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SWR2 Wort zum Tag

Bei den Betern und Denkern der ersten christlichen Jahrhunderte finde ich immer wieder erfrischende, unverbrauchte Worte, die von der Beziehung zwischen Gott und den Menschen sprechen und dabei nahe am erzählenden Sprechen der Bibel sind. Erfrischendere Worte sind es als jene, die sich in den späteren Jahrhunderten der Kirche und der Theologie bis heute eingebürgert haben. Zum Beispiel das Wort vom Heil und von der Heilsgeschichte. Ohne dieses Wort, so scheint es, kommen wir gar nicht aus, wenn wir vom christlichen Glauben sprechen wollen. Aber es ist wie eine Sondersprache der Kirche, die kaum mehr ohne Erklärung verstanden wird.

Ganz anders die Beter und Denker der ersten Jahrhunderte. Einer von ihnen ist Basilius von Caesarea aus dem 4. Jahrhundert nach Christus. Auch er spricht vom Heilsplan Gottes, aber er sagt zugleich mit seinen eigenen Worten, was das Ziel dieses Plans ist. Es geht darum, die Menschen in den vertrauten Umgang mit Gott zu führen. Es geht darum, „eine alte Gnade“, wie er sagt, wiederzuerlangen: „die alte Gnade, Kind Gottes zu sein.“ (Lektionar zum Stundenbuch I/2, S.161ff)

Das ist eine überraschend einfache Sprache, die an das Bild der Familie denken lässt. In ihr haben mehrere Menschen miteinander eine Geschichte, in der es zärtliche Nähe, aber auch Brüche gibt, und in der doch auch immer wieder das Wunder einer liebenden Nähe siegt, weil eine letzte Vertrautheit nie ganz verloren geht. Innerhalb dieses schlichten Bildes ist die Beziehung Gottes zu den Menschen nichts Außergewöhnliches. Vielmehr gehört sie zu den Menschen, so alltäglich und selbstverständlich wie eben die Familie. Auch wenn die Familie heute sicher offener und vielgestaltiger gelebt wird als früher, bringt sie doch Menschen in ein Zueinander, das ­­­- im Guten wie im Schlechten - ­gegeben ist und sie trägt.

Der große Bibelübersetzer Hieronymus liest das Herzstück der biblischen Heilsgeschichte, die Befreiung Israels aus Ägypten, als eine Geschichte, in der Gott die Menschen an seine Nähe gewöhnt. Als die Geschichte einer wachsenden Vertrautheit zwischen dem Volk und Gott. Gott nimmt sein Volk gleichsam an der Hand. Deswegen – so jedenfalls Hieronymus – brauchen die Glaubenden keine Lehrer, keine Überlieferungen, keine Gebote von Menschen. Sie sind Schüler des Heiligen Geistes, der in ihren Herzen wohnt. (Vgl. Lektionar zum Stundenbuch I/2, 169f)

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Was geschieht eigentlich, wenn wir eine Person sprechen hören? Hören wir zuerst auf das, was jemand sagt; oder hören wir zuerst auf eine Stimme und suchen zu erkennen, wer zu uns spricht? Das Erste ist wohl das Hören auf eine Stimme. Das bestätigt sich bei jedem Telefonanruf: Wer einen Anruf entgegennimmt, horcht als erstes auf die Stimme des Anrufenden. Wenn er ihn oder sie erkennt, dann schon an der Stimme, und nicht erst an dem, was der andere sagt.

Natürlich hören wir immer Worte. Aber die Aufmerksamkeit, die wir dem Gehörten entgegenbringen, gilt zuerst der Person des Sprechenden und dann erst dem, was er sagt. Ich höre den anderen, erkenne, wer es ist, und reagiere entsprechend: ich freue mich, oder zögere und horche weiter. Was sich ereignet, wenn ich eine Stimme höre und erkenne, hat nicht wenig mit Glauben zu tun: Ich überspringe dabei eine winzige Schwelle der Unsicherheit. Ich höre eine Stimme und glaube, dass es die Freundin ist, die ich kenne, von der ich aber schon länger nichts mehr gehört habe. Und ich schenke ihr Vertrauen. Ich möchte hören, was sie mir zu sagen hat.

