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SWR2 Wort zum Tag

22MAI2021
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Wie wertvoll Freiheit ist – das vergesse ich manchmal hier, im freien Westen. Eine Begegnung mit dem Bürgerrechtler und Pfarrer Lee aus Hongkong vor einigen Jahren hat mir dafür die Augen geöffnet.  Und heute gilt diese Einsicht erst recht.

„Wir wissen ja, dass wir verlieren. Langfristig. Aber wir mussten doch etwas machen!“, hat Lee mit eindringlicher Stimme gesagt. „Stell Dir mal vor: Hongkong, diese wunderbare, lebendige Stadt. Aber ständig bedroht von China. Weil China nicht will, dass wir so frei leben in Hongkong, mit wahrer Demokratie und freier Meinungsäußerung.“ „Und dann habt Ihr angefangen zu protestieren?“ frage ich. „Ja“, antwortet Lee, „die Chinesen sagten: Wir kontrollieren ab jetzt, welche Kandidaten überhaupt zugelassen werden zu den Wahlen in Hongkong. Uns war klar: Wenn die Chinesen die Wahl-Kandidaten bestimmen, dann ist es vorbei mit der Freiheit. Und so begannen wir zu protestieren, mit Regenschirmen: Regenschirm-Proteste, so wurde das ganze ja bald genannt.“

„Und wie warst Du daran beteiligt?“ Lee erzählt: „Es gab am Anfang diesen engsten Kreis der Anführer, drei, vier Leute, mit dem berühmten Joshua Wong und mit Benni Chai, Und um sie herum gab es nochmal sechs, sieben Menschen, und einer von denen bin ich.  Ich bin ja Christ, und viele Menschen aus den ersten Reihen des Protests sind auch Christen – auch Joshua Wong. Wir sind gemeinsam davon überzeugt, dass Gott uns als freie Wesen geschaffen hat –, die frei ihre Meinung sagen sollen. Wir wissen ja, dass wir langfristig gegen den chinesischen Machtapparat verlieren. Aber wir wollten einmal den Menschen das Erlebnis von Freiheit geben. Auch wenn sie uns im Endeffekt einsperren: Die Fackel der Freiheit ist dann angezündet im Herzen der jungen Menschen. Dann habe ich als Christ doch etwas erreicht, oder?“

In den letzten Wochen ist die Freiheit in Hongkong nochmal wesentlich beschnitten worden. Aber am Sonntag ist Pfingsten. Das Fest, an dem der Heilige Geist Menschen auf der ganzen Welt in ihrem Kampf für die Freiheit stärkt. Zuerst bin ich dennoch ratlos, was ich machen kann angesichts der harten Realitäten in Hongkong. Dann aber denke ich mir: Ich kann für die Menschen beten. Und meinen alten Kontakt zu Lee wieder aufleben lassen. Und Organisationen wie amnesty international oder open doors unterstützen, die sich für die Freiheit der Menschen einsetzen. Ich bin gespannt, welche weiteren Ideen mir und Ihnen der Heilige Geist noch eingibt.  

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21MAI2021
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Zweimal hat der Bildschirm geflackert, dann sahen wir unsere koreanischen Freunde direkt vor uns: acht Kacheln, achtmal freundliches Lächeln, achtmal winkende Hände in die Kamera: „Hello – how are you? Wie kommt Ihr so durch die Corona-Pandemie, ihr als Kirchengemeinden in Südkorea?“  

Die virtuelle Begegnung unserer Partnergemeinde in Südkorea vor ein paar Monaten war nicht nur herzerwärmend, sondern sie hat mir auch eine neue Perspektive auf Corona gebracht, die mich bis heute zum Nachdenken anregt.

„Corona ist furchtbar“, sagte Pfarrer Kim, „aber der Lockdown ist für unsere Gemeinden nicht so schlimm. Denn hier in Südkorea sind wir es gewohnt, immerzu das Smartphone zu benutzen. Unser Seniorenkreis trifft sich, jeder winkt in die Kamera, und wenn sich jemand mal nicht reinschaltet, dann rufen die anderen gleich an. Neulich hatte die Leiterin des Seniorenkreises den Akku von ihrem Smartphone nicht aufgeladen, und als das Treffen deshalb verspätet begann, war die Aufregung groß! Naja, jenseits der neunzig wird man halt manchmal vergesslich“ –

