er wurde Mönch und tat sich im Kloster durch so unmenschliche Bußübungen hervor, dass er gebeten wurde das Kloster zu verlassen. Also ging er ins Gebirge, wo er in einen trockenen Brunnenschacht stieg um dort aufrecht stehend Gott zu loben. Nach fünf Tagen zogen ihn seine Mitbrüder wieder entsetzt ans Tageslicht. Da ließ er sich mit einer Kette an einen Felsen schmieden, damit er dort „Tag und Nacht mit den Augen des Glaubens und des Geistes jene Dinge betrachten könne, die über dem Himmel sind", so die Legende. Das zog Menschen an, die diesen verrückten Heiligen sehen wollten. Was ihn natürlich wieder in seiner Ruhe und Gottesschau störte. Dann hatte er die Idee auf eine Säule zu steigen. Zwanzig Meter über der Erde auf einer kleinen Plattform hinter einer kleinen Balustrade - um weg von den Leuten zu sein, endlich ungestört zu sein. Dreißig Jahre soll er dort gelebt haben, meist aufrecht stehend auf dieser Säule, daher sein Name Simeon der Stylit, das heißt der Säulenheilige. Aber auch da oben, zwanzig Meter hoch über den Menschen hatte er keine Ruhe. Sie kamen in Scharen und von weit. Nicht nur um diese unglaubliche Figur zu sehen, sondern auch um von seinen Erfahrungen zu hören und um sich von ihm beraten zu lassen. Er schlichtete Streit und jeder nahm seine Ratschläge oder Schiedssprüche an. Und die Moral von der Geschicht'? Verrückt ist nicht nur verrückt. Und wenn du Gott für dich allein haben willst, schickt er dir Menschen.

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Heute wird der 2. Ökumenische Kirchentag in München eröffnet. Für die, die mit den Kirchen nicht so vertraut sind: Zum zweiten Mal versammeln sich evangelische, katholische und orthodoxe Christen in Deutschland um über ihren Glauben nachzudenken, über ihre Rolle als Christen in der Gesellschaft zu diskutieren und miteinander zu feiern. Für Kirchenferne mag es nicht nachvollziehbar sein warum die Christen noch immer getrennt sind und es etwas Besonderes sein soll, dass sie sich alle mal wieder irgendwo treffen. Das kann ich auch gut verstehen, denn manche der Dinge, die die christlichen Kirchen trennen sind nur von Glaubensfachleuten zu durchschauen. Manche Dinge lassen sich aber auch nicht so locker vom Hocker ändern, denn sie wurden ja seit Jahrhunderten so und eben anders gelebt. Und in Glaubensdingen ist es wie in Herzensdingen, da ist man eben nicht ganz so fix. Aber trotzdem möchte ich die Vision einer christlichen Kirche nicht aufgeben. Und statt immer nur auf die Trennungspunkte zu starren, möchte ich lieber mal das beschreiben, was mir als Katholik an den anderen christlichen Konfessionen gefällt. Zum Beispiel dass die evangelischen Christen die Bibel so gut kennen und sie auf den privaten wie auch auf den politischen Alltag anwenden. Oder dass sie demokratisches Verhalten und christlichen Glauben so organisch miteinander verbinden. Und ganz besonders dass Frauen am Altar und auf der Kanzel stehen. Bei den orthodoxen Christen mag ich die Gottesdienste, in denen man sich auch bewegen kann und vor allem mag ich die meditative Stimmung. Durch die uralten Gesänge, den Weihrauch, die vielen Kerzen und die goldenen Ikonen. Allein die paar schönen Andersartigkeiten lassen mich die Hoffnung nicht aufgeben, dass die christlichen Kirchen irgendwann einmal wieder unter einem Dach zusammen finden. Einem Dach, unter dem Schätze nicht getrennt werden, sondern gehütet und geteilt.

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Was gibt es nicht für tolle Worte! Große Worte, die Geschichte gemacht haben. „I have a dream", „Yes we can" oder " Wir sind das Volk". Sie haben begeistert und was bewegt. Hoffnungen, Visionen kompakt in drei- vier Worte gepackt, mit Atem, Stimme und Gefühl in Köpfe und Herzen zahlloser Menschen geschickt. Das ist groß, das ist schön und wichtig. Es gibt aber auch kleine große Worte. Sie richten sich nicht an Menschenmengen oder den Lauf der Geschichte, sondern an Einzelne und den Lauf ihres ganz persönlichen Lebens. Und diese kleinen großen Worte sind mindestens so wichtig wie die großen großen Worte. Denn die kleinen großen Worte werden im Verborgenen gesprochen. Und immer dann, wenn das Leben dicht wird, in die Tiefe geht oder an Grenzen kommt.  Zum Beispiel Worte wie: „Lass gut sein", gesprochen zu jemanden, der nicht mehr aufhören kann zu arbeiten oder zu lernen, „lass es gut sein". „Trau dich" - zu jemandem, der Angst hat, vor einer Prüfung, einer Situation oder einem Menschen. „Du schaffst das", gesprochen zu jemandem, der zu sehr an sich selbst zweifelt. „Ich weiß", zu einem Menschen, der von seiner Verzweiflung, seiner Traurigkeit erzählt. „Ich weiß". „Ist gut", zu einem Menschen, der weint, endlich weinen kann. „Ist ja gut". „Komm", gesprochen zu einem Menschen, der einsam ist oder scheu. „Komm"...

