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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Ausgerechnet in einem Friedwald habe ich erlebt, wie sich Zuwendung anfühlt. Ich meine tiefe, umfassende Zuwendung. Die Art von Liebe, mit der Gott uns begegnet.

Wir mussten ziemlich weit gehen vom Parkplatz zu dem Baum, den die Witwe sich ausgesucht hatte. Als wir ankamen, wurden wir bereits von den Musikern erwartet. Die Tochter des Verstorbenen hatte eine Kollegin gebeten, mit ihrem Trio einige klassische Stücke zu spielen. Wei ihr Vater die besonders geliebt hat. Und so erklang mitten in der Stille des Waldes plötzlich eine Sonate von Händel.

Danach ließen wir noch einmal wichtige Momente aus dem Leben des Verstorbenen an uns vorbeiziehen. Dann gab ich dem Förster ein Zeichen. Er nahm die Urne und ging voraus. Zwischen den starken Wurzeln der alten Buche hatte er eigenhändig ein Loch gegraben, um das wir uns jetzt versammelten. Ich nickte ihm zu, dann ließ er das Gefäß mit der Asche sacht hinunter. „Vater unser im Himmel …. „ beteten wir, so wie der Verstorbene es getan hatte und seine Eltern und deren Eltern auch.
Dann ließen alle bunte Rosenblätter ins Grab rieseln.

Nach dem Segen griff der Förster zu seinem Spaten und füllte das Loch bedächtig mit der hellen Erde. Zum Schluss drückte er ganz vorsichtig den entstandenen Hügel mit seinen großen Händen fest und streute die übrigen Rosenblätter auf die Stelle.

Die Familie fasste sich an den Händen. Ich stand etwas abseits, noch ganz in Gedanken an den Förster. Mit welcher Hingabe hat er dieses Ritual vollzogen! Obwohl er doch eigentlich ein Fremder war. Es strahlte so viel Frieden aus!
Diese Achtsamkeit des Försters. Was für ein Segen, wenn man die erleben darf. Wenn man die geschenkt bekommt. Nicht erst am Ende des Lebens. Sondern mittendrin.

Für mich ist die Achtsamkeit des Försters zu einem Gleichnis geworden. Immer wenn ich etwas sagen soll über die Liebe Gottes, dann fallen mir seine Hände ein. So ist es, wenn Gott uns begegnet. Behutsam und voller Liebe. Jeden Tag.

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Da steht ein kleiner Junge, vielleicht 4 Jahre alt in einem großen karierten Hemd. Das Hemd reicht ihm bis zu den Waden. Nur seine nackten Füße gucken unten raus. Er hat einen Pinsel in der Hand und bemalt – ja, einen Sarg. Einen großen, bunten Sarg. Dieses Bild habe ich in einer Zeitung gesehen und es hat mich erst einmal geschockt.

„Darf man das, ein kleines Kind den Sarg eines Verwandten bemalen lassen? Ist das nicht eine Überforderung für eine kleine Kinderseele?“ Aber der Junge auf dem Bild durfte es nicht nur, er wollte es auch. Vielleicht können Kinder tatsächlich unbefangener mit dem Tod umgehen als Erwachsene.

Mir wird schon bei der Vorstellung komisch. Den Sarg der Liebsten bemalen? Das könnte ich nicht, das wäre mir zu viel. Wahrscheinlich würde mich das ganz dicht an meine Gefühle bringen. Trauer, Wut, Ohnmacht. Und all die Erinnerungen! Das würde mich wahrscheinlich umhauen.

Aber dann habe ich versucht, mir das konkret vorzustellen: Ich mit einem Pinsel und Farben vor einem Sarg. Blau für das Meer, das wir in Griechenland gesehen haben – und für die Augen meiner Liebsten und die Art, mich anzusehen. Rot für die Kirschen, die wir zusammen geklaut haben. Und für die Küsse, wenn wir uns am Bahnhof verabschieden mussten. Aber auch für ihre Wut, wenn ich sie verletzt habe. Grün für die Wiese hinter unserm Haus, die sie jeden Samstag gemäht hat. Und für die alte Jogginghose, die sie angezogen hat, wenn wir gemütlich am Kachelofen saßen. Und schwarz kommt auch vor. Schwarz für den Streit, den wir hatten und für die Zeit, in der wir uns überhaupt nicht verstanden haben. Oder war es eher grau?