„Und wie versteht ihr das Corona-Virus selbst?“, frage ich, „Wie geht ihr damit um, in Eurem Leben und Glauben? Ich habe manchmal den Eindruck, dass das Leben erst dann wieder losgehen wird, wenn wir das Virus erfolgreich bekämpft haben. Wenn wir es ganz und gar ausgerottet haben. Jetzt, in der Zwischenzeit, ist es manchmal so, als ob das Leben gar keinen Wert hat. Alle warten nur darauf, dass das Virus wieder weg ist.“
„Oh, Ihr Westler!“, lächelt da mein koreanischer Freund Kim, „Ihr denkt viel zu radikal. Schau mal, wir werden das Virus nicht losbekommen. Jeder Körper von uns hat viele Millionen Viren in sich! Wir können die Viren nicht vernichten. Wir können sie durch Impfen aber eindämmen. Und wir können nach Harmonie streben. Denn im Moment besteht Disharmonie zwischen den Viren und uns.“ Und Kim fährt fort: „Daher sollten wir nach Ausgleich streben, nach Balance – so, dass wir halbwegs in Harmonie leben können, trotz der Pandemie. Und um das zu erreichen, sollten wir jeden Tag bewusst und ausgeglichen leben und nicht unser ganzes Leben von diesem Virus dominieren lassen.“

Ich denke mir: Am Sonntag ist Pfingsten. Wie schön, dass es weltweit Kirchen gibt! Wie schön, dass sie nur einen-Klick von mir entfernt sind. Und wie schön, dass ich von ihnen eine neue Sicht auf Corona lerne! Und so versuche ich, in den nächsten Tagen mal eine Stunde lang nicht an Corona zu denken. Sondern an die Freunde, die ich habe. An die Sonne, die scheint. Und an alles, was mein Leben heute wertvoll macht, mitten in der Pandemie. Was macht das Leben für Sie heute wertvoll?

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20MAI2021
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Manchmal ist es gut, wenn ich als westlicher Christ einen ordentlichen „Schuss“ Begeisterung von „anderen“ Christinnen und Christen aus der weiten Welt bekomme - so wie ich ihn vor einiger Zeit von meinem Freund Kim aus Südkorea erhalten habe.

Gerade mal zwei Stunden war er da, da saß er schon bei mir am Küchentisch, Kaffeetasse in der Hand, der Jetlag hatte ihn fest im Griff. Aber er hat gleich angefangen zu erzählen und wurde dabei immer wacher, so begeistert war er von der Sache, die er mir erzählen wollte: „Ich musste doch etwas machen,“, hat er zu mir gesagt.  „Stell Dir vor: Wir haben diese riesengroße Universität bei uns in Seoul, mehrere tausend Studenten. Aber weil das Christentum nicht so verbreitet ist, können diese Studenten den christlichen Glauben nicht kennenlernen!“ „Und was hast Du gemacht, Kim?“, frage ich ihn. „Nun“, sagt Kim und lächelt, „ich habe eine eigene Kirche gegründet.“ „Du hast -  was?“ frage ich. „Ja“, sagt mein Gast – „wir Koreaner gründen immer wieder Kirchen. Das sind am Anfang ganz kleine Gemeinden. So wie bei mir. Ich bin mit einer Reihe von Studenten in Kontakt gekommen, und nach einer Weile haben mir acht davon versprochen, mit mir zusammen eine Gemeinde anzufangen. Wir treffen uns jeden Morgen zu einer kurzen Andacht, beten und frühstücken. Dann gehen die zur Vorlesung und ich in meinen Tag.“

„Und wovon lebst Du?“, frage ich ihn. „Lebst Du echt von der Spende von acht Studenten?“ Kim schaut mich auf einmal ganz ernst an: „Erstens sind es jetzt schon dreizehn Studierende, da geht es schon deutlich besser. Und zweitens: Ich spüre: Das hier ist das Richtige. Hierfür bin ich begeistert. Dann geht viel mehr, als man anfangs meint.“

Und ich denke mir: Am Sonntag ist Pfingsten. Der Tag, an dem der Heilige Geist Menschen dazu bewegt, Kirche zu sein. Damals, in Jerusalem fing das an, vor 2.000 Jahren. Damals gab es einen lebendigen Aufbruch, praktisch aus dem Nichts. Einige Menschen, die begeistert waren und spürten, dass sie das Richtige tun. Was ich in Deutschland oftmals vergesse: Pfingsten passiert immer wieder, auch heute noch. Auf einmal sitze ich an meinem eigenen Küchentisch und trinke Kaffee mit einem Kirchengründer! Und ich komme ins Grübeln: Wenn soviel möglich ist - was will ich selbst Neues beginnen? In der Kirche – aber auch in meinem Leben überhaupt? -  Und wie geht es Ihnen damit? - Welchen Aufbruch wollen Sie in Angriff nehmen?

