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SWR3 Gedanken

Als Autofahrer kennen sie vielleicht das Gefühl, das sich einstellt, wenn in einer Autobahnbaustelle plötzlich die weißen Streifen wegfallen und für einige hundert Meter nur der frische schwarze Asphalt vor einem liegt. Ich jedenfalls nehme dann instinktiv den Fuß ein Stück vom Gas, weil mir urplötzlich die gewohnte Orientierung fehlt.
Mit den Heiligen, die die Kirche verehrt, ist das ein wenig so wie mit den weißen Streifen auf der Autobahn. Auch in meinem Glauben brauche ich nämlich immer wieder Orientierung, brauche Menschen, die mir zeigen oder vorleben, wie das gehen kann: den Glauben leben. Die Heiligen waren solche Menschen. Menschen wie sie und ich, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Soldaten und zupackende Sozialreformer waren ebenso darunter wie fromme Ordensleute und vergeistigte Intellektuelle. Manche von ihnen bewundere ich noch heute zutiefst, während andere mir fremd bleiben. Allen aber ist eines gemeinsam: Sie alle hatten auf ihre je eigene Art und Weise eine tiefe Beziehung zu Gott gefunden, die am Ende ihr ganzes Leben prägte. Sie alle hatten durch ihr Leben weit über ihre Zeit hinausgestrahlt, so dass manche von ihnen bis heute noch Wegweiser für Gott-Suchende sein können.
Heute, am Fest Allerheiligen, denkt die Kirche an all jene Menschen, die für andere zu solchen Wegweisern auf Gott hin geworden sind. Das können neben den großen Heiligen der Vergangenheit auch Menschen sein, um deren Glauben niemand weiß als Gott, wie es in einem Gebet heißt. Menschen eben wie sie und ich, die für andere zu Vorbildern im Glauben geworden sind.

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Was hätte alles verhindert werden können, wenn man sich rechtzeitig auf das Eigentliche konzentriert hätte. Wenn man sich aus Machtspielen und Geldgeschäften herausgehalten und seine Energie statt dessen auf das so genannte „Kerngeschäft“ konzentriert hätte.
Nein, die Rede ist ausnahmsweise nicht vom Bankencrash, sondern vom Reformationstag, den die evangelischen Christen heute feiern. Heute vor fast 500 Jahren nämlich soll der Mönch Martin Luther aus Zorn über die Zustände in der damaligen Kirche ein Papier mit 95 Kritikpunkten an die Tür der Wittenberger Schlosskirche genagelt haben. Schon damals ging es ums Geld. Aufrütteln wollte er damit, zum Disput herausfordern, in der Hoffnung seine Kirchenoberen zur Einsicht und zum Kurswechsel zu bewegen. Zurück zum „Kerngeschäft“, zum eigentlichen Auftrag der Kirche, der korrekten Verkündigung des Evangeliums nämlich.
Doch warum den Kurs ändern, wenn der Rubel wunderbar rollt und die ausgedachten Strategien scheinbar aufgehen? Die Chefetage der damaligen Kirche wollte von Kritik am eigenen Gebaren jedenfalls nichts wissen. Man versuchte lieber, den renitenten Kritiker mundtot zu machen, was letztlich allerdings misslang. Das Ende der Geschichte ist bekannt: Es kam zum Crash, zur Spaltung der einen Kirche in die Römisch-katholische und die Kirchen der Reformation.
Die Geschichte hat Martin Luther in Vielem recht gegeben. Seine Kritikpunkte von damals sind heute ausgeräumt. Auch die Katholische Kirche hat sich seitdem grundlegend reformiert. Dass es uns trotzdem bis heute noch nicht gelungen ist, die Spaltung zu überwinden, ist der eigentliche Skandal. Der Reformationstag macht darum jedes Jahr aufs Neue bewusst, dass zwischen den Kirchen nach wie vor eine Wunde offen ist.


