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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Es gibt Menschen, von denen kann man wirklich etwas lernen! Obwohl ich zuerst gedacht habe, dass das wohl nicht möglich ist. Einige davon habe ich vor kurzem in einem ganz normalen Sonntagsgottesdienst getroffen. Und sie haben mir gezeigt, dass man in dieser Kirche nicht still muss. Man muss auch nicht ernst unter sich auf die Fußspitzen schauen. Man muss auch nicht immer leise sein. Man darf sich bewegen, manchmal sogar ziemlich schnell, ziemlich plötzlich und ruckartig. Man darf laut mit singen und mitbeten - und das sogar an Stellen, an denen das eigentlich gar nicht vorgesehen ist. Und man darf auch mal laut lachen und sich freuen, wenn einem etwas besonders gut gefällt. Die kleine Kirche, in der man das alles macht, gehört zu einer großen Einrichtung, in der auch viele behinderte Menschen arbeiten und leben. Zum Gottesdienst am Sonntag treffen sich deshalb immer Menschen mit und ohne Behinderungen. Da sitzen dann 50 Leute aus dem Dorf und feiern gemeinsam mit Menschen Gottesdienst, die manchmal ganz anders reagieren, als man es gemein hin so gewohnt ist. Da fährt ein Messdiener mit seinem Elektrorollstuhl zwischen Altar und Sakristei hin und her. Und an seinem Sitz ist ein großes, buntes Papierwindrad befestigt.  Ein anderer Mann geht mit ungelenken Bewegungen und zuckendem Kopf durch die Reihen und schüttelt dem ein oder anderen die Hände und freut sich. Andere singen lauthals jedes Lied mit, beten die Texte des Pfarrers mit. Man versteht kein Wort aber ich merke, dass hier alles von Herzen kommt. Jeder darf mitmachen, so gut er oder sie kann. Auch wenn es manchmal etwas seltsam aussieht oder klingt. „Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen", sagt Jesus einmal. Stimmt - hier in dieser kleinen  Kirche erlebe ich das und ich merke, dass auch für mich hier ein Platz ist.   Denn  ich lasse mich anstecken von der Freundlichkeit und Herzlichkeit, die hier herrscht.  Und denke, dass ich als  in Anführungszeichen „normaler Mensch" manchmal mehr unsichtbare Behinderungen mit mir herumschleppe als andere Menschen mit sichtbaren.

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Manchmal werde ich nachts wach und kann nicht verhindern, dass die Gedanken zu kreisen beginnen. Dann werden plötzlich aus kleinen Aufgaben, die ich noch zu erledigen habe, unüberwindlich schwierige Probleme. Am nächsten Morgen - gesetzt den Fall ich erinnere mich noch - ist alles wieder aufs rechte Maß zurecht gestutzt. Seltsam, oder? Gar nicht seltsam, sagen die Psychologen, die sich mit diesen Phänomenen auskennen. „Grübeln" sagt man in Deutschland dazu. Das heißt, man kann einen einmal gefassten Gedanken nicht mehr los lassen, man gräbt immer tiefer in der Problematik herum und findet kein Ende. Grübeln kommt auch vom Wort „graben", aber man gräbt quasi ins Leere und findet keine Lösung.  Zum Beispiel Sätze wie „Kann ich nicht", „Ich doch nicht", „Bringt doch alles nichts". Wer sich das lange genug vorsagt, der glaubt irgendwann wirklich daran.  „Rumination" sagen die Engländer heute noch dazu: das heißt  auf deutsch „wiederkäuen". Stimmt genau. Es kommt immer wieder hoch, ist und bleibt leider unverdaut, man wird es nicht mehr los.  Der Arzt einer therapeutischen Klink sagt zu seinen Klienten, die ihm dauernd mit solchen Sprüchen kommen: „Deine Worte sind dein Leben.  Und deine Worte machen dich krank." Über 600 negative Sprüche für Grübler hat ein alter Wüstenmönch (Evagrius Ponticus)  bereits im 4ten Jahrhundert gesammelt und als Heilungsmethode geraten, gute Sprüche der Bibel dagegen zu setzen und über diese nachzudenken. Ja, ich weiß, es gibt das Negative und das bekomme ich auch mit positivem Denken nicht einfach aus der Welt. Aber es gibt eben beides, das halb leere und das halb volle Glas. Beides hat seinen Platz im Leben. Also könnte man es heute doch einmal probieren und anstatt  "Ich habe Angst", oder "Da blamiere ich mich", oder "Was denken denn die anderen von mir" mal den Psalm 118 der Bibel im Kopf spazieren tragen: "Der Herr ist mit mir, ich fürchte mich nicht, was können Menschen mir antun?"  (Ps118,6) Grübeln Sie mal drüber nach!