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Nichts, gar nichts bei sich haben, nur die Kleider am Leib. Auf diesen Gedanken bin ich gekommen als ich meinen Sohn vom Bahnhof abgeholt habe. Den Studenten auf Kurzbesuch zu Hause. Und nach Hause kann man ja schon mal ohne alles kommen. Es war schön anzusehen wie er so lässig am Geländer lehnte ohne Rucksack, Tasche oder Laptop, was er sonst immer dabei hat. Es hat so leicht ausgesehen, so frei und im Wortsinn unbeschwert. Denn was hat man nicht so alles mit sich rumzuschleppen im Alltag. Schlüssel, Brieftasche, Handy, ganz zu schweigen von beruflichen Schwergewichten wie Aktenmappen oder Laptops. Oder Frauen, die in ihren Handtaschen alles für die Schönheit und oft ein ganz wunderbares Alltags-Notfall-Set dabei haben. Und besonders viel zu tragen haben Frauen und manchmal ja auch Männer mit kleinen Kindern. Die Kinder selbst, ihre Buggies, ihre Fläschchen, Schnuller und die Kuscheltiere. Mal gar nichts bei sich haben als sich selbst. Wie muss sich das anfühlen, körperlich und seelisch. Mal alle Lasten, Belastungen ablegen und nur als Heike Müller oder Peter Kottlorz durch den Tag gehen. Und leicht sein, frei. Mich in kein Buch vertiefen und auf kein Handy starren, die Natur sehen, wie alles wieder wächst, wie Leben in die Welt kommt, die Vögel hören. Die Menschen anschauen, ihre Gesichter, ihren Gang und wie sie miteinander umgehen. Nichts bei mir haben, nur mich selbst, ein äußerst seltener Zustand oder vielleicht mal eine interessante Übung. Die mich daran erinnert wie ich in diese Welt gekommen bin und wie ich sie wieder verlassen werde. Mit nichts als mir selbst...

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Brot. Knuspriges Brot. Und ein Krug Wasser. Darum geht es in einem der für mich schönsten Texte der Bibel. Er geht weit zurück in die Geschichte Israels. Sie handelt vor rund 3000 Jahren vom Propheten Elia. Propheten waren Männer die kein Blatt vor den Mund genommen und sich für die Menschen und ihre Religion eingesetzt haben. Manchmal bis zur völligen Erschöpfung. Einer der kernigsten dieser Propheten war Elia. Völlig fertig von den lebensgefährlichen Auseinandersetzungen mit seinen Gegnern flüchtet er in die Wüste. Und will sterben. Setzt sich unter einen Ginsterstrauch und sagt: „Es ist genug, Herr. Nimm mein Leben..." legt sich unter den Strauch und schläft ein. Da kommt ein Engel, berührt ihn und sagt: „Steh auf und iss!" Elia setzt sich auf, schaut um sich und sieht ein Stück Fladenbrot, frisch gebacken in glühender Asche. Und einen Krug Wasser. Elia isst, trinkt und legt sich wieder hin. Da kommt der Engel ein 2. Mal, rührt ihn an und sagt: „ Steh auf und iss, sonst ist der Weg zu weit für Dich!" Elia steht auf, isst, trinkt und wandert durch diese Speise gestärkt weiter. Ich mag diese Geschichte sehr. Weil sie so reduziert ist, so klar: ein Mensch der fix und fertig ist, Brot, Wasser und ein Engel. Und es ist mir nicht so wichtig ob dieser Engel nun als „echter" Engel zu sehen ist. Wichtig ist mir an dieser Geschichte wie wunderbar einfach dieses wahrhaft himmlische Wesen mit einem Menschen umgeht der am Ende ist. „Steh auf und iss!" Keine große Worte, keine guten Ratschläge und keine moralischen Appelle, sondern nur „Steh auf und iss!" Bleib dran am Leben. Komm erst mal wieder zu Kräften. Und schlafe. Schlaf den Schlaf der für die Menschen so heilsam ist, wenn sie erschöpft sind an Leib oder Seele. Und noch was Wichtiges: der Engel bleibt da, bleibt bei dem der sich erholen muss. Und erst als der wieder kann erinnert er ihn sanft daran, dass das Leben weiter geht. Und dann geht Elia weiter...

 

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