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19MAI2021
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In diesen Tagen ist irgendwie alles verschwommen. Nichts hat mich richtig erreicht – das hat mir eine Frau erzählt, deren Mann überraschend gestorben ist.
Aber dass die Nachbarn immer wieder gekommen sind und einen Hefezopf oder was zum Mittagessen vorbeigebracht haben – das hat mit gutgetan.

Wenn jemand sehr traurig ist, macht das andere oft ratlos. Man kann ja nicht wirklich helfen – und alles, was man sagt, scheint irgendwie unpassend. Aber ich glaube: Es braucht oft auch keine großen Worte. Es sind die kleinen, einfachen Gesten, die gut tun. Etwas zu essen und zu trinken, eine Stärkung für den Körper – das hilft auch der Seele.

Die Bibel erzählt davon in der Geschichte vom Propheten Elia. Elia hat mit seinem religiösen Eifer die Königin gegen sich aufgebracht, die nun droht, ihn umzubringen. Müde von den harten Auseinandersetzungen hat Elia nicht mehr die Kraft, sich in Sicherheit zu bringen. Er geht in die Wüste und will nur noch sterben. Regelrecht lebensmüde ist er. Und schläft ein. Aber er bleibt nicht allein. Ein Engel, so erzählt die Bibel, kommt zu ihm, bringt ihm ein geröstetes Brot und einen Krug mit Wasser und weckt ihn auf: „Steh auf und iss!“ Elia isst – und schläft erschöpft wieder ein. Dreimal geht das so. Beim dritten Mal legt sich Elia aber nicht wieder schlafen. Er hat neue Kraft bekommen und macht sich auf den Weg.

Steh auf und iss! Was mich an dieser Geschichte besonders berührt, ist die Geduld, die der Engel hat. Er scheint zu wissen, dass Elia Zeit braucht und Ruhe. Der Engel lässt ihn schlafen. Aber eben nicht nur. Er kommt auch immer wieder, weckt ihn auf, bringt eine Stärkung. Nichts Besonderes, einfach nur geröstetes Brot und Wasser. Aber so holt er Elia allmählich zurück ins Leben. Nicht nur sein Körper erholt sich, sondern auch seine Seele.

Ich glaube: Auch wir können andere auf diese Weise stärken. Mit viel Geduld und ein wenig Nahrung für Körper und Seele. Die Nachbarin tut das, die einen Hefezopf vorbeibringt. Die Schwester, die einen Tee kocht und einfach danebensitzt und wartet, bis er getrunken ist. Der Freund, der einen Wurstsalat und ein Brötchen einpackt und einfach mal klingelt.

Ich finde, die Geschichte von Elia macht Mut, auf andere zuzugehen, wenn sie traurig sind und keine Kraft haben. Denn ich glaube, es ist wie bei Elia: Manchmal genügt es, zu kommen und ein Brot und etwas zu trinken zu bringen, um für andere ein Engel zu sein.

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18MAI2021
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Was soll ich denn da sagen? Oft ist es schwer, die richtigen Worte zu finden, wenn es einem Freund schlecht geht oder eine Kollegin eine schwere Zeit durchmacht. Besonders dann, wenn ich ihn oder sie, wie derzeit oft, nicht persönlich sehen kann, sondern wir nur am Telefon oder am Bildschirm miteinander reden. Kann ich Worte finden, die in so einer Situation helfen, trösten? Das habe ich mich oft gefragt. Inzwischen habe ich aber eine Entdeckung gemacht, die mich dabei entlastet. Inzwischen glaube ich: Es kommt gar nicht so sehr darauf an, was ich sage. Sondern eher darauf, wie ich zuhöre.

Die Geschichte von Momo hat mich auf die Spur gebracht. Viele kennen das Buch von Michael Ende, in der es das kleine Mädchen Momo mit den „grauen Herren“ aufnimmt, die den Menschen die Zeit stehlen. Die Stelle mit dem Zuhören habe ich allerdings erst entdeckt, als ich das Buch noch einmal als Erwachsene gelesen habe:

Gleich am Anfang der Geschichte wird erzählt, dass viele Menschen zu Momo kommen, um mit ihr zu reden. Nicht, weil sie besonders klug ist und guten Rat geben, weise Urteile fällen oder trostreiche Worte finden kann. Momo hat eine andere Gabe, so beschreibt es Michael Ende: Was die kleine Momo konnte wie kein anderer, das war: Zuhören. [...] Momo konnte so zuhören, dass dummen Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen. Nicht etwa, weil sie etwas sagte oder fragte, was den anderen auf solche Gedanken brachte, nein, sie saß nur da und hörte einfach zu, mit aller Aufmerksamkeit und Anteilnahme.

