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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

11JUL2020
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Bücher sind Fahrkarten für die Reise nach innen, habe ich mal gelesen. Das passt für mich in diesen Sommer, den viele wegen Corona völlig umplanen mussten. Ich weiß: Sommerurlaub und Reisen - das sind Luxusprobleme. Es gibt Menschen, die sich auch dieses Jahr keinen Urlaub hätten leisten können. Manche bleiben zuhause, weil ein lieber Mensch zu pflegen ist oder die Gesundheit eine Reise verbietet. Auch ohne Corona. Aber gerade dieses Jahr ist es für manche besonders bitter, die vielleicht gerade auf eine besondere Reise gespart hatten oder unbedingt mal einen Tapetenwechsel bräuchten.

Da denke ich an den Satz, „Bücher sind Fahrkarten für die Reise nach innen!“: Auch ohne Reise kann ich eintauchen in eine andere Welt. Die „Reise nach Innen“ – das hat nicht nur mit fernen Zielen zu tun, die in Romanen und Filmen vorkommen. Die Insel von Robinson Crusoe, der Berg, wo Heidi wohnt, oder die Prärie von Winnetou. Irgendwann kann ich da vielleicht hinreisen. Aber vorher reise ich mal mit leichtem Gepäck, nach innen.

In die Landschaften der Seele. Meine Höhen und Tiefen, meine Durststrecken und Höhenflüge – oft kommen sie in Geschichten vor. Anders, aber bekannt. Oft lerne ich mich in einer Geschichte neu kennen, so wie auf einer Reise. Kann eintauchen, ohne selber die nächste Seite planen zu müssen. Was kommt, wird mir geschenkt. Nicht immer endet ein Buch oder ein Film so, wie ich will. Auch aus einem Urlaub komme ich nicht immer glücklich und braungebrannt zurück. Manchmal auch müde. Oder es hat nur geregnet. Aber ich bin nicht mehr dieselbe. Ich habe etwas erlebt - und das kann mir niemand nehmen. Genauso ist es beim Lesen, oder beim Geschichten hören.

Überall kann ich etwas Wunderbares entdecken. Es lohnt sich, neu aufzubrechen: auch nach innen, wo ich noch nicht war. Und wo es viel zu entdecken gibt, im Reich der Phantasie, der Erinnerung und der Hoffnung.

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10JUL2020
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Die Welt am Morgen: Kaffeeduft, und ein Lieblingslied im Ohr. Morgens finde ich die Welt oft ganz in Ordnung. Etwas Neues liegt vor mir. Die ganze Welt scheint zu erwachen, nicht nur ich. Da hat noch keine Alltagsmüdigkeit eingesetzt, und wenn ich erst durch Kaffee oder Musik oder beides in Gang gekommen bin, dann sieht die Welt gar nicht so schlecht aus.

Morgens ist mir neulich dabei das Lied eingefallen, das wir früher oft im Kindergottesdienst gesungen haben - „Er hält die ganze Welt in seiner Hand“. Das Lied erzählt davon, dass Gott alles in seiner Hand hält. Aber, dachte ich dann: Hält nicht seit Monaten eher ein Virus die ganze Welt in seiner Hand oder zumindest in Atem und nimmt manchen richtiggehend die Luft weg?

Aber trotzdem und vielleicht gerade deshalb hat es mir gut getan, mich darauf zu besinnen: GOTT hält die ganze Welt in seiner Hand. Auch wenn eigentlich jeden Morgen in den Nachrichten das Wort Corona fällt, hat nicht ein Virus die Welt in der Hand. Auch nicht Extremisten, Rassisten, Verwirrte oder Verführer haben die Welt in der Hand, sondern Gott selber, wie ich glaube – und zwar die ganze Welt, die Alten und die Jungen, die Kranken und die Gesunden, die Traurigen, Fröhlichen, Reiche, Arme, Menschen aller Länder und egal welcher Herkunft.

„Gott hat die ganze Welt in seiner Hand“: 1927 erstmals veröffentlicht und bis heute gesungen, ist es immer schon ein Lied gegen all das gewesen, womit Menschen sich gegenseitig das Leben schwer machen. Gegen Vorurteile und Angst.  Schaut her, sagt es. So unterschiedlich wir auch sind, so groß und bunt die Welt auch ist, wir gehören doch zusammen. Wir sind in Gottes Hand.

Der hält uns auch in Sorgen, die jetzt für viele riesengroß sind. Er hält uns auch weiter fest und sagt: Vertraut. Haltet zusammen. Gebt nicht auf. Es gibt mehr als diese Nachrichten. Es gibt nicht nur Angst und Tod, sondern ganz viel Leben: Die Welt ist in Gottes Hand, der uns nicht vergisst. Und das nicht nur am Morgen, sondern den ganzen Tag und alle Tage.

