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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Guten Morgen!
Mal ehrlich, möchten sie noch mal gerne in die Schule gehen? Also ich nicht. Nicht um alles in der Welt möchte ich da noch einmal von vorne anfangen. Noch heute träume ich peinliche Szenen an der Tafel, Mathestunde am Montagmorgen, Kurvendiskussion, schreibe a+b in Klammer, im Quadrat, sitze in der Aula und mache zum xten Mal Abitur.
Nein, ich möchte nicht noch einmal in die Schule gehen. Obwohl es natürlich auch wunderbare Lehrer gab, wahre Menschenfreunde. Und obwohl es natürlich echte Freundschaften und Klassenzusammenhalt gegeben hat. Ganz schlimm waren die so genannten blauen Briefe. Alles sprach dafür, dass das jüngste Gericht jetzt doch aus gegebenem Anlass zeitlich vorgezogen wird. Das war auch so, wenn die Eltern zum Sprechtag in die Schule beordert wurden, weil die 5 fürs Zeugnis bedrohlich nahe kam.
Einmal, weiß ich, mussten meine Eltern zu meinem Mathematiklehrer deswegen. Und als der meiner Mutter die Ergebnisse der Klassenarbeiten vorlas, da sagte die ganz gelassen zu ihm: „Das ist nicht so schlimm, Herr Lehrer, unser Bub will ja sowieso bloß Pfarrer werden.!"
Nein, ich möchte nicht noch einmal in die Schule gehen. Obwohl die Schule des Lebens in Wirklichkeit nie aufhört. Oder?
Erst haben wir lernen müssen, das liebe Leben in den Griff zu bekommen, jetzt werden wir womöglich anfangen müssen, es wieder loszulassen. Sollen lernen, wie die Kinder ihre eigenen Wege gehen. Sollen weiser und gelassener werden. Ja, es mag unsere erste Schulzeit zu Ende sein, die uns nach Lehrplan und Klassenstufe, Zeugnis und Notendurchschnitt einsortiert und beurteilt hat. Aber ansonsten sind wir in der Lehre auf Lebenszeit. Und damit sind wir gut dran, sagt die Bibel. Sehr gut sogar, wenn wir nicht aufhören Tag und Nacht  auf der Suche nach Gott zu sein. Weil Gott uns ja noch so viel beibringen will. (Psalm 1). Und unser Gehirn, wie die Forschung herausgefunden hat, bis ins hohe Alter lernfähig ist. Und selbst im Himmel wird es wohl noch mit Nachhilfe weitergehen. Denn nach den Worten, die Jesus gesagt hat, ist das Klassenbuch dort schon angelegt und alle unsere Namen bereits eingetragen. (Lukas 10,20). Da kann man nur hoffen, das wenigstens weiterhin Sonntags schulfrei ist.

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Guten Morgen!
Gibt's die eigentlich noch? die Bundesjugendspiele? Mit allen nur denkbaren Disziplinen hintereinander? Alle auf dem Sportplatz, die ganze Meute? Und dann von Station zu Station in brütender Hitze mit Stoppuhr und Metermaß? Mir wird heute noch übel, wenn ich daran denke. Natürlich war das immer der Tag der Sportskanonen. Die kamen da jedes Mal ganz groß raus und haben sich schon auf dem Siegertreppchen bei Olympia gesehen. Hundert Meter, Tausend Meter, Weitsprung. Ich seh das alles noch vor mir. Für einen durchschnittlich begabten aber sehr bemühten Athleten wie mich, waren das immer die schlimmsten Schultage im Jahr.
Am meisten hab ich mich immer beim Weitwurf blamiert. Im Werfen war ich nie gut. Und das kam dann in gnadenloser Regelmäßigkeit raus. Egal, ob mit Ball oder Kugel, es waren immer sehr bescheidene Weiten. Eine Urkunde habe ich nie bekommen. Nur Bauchschmerzen regelmäßig. Und Wut. Nach innen, weil ich mir mein schwaches Werfen
auch noch selber vorgeworfen habe. Und so habe ich das dann oft gemacht. Nicht nur im Hinblick auf meine sportlichen handicaps.
Auch andere Ungeschicke habe ich mir oft  vorgeworfen. Denn im Laufe des Lebens kommen ja noch andere Disziplinen dazu. Bis mir klar wurde: Im Vorwurf bin ich besser als im Weitwurf.
Da habe ich angefangen, mich um eine bessere Fitness für die Seele zu kümmern. Mit Hilfe eines sportlich eindeutigen Trainingsauftrags, den die Bibel mir gibt, wenn sie sagt:
„Wirf Dein Anliegen auf Gott, der wird dich versorgen!" Eine ganz neue Sportart habe ich da entdeckt. Umwerfend fast. Weil sie mir das Recht gibt, mich von meinen Schwächen kraftvoll zu verabschieden. Meine Stärken und Schwächen gleichermaßen zu respektieren. Weil ich eben unterschiedlich begabt bin. Unvollkommen zwar, aber mit Profil. Weil Gott es so will. Mehr Respekt also ist angesagt. Das ist der große Wurf, finde ich. Wenn wir anfangen aufzuhören, uns selber zu bestrafen, nur weil wir bei den Bundesjugendspielen bis ins Alter zu selten punkten. Denn: Wichtiger als auf dem Treppchen, ist es doch, zu sich selbst zu stehen.