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In letzter Zeit hat der Rentner Sven Kuntze manchmal Albträume. Dann träumt er  vom Tod und sieht sich selber auf der Bahre liegen. Das ist unangenehm, und außerdem gehen ihm bohrende Fragen durch den Kopf: habe ich mein Leben gut gelebt, was kommt danach, gibt es einen Sinn? Kuntze ist ratlos und verwirrt.  Das kennt er alles gar nicht von sich. Mit dem Tod hat er bis heute nicht beschäftigt. Sein Motto:  „Wenn ich da bin, ist er nicht da. Und wenn er da ist, bin ich nicht da." So einfach ist das für ihn -bis jetzt. Vielleicht kann ihm ja die Religion eine Hilfe geben? Doch das, was mit Religion und Glaube zu tun hat, und was ihm Eltern und Pfarrer als Kind beigebracht haben, das  hat er irgendwann in seinem Leben verloren. Aber da Kuntze Zeit hat und  ein Leben lang Fernsehjournalist war, macht er sich auf die Suche. „Gläubig auf Probe" heißt der Film, der dabei heraus gekommen ist. Er will wissen, warum Menschen an ein Leben nach dem Tod glauben, wie sie mit Gott reden, wie das ist, wenn man bewusst in einer Religion lebt. Er will wissen, was andere Menschen können, was er nicht  kann. Dazu lebt er eine Zeit lang in einem Kloster in der Eifel, besucht ein buddhistisches Zentrum in Hamburg und erlebt in einer islamischen Familie den Ramadan mit. „Wozu brauchen wir Gott", fragt er.   „Ich weiß nicht, ob du ihn brauchst, aber er ist da" sagt ihm eine katholische Ordensschwester. Und der Buddhist antwortet auf die gleiche Frage: „Wir brauchen ihn, deshalb haben wir ihn ja erfunden."  Und der Journalist Kuntze lernt, dass er eigentlich  seinen Kopf leer machen und die vielen weltlichen Gedanken darin abstellen müsste, um einen leichteren Zugang zur Religion zu bekommen.. Aber das kann er nicht, und das ärgert ihn. Denn Glaube, so stellt er sich vor, ist  „wie ein warmer Honigklumpen im Bauch", der dem Leben Nahrung gibt . Den möchte er gerne einmal spüren, aber es will einfach nicht klappen, weil der Kopf im Weg ist. Am Ende steht er sehr beeindruckt aber auch etwas verloren und ratlos vor dem Phänomen „Glaube".  Wenn Sie wollen - im Internet in der mediathek der ARD können Sie mit auf die Suche gehen und  „gläubig auf Probe" sein.

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Optimisten haben heutzutage einen schweren Stand. Wer zuversichtlich in die Zukunft schaut, gilt oft als naiv und weltfremd. Schwarzseher haben dagegen Konjunktur. Einige glauben an den Weltuntergang schon in diesem Jahr. Den haben schließlich die alten Maya für 2012 vorherberechnet. Gründe zum Pessimismus gibt es ja auch genug: Schuldenkrise, Klimawandel, internationale Konflikte usw. usf. Aber steckt nicht in jeder Krise auch eine Chance? Manchmal genügt schon ein anderer Blickwinkel, um die Sache in einem neuen Licht erscheinen zu lassen. Beispiel 1: der demographische Wandel in unserer Gesellschaft. Klar, dass die Zunahme älterer Menschen Probleme schafft. Aber ist es nicht erfreulich, dass die Deutschen heute deutlich länger leben als ihre Vorfahren? In Zukunft werden wir die Erfahrung und Lebensweisheit der Älteren viel mehr nutzen und schätzen als in der Vergangenheit. Beispiel 2: die knapper werdenden Erdölvorräte. Sie treiben die Benzinpreise weiter in die Höhe. Das aber erfordert einen viel sparsameren Umgang mit den Energiereserven. Ohne den Preisdruck würden nicht Milliarden in umweltverträgliche Technologien investiert, zum Beispiel in neue Antriebssysteme für die Autos der Zukunft. Es ist wahr: Die Herausforderungen sind gewaltig. Aber mit Jammern und Klagen ist niemandem geholfen. Ich finde es ermutigend, die Sache mal von einer anderen Seite aus zu betrachten. Einfach nur die Perspektive wechseln. In Irland haben die Christen dafür einen ganz praktischen Segenswunsch. Er lautet: „Mögest Du immer einen Blick haben für das Sonnenlicht, das sich in Deinen Fenstern spiegelt, und nicht für den Staub, der auf den Scheiben liegt."