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09JUL2020
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„Zuhause ist es am Schönsten“ sagt meine Schwiegermutter oft. Wie recht sie hat, das ist für mich oft zu spüren nach einer Reise. Zuhause staune ich dann: Hier ist es ja auch schön. Wie vertraut alles ist!

Unser Zuhause haben wir in den letzten Monaten noch mal neu kennengelernt. Manchmal zu viel davon. Home office, Home schooling, Isolierung, Besuchsverbot. Videos zum Workout zuhause, Singen am Bildschirm, Aufräumen, Garten- und Balkonarbeit – vieles werden Sie auch erlebt haben. Der Park um die Ecke, der Blick aus dem Fenster. Lauter kleine Fluchten, Minitapetenwechsel und Oasen in kontaktarmer Zeit.

Mir hat eine Frau da etwas Schönes erzählt. Sie hat nicht viel Geld, aber wenn sie was beiseite legen kann, fährt sie am liebsten einmal im Jahr kurz ans Meer. Den Sand unter den Füssen spüren, diese Weite. Dieses Jahr fehlt ihr nicht nur das Geld dazu. Alles scheint noch so unsicher.

Aber sie hat einen kleinen Balkon und erzählt mir, dass sie Sand gekauft habe, wie für Kinder, Spielsand. Und wenn es warm ist, badet sie ihre Füße in diesem Sand in einer Wanne auf dem Balkon. Miniaturstrandgefühl, kleine Auszeit, mit Phantasie und geschlossenen Augen sieht sie dann das Meer vor sich. Natürlich ist das kein Ersatz. Ich wünsche ihr, dass sie nächstes Jahr wieder das Meer sehen kann. Trotzdem ist sie für mich ein Beispiel für zwei wunderbare Gottesgeschenke. Phantasie und Zufriedenheit.

Es ist da manchmal mehr möglich, als ich denke. Auch mehr Zufriedenheit, und sogar neue Entdeckungen. Der Physiker Newton verbrachte wegen der Pest im 17. Jahrhundert 2 Jahre in Quarantäne. Damals hat er das Fallen der Äpfel beobachtet und so das Gesetz der Schwerkraft gefunden. Ich werde wohl keine große Entdeckung machen in diesem Sommer. Aber ich darf mit meiner Phantasie die Welt entdecken. Und ich bitte Gott dabei, dass für uns Menschen auch die kleinen Entdeckungen wieder wertvoll werden. Durch Phantasie und Zufriedenheit.

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08JUL2020
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Oft habe ich es gehört, dieses Wort, in den letzten Wochen. Besonnenheit. Auch das Bibelwort: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ Ein seltenes Wort. Eine Krise allerdings hinterlässt nicht nur schlimme Spuren, sondern bringt oft gute Sachen ans Sonnenlicht. So auch die Besonnenheit. Das größte Kompliment, was derzeit eine Ärztin, eine Chefin, ein Politiker oder ein Forscher bekommen kann ist: die handeln besonnen.

Denn in Gefahr handeln Menschen oft genau anders. Kopflos oder aggressiv, panisch. Weglaufen möchte man oder sich verstecken. Da braucht es sie, die Besonnenheit. Gerade von Menschen, die die großen Entscheidungen treffen. Lockerungen oder nicht, finanzielle Hilfen und die Frage: was können wir uns leisten? Aber nicht nur die da oben brauchen Besonnenheit, auch ich hier an meinem Platz. Besonnen kann ich fragen: Was passiert gerade mit meinem Leben, was kann ich ändern, was nicht? Was ist mir wertvoll, wer ist wichtig für mich, wie kann ich meinen Glauben gerade jetzt leben mit vielen Fragen und Zweifeln?

Was mir hilft: ich schaue auf Menschen, die selber besonnen sind. Da will ich mir eine Scheibe abschneiden. Mancher Wissenschaftler schafft das: Zu informieren mit Besonnenheit. Nichts beschönigen, aber auch nicht dramatisieren. So habe ich es auch in der Notfallseelsorge gelernt: Die Wahrheit sagen, aber keine Ängste schüren. Auf dem Boden bleiben. Bei Menschen bleiben, für die alles zusammenbricht, auch wenn man manchmal wegrennen möchte. Manchmal reicht es schon, einmal tief ein- und auszuatmen. Zu sagen: Hier bin ich und lebe und wie gut ist es, dass ich atmen kann und nur an den nächsten Schritt denken muss, das reicht doch.

Besonnenheit, das will ich nicht nur in Bildung, Politik und Forschung erleben, sondern ich möchte es selber einüben. Damit kann ich Krisen nicht in Luft auflösen. Aber gelassener werden und eben besonnen - auch wenn die Welt manchmal Kopf steht.