Auffallend viele Geschichten der Bibel erzählen davon, dass Gott Menschen ruft, bzw. dass Menschen eine Stimme hören, die sie häufig erst nach längerer Zeit als Stimme Gottes erkennen. Da ist z.B. der junge Samuel, der im Tempel Dienst tut: In einer Nacht wird er dreimal gerufen. Er verhört sich dreimal und glaubt, dass es der Priester Eli ist, der ihn ruft. Eli ist in der Überlieferung Israels alt geworden und glaubt an einen Gott, der zu seinem Volk spricht. Sein Glaube lässt ihn erkennen, dass dieser Gott jetzt mit dem jungen Samuel spricht.

So wie sich in jedem menschlichen Gespräch und im wechselseitigen Hören Glauben vollzieht, so ganz ähnlich im Gespräch Gottes mit einem Menschen. Es gibt kein Hören ohne Glauben, zugleich gibt es keinen Glauben ohne Hören. Dabei gilt dieses Hören nicht zuerst einem Inhalt, einer Lehre, einem Gebot, sondern der Stimme einer Person, der man vertraut.

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Wie kann es gelingen, dass weltweit alle Menschen gerecht und in Würde leben können, ohne dass wir den Planeten zerstören? Das ist gegenwärtig die Frage aller Fragen, davon ist jedenfalls der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler überzeugt, und das mit guten Gründen. Viel Zeit ist bekanntlich nicht mehr. Wird die fortschreitende Klimaerwärmung nicht gestoppt, so hat es fatale Folgen. Kommt es nicht zu einem weltweiten Lastenausgleich und wird die Schere zwischen Arm und Reich immer größer, sind brutalste Konflikte und Katastrophen absehbar. Die Zeit drängt.  Angst ist durchaus angebracht, die Zukunftsszenarien sind bedrohlich, aber Panikmache wäre ein schlechter Ratgeber. Es braucht klaren Kopf und wirkliche Weitsicht. Dass es so nicht weitergehen kann,  sagen  Vernunft und Glaube. Der Lebensstil hier im Westen kann auf diesem Niveau nicht für alle Menschen realisiert werden, dazu fehlen die Ressourcen. Was aber nicht prinzipiell für alle zugänglich ist und geteilt werden kann, ist für einzelne dann unmoralisch, denn sie leben auf Kosten anderer.

Speziell im christlichen Glauben lebt diese schöpferische Unruhe,  sich mit dem, was falsch ist, nicht abfinden und abspeisen  zu lassen. Jesus selbst, der Prophet von Gottes Reiche, war überzeugt davon, dass Frieden und Gerechtigkeit möglich sind.  Von diesem unerschöpflichen  Gottvorkommen  gilt es Gebrauch zu machen – so wie es Jesus selbst tat und viele seitdem. Er hat   Gottes Güte ausgeteilt  unter den Mitmenschen, denn er war ohne Angst um sich selbst.  Aufgrund seiner Gottverbundenheit konnte er sich verausgaben für andere, ohne sich zu verlieren. Aktiv hat er sich eingesetzt, damit Gerechtigkeit und Frieden wirklich werden. Deshalb fand er sogar den Mut, das damalige Macht- und Geldzentrum, den Tempel in Jerusalem, kritisch in Frage zu stellen.  Diese Gottesleidenschaft für alle Menschen hat er   mit dem Tod besiegelt, und zwar „für euch und für alle“.  Mit seiner Gotteskraft gilt es, die heute brennenden Probleme gezielt ins Auge zu fassen und zu tun, was dringlich und möglich ist. Das fängt beim eigenen Lebensstil an.

