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SWR3 Gedanken

Eine erfundene Geschichte, die aber - wie so viele erfundene Geschichten - wahrer ist als manche wirklichen:
Ein alter Mann zeigte mir ein leeres Glas und füllte es mit Steinen. Danach fragte er mich ob das Glas voll sei. Ich stimmte ihm zu.
Er nahm eine Schachtel mit Kieselsteinen aus seiner Tasche und schüttete diese in das Glas. Natürlich rollten sie in die Zwischenräume. Wieder fragte er mich ob das Glas nun voll sei. Lächelnd sagte ich ja.
Der Alte seinerseits nahm nun wieder eine Schachtel. Diesmal war es Sand. Er schüttete diesen in das Glas und auch der verteilte sich in den Zwischenräumen.
Nun sagte der alte Mann: „Ich möchte, dass Du erkennst, dass dieses Glas wie dein Leben ist. Die großen Steine sind die wichtigen Dinge im Leben, wie zum Beispiel Deine Liebe, Deine Familie, Deine Gesundheit. Also Dinge, die, wenn alle anderen wegfielen und nur Du übrig bleibst, Dein Leben immer noch erfüllen würden.
Die Kiesel sind andere, weniger wichtige Dinge, wie zum Beispiel Deine Arbeit, Dein Haus, Dein Auto.
Der Sand symbolisiert die ganz kleinen Dinge im Leben. Wenn Du den Sand zuerst in das Glas füllst, bleibt kein Raum für die Kieselsteine und die großen Steine.
So ist es auch in Deinem Leben.
Wenn Du all Deine Energie für die kleinen Dinge im Leben aufwendest, hast Du für die großen keine mehr.
Nimm Dir Zeit für die Liebe und Deine Familie, achte auf Deine Gesundheit, es wird noch genug Zeit geben für Arbeit, Haushalt usw..
Achte zuerst auf die großen Steine, denn sie sind es die wirklich zählen...
Der Rest ist nur Sand.
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Es ist einfach weit weit weg: Birma oder Myanmar, wie sich dieses Land in Südostasien selbst nennt. Weit weg in unserer kurzlebigen Medienwelt bereits auch die Katastrophe die Birma im Mai getroffen hat.
Der Zyklon Nargis hat dieses Land mit unvorstellbarer Wucht getroffen. Die Schätzungen über die Opfer dieses Wirbelsturms schwanken zwischen 150. und 200.000 Menschen. Unfassbar allein diese Zahlen bei denen man nicht weiß ob 50.000 Menschen mehr oder weniger gestorben sind. Menschen und nicht Zahlen, Menschen hinter denen ein einmaliges Schicksal steht. Und mit jedem Einzelnen die Schicksale ihrer Angehörigen und Freunde. Menschen wie Lin Lin Oo, ein 6jähriges Mädchen, das durch den Wirbelsturm seine Eltern verloren hat. Die Ordensschwester, die sie betreut beschreibt sie als gefasst und schweigsam. Aber nachts würde sie viel weinen. Sie und Hunderte andere Waisenkinder brauchen Hilfe. In der Katastrophe nach der Katastrophe. Denn Birma ist über weite Teile zerstört. Die Vereinten Nationen gehen von einer 3jährigen Wiederaufbauphase aus. Aber 60 Prozent des Geldes dafür fehlt. Und die Menschen brauchen Hilfe die seelische Katastrophe zu verarbeiten. Dabei helfen Kindern zum Beispiel Schulsachen, mit denen sie nach und nach wieder in den Alltag finden.