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07JUL2020
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73 Jahre war er alt, der Mann, der fast 400 Kilometer auf einem Rasenmäher gefahren ist. Er hieß Alvin Straight. In Amerika passieren viele verrückte Dinge, und im Sommer 1994 ist diese Geschichte passiert. Später wurde ein Film darüber gedreht, die Straight Story. Warum unternimmt jemand eine solche Fahrt? Nun, er will unbedingt seinen Bruder wiedersehen. Er hat keinen Kontakt mehr, wie es manchmal im Leben so geht nach einem Streit. Aber er hat vom Schlaganfall des Bruders gehört. Und will ihn unbedingt noch einmal sehen. Seine eigenen gesundheitlichen Probleme verbieten eine Autofahrt. Aber er ist ein Dickkopf. Da nimmt er kurzerhand den Rasenmäher, setzt sich drauf und fährt los. Erlebt Abenteuer und tiefe Begegnungen, aber verliert nie sein Ziel aus den Augen: er will seinen Bruder noch einmal sehen.

Dieser Film hat mich berührt. Er erzählt von Aufbruch und Versöhnung, von Starrsinn auch und menschlichen Schwächen. Aber mir hat er gezeigt, dass es nie umsonst ist, solche Mühen auf sich zu nehmen und auch mal etwas Verrücktes zu versuchen. Um jemanden wieder die Hand zu reichen.

Am Ende schauen die beiden, wie sie es schon als Kinder taten, den Sternenhimmel gemeinsam an. Und sie schaffen es, nicht nur die Distanz von 400 Kilometern und viele Gesundheitsprobleme zu überwinden. Sie überwinden auch das, was sich an Missverstehen zwischen sie geschoben hatte. Der Blick in den Sternenhimmel, auf Gottes Schöpfung und seine Liebe ist für mich ein Zeichen der Hoffnung. Gott liebt seine Menschen und auch wir können lieben. Und versöhnen, wenn wir uns aus den Augen verloren oder verstritten haben.

Die Straight Story. Eine wahre Geschichte! Mir sagt sie auch: Es ist nie zu spät. Man macht sich nicht lächerlich, auch auf einem Rasenmäher nicht, wenn man auf einen anderen zugeht und ihm die Hand reicht. Und es ist unheimlich schön, wenn man spürt, dass Liebe stärker ist alles andere und dass Hoffnungen sich auch erfüllen können.

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06JUL2020
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Eine kurze Begebenheit morgens vor meinem Fenster: Zwei Kinder gehen vorbei. Ein größeres Mädchen hält ihren kleinen Bruder, etwa drei Jahre, an der Kapuze fest. Es könnte ja ein Auto kommen. Der Junge findet das nicht gut. Reißt sich los und möchte wegrennen. Ich weiß nicht, wie oft ich von meinem großen Bruder festgehalten wurde, damit nichts passiert. Oder wie oft ich meine Kinder festgehalten habe.

Viele kennen das, was die Schwester erlebt hat. Es ist schwer, Verantwortung für andere zu übernehmen und man macht sich nicht beliebt dabei. Vielleicht hatte der Vater gesagt: Wartet kurz, ich bin gleich da. Pass gut auf! Und jetzt liegt alle Verantwortung auf ihr.

Das Mädchen vor meinem Fenster hat das gut gemacht. Sie hat den Kleinen zurückgeholt und bei sich gehalten, bis der Vater um die Ecke kam. Dieser kleine Moment zeigte mir, was Leben zwischen , Leben in Vertrauen und Verantwortung ausmacht. Wenn der Vater einem etwas zutraut.

„Vater unser“, so nennen viele von uns Gott. Der scheint nicht immer präsent, wenn ich mich im Leben verrenne. Wie oft sehe ich die offene Tür nicht, die jetzt für mich die richtige wäre. Oder übersehe ein Stoppschild. Ich sehe oft nur mich und mein Vorhaben. Oder eine Gewohnheit hält mich gefangen. Aber Gott sei Dank gibt es sie, diese großen Geschwister, oder unbequeme Zeitgenossen, einen Freund oder eine Weggefährtin. Die sagen: Halt – gib acht, da kann es schwierig für dich werden. Diese versteckten Schutzengel, die um mich sind, wenn ich zwischen Freiheit und Sicherheit entscheiden muss. Auf die ich hören kann, weil hier Gott selber spürbar wird und mich nicht allein lässt, wenn ich mich überfordert oder ungeschützt fühle.

Vielleicht hat die Schwester ihrem Bruder fast das Leben gerettet. Vielleicht kam der Vater gerade dann um die Ecke, als die Last der Verantwortung zu schwer wurde. Vielleicht lernt der Kleine so das richtige Maß zwischen Risiko und Vorsicht. Ich nehme es mir jedenfalls vor: dankbar anzunehmen, was es in meinem Leben an Schutz und Halt gibt, täglich neu, oft ganz unbemerkt.

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