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Guten Morgen
Mit meiner 4. Grundschulklasse habe ich einmal einen Unterrichtsgang gemacht. Zusammen mit der katholischen Kollegin. Wir sind zu den beiden Kirchen am Ort marschiert. Uns war nämlich aufgefallen, dass viele Kinder so gut wie nie eine Kirche von innen gesehen hatten. Also auf zum Probesitzen. Zuerst zur evangelischen Kirche. Die war aber zu. Nichts schlimmer als eine verschlossene Kirchentür. „Da wohnt ja gar keiner!" sagte eine Kleine. „Doch, aber er ist nicht zuhause!" darauf ein anderer Schlaumeier. Als endlich der Schlüssel organisiert war, begann die freudige Übernahme.
Wie die wilden Kerle schwärmten sie aus, auf die Empore, hoch an die Orgel, schnell auf die Kanzel. Mir wurde angst und bang. Wie sollte das werden, in der katholischen Kirche?
Aber zuerst mussten wir die wilden Kerle wieder eingefangen. Wir taten es mit Singen und Klatschen rund um den Altar. Und als wir das Nötigste erklärt hatten, zogen wir um.
Nicht ohne Vorher alle zu beschwören, doch bitte in der katholischen Kirche etwas gesitteter zu sein. Aber das wäre nicht nötig gewesen. Schon beim Betreten der offenen Kirche trat eine merkwürdige Ruhe ein. Gerade war eine Messe zu Ende gegangen.
Die Kerzen brannten noch, es roch nach Weihrauch und es waren noch Leute da. Eine Ordensschwester bemerkte uns, kam auf uns zu und begrüßte alle freundlich.
Und dann lud sie alle ein mit ihr zusammen die Kreuzwegstationen entlang zu gehen und sie erzählte die ganze Geschichte. Die Kinder waren total friedlich und so aufmerksam wie selten. Etwas neidisch zog ich für einen Moment lang in Erwägung, vielleicht doch lieber katholisch zu sein, kam aber noch rechtzeitig zur Vernunft und bedankte mich artig. Auf dem Rückweg unterhielten wir uns darüber, wie unterschiedlich doch die Räume mit uns sprechen. Wie viel es ausmacht, wenn Bilder und Lichter und Menschen da sind. Es ist schon gut darauf zu achten, dass unsere Kirchen eine bewohnte, belebte, warme und anschauliche Atmosphäre verbreiten. Da können wir viel voneinander lernen.
So ein Unterrichtsgang lohnt sich. Wäre gut, wenn das Schule macht.

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Guten Morgen!
Erinnern sie sich noch an die große Pause? Die in der Schule, wenns endlich geklingelt hat nach der zweiten Stunde? Was für eine wunderbare Einrichtung. Ohne die große Pause hätte ich die Schule niemals überlebt. Im Unterricht hab ich mir den Kopf zerbrochen, aber in den Pausen hat mir das Herz gebrannt. Da habe ich nicht nur gebüffelt, sondern gelernt. Kollegiale Beratung und Coaching waren noch nicht erfunden,
aber längst praktiziert. Wunderbar mit einem Freund seine Runden zu drehen und sich wieder gegenseitig aufzubauen, nach der Pleite an der Tafel. Noch schöner und vor allem spannender die zarten Momente mit der ersten großen Liebe und dem dazugehörigen gehörigen Liebeskummer. Da krieg ich heute noch Herzklopfen, wenn ich bedenke wie lebensgefährlich das alles gewesen ist. Und wie wunderbar zugleich. Ja ich glaube fast, die Pausen waren die wirklich wichtigen Übungseinheiten für das Leben. Am Anfang, da waren die Mädchen noch harmlos beim Gummitwist und kicherten und wir Helden haben wie wild Fußball gespielt. Später dann haben wir zusammen verbotener Maßen irgendwo versteckt geflirtet und geraucht und gerangelt. Halbstark und stolz - und doch auch mit schlechtem Gewissen. Aber immer waren die Pausen wie eine Befreiung, eine Amnestie für alle, die sich davor gefürchtet haben heute noch dran zu kommen.
Die Pause als Treffpunkt derer, die es überstanden haben. Vorerst jedenfalls.
Was wäre das Leben ohne große und kleine Pausen. Schade dass es so selten klingelt
und wir hinaus zusammen auf den Schulhof gehen. Uns austauschen, trösten und verlieben. Mit mehr pausieren würde weniger passieren, an Stress und Frust und ich kann nicht mehr. Selbst Jesus hat seine Schüler regelmäßig auf den Hof, oder auf den Berg oder einfach weggeschickt. Hat gesagt: Jetzt ist mal genug. Ihr habt jetzt so viel gearbeitet. Ihr seid noch nicht mal dazu gekommen zwischendurch einen Happen zu essen. Jetzt macht mal Pause und ruht euch aus. So gegen halb Zehn fangen bei uns in den Schulen die großen Pausen an. Also aufgepasst nachher, wenns klingelt.

