Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR3 Gedanken

Unsere Küsterin ist die Seele unserer Kirche. Sie schließt die Kirche auf für Gottesdienste und Beerdigungen, sie verteilt Gesangbücher und fegt mit einer Engelsgeduld die Reis-körner vor der Kirche weg, wenn dann doch mal wieder jemand – trotz Verbots... – dem Hochzeitspaar Reis gestreut hat...
Unsere Küsterin ist eine kleine, runde Frau, schon etwas älter und sehr kompetent.
Und manchmal hat sie dolle Geschichten auf Lager:
„Frau Pfarrerin, sie wissen doch, da kommen immer drei ältere Frauen in den Gottes-dienst“ sagte sie einmal zu mir und stemmte dabei ihre Arme in die Seite.
„Die drei Frauen sitzen immer da hinten im Gottesdienst. Und ich habe mich schon ge-wundert. Weil seit es warm ist draußen, gehen die immer direkt nach dem Gottesdienst runter in die Gemeinderäume.
Na jedenfalls bin ich da letzten Sonntag hinterher. Und, Frau Pfarrerin, was glauben sie, was die da machen?“ Sie holt tief Luft.
„Stehen die drei doch tatsächlich vor dieser hässlichen Gummibaumpflanze da unten und lamentieren. Frag ich: ‚Was ist los?’ Sagt die eine von den drei Frauen: ‚Gucken Sie sich das doch mal an, total trocken!’
Beschwert sich die andere: ‚Das haben wir ja gleich gewusst, dass das nix wird’.
‚Das was nix wird?’ ‚Na’, sagt die dritte, ‚das mit dem Zivi: der mit den langen, ungewa-schenen, schwarzen Haaren und den ganzen Steckern im Gesicht. War ja vorauszusehen, dass der seine Arbeit nicht ordentlich macht und unseren Gummibaum hier nicht gießt.’
Da habe ich denen aber mal Bescheid gegeben, Frau Pfarrerin!
Ich hab denen gesagt:
‚Entweder sie reden mal mit dem Zivi oder wenn sie schon jeden Sonntag hier herunter gehen, um nach dem Gummibaum zu gucken, dann gießen sie ihn doch bitte auch!’ Ist doch wahr!
Jetzt blitzen ihre Augen richtig. Und im Weggehen brummelt sie noch:
Immer dasselbe mit den Alten und den Jungen. Reden einfach nicht miteinander.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=3558
Es war an einem Frühlingsmorgen. Irgendwo im Schwarzwald. Wir gingen spazieren. Vor uns war eine Gruppe Drei- oder Vierjähriger.
Sie waren wohl mit ihren Kindergartentanten zu einem Spielplatz unterwegs.
Da taucht auf der Hauptstrasse ein Traktor auf.
Und plötzlich schreit ein kleiner Junge aus Leibeskräften: Papa, Papa!...
Doch der Mann auf dem Traktor hört nichts. Der Traktor ist einfach zu laut.
Der Junge rennt los, weg von der Gruppe, den Weg hinab, er streckt seine Hände in die Luft und schreit noch lauter: Papa, Papa, Papa! Ohne Erfolg.
Der Traktor entfernt sich mehr und mehr. Der Junge bleibt stehen und starrt dem Traktor fassungslos und traurig hinterher. Enttäuscht winkt er seinem Papa hinterher, der so gar nichts mit ihm zu tun haben will.
Da, scheinbar ohne ersichtlichen Grund, hebt der Mann auf dem Traktor den Kopf, und dreht sich um zu seinem Sohn. Dann lächelt er seinen Sohn an, ruft ihm etwas zu und winkt.
Und der Junge strahlt. Noch nie habe ich ein solches Strahlen gesehen. Es war, als ob die Sonne aufgehen würde. So strahlte der Junge. So viel Liebe.
Jesus hat Gott auch Papa genannt. Abba hat er ihn genannt, was übersetzt Papa heißt.
Papa -, das heißt: Der eine da, der ist es. Zu dem gehöre ich; Von dem krieg ich be-stimmt ein Lächeln. Der winkt mir bestimmt zu. Der redet mit mir.
Und wenn ich ihn rufe- ganz bestimmt dreht er sich dann nach mir um.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=3557
Kann man Jugendlichen vertrauen?
Das hab ich mich auf der letzten Jugendfreizeit gefragt. Wir waren in den Bergen.
Es lief auch alles so, wie es sollte: Wir hatten ziemlich viel Spaß – trotz zahlreicher a-mouröser Verwicklungen zwischen den Jungs und den Mädchen!
Eines schönen Nachmittags jedoch waren drei Jungen verschwunden.
Ich also rauf in ihr Zimmer nachgucken. Und ich dachte, mich trifft der Schlag:
Da liegen die drei in ihren Betten! Total besoffen!
Vor meinem geistigen Auge sah ich schon den Arzt vor mir: Alkoholvergiftung!
Ach was, ich sah bereits den Bestattungsunternehmer, die Alkoholleichen abholen!
Eine Hand riss mich aus meinen Gedanken. Jan tippte mir auf die Schulter:
„Frau Pfarrerin, schicken sie die bitte nicht nach Hause.
Sie wissen doch, meine Eltern haben eine Kneipe, ich kenn mich mit so was aus. Ver-trauen sie mir! Ich mach das schon. Morgen früh sind die drei wieder fit.“
Hinter dem guten Jan sah ich schon die Eltern der drei Jungs, wie sie über mich herfal-len: „Was haben sie bloß mit unseren Jungen gemacht?!“ und die Polizei mit dem Ju-gendschutzgesetz in der Hand und den Richter:
„Was haben sie sich dabei bloß gedacht?“.
Ja, was habe ich mir dabei gedacht?
Ich habe Jan angeguckt, einen vielleicht einfachen, aber wunderbar herzensguten Jun-gen, einen richtigen Kumpel eben und ich dachte, - warum nicht. „Also gut, ich vertraue dir.“
Was soll ich sagen? Es ist alles gut ausgegangen: am nächsten Morgen saßen alle drei Jungs wieder am Frühstückstisch. Ein bisschen müde vielleicht, aber eigentlich ganz fit.
Kann man Jugendlichen vertrauen? Nicht immer, meine ich, aber doch immer öfter.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=3556
„Papa?“, Klaus tastet sich an die Kellerwand. Da steht er in der feuchten Dunkelheit des Kellers und traut sich keinen Schritt mehr vor noch zurück. „Papa?“
Dabei hatte Klaus extra noch den letzten Schluck in der Flasche gelassen. Und doch musste natürlich er mal wieder in den Keller, eine neue Flasche Saft holen. Super. Immer er. Immer die Kleinen. Er also runter. Vergisst aber, das Licht anzumachen und kaum ist er unten, fällt die Kellertür hinter ihm zu.
Jetzt steht er hier. In dieser schrecklichen Dunkelheit. Er wagt kaum noch zu atmen. Er hat Angst. Er fängt an zu weinen.
„Papa?!“ ruft er hoffnungsvoll. „Papa?!“ er ruft lauter. Die Angst wird größer. Die Dunkel-heit im Keller wird furchtbar. Erdrückend.