Ich glaube, es könnte sich vieles klären, wenn meine Gefühle der Trauer eine Farbe bekommen würden. Und vielleicht könnte ich dadurch alles besser loslassen. Weil ich diesem Menschen etwas von mir mitgeben würde. Etwas wie: „Du warst wichtig für mich. – Und wirst es immer bleiben.“

„Du bist so wertvoll in meinen Augen, weil ich dich liebe…“ steht in der Bibel. Gott sagt das über uns. Welche Farben würde Gott wohl wählen?

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Ihre Stimme klingt ganz anders als sonst: Ganz lebendig und leicht. Gar nicht mehr müde wie früher.
Vor einigen Wochen hatte ich ihr geraten, sich krankschreiben zu lassen. Sie klagte über Schlaflosigkeit und starke Magenschmerzen. Der Grund war uns beiden klar: Ihre Scheidung, der Ärger in der Schule, in der sie Lehrerin ist, ihr Jüngster, der nicht zu Potte kommt… Das war einfach alles zu viel für sie. Trotzdem hat sie tapfer bis zu den Ferien durchgehalten.

Jetzt ist sie endlich an ihrem geliebten See. Und ruft mich von dort aus an. Sie will mir unbedingt von einer Begegnung erzählen - einer sehr seltsamen Begegnung. Sie erzählt mir, wie gut es ihr tut, durch den großen, stillen See zu schwimmen. „Beim Schwimmen höre ich einfach auf zu denken“, sagt sie. „Und stell dir vor, vorhin, als ich mitten auf dem See war, habe ich plötzlich Muttis Stimme gehört. Ganz klar und deutlich.“

Ich weiß, dass ihre Mutter seit einem Jahr tot ist. Und dass sie kein gutes Verhältnis zu ihr gehabt hat. Trotzdem frage ich sie: „Und was hat deine Mutter gesagt?“ – „Gar nicht viel. Sie hat meinen Namen gerufen. Und plötzlich habe ich ganz viel Liebe gespürt. Das hat mich richtig durchströmt, ganz warm …“

Ich höre ihr gespannt zu. „Und dann“, sagt sie, „hab ich erst mal eine Stunde geheult.“
„Du hast endlich gespürt, wonach du dich immer gesehnt hast.“ – „Ja“, antwortet sie nach einer kurzen Pause. „Und jetzt fühle ich mich ganz leicht.“ Ja, das kann ich deutlich durchs Telefon hören. „Ich weiß, dass ich dir das erzählen kann“, meint sie, „weil du mich nicht für verrückt erklärst“.

Nein, warum sollte ich auch? Meine Freundin hat etwas erlebt. Und für das gibt es keine Erklärung. Wir wissen nicht, ob es möglich ist, mit Verstorbenen zu reden. Aber sie hat es erlebt und es hat sie richtig verwandelt und ihr neue Lebenskraft gegeben. Das ist es, was ich jeder Familie wünsche, die ich zum Grab ihrer Lieben begleite. Es steht im letzten Kapitel der Bibel: „Und Gott wird alle Tränen abwischen.“

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Als Jesus sagte: Kehrt um, da wollte er, dass das ganze Leben Umkehr ist. So lautet die erste der berühmten 95 Thesen Martin Luthers – nicht ganz wörtlich. Denn Luther sprach nicht von Umkehr, sondern von Buße. Aber Umkehr trifft es heutzutage besser, denn das bedeutet: ich soll mich bereithalten, meinem Leben eine neue Richtung zu geben, wenn ich mich verrannt habe und  nicht mehr weiter weiß. Das ist etwas ganz anderes, als tagaus, tagein mit einer Armesündermiene in Sack und Asche zu gehen. Doch darum geht es nicht. Denn Umkehr meint: Schaut auf euer Leben, schaut nach, ob ihr etwas verändern müsst. – Das ist auch anstrengend und natürlich nicht ohne Einsatz zu haben. Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen. Für mich und mein Leben. Auch für andere und für die Gesellschaft. Das Leben ist kein Ponyhof. Ohne Verantwortung kann es nicht gelingen.