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Guten Morgen!
Wir hatten meistens 4 Stunden Zeit. 4 Stunden für einen Aufsatz in der Schule.
Im Grunde ging der ganze Morgen komplett dafür drauf. Nach den Ferien schrieben wir über besondere Erlebnisse. Später wurde es anspruchsvoller und dialektisch. Pro und contra zu einem bestimmten Thema.
Also: Was spricht dafür und was dagegen und wie lautet der faule Kompromiss? Was habe ich mich da hineinfallen lassen und losgelegt.
Nur eines war immer ein Problem: Ich bin nie fertig geworden. Obwohl ich 4 Stunden lang nachgedacht und drauf los geschrieben  hatte, es hat nie gereicht. Die Zeit war um und ich war noch mittendrin, statt schon vorbei. Und dann standen sie da so hinter mir, die Aufsichtspersonen, mehr oder weniger drängend und ernst und auf einmal dann wars aus mit der Geduld und mit der Nachspielzeit, und man hat mir das Blatt unter der Hand einfach weggenommen. Schluss mit Verdruss!
An manchen Aufsätzen schreibe ich heute noch. Und irgendwie ist es auch mein Lebensthema geblieben. Immer wieder ist die Zeit abgelaufen, ein Besuch, eine Reise, ein Gespräch und es geht zu Ende, wir gehen auseinander, müssen uns trennen obwohl wir nicht fertig geworden sind, obwohl es noch so viel zu sagen gäbe. Aufsatz Schreiben in Variationen
Ich mag es einfach nicht, abzubrechen und aufzuhören. Ich mach einfach nicht gerne einen Punkt, lieber ein Komma, einen Gedankenstrich. Fortsetzung folgt.
Darum ist es so schön, sich am Ende eines Gespräches oder beim Abschied nach einem Besuch gleich wieder neu zu verabreden. Dann ist es nicht schlimm, noch nicht fertig zu sein. Im Gegenteil! Dann ist es sogar Voraussetzung dafür, dass man sich auf das Wiedersehen freut.
Ich glaube, Gott hat auch deshalb einen Plan für uns auf der anderen Seite, weil er sich gerne mit uns neu verabreden will. Er ist noch lange nicht fertig mit uns.
Und im Himmel schreibe ich dann alle Aufsätze zu Ende, mit denen ich hier nicht ganz fertig geworden bin. Und jetzt ist natürlich auch schon wieder diese Sendung zu Ende, obwohl ich noch gar nicht fertig bin.
Also, bis morgen ...