Da hört er Schritte auf der Kellertreppe. Klaus lauscht den näherkommenden Tritten. Die kennt er, das ist sein Papa. schon macht die Tür auf und schaltet das Kellerlicht ein:
(vorwurfsvoll) „Klaus, wie oft soll ich es dir noch sagen: Mach das Licht an, wenn du in den Keller gehst. Klar?!“
Spricht’s und geht. Verschwindet wieder nach oben. - Und Klaus? Klaus steht im – nun hell erleuchteten Keller – und weint. Immer noch.
Klaus hat wohl mehr gebraucht als nur Licht!

„Ich bin das Licht für die Welt“, hat Jesus einmal gesagt,
„Wer mir folgt, tappt nicht mehr im Dunkeln, sondern hat das Licht und mit ihm das Le-ben.“
Und dieses ‚Licht des Lebens’, das ist nicht nur eine Glühbirne in einem dunklen Keller, sondern das Licht des Lebens, das ist:
Ein Freund, der da ist, wenn du ihn brauchst,
Arme, die dich halten,
Füße, die vor dir hergehen,
Hände, die nach dir tasten, damit du nicht verloren gehst.
ein Kopf, der dich daran erinnert, das Licht doch einfach anzumachen,
und ein Herz, das dir sagt: „Ich bin da. Du bist nicht allein.“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=3555
Kirche und AIDS. Besonders in Afrika nimmt AIDS erschreckende Formen an:
Wenn in manchen Gegenden Afrikas bis zu 2/3! der Bevölkerung infiziert sind, dann ist die Frage nach dem ‚Wie konnte das bloß passieren!’ und dem Warum? zweitrangig. Das wichtigste ist zu fragen: Was kann ich j e t z t dagegen tun?
Auch die christlichen Kirchen stellen sich diese überlebenswichtige Frage:
Was können wir tun angesichts dieser unglaublichen AIDS-Epidemie?
Für die christlichen Kirchen ist eins ganz klar: Die Treue. Schließlich heißt es im 7. Gebot „Du sollst nicht ehebrechen“.
Besonders die katholische Kirche hat strenge sexuelle Verhaltensregeln: Ganz klar - kein Sex vor oder außerhalb der Ehe.
Als ich in Südafrika war, habe ich Claudia kennen gelernt.
Die ist Pfarrerin einer evangelischen Kirche in Johannisburg. Und sie ist ziemlich enga-giert im Kampf ihrer Kirche gegen AIDS.
Also habe ich sie gefragt: „Was kann ich jetzt also gegen AIDS tun?“
„Talk about it“, war ihre Antwort, “sprich drüber!”
Claudia hat mir erzählt, was sie in ihrer Gemeinde macht:
„ Eins ist ganz klar: Eheliche Treue ist das A und O;
gleichzeitig glaube ich, dass der Mensch fehlbar ist und Fehler macht;
deswegen verteile ich auf Gemeindefesten und nach Gottesdiensten immer Kondome –
weil ich glaube, dass das die einzige Möglichkeit ist, dieser Epidemie beizukommen.
Aber das wichtigste ist, darüber zu reden.
Aufzuklären über die Gefahr, sich mit AIDS zu infizieren.
Aufzuklären, was man machen muss, wenn man selbst infiziert ist; oder wenn man je-manden kennt, der infiziert ist.
Darüber reden, was es heißt, wenn eine solche Seuche in einem Land wütet.“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=3554
„Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht miss-brauchen.“