Martin Luther selbst ist ein gutes Beispiel dafür. Keiner hat ihn gezwungen, mit Thesen zum Zustand der Kirche an die Öffentlichkeit zu gehen. Doch da übernimmt ein Mönch, der sein Auskommen hat und der Karriere machen könnte, seinen Teil der Verantwortung und scheut deshalb keinen Konflikt. Er kehrt um zur Verantwortung, weil er etwas erkannt hat, das seinem Leben eine neue Richtung gibt und legt sich mit dem Erzbischof von Mainz, dem Papst und der ganzen Kirche an.

Heute ist Buß- und Bettag, der dazu auffordert, sich immer wieder zu besinnen und neu zu orientieren. Auch wenn dieser Tag kein staatlicher Feiertag mehr ist – wichtig bleibt er. Vielleicht sollte man den Tag umbenennen, um das deutlicher zu machen: Umkehrtag zum Beispiel. Den Kopf frei kriegen für das, was dran ist. Dinge neu in den Blick nehmen. Eine Art Hausputz für’s Gehirn und unsere für eingefahrenen Sichtweisen und für unsere Sackgassen.

Umkehr kann anstrengend werden. Martin Luther und viele andere können ein Lied davon singen. Und doch ist Umkehr Ausdruck unserer Freiheit. Sie gibt unserem Leben als Menschen Würde.

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Heute ist der Gedenktag für „Writers in Prison“, auf deutsch: „Schriftsteller im Gefängnis“. Er erinnert an Schriftsteller und Dichter und Journalisten im Gefängnis – unschuldig im Gefängnis aus einem einzigen Grund: eben weil sie schreiben und dabei keine Denkverbote akzeptieren und sich nicht zensieren lassen. In vielen Ländern der Erde halten das die Mächtigen bis heute nicht aus. Sie inhaftieren Autoren und wollen sie so mundtot machen.

Mir imponieren diese Menschen, die für das freie Wort und ihre Bücher und Texte ins Gefängnis gehen. Sie tun das aus Überzeugung. Für die freie Meinungsäußerung geben sie nicht nur einen Teil ihrer Zeit und Kraft – sie geben sich, sie geben im wahrsten Sinn des Wortes ihr Leben. Weltweit sind rund 1.000 Autorinnen und Autoren verhaftet und eingesperrt.

Was mag den Inhaftierten helfen und ein Trost sein in ihrer Zelle? Auf jeden Fall dies: dass Menschen draußen, außerhalb der Gefängnismauern, sich nicht einschüchtern lassen, sondern unbeirrt zu ihnen stehen, an sie erinnern und die Verbindung nicht abreißen lassen. So erlebt es auch einer der Autoren der Bibel, der Apostel Paulus, der zeitweise gefangen ist. In einem Brief aus dem Gefängnis schreibt er:  dass seine Gefangenschaft die Christinnen und Christen draußen in ihrem Einsatz für die Freiheit der Rede mutiger gemacht hat.

Allerdings: in der Regel wissen die Gefangenen nicht, ob man an sie denkt oder nicht. Ja, die Gefangenen selbst brauchen sehr viel innere Stärke und Würde, um sich nicht kaputtmachen zu lassen. Ich wünsche ihnen das von Herzen. – Für den gefangenen Paulus war der Ursprung dieser Stärke und Würde klar: wenn mir meine äußere Freiheit genommen wird und meine Rechte mit Füßen getreten werden, dann bleibt Gott doch bei mir. Das spürt Paulus und schreibt darum: Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig (2 Kor 12,10). Gott hat eine Schwäche für die Schwachen. Um die Mächtigen macht Gott einen Bogen. Die sind mit ihrer eigenen Macht genug beschäftigt. Aber die Schriftsteller und die Schwachen, die richtet Gott auf, tröstet sie und gibt ihnen eine Würde und innere Stärke, die nichts und niemand zerstören kann.

 

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Seit 1952 ist klar: er soll einmal König werden und seiner Mutter auf den Thron folgen. Damals war er vier Jahre alt und bestimmt noch zu klein dafür. Aber heute hat er Geburtstag und ist nicht mehr klein: Er wird 68 Jahre alt und wartet immer noch. Andere sind in dem Alter längst in Rente, da hat er noch nicht einmal angefangen. Die Rede ist von Prinz Charles, dem Sohn von Königin Elisabeth von England. Kein Thronfolger in der britischen Geschichte hat jemals länger darauf gewartet, König zu werden.

