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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Ganz und gar abgeschoben!“, die Worte sind bei mir hängengeblieben. Eine Frau sagte das, als ich sie im Krankenhaus besucht habe. „Ich fühle mich hier ganz und gar abgeschoben. Niemand sagt was, nichts passiert und nichts wird besser, nur schlimmer.“ 

Vor 5 Monaten  ist sie ins Krankenhaus gekommen, ist am Herz operiert worden. Es wird auch danach nicht wirklich besser, das Herz, und andere gesundheitliche Probleme kommen dazu. Sie wird mehrfach verlegt. Und bei all dem ist die Familie weit weg, die Ärzte mahnen zur Geduld. Es ist zum Verzweifeln!

Wie muss sich das anfühlen „Ganz und gar abgeschoben“? Schrecklich! Niemand kann einem helfen, man ist machtlos. Und schlimmer noch: Viele verstehen nicht, wie sich das anfühlt!Diese  Frau hat sich auch gefragt: „Warum ist Gott jetzt nicht für mich da –was habe ich falsch gemacht?“ Ich höre der  Frau zu und wir beten auch. Dass es endlich anders wird.

Bei dem Gebet fällt der Frau ein Psalmvers ein: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen – woher kommt mir Hilfe?“ - und sie meint: „Ja, ich suche wirklich nach Hilfe. Wo ich hier wie auf dem Abstellgleis bin. Jetzt kann nur noch einer helfen. Hoffentlich tut er das bald!“

„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen..“ - Als die Patientin mir das sagt, stelle ich mir das bildhaft vor – der Moment, wenn mein Blick nach oben geht, weil hier unten nichts geschieht, weil ich festhänge. Der Moment, wo mein suchender Blick auf  Gottes  Blick trifft.  Ich glaube, dass so ein Moment alles verändern kann – wenn ich in meiner Not gesehen und verstanden werde. Der Moment, wo man sich nicht mehr abgeschoben, sondern ganz und gar aufgehoben weiß. Auch wenn sich äußerlich vielleicht noch nichts geändert hat und noch immer Geduld nötig ist. Aber trotzdem den Blick aufheben zu können und weiter zu hoffen.

Als ich die Frau drei Wochen später auf einer anderen Station treffe, meint sie: „An unser Gebet hab ich noch oft gedacht – Und ich höre nicht auf: meine Augen aufzuheben und Gottes Blick zu suchen.“  Und so hoffe ich mit ihr– dass Gott ihr bald hilft. So wie es der Psalmbeter dann auch erfahren hat, wenn er sagt: „Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“

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Schule aus! Für Schüler, Eltern und Lehrer beginnen heute die Ferien – endlich! Viele atmen auf – ich auch! Bald ist kein Gedränge mehr morgens auf den Straßen. Auch wer jetzt keinen Urlaub hat, merkt die Entschleunigung, kann vielleicht auch manches etwas langsamer angehen – jetzt im Sommer.

Egal, ob man wegfährt oder zuhause bleibt – Ferienzeit ist für alle wichtig, um aus der Hetze und dem Alltagstrott rauszukommen, durchzuatmen und  ein paar besondere Momente im Sommer zu erleben. Gerade für die Zeit, die ich zuhause verbringe, habe ich mir etwas vorgenommen. In dieser Zeit möchte ich mehr auf das Schöne achten, das mir begegnet, auf die Kleinigkeiten. Und wenn es noch so alltäglich oder unscheinbar daherkommt. Denn im Alltag renne ich ja viel zu oft von einem Termin zum anderen. Die Wochenenden  verfliegen oft genauso, ohne dass ich hätte sagen können: Ich hatte Zeit, das Schöne wahrzunehmen. Jetzt ist die Zeit dafür!

In einem Text beschreibt das der Dichter und Theologe Sören Kierkegaard besonders schön:

 „Die Sonne scheint für dich – deinetwegen; Und wenn sie müde wird, beginnt der Mond, und dann werden die Sterne angezündet“.

Deinetwegen – dieses Gedicht spricht genau das aus: all das, was ich in der Natur um mich herum wahrnehme, kann ich als ganz persönliche Freude erfahren. Meinetwegen! Wenn ich mehr bei meinen Sorgen und Pflichten bin und blind werde für das Schöne um mich herum - dann fragt das Gedicht:

„All das sollte nichts sein, worüber du dich freuen kannst?“

Kierkegaard endet mit den Worten: „Lerne von der Lilie und lerne vom Vogel, deinen Lehrern: zu sein heißt: für heute dasein – das ist Freude.“

Genau das wünsche ich Ihnen:  Die Seele baumeln lassen zu dürfen und zu erfahren, was die Schöpfung für uns bereithält. Das ist Ferienfreude!

