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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Wir werden doch wie eine Wurst durch unser Studium gepresst.“ Die junge Studentin ist wütend. Der Grund: die neuen Bachelor und Masterstudiengänge. Wir sitzen beim Studentenfrühstück in unserer Hochschulgemeinde zusammen. Bei Kaffee und Brötchen tauschen sich Studierende über das aus, was sie im Studentenalltag bewegt. Die neuen Studiengänge kommen dabei gar nicht gut weg. Zu ihrem Ärger hat auch ein Professor beigetragen. Er hatte von seiner eigenen Studienzeit geschwärmt und von den Freiräumen, die er damals hatte. Dass er Zeit hatte, auch in andere Fächer hinein zu schnuppern, und wie wichtig das für seine Karriere war. Die Studierenden ärgert, dass der gleiche Professor kurz darauf den neuen Bachelor - Studiengang verteidigt. Denn genau diese Freiräume vermissen sie in ihren neuen Studiengängen. Sie haben oft das Gefühl, dass es nur noch darauf ankommt, in möglichst kurzer Zeit möglichst viel lernen zu müssen. Die jungen Menschen wünschen sich Freiräume, zum Beispiel, um sich zu engagieren, etwa bei der studentischen Selbstverwaltung. Oder um sich mal mit Themen anderer Studiengänge auseinander zu setzen. Freiräume auch, um etwas auszuprobieren und so den eigenen Weg zu finden. Es kann ja sein, dass die Kritik der Studierenden etwas überzogen ist. Andererseits ist ihr Anliegen doch sehr berechtigt. Denn Bildung ist mehr als Wissen und Information. Bildung besteht nicht nur darin, dass man in möglichst kurzer Zeit möglichst viel aufnimmt und dann wieder ausspuckt. Bildung heißt, dass Menschen sich mit ihrer eigenen Persönlichkeit einbringen. Und das erfordert nun einmal Zeit und Freiräume. Ein gutes Zeichen, wenn junge Menschen dafür ein Gespür haben.

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Dass jemand ihrer Mutter etwas zu leide tun würde, das war für sie unvorstellbar. Ihre Mutter war sehr geachtet, sie war eine Frau voller Lebensfreude und Güte. Doch das Unvorstellbare geschah: Die alte Frau wurde brutal ermordet. Für die Tochter war das ein Schock. Doch das Grauen war damit noch nicht zu Ende. Über 20 Angehörige ihrer Familie wurden in den nächsten Wochen umgebracht. All das ist jetzt genau fünfzehn Jahre her. Im April 1994 begann der Völkermord in Ruanda. In nur wenigen Monaten wurden 800.000 Menschen ermordet. Die Frau, die fast ihre gesamte Familie verlor, heißt Eugenie Musayidire. Die Frau aus Ruanda blieb deshalb am Leben, weil sie damals schon seit Jahren in Deutschland lebte. Doch die Ermordung ihrer Mutter und ihrer Verwandten riss die ruandische Frau aus ihrem normalen Leben. Sie brach zusammen. Nur mit psychotherapeutischer Hilfe gelang es ihr, ihre Trauer zu verarbeiten. Erst sieben Jahre nach den furchtbaren Ereignissen war sie stark genug, um wieder in ihr afrikanisches Heimatland zu reisen. Was sie in Ruanda sah, war unglaublich. Überall begegnete sie traumatisierten Menschen. Sie hatten mit eigenen Augen miterlebt, wie ihre nächsten Angehörigen ermordet wurden. Oder sie waren Zeuge geworden, wie ihre eigenen Eltern selbst zu Mördern geworden waren. Viele von ihnen waren noch sehr jung. Um ihre Traumata kümmerte sich keiner. Niemand half ihnen, mit ihren Ängsten und Depressionen fertig zu werden. Frau Musayidire ließ das Schicksal dieser Menschen keine Ruhe. Im Jahre 2003 beschloss sie, ihre gesicherte Existenz in Deutschland aufzugeben. Sie ging zurück nach Ruanda. Mit kirchlichen Geldern baute sie ein Therapiezentrum auf. Denn sie hat es am eigenen Leib erfahren: Es ist so wichtig, über die furchtbaren Erlebnisse sprechen zu lernen, um wieder Freude am Leben zu haben.

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Wenn er sich zum Betteln doch nur einen anderen Ort ausgesucht hätte! Dann wäre das bestimmt nicht passiert. Fast jeden Tag hatte ein Hartz IV Empfänger gebettelt, und zwar immer an einer gleichen Straßenecke in Göttingen. Dummerweise ging da auch täglich sein zuständiger Sachbearbeiter in der Mittagspause vorbei. Der Mann vom Sozialamt erkannte den Bettler. Und er schaute sehr genau hin, was der Hartz IV Empfänger in seiner Blechdose liegen hatte. Mal waren es 1 Euro 60, ein andermal sogar fast 6 Euro. Der Beamte rechnete nach - das waren ja ungefähr 120 Euro im Monat! Dem Hartz IV Empfänger teilte er mit: Die 120 Euro seien zusätzliche Einkünfte und müssten von seinem Regelsatz abgezogen werden. Der Hartz IV Empfänger war fassungslos. Nicht nur er. Über Göttingen hinaus sorgte der Vorgang für Diskussionen. Die Stadt verteidigte das Verhalten ihres Beamten. Er habe sich an den Wortlaut des Gesetzes gehalten. Das niedersächsische Sozialministerium widersprach: Die Ämter seien zu einer menschlichen Vorgehensweise aufgefordert. Doch wie soll das gehen, wenn die Gesetze so knallhart sind! Als menschliches Verhalten kann man den Vorgang in Göttingen kaum bezeichnen. Denn hier hat ein Mensch aus Not gebettelt. Das macht niemand freiwillig. Es hat etwas Entwürdigendes an sich. Schlimm genug, wenn Menschen sich dazu gezwungen sehen. Was sie erbetteln, sollte ihnen der Staat aber nicht wegnehmen und dadurch auch noch profitieren. Außerdem ist es doch ein gutes Zeichen, wenn es Menschen gibt, die anderen etwas in ihrer Not spenden. Manche tun es aus religiösen Gründen. Im Judentum, Christentum und Islam hat das Geben von Almosen an Bedürftige einen hohen Stellenwert. Es kann aber auch sein, dass Menschen einfach aus Mitgefühl anderen etwas geben. Dass es solidarisches Verhalten in einer Gesellschaft gibt, darüber sollte eigentlich jeder Staat froh sein.
