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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Kochen ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Mein Onkel sitzt in meiner Küche. Er liebt es, mir bei der Arbeit zuzusehen. Meistens macht er dann auch noch schlaue Kommentare.

„Warum schälst du so viele Kartoffeln?“ fragt er. „Ich mache Kartoffelsuppe“, sage ich, „das essen alle gern. Darum schäle ich so viele Kartoffeln.“ „Aber das könnt ihr doch nicht alles essen.“ „Das ist ja auch gar nicht alles nur für uns“, sage ich.

Wieso?“„Ich koche immer mehr als wir brauchen. Und dann frage ich unserer Whats-App-Gruppe rum, wer was zum Essen will.“„Das verstehe ich nicht“, sagt mein Onkel. „Deine Tante kocht jeden Tag für uns. Früher noch für die Kinder und so machen das alle.“

„Da ist ja nichts gegen zu sagen“, antworte ich, „aber bei uns ist das heute ein bisschen anders. Wir sind im Dorf mit ein paar Familien gut befreundet. Und alle arbeiten.“„Die Frauen auch?“ Mein Onkel runzelt die Stirn.

„Natürlich“, sage ich. „Alle arbeiten. Und alle helfen sich gegenseitig. Wenn jemand vormittags frei hat, kocht er zum Beispiel. So wie ich gerade. Und dann fragen wir, wer was braucht.“„Das ist aber ziemlich umständlich.“ „Naja, ein bisschen Organisation ist das schon. Aber so bisschen hin und her bringen, das kriegen wir gut hin.“

„Aber steht nicht schon in der Bibel, dass die Frau zuhause bleiben und sich um Haus und Hof und Kinder kümmern soll?“
„Nein“, sage ich, „so verstehe ich die Bibel nicht. Auch da gibt es Frauen, die schon vor 2000 Jahren Handel getrieben oder ganze Weinberge angelegt haben.“

„Und die Frauen lassen sich von dir bekochen?“
„Ja, warum denn nicht. Ich lasse mir ja auch helfen. Anja von gegenüber zum Beispiel hilft mir im Garten. Und Andrea verarztet immer die Kinder, wenn die sich eine Zecke eingefangen haben. Und ich koche eben, wenn die arbeiten.“

„Du bist ja ein richtiger Pantoffelheld geworden!“ „Nein“, sage ich, „ wenn schon, dann Kartoffelheld. Aber eigentlich sind wir alle modernen Helden des Alltags.“

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Wer will das nicht: sich verdient machen, nach großer Anstrengung erfolgreich sein und dann auch ordentlich Geld verdienen. Umso ärgerlicher ist es dann, wenn es Leute gibt, die weniger schuften und trotzdem ihr Auskommen haben. Die Geld bekommen, obwohl sie es sich nicht verdient haben. Bei dieser Erregung öffentlichen Ärgernisses macht auch Jesus mit.

 

Und wie.
Es geht um den Mindestlohn. Den gibt es schon lange bevor die Politik ihn erfunden hat. Jesus erzählt davon in der Geschichte von den Arbeitern im Weinberg-und zwar so:

 

Da stehen die Tagelöhner, die Zeitarbeiter rum und warten, dass ihnen jemand Arbeit gibt. Ein Weinbergbesitzer geht auf sie zu und stellt sie ein für einen Tag, für so viel Geld, wie man für einen Tag zum Leben braucht.
Ein Silbergroschen. Das ist der Deal. Nicht viel, aber genug. Die Leute fangen an und schwitzen.

 

Mehrmals geht der Chef danach noch auf die Suche. Und immer stellt er neue Leute ein.  Für einen Silbergroschen. Dann ist endlich Feierabend und es geht ans Auszahlen. Sie kriegen alle einen Silbergroschen, wie vereinbart. Unabhängig von der Länge oder  Kürze ihrer Schicht. Skandal total.

 

Jesus meint, es gibt etwas Wichtigeres als Lohn nach Leistung und das ist: dass ein Mensch leben kann von seiner Hände Arbeit.
Ein Silbergroschen- das ist der Lebensunterhalt für einen Tag. Vielleicht waren die Drückeberger, die Spätkommer ja gar keine Faulenzer. Vielleicht haben sie einfach keine Arbeit früher gefunden.

Natürlich gibt es Protest. Jesus verschweigt das nicht.Die fleißigen Leistungsträger des Tages sind sauer. Sie fühlen sich im Nachteil, ausgenutzt und ungerecht behandelt.