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Was geschieht alles angeblich im Namen Gottes! Wenn ich Nachrichten höre, denke ich oft: Wie oft wird diese Frage missbraucht –was Gott angeblich von uns will. Wie oft muss Gott an uns Menschen verzweifeln! In seinem Namen Unfrieden stiften-  Was denken sich Menschen da? Was maßen sie sich an? Was will Gott von uns denn wirklich?

Dieses Jahr denkt die evangelische Kirche ja mit vielen Aktionen an die Reformation  – 500 Jahre ist das her - und an Martin Luther. Nicht nur er, sondern viele Menschen damals haben auch gefragt: Was will Gott von uns? Viele waren  in einer Aufbruchsstimmung. Sie wollten verändern, und vieles ging dabei nicht friedlich ab. Es waren nicht nur Männer, die den Aufbruch wagten, auch Frauen waren dabei. Eine finde ich dabei besonders interessant - nicht nur, weil wir den gleichen Vornamen tragen. Renata von Ferrara war eine französische Königstochter und Frau des Herzogs von Ferrara. Sie stand mit dem Schweizer Reformator Calvin in engem Kontakt.

Renata von Ferrara war der Reformation zugeneigt, aber wollte nicht spalten. So war auch nie ganz klar, ob sie katholisch oder protestantisch war. Auf jeden Fall setzte sie sich für Frieden zwischen den Parteien ein. Einen Bäcker, der zum Tode verurteilt war, wollte sie unbedingt retten. Sie nahm Flüchtlinge bei sich auf,  und Hunderten von  Hugenotten verhalf sie zur Flucht.

Wegen ihres Widerstandes sperrte ihr eigener Mann sie zeitweise in den Turm ein und ihr erwachsener Sohn belagerte sie. Sie hatte es mit ihrer Friedensbotschaft nicht leicht. In all den Glaubenskriegen und Wirren wurde sie dennoch nicht müde zu sagen: Das hätte Gott nicht gewollt!

Würde sie heute leben, sie würde wohl dasselbe sagen. Ich glaube, wir brauchen auch heute  Frauen und Männer, die Brücken bauen. Die  wie Renata von Ferrara nicht schwarz weiß malen, sondern behutsam fragen: Was will Gott von uns? Und wie gehen wir friedlich miteinander um?

Und dabei nicht nur reden, sondern handeln: Notleidenden helfen, verbinden statt trennen. Für mich ist daher Renata von Ferrara auch heute  ein Vorbild – und Vorbilder können wir gut gebrauchen, nicht nur im Reformationsjubiläumsjahr.

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Ein Bekannter von mir wirkt, als hätte er nie jemanden nötig. Er macht einfach so sein Ding, lässt sich nie verunsichern. Ein bisschen hat er was von James Bond oder Superman. Einer, der alles im Griff hat. Nur einmal, da war er ganz anders als sonst.

Da hat er mir erzählt, dass sein Vater im Krankenhaus liegt. Und dass er sehr besorgt ist. Nichts schlimmes, er soll operiert werden. Aber man weiß ja nie. Er war wie verwandelt: Dieser unabhängige, coole Typ ist also auch ein besorgter Sohn, hab ich gedacht. Und ein fürsorglicher Mensch! Das hat mich echt überrascht.

Auch so jemand, außen ganz cool, pflegt offensichtlich rührend die Beziehung zu seinem Vater. Auf seine Weise – er ruft ihn jetzt viel öfter an als früher, nimmt sich Zeit, um von seiner Arbeit zu erzählen. Und es fällt ihm gar nicht mehr schwer, zuzuhören, wenn sein Vater nun seine alten Geschichten erzählt.

Es  braucht gar nicht viel. Manchmal reicht es einfach einzugestehen, dass der Andere einem wichtig ist. Und sich etwas Zeit zu nehmen, und das in einer Zeit, wo doch kaum einer mehr Zeit hat. Geschweige denn für Andere. Meinem Bekannten wurde das erst klar, als sein Vater ins Krankenhaus kam. Wie wichtig es ihm ist,  zu zeigen: Du bist mir nicht egal. Für seinen Vater da zu sein,  ohne selber gleich was davon zu haben. Auch zu vergeben, wenn es nötig ist. Das ist Beziehungspflege. 

Beziehungspflege, davon hat auch Jesus erzählt – er hat von Gott oft als von einem Vater gesprochen. In einer Geschichte nimmt dieser Vater einen sehr unabhängigen und egoistischen Sohn wieder auf. Verzeiht ihm -  obwohl der sein ganzes Erbe verjubelt und vergeudet hat. Fast wäre die Beziehung kaputt gegangen- aber auch dieser Sohn merkte: Alleine geht es nicht. Und war froh, dass die Beziehung zu seinem Vater das ausgehalten hat.

Jesus sagt: Weil Gott uns so sehr liebt, kann jede verkümmerte Beziehung wieder lebendig werden. Jeder Tag ist eine neue Chance dafür - in der Familie, im Freundeskreis, auf der Arbeit oder wo  immer wir leben. Da reicht oft schon eine kleine Geste oder ein Satz wie: Gut, dass es Dich gibt!