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Gehen wir einkaufen und greifen ins Regal, z.B. nach Yoghurt oder etwas Tiefgefrorenem, so taucht fast unvermeidlich die Frage auf: Welches Verfallsdatum? Eine ebenso alltägliche wir hintergründige Frage. Sie betrifft ja nicht nur dieses oder jenes Produkt beim Einkaufen. Es gilt für alles, was ich besitze. Es gilt für alles, was ich tue. Ja, es gilt für mich selbst. Meine alte, schon erblindete Tante sagte  gern: „Weißt du, es hört alles von alleine auf.“ Der Geschmack der Vergänglichkeit ist in allem. Vielleicht herrscht deshalb so viel Zeitnot und  Zeitdruck;  als wanderte stets das Wissen mit, dass  die Zeit befristet ist, gestundet wortwörtlich. Für alles und alle ist es irgendwann  zu spät. Alles, was Welt heißt und Mensch, hat ein Verfallsdatum.

Trotzdem ist der viel zitierte Satz falsch, wer zu spät kommt, den bestrafe das Leben. Die Hoffnung nämlich stirbt zuletzt, und  wo Leben ist, sind Alternativen. So wunderbar  ist die Welt geschaffen, trotz allem.  Christlich hat diese Hoffnung einen Namen und ein Gesicht. Wer an die Schöpfertreue Gottes glaubt, weiß: Alles hat nicht nur ein Verfallsdatum, sondern einen Verheißungsvermerk – und der sagt: alles wird wieder gut. Gott will  gerechtes Leben für alle und deshalb sucht er Mitliebende, die seine Schöpfung bewahren und gestalten helfen. Deshalb gilt es, das Zeitliche zu segnen, wortwörtlich – nicht nur am Lebensende, sondern mitten im Leben, hier und jetzt. Es gilt die befristete Zeit, als Geschenk zu begreifen und entsprechend zu nutzen. Es gilt sehr genau zu schauen, was hier und jetzt dran ist.

„Die Zeit geht nicht. Sie stehet still, / Wir ziehen durch sie hin; / Sie ist eine Karawanserei, / Wir sind die Pilger drin.“ So fängt eines der schönsten Zeit-Gedichte an, das von Gottfried Keller. „Es ist ein weißes Pergament, / Die Zeit und jeder schreibt / Mit seinem roten Blut darauf, / Bis ihn der Strom vertreibt. // An dich, du wunderbare Welt, / Du Schönheit ohne End, / Auch ich schreib meinen Liebesbrief /Auf dieses Pergament.“ Im Bewusstsein der Vergänglichkeit wird die Schönheit der Welt besungen und die Zeit als Geschenk betrachtet, als wunderbarer Zeit-Raum, in dem unsereiner unterwegs ist. Verfallsdatum hier, Verheißungsvermerk dort – und mitten darin die Kette kostbarer Augenblicke, die unsere Lebenszeit ausmachen. Deshalb lädt die Bibel dazu ein, die befristete Zeit  gut zu gestalten, weder hektisch noch verschlafen, weder panisch noch resignativ. Deshalb die Bitte im 90. Psalm der Bibel: „Unsere Tage zu zählen, lehre uns! Dann gewinnen wir ein weises Herz.“ (Ps. 90,12)