 

„Wieso  ärgert ihr euch, dass ich so gnädig bin? Hab ich mich etwa nicht an unsere Vereinbarung gehalten?“ Was für eine Provokation. Gott will, dass alle ihr Auskommen haben. Wer sich bei ihm Einstellen lässt, früher oder später, bekommt genug, ist versorgt, hat, was er braucht.

 

Unter dem Dach der Liebe Gottes gibt es am Ende keine unterschiedlichen Prämien und keine billigen Plätze, sondern einfach nur Platz genug und einen Silbergroschen in der Tasche.

 

 

 

 

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Die Arbeit gehört zum Menschen wie zum Vogel das Fliegen. Diesen Satz hat Luther mal gesagt und nach ihm Papst Johannes Paul II auch. Und tatsächlich kenne ich keinen, der nicht arbeiten möchte. Alle wollen und brauchen eine Aufgabe. Aber längst nicht alle, die ich kenne, arbeiten gern.

Die Arbeit gehört zum Menschen wie zum Vogel das Fliegen. Bei manchen Arbeitsverhältnissen hat die Arbeit allerdings wenig mit Fliegen zu tun. Eher mit festbinden und klein machen.Da muss man gar nicht erst weit weg schauen in andere Länder. Da genügt der Blick ins Rhein-Main-Gebiet.

Dort arbeitet eine Bekannte in einem kleinen Taxi-Unternehmen. Die Konkurrenz ist groß. Jeden Tag geistern Gerüchte durch die Firma, dass es demnächst Kündigungen geben wird. Keiner weiß, wen es dann treffen wird. Das stresst. Denn jeder braucht den Job. Die Situation wird auch nicht besser dadurch, dass der Chef gerne Aufträge nebenbei vergibt. Nur an die, die sich mit ihm gutstellen – versteht sich. Das fördert nicht gerade die Betriebsmoral. Da wird hinter dem Rücken gelästert und jeder versucht, für sich das Beste rauszuholen.

Es gibt nicht selten Tage, da geht meine Bekannte mit Bauchschmerzen zur Arbeit. Immer wieder ist sie krank. Die Tage zur Rente zählt sie jetzt schon.
„Bewirb dich doch auf einen anderen Job“, sagen manchmal Angehörige. „Wo soll ich mich denn bewerben mit 56 Jahren?“, fragt sie dann. „Anderen Unternehmen geht es doch nicht anders. Also mache ich gute Miene zum bösen Spiel.“

Oft weiß sie nicht, wie sie nächste Woche arbeiten muss. Ob Frühschicht oder Spätschicht. Nicht selten geht sie um frühmorgens aus dem Haus und kommt erst abends wieder. Viel Zeit für anderes bleibt da nicht.

Die Arbeit gehört zum Menschen wie zum Vogel das Fliegen. Ich glaube, das stimmt.
Aber es muss eine Arbeit sein, die den Menschen nicht festbindet. Die ihm nicht den Wind aus den Segeln nimmt. Sondern die ihm die Freiheit lässt, selbst Entscheidungen zu treffen. Die ihn im Besten Fall sogar beflügelt.

 

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Inbegriff der Trostlosigkeit: krank, ohne Arbeit, ohne Lohn, nicht einmal ein Dach über dem Kopf.Der Reiche geht achtlos an Lazarus vorüber.
Doch als die beiden sterben, wandeln sich ihre Geschicke: Nun liegt Lazarus in Abrahams Schoss. Der vormals Reiche hingegen muss in der Hölle schmoren. Und als er auch nur um ein bisschen Wasser bittet, muss er erfahren: Da ist nichts zu machen. Die beiden Welten sind unerreichbar voneinander getrennt.

Die Geschichte hat zwei Botschaften. Eine an die Armen und eine an die Reichen. Den Armen sagt er: Lasst euch eure Würde und Hoffnung nicht nehmen. Es gibt eine ausgleichende Gerechtigkeit. Wenn nicht hier und jetzt, dann am Ende der Zeit, bei Gott.

Die andere Botschaft geht an die Mächtigen und Erfolgreichen. Für sie ist die Geschichte eine Warnung und ein Ruf in die Verantwortung.

Wenn wir hier, wo wir leben, achtlos über die Bedürfnisse der Ärmsten hinweggehen, wenn wir ihnen nur zugestehen, sich das zu nehmen, was von unserem Tisch fällt, wenn wir sie nicht Teil haben lassen an Arbeit und Bildung, dann wird das irgendwann für uns die Hölle werden.

Zum Teil können wir das ja schon erleben. Jahrelang haben wir vor Afrika das Meer leergefischt, haben Waffen an Dikatoren verkauft – bis es für die Menschen dort unerträglich wurde und sie jetzt vor Armut und Krieg fliehen - zu uns. 