Momo kann so zuhören, dass dabei erstaunliche Dinge passieren. Ratlosen und unentschlossenen Leuten hört sie auf bestimmte Weise zu, dass sie plötzlich wissen, was sie wollen. Schüchternen hört sie auf einfühlsame Weise zu – so dass sie sich am Ende frei und mutig fühlen. Und allen gibt Momo das Gefühl, ein wertvoller Mensch zu sein – einfach, indem sie zuhört.

Und wenn jemand meinte, so heißt es im Buch weiter, sein Leben sei ganz verfehlt und bedeutungslos und er selbst nur irgendeiner unter Millionen, einer, auf den es überhaupt nicht ankam [...] – und er ging hin und erzählte das der kleinen Momo, dann wurde ihm, noch während er redete, auf geheimnisvolle Weise klar, dass er sich gründlich irrte, dass es ihn, genauso wie er war, unter allen Menschen nur ein einziges Mal gab und dass er deshalb auf seine besondere Weise für die Welt wichtig war.

Zuhören können wie Momo – das ist bestimmt nur sehr wenigen Menschen gegeben. Aber ich glaube: Aufmerksam sein, uns Zeit nehmen, genau hinhören und uns einfühlen, das können wir alle. Deshalb: Wenn es schwer fällt die richtigen Worte zu finden – öffnen wir die Ohren und das Herz und hören zu.

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17MAI2021
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Ich war richtig unruhig. Ich wusste nicht, ob ich das gut hinbekomme... Ein Bekannter hat mir von seinem Treffen mit einem Freund erzählt. Sein Freund steckt gerade in einer Krise. Die beiden waren verabredet – und ausgerechnet am Tag darauf hatte der Freund einen schwierigen Termin vor sich.

Soll ich die Einladung besser verschieben? Und was soll ich tun oder sagen, wenn wir uns sehen? Solche Gedanken sind dem Gastgeber vorher durch den Kopf gegangen. Unnötigerweise, wie ihm danach klar war: Wir hatten einen guten Abend, hat er mir später erzählt. Wir haben über ernste Dinge geredet, aber trotzdem auch gelacht. Ich glaube, es war gut, dass er nicht allein war an dem Abend.

Das Grübeln im Vorfeld war nicht nötig. Aber ich habe den Eindruck: Der Bekannte ist mit seiner Verunsicherung nicht allein. Wenn es einer Freundin oder einem Nachbarn richtig schlecht geht, fällt der Kontakt oft nicht leicht. Manche vermeiden es sogar, sich zu melden, weil sie Sorge haben, etwas falsch zu machen.

Ich kann das gut nachvollziehen. Aber ich bin überzeugt: Sich zurückzuziehen und den Kontakt zu vermeiden, das tut niemandem gut. Und ich glaube: Es ist meist gar nicht nötig, viel zu tun oder zu sagen. Im Gegenteil.

Es gibt eine Bibelstelle, die das für mich sehr eindrücklich beschreibt. Es geht um Hiob. Den Mann, den nach und nach die sprichwörtlichen Hiobsbotschaften erreichen. In kurzer Zeit verliert er alles, was ihm lieb und teuer ist. Sein Hab und Gut, seine Gesundheit, schließlich sogar seine Kinder. Ein unbeschreibliches Leid.

Drei seiner Freunde hören von Hiobs Schicksal. Sie kommen, um bei ihn zu sein. Und sie erschrecken darüber, wie er aussieht. Und was tun sie? Buchstäblich nichts: Sie saßen mit ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte und redeten nichts mit ihm; denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war. (Hiob 2,13) So erzählt es das Buch Hiob.

Sieben Tage einfach da sein und nichts sagen. Das würde ich sicher nicht schaffen. Zeitlich nicht und psychisch auch nicht. Und trotzdem finde ich das, was von Hiobs Freunden erzählt wird, hilfreich. Die Freunde Hiobs zeigen mir, welche Kraft es haben kann, gemeinsam zu schweigen. Und auf diese Weise deutlich zu machen: Ich spüre, dass dein Schmerz groß ist. Ich bin da und lasse dich nicht allein.

Auf jeden Fall macht mir die Geschichte von Hiobs Freunden Mut, mich nicht zurückzuziehen, wenn Menschen in meiner Nähe in Not sind. Auch wenn ich nicht viel für sie tun kann. Ich glaube: Da sein, den Kontakt halten – mehr braucht es oft nicht. Aber auch nicht weniger.

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