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Ein Abend im Sommer. Es ist schwül und drückend heiß, auch in der Kirche. Und doch versammeln sich hier viele. Ein Konzert zugunsten des Mainzer Hospizvereins. Es geht also ums Sterben. Trotzdem hören wir auch frohe Lieder, auch Lieder vom Leben.

Junge Menschen, die Musik studieren oder als Hobby Musik machen, haben selber dieses Thema gewählt. Menschen, die doch sagen könnten: Sterben, das ist für mich noch ganz weit weg, interessiert mich nicht. Aber das tun sie nicht. Sie lassen zwischen ihren wunderbaren musikalischen Darbietungen Menschen zu Wort kommen, die mit Sterbenden zu tun haben. Denn diese letzte Lebensphase, sie ist leichter zu tragen, wenn man damit nicht allein ist. So erleben das Sterbende und ihre Angehörige. Aber nicht nur die erleben das. An diesem Abend haben die ehrenamtlichen und professionellen Helfer erzählt, wie ihr Engagement auch sie prägt und bereichert.

Menschen aller Altersgruppen, Männer und Frauen, die sich für sterbende Menschen einsetzen. Die erfahren: ich verliere damit keine Zeit, sondern gewinne viel. Weil es eine erfüllte Zeit ist, eine sinnvolle Zeit. Und weil Leben und Sterben und die Hoffnung zusammengehören. Das hat das Konzert vermittelt durch Musik und Worte und durch sehr viel Ehrlichkeit und Lebensfreude.  

Auch wenn es ums Sterben geht, muss es nicht gleich zum Weinen sein. Gottes Segen spannt einen Bogen über Lebende und Sterbende und schenkt beiden Hoffnung. Dass niemand ohne Trost bleiben muss. Auch dort, wo das Leben endet, gibt es Hoffnung, kann man sogar lachen.

Als ich nach Hause ging, hat sich die Schwüle des Abends in einem warmen Sommerregen aufgelöst. Die Regentropfen haben mir richtig gut getan. Manchmal braucht es  Geduld, bis sich eine drückende Hitze verzieht. Aber irgendwann kommt es doch, wie eine Erlösung. Wie ein wohltuender Regentropfen auf der Haut.

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„Einen friedlichen Tag!"– das hat neulich eine Nachrichtensprecherin gewünscht. Sie hatte noch die Bilder des jüngsten Terroranschlages vor Augen.

Einen friedlichen Tag – wir wünschen uns so etwas selten, weil Frieden doch Jahrzehnte lang für uns selbstverständlich war. Nur manche kennen noch eine andere Welt als die Friedliche. Aber die Situation ist längst anders. Es ist zu spüren: Frieden ist wieder etwas Kostbares geworden. Und das nicht nur woanders, sondern auch hier bei uns. Wann hören Menschen auf mit brutaler Gewalt? Wann wird wahr, was der Prophet Micha sagt: Dass Frieden wird. Dass Schwerter zu Pflugscharen werden!

Ich weiß es nicht. Aber eines weiß ich: Es bleibt  weiter wichtig, sich für den Frieden einzusetzen und für den Frieden zu beten. Nicht nur zu schimpfen, was die Politik alles falsch macht. Sondern bei sich selber anzufangen. Friedlich auf Fremde zugehen und sich nicht aus Angst von unseren Werten abbringen lassen – von  Werten wie Toleranz, gewaltfreies Miteinander, Menschenwürde und Demokratie. Es gibt viele Gelegenheiten, dafür einzutreten:

Demonstrieren für Europa, in vielen Städten ist da was am Laufen. Im Freundeskreis, unter Kollegen, in Ehrenämtern davon zu erzählen und das zu leben, was einem wichtig ist. Und dabei zu spüren: Die Terroristen schaffen es nicht, dass wir unser Leben und unsere Werte aufgeben. Mich jedenfalls machen sie noch sicherer in dem, wovon ich überzeugt bin. Dazu gehört für mich eben auch der Frieden - und dazu gehört, für den Frieden zu beten. Immer wieder Gott in den Ohren zu liegen, dass er uns hilft, die bösen Kräfte zu stoppen. Dass die Friedfertigen stärker werden und Friedfertigkeit in mir, in uns allen und in unserer Welt wächst.

In einer Gemeinde, in der ich einmal Pfarrerin war, treffen sich evangelische und katholische Christen seit 10 Jahren zum Friedensgebet. In einer kleinen Kirche im Taunus hört das Gebet für den Frieden nicht auf. Und viele Menschen fühlen sich dadurch gestärkt. Wir geben die Hoffnung nicht auf, sagen sie. Gerade heute. Wir beten für den Frieden. Gut, dass wir damit nicht allein sind. Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Tag und eine friedliche Woche!

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