Wie ist das, so lange zu warten? Warten kann ganz schön anstrengend sein. Da sind unerfüllte Träume. Da ist der Wunsch endlich einmal loslegen zu können. Und nicht mehr im Schatten eines anderen zu stehen, auch und erst recht nicht der eigenen Mutter.

Es könnte sein, dass das unerfüllte Träume bleiben. Dass nichts daraus wird, Pläne sich zerschlagen und Hoffnungen zerplatzen wie Seifenblasen. Das mit Anstand und Würde auszuhalten ist eine Herausforderung.

Ein gutes Beispiel dafür aus der Bibel ist Mose: er soll das Volk Israel aus Ägypten ins gelobte Land führen. Aber er selbst wird dieses Land nicht erreichen. Er zieht mit den Israeliten „nur“ vierzig Jahre durch die Wüste. Ziel verfehlt? Es braucht doch einen, der auch das macht und sich dafür nicht zu schade ist. Und der auch darin einen Wert sieht, was vermeintlich noch nicht das „richtige“ Leben ist.

Es kann sein, dass man das gelobte Land nicht erreicht. Dass man nur mal einen Blick drauf wirft wie Mose, mehr nicht. Das macht das Leben nicht wertlos oder vergeblich. Man kann auch glücklich sein, ohne ein großes Ziel zu erreichen.

Mose hat das gut hingekriegt, damals in der Wüste. Gesetze gegeben, Recht gesprochen, die Israeliten zusammengehalten. Und ich finde, auch Prinz Charles macht seine Sache als ewiger Thronfolger nicht schlecht, egal, was die Regenbogenpresse schreibt. Herzlichen Glückwunsch, Prinz Charles! Ich wünsche weiter Ausdauer, Geduld und vor allem ein eigenes Leben, nicht nur im Schatten des Throns.

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Heute ist es ein Jahr her seit den furchtbaren Terroranschlägen in Paris. 132 Menschen mussten damals sterben. Die gemeinsame Trauer damals und der tiefe Schrecken sind in den Hintergrund getreten. Aber viele Menschen fragen sich, wie wir darauf reagieren, dass unsere Gesellschaft insgesamt und unsere Städte verletzlich sind. Wir merken, dass wir, die wir so viel können, uns nicht vollständig vor Anschlägen schützen können. Wir planen gerne vor, wir schätzen es, wenn Dinge berechenbar sind – und erleben dann, dass Terror unberechenbar ist. Was kann man tun, um den Mut zum Leben und die Zuversicht nicht zu verlieren?

Das Gedenken an die Toten von Paris gehört für mich zum Volkstrauertag heute dazu. Der Tag ist und bleibt wichtig, auch wenn der „eigentliche“ Anlass, der Zweite Weltkrieg, mittlerweile schon 71 Jahre zu Ende ist. Aber von diesem Anlass geht unser Blick in eine Welt, in der kein Frieden herrscht.

Darum geht es beim Volkstrauertag: um die vielen Menschen, die durch Krieg und Diktatur und Gewalt ihr Leben verloren haben überall auf der Welt bis heute. Denn mit dem Ende des Weltkriegs sind Aggression und Töten nicht aus der Welt verschwunden. An die Opfer soll gedacht werden. Wir veranstalten offizielle Gedenkfeiern und versammeln uns an Mahnmalen, damit die Traurigkeit über millionenfaches Sterben einen Ort hat. Und damit wir verhindern, dass daraus Hass entsteht. Nein, die Kriegstreiber, die Attentäter, die Hassprediger, die Machtgierigen, die Diktatoren, sie sollen mich nicht kriegen. Ich will ihren Hass nicht mit Hass beantworten, sondern will es am Volkstrauertag mit der Bibel halten: die will, dass wir mit den Traurigen weinen – und für diejenigen bitten, die uns verfolgen. Das schafft Raum zum Nachdenken. Und aus Nachdenken entsteht Zeit. Und aus Zeit entsteht Besonnenheit, die nicht einfach nur blind um sich schlägt – damit das Böse nicht siegt, sondern der Mut zum Leben. Und je länger ich mir Zeit nehme und darüber nachdenke: meinen Hass sollen sie nicht bekommen – aber mein Gebet.

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