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Guten Morgen!
Heute fängt die Schule an. Das ist die Wahrheit und nichts als die Wahrheit.
Also aufgepasst, es ist mit einem erhöhten Verkehrsaufkommen zu rechnen.
Ganze Heerscharen von herum albernden noch zu Erziehenden kommen uns entgegen.
Ganz besonders aufmerksam sollten wir für die ganz Kleinen sein. Die ganz Kleinen mit ihren ganz großen Tüten. Schultüten sind nämlich immer noch in Mode. Sie sind in den letzten Jahren immer größer geworden, die Tüten meine ich, inzwischen können sie bis zu 90 cm hoch sein. Es gibt sie schon lange. In Deutschland wohl zuerst in Thüringen und Sachsen.1810 wohl zum ersten Mal getestet. In Jena, Dresden und Leipzig. Dort hat man damals den Kindern etwas von einem Baum erzählt, der hinterm Haus des Lehrers steht
und an dem, solche Schultüten wachsen. Und wenn die dann groß genug wären, dann wäre es eben Zeit für den Schulanfang. Irgendwann kam die Sache dann auch zu uns.
Die Geschichte vom Schultütenbaum aber nicht. Die wurde schon vorher als Märchen enttarnt.
Es waren früher meistens die Paten oder Großeltern, die die Tüte gefüllt haben.
Und was kam rein? Natürlich vor allem Süßes. Man hätte sie auch gleich Zuckertüte nennen können.
Mag sein, dass die Tüte wirklich froh macht und auch ein wenig die Angst vor dem Neuen nimmt. Aber streng genommen handelt es sich doch um einen süßen Fall von Bestechung. Um eine allzu durchschaubare Taktik der großen Leute, von der Überzeugung getrieben, Kinder müssten unbedingt so schnell wie möglich den Ernst des Lebens kennen lernen.
In der Bibel gibt es einen Psalmvers, der sagt:
„Gott dein Wort ist in meinem Munde süßer als Honig." (119,113)
Und dieses Wort war wohl in der  jüdischen Tradition der Tora Schule der Grund, den Kindern zu Beginn süßes Buchstabengebäck zu schenken.
Natürlich kann Schule auch süß sein. Das wünschen wir allen heute Morgen sehr.
Denn, es bleibt dabei: Heute fängt die Schule an. Was anderes kommt nicht in die Tüte.

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Schönen Sonntagmorgen wünsche ich!
Morgen fängt die Schule an. In Rheinland Pfalz jedenfalls.
Solange ich denken kann, hat mir das nicht recht eingeleuchtet,
dass die Ferien  überhaupt und dann auch noch so schnell zu Ende gehen.
Mit Beginn der Ferienzeit erfüllte mich immer eine faszinierende Ahnung von Ewigkeit,
von vermeintlich nie enden wollender  Befreiung aus der Sklaverei.6 Wochen.
Was für eine Zeit. Welche Möglichkeiten. Kein Stundenplan, keine Mathearbeit, kein Schulhofgerangel. Stattdessen:
Unzählige Tage zum Schwimmen, Wandern, Reisen, Lesen und sich verlieben.
Unendlich waren die Vorhaben und Wünsche auf der nach oben offenen Lichterskala.
Nichts musste jetzt unbedingt, sofort oder überhaupt sein. Alles konnte verschoben, verändert und variiert werden. Ich ließ mich dann treiben auf einer Welle von Freiheit und Abenteuer, so als gäbe es kein Ende mehr.
Natürlich machte mich nachdenklich, dass auch jetzt die Zeit irgendwie verging.
Es fiel mir schon auf, dass andauernd und schon wieder Wochenende und Sonntagmorgen war. Aber es machte mich nicht ernsthaft betroffen, weil es ja immer noch, sagen wir mindestens, 3 Wochen andauern sollte. Aber dann stellte ich immer eindeutiger fest, dass gegen Ende hin, die Zeit immer schneller verging, ja dass die letzten 10, 9, 8, 7 ,5 Tage gar nicht wirklich stattfanden, weil sie einfach so vorbei flogen und kaum noch anhielten, um in ihnen etwas Schönes unterzubringen.
Und so kam es, wie immer:
Die Pläne, Vorhaben und Wünsche konnten bei Weitem, ja noch nicht einmal annähernd umgesetzt werden. Und die Ferien waren immer zu früh zu Ende, stoppten im völlig falschen Augenblick.
Und heute in der berühmten Schule des Lebens, kommt mir sogar das Ganze
wie eine einzige Sommerferienzeit vor. Immer schneller rast die Zeit. Mir kommt es vor, als hätte ich mehrmals im Jahr Geburtstag. Wenn ich bedenke, was ich mir noch alles vorgenommen habe, wie viel es noch an Plänen und Ideen in der Schublade gibt, also da fällt die Prognose nicht schwer, zu vermuten, dass ich am Ende nicht fertig werde.
Die Zeit ist immer vor den Plänen zu Ende. Jetzt fange ich langsam an, immer besser zu verstehen, dass die meisten Todesanzeigen mit den Worten plötzlich und unerwartet
beginnen, ganz gleich wie alt die Menschen geworden sind. Wir sind einfach nicht dazu gebaut, das Ende der Zeit einzuplanen. Wir möchten gerne unendlich, zeitlos, unbegrenzt sein. Und darum brauchen wir die Belehrung aus dem Bibel -Lesebuch, in dem es dazu sinngemäß heißt:
Gott lehre uns rechtzeitig bedenken, dass die Sommerferien einmal zu Ende sind, damit wir klug werden.

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