Es ist keine Drohung, wenn Jesus sagt: Der Reiche muss in der Hölle schmoren. Es ist die natürliche Folge davon, dass der Reiche sich abgetrennt hat von der Not der Armen.
Es gibt eine ausgleichende Gerechtigkeit, meint Jesus. Böse Taten kommen zurück auf den, der sie tut. Wenn nicht hier, dann irgendwann.

Es lebt sich besser, wenn man den, der vor unserer Tür liegt wie Lazarus, oder der auf den Fluren unsrer Arbeitsamtämter wartet, nicht vergisst.  Es lebt sich besser, wenn alle teilhaben können an Arbeit, Lohn und Wohlstand.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23017

Beruflich zu den Orten der klassischen Antike nach Israel, Griechenland und Italien reisen?
Kreuz und quer auf dem Mittelmeer unterwegs sein?
Das klingt nach Manager, nach dem CEO eines wichtigen Unternehmens.

Und so ähnlich war es auch, damals vor 2000 Jahren: Vom Zeltmacher zum Manager – so könnte man die Aufstiegsgeschichte des Paulus nennen. Manager eines höchst fragilen Gebildes: des Christentums. Paulus ist unter den ersten Christen der vielleicht wichtigste Missionar. Aber bevor er das wird, ist er zunächst einmal Handwerker.

Die Arbeit eines Zeltmachers ist ein Knochenjob. Über seine Werkbank gebeugt, bearbeitet er mit wenigen Werkzeugen Leder, damit daraus ein Zelt wird. Dazu schneidet er Lederstücke zu, vernäht sie, arbeitet Ösen ein. Gut bezahlt ist die Arbeit nicht. Paulus sagt von sich, dass er manchmal Tag und Nacht arbeiten muss, um über die Runden zu kommen. Heute würde man das ein prekäres Arbeitsverhältnis nennen.

Aber nicht das war es, was Paulus veranlasst hat, auszubrechen. Es war sein Hunger nach Sinn. Die Arbeit hat ihn gut beschäftigt, aber ein erfülltes Leben, das hat sie ihm nicht gegeben.

Klar, mit irgendetwas musst du dir deine Brötchen verdienen. Aber geht es bei der Arbeit nicht um mehr als ums Geldverdienen? Gehört nicht auch die Arbeit dazu, wenn ich ein sinnvolles Leben suche?

Kein Wunder also, dass Paulus ganz genau hinhört, als Gott ihn beruft. Denn dieser Ruf Gottes  bedeutet: Gott gibt ihm eine neue Arbeit: er schickt ihn los, den Menschen rund ums Mittelmeer von Jesus zu erzählen. Das ist kein bloßer Zweitjob, kein Engagement nach Feierabend, sondern eine echte Berufung. Eine, die noch anstrengender und weniger lukrativ ist als die Arbeit des Zeltmachers. Aber sie macht Sinn. Deshalb prägt die Berufung des Paulus unsere Sprache seit zweitausend Jahren, denn diese Berufung macht aus der Arbeit einen Beruf. Beruf kommt von Berufung.

Ich finde: darunter sollten wir es auch heute nicht tun. Natürlich: Arbeit macht nicht immer Spaß, sie ist anstrengend, sie bringt Ärger und oft ist das Gehalt nicht angemessen. Schließlich steht schon in der Bibel: Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen. All das gibt es, all das gehört dazu. Aber entscheidend für das, was man beruflich tut, ist die Gewissheit: ich bin am richtigen Platz. Das hier ist meine Aufgabe. Oder anders gesagt: Gott hat mich hierher gestellt. Das ist meine Berufung – und deshalb ist es mein Beruf.

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„Wann ist es eigentlich genug?“ Diese Frage hat Martin Luther sein ganzes Leben lang umgetrieben. Als begabter Junge, der er war, hat er alle Ausbildung bekommen, die damals zu kaufen war. ER sollte mal die Erzbergwerke seines Vaters übernehmen, Silbergewinnung war ein höchst lukratives Geschäft. Und ein Jurastudium war da gerade recht. Martin Luther ist im wahrsten Sinn des Wortes mit dem Silberlöffel im Mund auf die Welt gekommen.

Aber was er gemacht hat, war nie genug. Zu Hause nicht, wo sein Vater mit strenger Hand regiert hat. Und er selbst war auch nie zufrieden mit sich. Denn damals hatten alle viel Angst. Angst vor Armut, vor der Pest und vor allem: Angst davor, ein verdorbener, gottloser Mensch zu sein, auf den nichts als die Hölle wartet.