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Kinder und Tiere gehen immer, heißt angeblich eine ungeschriebene Fernsehregel. Wenn dann noch beides zusammenkommt brechen schon mal alle Dämme. So wie bei Knut letztes Jahr im Berliner Zoo. Das Bärenkind und sein Pfleger wurden zu Medienstars wider Willen. Dabei war der Tierpfleger Thomas Dörflein, der vor kurzem überraschend starb, wohl vor allem ein Mensch, der nur leidenschaftlich seinen Job machte. Das beinahe hysterische Gedränge am Zaun des Bärengeheges soll ihm immer suspekt gewesen sein. Verwundert soll er einmal gesagt haben, manche Leute am Zaun hätten ausgesehen, als wäre ihnen soeben der Heiland erschienen.
Der Satz hat mir gefallen. Wie schaut man eigentlich, wenn einem der Heiland erscheint und vor allem, was sieht man da? Ein Eisbärjunges und seinen Pfleger? Dem ungleichen Paar erging es damals wie vielen Medienstars, die angehimmelt, bisweilen gar vergöttert werden. Sie werden gleichsam zu Leinwänden, auf die Menschen dann ihre Wünsche oder Sehnsüchte projizieren können. Die Nöte der realen Eisbären oder auch die Gedanken eines Thomas Dörflein interessieren da bestenfalls am Rande.
Was verklärte Besucher tatsächlich in dem kleinen Bären gesehen haben, weiß ich natürlich nicht. Vielleicht war es aber wirklich so etwas wie die Sehnsucht nach der heilen Welt, die es auf Erden nie gab, die ein niedliches Bärenkind aber wunderbar repräsentiert. In den Verheißungen der Bibel aber kommt sie vor und die Hoffnung darauf wird tatsächlich mit dem Heiland verbunden. Am Ende der Zeit nämlich soll er kommen und das ersehnte Heil für alle bringen. Darauf zu vertrauen mag letztlich zwar viel versprechender, aber ganz sicher weniger greifbar sein als ein Heiland im Bärenfell.


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Aus Nichts etwas zu schaffen war eine Gabe, die bisher allein Gott zugeschrieben wurde. Anfang des Jahres 2005 aber gab Josef Ackermann, Chef der größten deutschen Bank, die Devise aus, von nun an seien 25 Prozent Rendite das Maß aller Dinge. Nach normalen ökonomischen Maßstäben war das schon damals absurd. Doch zumindest in dieser Branche ließ sich Reichtum plötzlich aus dem scheinbaren Nichts heraus vermehren. Die Herren des ganz großen Geldes waren Gott offenbar ein Stück näher gerückt. Kein Wunder also, dass manche Vertreter der Branche den Kontakt zu dieser Welt schon ein wenig verloren hatten.
Der Traum, das ganz große Rad zu drehen und ein bisschen wie Gott zu sein, ist freilich keine Spezialität der Investmentbanker. Er ist offenbar so alt wie die Menschheit. Schon auf den ersten Seiten der Bibel wird bildhaft davon erzählt, wie bereits die ersten Menschen genau das versuchten: Zu sein wie Gott. Ein Umschreibung für Größenwahn und immer grenzenlosere Gier. Gut gegangen ist das freilich nie, selbst wenn der Coup zunächst gelungen schien. In der Bildersprache der Bibel endet der Versuch jedenfalls im Desaster. Die Menschen werden aus dem Paradies vertrieben, dem Sinnbild für ein Leben in Glück und Sorglosigkeit.
Den Traum, es mit Gott aufzunehmen, wird die Menschheit dennoch nicht aufgeben. Ohne den Versuch, immer wieder nach den Sternen zu greifen, gäbe es schließlich wohl keinen Fortschritt. Nur die Bodenhaftung sollte man dabei tunlichst nicht verlieren, damit am Ende nicht wieder eine Vertreibung aus dem selbst geschaffenen Paradies droht.



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Man kann sich darüber streiten, was einen einzelnen Menschen aus der Menge heraushebt, ihn zu einem besonderen, bedeutenden Menschen macht. Überragende Genieleistungen, unvergängliche Meisterwerke oder auch strategische oder politische Großtaten. Nach all diesen Kriterien wäre Angelo Giuseppe Roncalli wahrscheinlich kein ganz Großer geworden. Er, der einfache Bauernsohn aus der Lombardei, der in der Kirche bis zum Kardinal aufstieg und durch seine Bescheidenheit und Menschenfreundlichkeit Viele tief beeindruckte. Heute vor 50 Jahren aber wurde Angelo Roncalli im Vatikan zum Papst gewählt. Als Papst Johannes XXIII. übte er das Amt nur knapp fünf Jahre aus. Doch diese fünf Jahre reichten, um die Katholische Kirche tief greifender zu verändern als alle Jahrhunderte vorher. Er sah, dass die Kirche in jahrhundertealten Traditionen zu erstarren drohte. Die Fenster der Kirche wollte der neue Papst deshalb öffnen und frischen Wind durch die fast zweitausend Jahre alte Institution wehen lassen. Schon kurz nach seinem Amtsantritt ordnete er ein Konzil an, eine Versammlung aller Bischöfe weltweit. Als das Zweite Vatikanische Konzil ist es in die Geschichte eingegangen. Ältere Kollegen geraten noch heute ins Schwärmen über die Vitalität und Aufbruchstimmung, die damals herrschte. Vielleicht macht ja gerade das wirklich große Menschen aus: Die Fähigkeit, Anderen mit Güte und Beharrlichkeit neue Perspektiven zu eröffnen, ihnen wieder Lust auf neue Ideen und neue Wege zu machen.
Eine Anekdote hat ihn für mich unsterblich gemacht. Als er, bedrückt durch die ganze Last seines hohen Amtes, keinen Schlaf mehr fand, sah er in einem Tagtraum seinen Schutzengel, der zu ihm sagte: Giovanni, nimm dich doch nicht so wichtig. Von da an konnte er wieder ruhig schlafen.