Es gibt sie! Wunder:
Das Ende der Apartheid, der Rassentrennung in Südafrika zum Beispiel.
Es war ein Wunder, dass dort Menschen wie Nelson Mandela oder Bischof Desmond Tutu zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren. Und dass das Ende der Apartheid so erstaun-lich gewaltfrei abgegangen ist.

Und das war nicht leicht gewesen.
Diejenigen, die die Apartheid beibehalten und diejenigen, die ein demokratisches, freies Südafrika wollten – beide Seiten beriefen sich auf Gott:
In Gottes Namen war die Apartheid entstanden, so sagten die einen, Gott wolle die Tren-nung von Weißen und Schwarzen. Nein, sagten die anderen. Das ist Unrecht.
In Gottes Namen standen die Gegner der Apartheid auf, wie z.B. Bischof Desmond Tutu: Wir sind alle Kinder Gottes, sagt er, und deshalb hat jeder, egal, ob schwarz oder weiß, das Recht auf ein Leben in Freiheit.

Wie kam es, dass Desmond Tutu sich letztendlich durchgesetzt hat?
Ich glaube, weil er und andere Christen Südafrikas sich auf einen Gott berufen haben, der Leben und Freiheit für alle will. Sie haben sich auf einen Gott berufen, der menschen-freundlich ist und – manchmal – Wunder tut.
Ich glaube, wer sich auf einen solchen Gott beruft, der kann viel bewegen.
Ein solcher Gott duldet es nicht, wenn in seinem Namen Menschen angefeindet werden, aus Kirchen ausgegrenzt oder einfach von sogenannten „guten Christenmenschen“ igno-riert werden:
Menschen anderer Hautfarbe oder behinderte Menschen, die in unseren Gottesdiensten oftmals nicht vorkommen oder Frauen, die in vielen Kirchen weltweit nicht den gleichen Status haben wie Männer.
Gott hat uns ziemlich genau gesagt, wann wir in seinem Namen reden dürfen:
Zum Beispiel dann, wenn Menschen andere ausgrenzen, wenn Menschen anderen Un-recht antun.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=3553
„Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus Ägyptenland ge-führt hat, aus der Knechtschaft. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“

Die meisten kennen ja die Zehn Gebote.
Wenn man mal genauer überlegt, fallen einem auch meist direkt mindestens drei ein: Du sollst nicht lügen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht töten.
Fast nie fällt einem das erste Gebot ein:
„Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus der Knechtschaft in Ägypten herausgeführt hat. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.“
Das klingt nach einem kleinen egoistischen Neider als Gott, der noch nie etwas gehört hat von ‚Konkurrenz belebt das Geschäft’ oder zumindest von so populären Attributen wie ‚Teamfähigkeit’ : Das erste, was der sagt, ist:
Ich, ich, ich – und keinen anderen neben mir...
Aber halt! Da war noch was:
„Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus Ägypten, aus der Knechtschaft herausgeführt hat“.
Also ‚herausgeführt’ hat mich noch niemand aus Ägypten – ich war ja auch noch nie nicht einmal da gewesen – noch nicht einmal zum Urlaub! Und: aus welcher Knechtschaft bit-te?
Für die Damen und Herren der Bibel ist das klar:
Ganz am Anfang der Geschichte Gottes mit den Menschen gelangen die in Gefangen-schaft in Ägypten, müssen in Arbeitscamps als Sklaven schuften: Steinquader schleppen für den Bau der tollen Pyramiden;
die Bibel erzählt, wie Gott die Tränen, das Blut, den Schweiß der Sklaven sieht und ihnen einen Retter schickt: Mose;
Mose führt die Sklaven – mit Hilfe Gottes natürlich! – in die Freiheit.

Der Anspruch, der einzige Gott zu sein ist vielleicht nicht ganz unberechtigt - schließlich hat er doch in Not geholfen! –
Den Satz: ‚Ich bin dein Gott’ kann ich auch so lesen: Ich bin dein Gott, das verspreche ich dir; egal, was kommt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=3552