In Birma herrscht eine brutale Diktatur. In den ersten Tagen nach dem Zyklon wurden nicht mal Hilfsorganisationen ins Land gelassen. Aktuelle Nachrichten erhält man nur sehr schwer aus diesem geplagten Land. Kirchliche Hilfswerke wie Caritas, Diakonie oder Misereor haben gute Kontakte zu vertrauenswürdigen einheimischen Hilfsorganisationen. Diese einheimischen Organisationen haben sich vor kurzem mit einem Hilferuf an ihre deutschen Partner gewandt und sie inständig gebeten: „Vergesst uns Menschen in Birma nicht!!“
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Ein Tumor im Darm, Metastasen im ganzen Körper und eine Lebenserwartung von 6 Monaten. Welche Diagnose kann schlimmer sein. Wie würde ich reagieren, was würde ich tun? Kurt Peipe, ein 65jähriger Gärtnermeister fiel nach diese Diagnose natürlich in ein tiefes Loch. Aber danach wurde ein Traum, den er schon lange hatte immer stärker: er wollte nach Rom pilgern, zu Fuß, auf dem europäischen Fernwanderweg Nummer 1. – 3.352 Kilometer von Flensburg bis Rom. Alle hielten ihn für verrückt, bei Blutwerten mit denen man eigentlich nur bis zur nächsten Straßenecke kommt. Aber er ging los. Mit halber Kraft wie er sagte. Wichtig sei es den ersten Schritt zu machen, und den zweiten und dann den nächsten. So wanderte der Todkranke mit 30 Kilogramm Gepäck gegen alle Schmerzen, Schwächeanfälle, Kälte und Hitze an. Und – er fühlte sich wohler! „Ich war am Leben und unterwegs“, sagte er, „das feuchte Zelt und der klamme Schlafsack waren mir tausendmal lieber als ein Krankenhausbett. Auf seiner Wanderschaft entdeckte er einen anderen, viel offeneren, leichteren Kurt Peipe als früher und erfuhr, dass die Menschen viel besser sind als ihr Ruf. Wenn er um einen Zeltplatz im Garten gebeten hatte, erhielt er oft ein warmes Bett. Wenn er nach Wasser fragte, ein ganzes Frühstück. Nach 167 Tagen ist er in Rom angekommen, hat es tatsächlich geschafft. Seine Blutwerte haben sich um das Doppelte verbessert und aus einem Todkranken, der eigentlich nur noch 6 Monate zu leben hat, wurde ein Mensch mit dem Gefühl – viel Zeit zu haben. Erfüllte Zeit. Es komme nicht darauf an wie lange man lebe, sondern wie man lebe, hat er gesagt. Und ein Buch über seine Pilgerreise geschrieben. Am Tag als es erschienen ist, ist Kurt Peipe gestorben.
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„Was würden Sie tun, wenn Sie nur noch ein Jahr zu leben hätten?“ Diese Schockerfrage haben zwei Psychologinnen 350 Personen im Alter von 30 bis 80 gestellt. Die Antworten darauf waren ziemlich einheitlich: Zwei Drittel der Befragten sagten, sie wollten mehr Zeit mit Menschen verbringen, die ihnen lieb sind. Sie würden ihr Leben ordnen, Konflikte beilegen, den Liebsten zeigen, wie gern sie sie haben. Dreiviertel der Befragten wollten endlich Dinge tun, die sie lange hinausgeschoben: ein Konzertbesuch, eine Sportart beginnen oder die klassische große Reise machen. Ein kleiner Prozentsatz, vor allem Jüngere, würde es so richtig Krachen lassen, die Schule schmeißen, Party machen, Geld auf den Kopf hauen oder etwas tun, was man sich bisher verboten hatte. Diese Gedanken kommen einem vielleicht bekannt vor. Was aber tun die Menschen, die tatsächlich nur noch ein Jahr zu leben haben? Davon berichten Mitarbeiter in Sterbehospizen. Und das sieht ganz anders aus als die Vorstellungen von Menschen die nicht wirklich vom Tod bedroht sind. Menschen, die tatsächlich nicht mehr lange zu leben haben reagieren so unterschiedlich darauf wie unterschiedlich sie eben sind: Die einen wollen ganz alltägliche, scheinbar banale Dinge tun: Die Sonne auf der Haut spüren, über den Markt schlendern oder Blumen riechen. Andere wollen gar nichts mehr, nichts klären, nichts abschließen, nichts bekommen, nichts mehr erleben. Und manche können gar nichts mehr tun, wegen ihren Schmerzen.
Was aber allen Todkranken gemeinsam ist, sie werden authentischer, geradliniger, kümmern sich nicht mehr um Konventionen. Es geht ihnen weniger ums Machen und mehr ums Sein. Weniger ums wünschen und mehr ums Weglassen. Sie grübeln nicht mehr so viel, planen und sorgen sich weniger. Der Moment zählt. Alles wunderbare Verhaltensweisen. Aber was sind wir Menschen doch für eigenartige Wesen, dass wir es oft erst schaffen so zu leben, wenn wir sterben müssen.
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Mittagessen bei Schwiegermuttern. Ich war froh, dass sie mich eingeladen hatte, weil ich unter Zeitdruck war. Und weil sie weiß, dass ich gern Fisch esse, hatte die beste aller Schwiegermütter eben Fisch gemacht. Richtig guten Fisch, aber was für einen: Victoriabarsch! Treffer! Nicht nur weil dieser Fisch wirklich hervorragend schmeckt, sondern weil er bei der Familie Kottlorz auf der schwarzen Liste steht. Nicht weil er zu teuer oder ungesund ist, sondern aus politischen und ökologischen Gründen. Victoriabarsch ist das Paradebeispiel für den entfesselten Raubtierkapitalismus. Dieser Fisch gehört nicht in den Victoriasee. Er wurde vom nordafrikanischen Nil in den zentralafrikanischen Victoriasee eingesetzt und hat sich dermaßen rapide vermehrt, weil er dort massenhaft Futter in kleineren Fischen gefunden hat. Und zwar so, dass er nicht nur massenhaft in der Zahl zugenommen hat, sondern er selbst auch in seiner Masse. Er wurde ein Riesenfisch mit richtig fetten Filetstücken. So hat er aber auch ein Riesenloch in die Nahrungskette des Victoriasees gerissen und großen ökologischen und auch wirtschaftlichen Schaden angerichtet. Die Fischer vor Ort bekommen, weil sie sich den Victoriabarsch selbst nicht leisten können, nur die Abfallteile wie Kopf, Schwanz oder Gräten. Die Filetstücke werden nach Europa geflogen. Dort wird die Delikatesse frisch und relativ günstig auf den Markt gebracht.