Kurzum: Luther fand sich selber nie gut genug. Er dachte: wenn ich ins Kloster gehe, entkomme ich dem Zorn des Vaters, dem Zorn Gottes und der ganzen gnadenlosen Gesellschaft. Aber im Kloster ging es grade so weiter. Dort waren seine Gebete auch nie genug. Der Abt befahl ihm, nicht nur für sein eigenes Seelenheil zu beten, sondern -gegen Geld, das der Orden bekam-  auch noch für andere. Die keine Zeit zum Beten hatten.

Und so hätte er sich wohl bis in Ewigkeit im Hamsterrad abgearbeitet immer mit dem Gefühl: „genug ist nicht genug“- aber eines Tages ist er auf einen Satz in der Bibel gestoßen.

Da hieß es: lass es genug sein. Hab Vertrauen in Gott. Vertraue darauf, dass Gott dich liebt und annimmt wie du bist. So wie eine Mutter ihr unfertiges Kind annimmt und liebt wie es ist.

Das war die Wende im Leben des Martin Luther. Zum ersten mal hat er gehört: Genug ist genug. Du musst nicht immer hinter der Anerkennung der Anderen herrennen, du musst dich nicht ständig optimieren. Halte es aus, Fehler zu machen, von den Anderen nicht gemocht zu werden, zu scheitern. Du bist Gott genug, deshalb hab Vertrauen und lebe.

Mit dieser Entdeckung hat Martin Luther seine Zeit und unsere Geschichte verändert. Deshalb feiern wir Evangelische heute den Reformationstag.

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Die Begabung zum Anfangen. Wenn man älter wird und so seine Bruchlandungen mit dem Anfangen hinter sich hat, dann ist die manchmal ganz schön verschüttet. Die Begabung zum Anfangen. Wie sehr die bei mir verschüttet war, hat mir mein einjähriger Enkelsohn gezeigt. Wenn er lacht oder Grimassen zieht, wenn er mit großen Augen über eine Blume staunt und sich wundert, dass die nicht schmeckt, wenn er zum hundertsten Mal hinfällt, weil der Kopf zu schwer ist fürs Gleichgewicht halten- ja, dann spüre ich sie wieder ganz deutlich.

Die Begabung, die Lust zum Anfangen. Neues ausprobieren, sich aus der Deckung wagen und sich einmischen. Das ist es, was uns alle auszeichnet, auch wenn wir älter sind. Das meinte auch die Friedenspreisträgerin Carolin Emcke in ihrer Rede. „Wir können hinausgehen und etwas unterbrechen. Wir können neu geboren werden, indem wir uns einschalten in die Welt. Etwas machen, anders machen.“

Mein Enkel steckt auch mich neu an mit dieser Fähigkeit. Weil er mich aus meiner Routine lockt, meine Aufmerksamkeit fordert, mich unterbricht. Eigentlich wollte ich den Zeitungsartikel zu Ende lesen. Aber er steckt mich an mit seinem Lachen. Er verführt mich dazu, meine Sorgen nicht so schwer zu nehmen und mich selber auch nicht so wichtig.

Aber ich frag hier mal doch: wo kommt sie her, diese Begabung zum Anfangen? Diese Lust am Neuen, diese Lebendigkeit? Ich glaube, sie kommt von dem einen großen Ja, das uns alle umgibt, auch wenn wir das manchmal nicht so gut spüren können. Mein Enkelsohn kann das wunderbar. Wenn er in seinem Wagen sitzt, eingehüllt in eine Jacke, eine Felldecke und in ganz viel Liebe. Umgeben von vielen Menschen, die ihn lieb haben.

Ich glaube: Wir haben nur eine Begabung zum Anfangen, wenn jemand was mit uns anfangen kann. Am Anfang stehen die Mutter, der Vater und hoffentlich auch die Großeltern dafür. Sie überbringen das große Ja, das Gott zu uns Menschen sagt. Zu jedem Einzelnen von uns. Das große Ja bevor wir auch nur einen Finger krumm gemacht haben. Bevor wir zeigen können, was in uns steckt, zu welcher Leistung wir imstande sind, sagt Gott Ja zu uns. Daran glaube ich.

Dieses Ja ist es, was uns begabt macht zum Anfangen, uns nicht im Scheitern und im Frust einzurichten, sondern es immer wieder versuchen zu wollen, es besser machen zu wollen. Ob im Bürojob, in der Schule oder als qualifizierte Babysitterin namens Großmutter.

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