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Geh ich zu Fuß in die Stadt, nehme ich das Fahrrad, setze ich mich doch ins Auto? Immer diese Zeitfrage! Schon ist es fast wieder zu spät, um sich noch zu Fuß auf den Weg zu machen. Den ganzen Tag über begleitet mich  der Blick auf die Uhr, und nichts scheint schlimmer, als zu spät zu kommen. „Zeit ist Geld“, lautet der Leitspruch – und ohne Geld  kriegst und bist du nichts. „Keine Zeit“, sagen die einen, vom Zeitdruck sprechen die anderen. „Warum rennst du so?“, fragt der Rabbi  den Typ,  der ohne nach  rechts und links zu schauen, an ihm vorbei rennt. „Ich gehe meinem Erwerb nach“, antwortet der Mann. „Und woher weißt du“, fragt der Rabbi, „dein Erwerb laufe vor  dir her, dass du ihm nachjagen musst? Vielleicht ist er dir im Rücken und du brauchst nur innezuhalten, um ihm zu begegnen, du aber fliehst vor ihm.“ Diese chassidische Geschichte aus vergleichsweise gemütlichen Zeiten legt den Finger auf den wunden Punkt: Zeit ist nicht nur eine messbare Größe, mit Stechuhr oder elektronischen Zeitmesser. Sie ist eine Angelegenheit der inneren Einstellung, sie hat etwas mit dem eigenen Lebensgefühl zu tun, das weiß jeder und jede. Ein kurzer Augenblick kann klebrig sein wie Kaugummi, und eine Stunde kann im Nu vergehen und möchte gar zur Ewigkeit werden vor Glück. Zeit haben hat mit innerem Frieden zu tun, mit Vertrauen und Zuversicht. Deshalb sagt zum Beispiel Meister Eckhart: „Mit Gott kannst du nichts versäumen. So wenig Gott etwas versäumen kann, so wenig kannst du mit Gott etwas versäumen.“  Da brauchen wir nicht  hektisch oder gar panisch zu werden, da brauchen wir auch  nichts zu  verdrängen oder zu verschieben, was ansteht. Wir leben  dann ganz im Hier und Jetzt  - und auf einmal ist Zeit genug da; wir leben nicht mehr unter dem Terror der Termine.  Madeleine Delbrel, die in den Slums von Paris soziale Basisarbeit machte  - und das aus entschieden christlicher Überzeugung -  , empfiehlt deshalb: „Wenn eine Sache erledigt ist, muss sie Gott überlassen werden. Sie hat dann nicht mehr das Recht, sich in etwas einzumischen, was jetzt in Angriff genommen werden soll

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„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,/ der uns beschützt und hilft, zu leben.“ Zwar viel zitiert, behalten  diese Verse von Herrmann Hesse  doch etwas Wahres –  gerade am  Anfang einer Woche. Für die einen mühsam nach einem schönen Wochenende, für andere nur die nächste Wiederholungsschleife,  für dritte befreiend, um im Alltagsrhythmus wieder etwas anzupacken. „Ich kann mit mir nichts anfangen“, sagen die einen, und andere haben Lust, die Initiative zu ergreifen, und etwas zu gestalten. Leben heißt anfangen, und Glauben erst recht. „Höre nie auf anzufangen, und fange nie an aufzuhören“.

Nicht zufällig steht am Beginn der ganzen Bibel der Satz: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Da ist nicht ein zeitlicher Anfang nur gemeint, sozusagen eine Initialzündung  zum Weltenlauf. Es ist  der  Augenblick  jetzt gemeint, und dieser Wochenanfang. Denn Gottes Schöpfung geschieht  immer. Im Ursprung schuf Gott Himmel und Erde, das heißt: er tut es immer noch, fortwährend. In biblischer Perspektive ist das der Zauber, der jedem Anfang innewohnt – die Einladung nämlich, der Schöpfertreue Gottes zu begegnen. Warum bin ich, warum bist du, warum können wir unterwegs sein – hier und jetzt, warum ist überhaupt etwas und nicht nichts? In jedem  Anfang erleben wir stets neu, wie wenig selbstverständlich das ist, dass wir noch Zeit haben und dass wir da sind.  Im Grunde ist nur Gott der, der wirklich  anfangen kann und stets  anfangen lässt.

Nach Christi Geburt  hat dieser Anfang einen Namen und ein Gesicht. Jesus ist gekommen, um die, die ihr Leben lang von der Angst vor dem Tod geknechtet werden, zu befreien (Hebr 2,14). Das österliche Bekenntnis zu ihm gibt jedem Anfang einen besonderen Zauber. Da gilt es, das Dasein als Gottes Schöpfung zu begreifen  und zu bewahren. Da will jeder Anfang als Einladung begriffen werden,  an Gottes Schöpferwirken teilzunehmen, so wie es die Jesus-Geschichten zeigen: zuversichtlich, wohltuend, heilsam. Ich könnte auch sagen: frühlingshaft. Alles gerät unter das Vorzeichen des Anfangens, selbst dann, wenn wir am Ende sind.

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