Und zu schlechterletzt bringen die Flugzeuge, die den Fisch nach Europa fliegen auf ihren Rückflügen immer wieder auch Waffen nach Afrika.
Meiner Schwiegermutter ist das alles zu kompliziert und sie wollte ihrem Sohn nur eine Freude mit einem leckeren Essen machen. Darum habe ich mich in dem klassischen Wertkonflikt – den moralisch ungenießbaren Fisch nicht essen oder meiner Schwiegermutter eine Freude machen – für letzteres entschieden. Aber dieser für mich nun allerletzte Victoriabarsch war dann schon ein schrecklich genussloser Genuss.
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„In jedem Mensch steckt ein Bild dessen, was er werden soll. Solange er das nicht ist, ist sein Friede nicht voll.“ Ein so toller wie alter Satz! Er ist von Angelus Silesius, einem schlesischen Dichter und Theologen, der im 17. Jahrhundert gelebt hat. „In jedem Menschen steckt ein Bild dessen, was er werden soll“... Ja, da hat er schon recht, der alte Schlesier. Wenn ich etwas absolut möchte, genau spüre, irgendwie weiß, das es richtig und wichtig für mich ist, dann sehe ich dieses Bild in mir, spüre es, habe eine Ahnung wie es aussieht und arbeite daran, es zu verwirklichen.
Gute Pädagogen merken das und helfen Kindern dabei sie selbst zu werden, begleiten die jungen Menschen bei ihrer Arbeit an der Vision ihrer Person.
Ich bin fest davon überzeugt, dass in jedem Menschen dieses Bild von sich steckt. Leider ist es aber oft verdeckt, verschüttet oder geblockt. Ich werde nie vergessen, wie einer meiner Deutschlehrer meinem damals ca. 10-12jährigen Schulkollegen empfohlen hat, das Gymnasium zu verlassen und auf den Bau zu gehen. Dieser Schüler ist heute einer der besten Nachwuchsschriftsteller in Deutschland, ausgezeichnet mit vielen Preisen. Nur gut, dass er an seiner Vision von sich selbst dran geblieben ist und sich nicht von einem unsensiblen Pseudopädagogen davon abbringen ließ. „In jedem Mensch steckt ein Bild dessen, was er werden soll, so lange er das nicht ist, ist sein Friede nicht voll“. Allein der zweite Teil dieser Weisheit lässt Menschen wie meinen Schulkollegen trotz aller Widrigkeiten nicht aufgegeben. Weil sie den Frieden suchen, den jeder Mensch sucht und der jedem Menschen zu wünschen ist, der volle Friede mit sich selbst.
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Es ist ein todsicheres Geschäft: Bestatter. Pro Jahr sterben rund 800.000 Menschen in Deutschland. Und wenn der Tod kommt, dann sind die Angehörigen der Verstorbenen dankbar, wenn es da Leute gibt, die einen fachmännisch begleiten. Viel von den ganzen organisatorischen Dingen abnehmen, die bei einem Todesfall anstehen. Früher waren die Autos der Bestattungsunternehmen schwarz, heute eher unauffällig grau oder silbern. Der Tod soll nicht gesehen werden und schon gar nicht auffällig werden. Aber das verändert sich. Es gibt es immer mehr alternative Bestattungsinstitute. Zum Beispiel wie „Trostwerk“ in Hamburg. Bei diesem Unternehmen fährt kein schwarzer Leichenwagen vor und auch kein mausgrauer Kombi, sondern ein knallroter Lieferwagen. Mit der Aufschrift „Trostwerk – die anderen Bestattungen“ – wohltuend anders. Die Mitarbeiter von „Trostwerk“ holen den Tod zurück ins Leben.
Da wird ein im Krankenhaus verstorbenes Kind noch einmal nach Hause geholt und dort aufgebahrt. Die Angehörigen können das Verstorbene waschen, streicheln und dann in Sarg legen. Sie können den Tod mit den eigenen Händen spüren und ihn so als Realität annehmen lernen. Was für die Trauer extrem wichtig ist. „Trostwerk“ organisiert auch Trauerfeiern an ungewohnten Orten wie in der Kneipe oder hilft Särge individuell zu gestalten. Indem sie selbst gezimmert oder von Kindern bemalt werden. „Geht nicht – gibt’s nicht“ ist die Devise der alternativen Bestatter. Denn der letzte Weg eines Menschen soll so individuell sein wie es sein Leben war.

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