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Ein kurzes, in der Angst hervorgestoßenes Gebet nennt man auch ein Stoßgebet. Wie viele Banker oder Börsenhändler in den letzten Wochen tatsächlich Stoßgebete für was auch immer zum Himmel geschickt haben bleibt deren Geheimnis. Eine interessante Idee hatte jedenfalls jener Frankfurter Pfarrer, der in seiner Kirche nahe den großen Bankentürmen einen Krug aufstellte. Menschen aus dem Bankenviertel, die mit ihren akuten Sorgen und Nöten die Kirche besuchen, können dort nun einen kleinen Zettel mit ihren Anliegen einwerfen, die dann ins Gebet der Gemeinde aufgenommen werden.
Rund 50 Zettel seien bereits im Krug gelandet, berichtete der Pfarrer vor kurzem in einem Radiointerview. Die unterschiedlichsten Anliegen hätten sich darauf befunden. Das Eingeständnis einer persönlichen Mitschuld an der Misere sei allerdings nicht dabei gewesen. Es klang so, als sei er darüber ein wenig enttäuscht.
Was kann Gott überhaupt tun angesichts einer Finanzkrise, die so wenig gottgemacht ist wie Ungerechtigkeit oder Bürgerkriege? Ich bin mir ziemlich sicher, dass er keinen Einfluß auf Geldströme, Aktienkurse oder Kreditklemmen nimmt. Gott ist kein Automat, in den ich oben meinen Wunsch einwerfen und unten das Produkt herausholen kann. Dass er aber uns Menschen bewegen kann, wenn wir es denn zulassen, das glaube ich schon. Dann nämlich, wenn wir bereit sind innezuhalten und in uns hineinzuhorchen. Wenn wir bereit sind, in Krisen unsere Angst und Hilflosigkeit zuzulassen und vielleicht auch unsere untergründigen Zweifel am eigenen Tun. Beten beginnt damit, zu allererst bei sich selber anzukommen und sich wahrzunehmen. Die Börsenkurse werden dadurch nicht steigen, die Klarheit im inneren Durcheinander vielleicht schon.


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Sie ist etwas aus der Mode gekommen, die blaugrüne Plakette mit dem weißen Kreuz, die in meiner Kindheit noch an wesentlich mehr Autoscheiben klebte: SOS. 90 Jahre lang war das der weltweite Notruf in der Seeschifffahrt. An einer Autoscheibe freilich bedeutet er: Ich bin Christ. Wenn mir etwas Schlimmes zustößt, dann ruft nach Möglichkeit auch einen Seelsorger und wenn das nicht geht, dann helft ihr mir und betet mit mir. Gemeinsam beten - für die meisten von uns wahrscheinlich ein eher ungewöhnliches Ansinnen.
Doch es ist nicht nur diese extreme Ausnahmesituationen, die uns oft sprach- und manchmal ziemlich hilflos macht. Auch am Bett eines Sterbenskranken, beim Freund, der beiläufig erwähnt, dass seine Ehe gestern zerbrochen ist oder der Bekannten, die um einen Verstorbenen trauert, ringen wir um Worte. Situationen, in denen uns Menschen still SOS senden, weil sie Beistand suchen. Wie oft wird dann irgendetwas gesagt, weil wir das Schweigen nicht ertragen können. Irgendwas, das man schon nach 10 Minuten lieber ungesagt machen möchte. Beten wäre in mancher Situation, von der wir schlicht überfordert werden, vielleicht nicht mal die schlechteste Alternative. Vor allem dann nicht, wenn man sich ein Wort zu eigen macht, dass Jesus einmal dazu gesagt hat: Wenn ihr betet, so meinte er, dann sollt ihr nicht rumplappern wie diejenigen, die meinen, sie würden nur erhört, wenn sie viele Worte machen. Ein Händedruck oder eine Umarmung sagen manchmal mehr als alles Wortgeklingel. Wenn sie zudem im Bewusstsein geschehen, dass noch jemand Größeres mit dabei ist, der diese Situation mit uns aushält und erträgt, dann sind sie schon der Anfang eines Gebets. https://www.kirche-im-swr.de/?m=4746