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Das „Auge Gottes" - in vielen Kirchen ist es zu sehen. Ein Auge, umrahmt von einem großen Dreieck. Als Kind habe ich dieses Bild gehasst. Das „Auge Gottes" - das war ein Symbol für einen Aufseher, dem nichts entgeht. Ein kleinkarierter Kontrolleur, der mich auf Schritt und Tritt überwacht, jede Verfehlung registriert. Eine grauenhafte Vorstellung, mit der ich lange nichts anfangen konnte. Das änderte sich erst, als ich kürzlich eine Schrift des Nikolaus von Kues gelesen habe. Ihr Titel: „Vom Sehen Gottes". Darin erklärt der große Denker des Mittelalters, dass Gott den Menschen tatsächlich immer ansieht. Aber nicht, um ihn zu bespitzeln, sondern weil er sich um ihn sorgt. Im Angesicht Gottes ist der Mensch geborgen. Um das zu verdeutlichen, empfiehlt Nikolaus einigen befreundeten Klosterbrüdern ein Experiment: Hängt ein Gottesbild an der Wand auf und stellt euch in gleichem Abstand zu ihm auf. Schaut es an, und jeder von euch wird denken, dass es ihn allein ansieht. In Wahrheit aber behält Gott alle im Blick. Das ändert sich auch nicht, wenn ihr im Raum umhergeht. Wenn ich mich auf das Experiment des Nikolaus von Kues einlasse, erkenne ich: Gott ist immer bei mir. Er ist mein ständiger Begleiter. Indem er mich ansieht, gewinne ich Ansehen. Diese Erfahrung kann ich mit anderen Menschen teilen. Denn ihnen geht es genauso. Wenn ich das „Auge Gottes" so verstehe, dann verliert es seinen Schrecken. Jetzt  verweist es auf einen fürsorglichen Gott, der mich nicht aus den Augen verliert.

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„Kinder an die Macht!" So hat es Herbert Grönemeyer vor gut 25 Jahren gefordert. Der Song wurde ein Hit und ist bis heute populär: „Gebt den Kindern das Kommando. Sie berechnen nicht, was sie tun. Die Welt gehört in Kinderhände, dem Trübsinn ein Ende. Wir werden in Grund und Boden gelacht. Kinder an die Macht!" Das klingt toll. Und wer wollte bestreiten, dass Kinder so herrlich spontan, unbekümmert und fröhlich sein können?! Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn die Kleinen können auch ganz anders. Im Kindergarten, auf Spielplätzen und Schulhöfen herrscht oft genug die Macht des Stärkeren. Es wird beleidigt, gespuckt, geschlagen und getreten. Urplötzlich wird aus einem friedlichen Spiel ein brutaler Streit. Dann gilt das Faustrecht. Kinder sind keine Engel. Hass und Neid, Jähzorn und Zerstörungswut sind ihnen nicht fremd. Und manchmal berechnenKinder sehr wohl, was sie tun. Schon die Kleinsten können rücksichtslose Egoisten sein. Fairer Umgang mit den Mitmenschen ist nicht angeboren, sondern muss erlernt werden. Eltern, Erzieher und Lehrer müssen den Kindern helfen, Respekt und Rücksichtnahme zu entwickeln und einzuüben. Das kostet viel Kraft. Denn mit bloßen Verboten und Drohungen ist es nicht getan. Erziehung bedeutet, den Kindern einsichtig zu machen, warum man das eine tun und das andere lassen soll. Und genau das wollen die Kinder ja auch wissen, wenn sie immer wieder so eindringlich fragen: „Warum ?" Eine solche Erziehung hat nichts mit Drill und Fremdbestimmung zu tun. Aber wer als Kind nicht gelernt hat, auch die Bedürfnisse der Anderen zu sehen, der wird es als Erwachsener sich und seinen Mitmenschen schwer machen. „Gebt den Kindern das Kommando!" Ob Herbert Grönemeyer das heute noch genauso texten würde? Keine Ahnung. Ich weiß nur: als er das Lied schrieb, hatte er noch keine eigenen Kinder.

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