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Ein abgewiesener Verehrer hat der jungen Iranerin Ameneh Bahrami Säure ins Gesicht gegossen. Große Teile der Haut und die Augen sind verbrannt. Jetzt sollen dem Täter nach islamischem Recht ebenfalls die Augen ausgeätzt werden. Das hat die schwer verletzte Frau so entschieden. „Auge um Auge“ steht in großen Buchstaben über dem Artikel in der Zeitung. Ja, das kennen wir in unserem Christlich-europäischen Kulturraum auch. Gleich an drei Stellen im Alten Testament der Bibel kann man es nachlesen. „Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Das Zitat kennt fast jeder. Doch es nützt wenig, darauf hinzuweisen, dass es dabei nicht um die Rache geht, sondern darum, dass Straf- und Vergeltungsmaßnahmen nicht ausarten. Es liest sich einfach zu klar, und in ihrer Argumentation folgt Ameneh Bahrami exakt dem Buch Deuteronomium der Bibel: „Die Übrigen sollen davon hören, damit sie sich fürchten und nicht noch einmal ein solches Verbrechen in deiner Mitte begehen. Und du sollst in dir kein Mitleid aufsteigen lassen: Leben für Leben, Auge für Auge, Zahn für Zahn ….“ (Dtn19,20f).
Nein, ein Patentrezept für Fälle wie diesen habe ich auch nicht. Mir tut die junge Frau leid. Ich habe auch Verständnis für ihre Unbarmherzigkeit, gerade im Hinblick auf das, was Frauen in ihrem Kulturkreis oft auszuhalten haben. Und trotzdem: was sie vorhat, ist falsch. Für einen Christen sowieso. Jesus hat das „Auge um Auge“ – Prinzip radikal abgelehnt bis weit über die Schmerzgrenze hinaus. „Wer dich auf die eine Wange schlägt, dem halte auch noch die andere hin.“ (Mt5,38) Zwei radikale Positionen, zwischen denen sich unser Leben abspielt. Und das nicht nur in Extremfällen, wie sie durch die Medien gehen. Ich hoffe, dass Ameneh Bahrani doch noch eine andere Entscheidung treffen wird, denn ich glaube fest, dass sie selbst damit auf Dauer besser leben kann. Trotz der Gewalt und des Unrechts, das sie erleiden musste. Und wir können die Zeitung schließen und nachdenken, wo wir stehen zwischen Recht und Barmherzigkeit.
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Seit Charles Darwin die Evolution verkündet hat, herrscht Krach. Krach zwischen denen, die die Bibel und den Schöpfungsbericht hoch halten und denen, die Gott jetzt dank der Evolutionslehre für überflüssig halten. Im Darwinjahr 2009 hört und liest man an allen Ecken davon. Nun kann ich mit Fug und Recht sagen, dass selbst die Bibel sich nicht einig darüber ist, wie es denn wirklich war. Denn es gibt nicht nur den Schöpfungsbericht mit den sieben Tagen. An diese Erzählung schließt sich ein zweiter Schöpfungsbericht an. Der weiß nichts von sieben Tagen sondern erzählt nur, dass die Welt als ein großer Garten erschaffen wurde. Das war’s. Und wer nicht ganz verbohrt ist, der merkt, dass es den biblischen Autoren gar nicht darum geht, das Wie der Schöpfung zu erklären. Ohne wissenschaftliche Kenntnisse suchten sie nach Worten, die das Phänomen am besten zur Sprache bringen, und dabei genügte ein Anlauf nicht. Es braucht viele Bilder, um das Unsagbare sagbar zu machen. Ich glaube, wir sollten uns entspannt zurücklehnen, und die Frage nach dem „Wie“ zurück stellen. Viel wichtiger ist nämlich, was denn diese Schöpfung überhaupt bedeutet. Und hier haben Christinnen und Christen tatsächlich einiges zu sagen. Zum Beispiel, dass das Leben auf dieser Erde kein Zufall ist, sondern von einem Gott gewollt ist, der es gut mit den Menschen meint. Da spielt es keine Rolle, dass ich nicht im Detail sagen kann, wie es entstanden ist. Die Welt ist kein autonomes Chaos, sondern gewollte Schöpfung. Und das Leben dieser Welt ist deshalb kein Selbstbediendungsladen und auch kein Experimentierlabor, sondern Gabe Gottes an den Menschen. Es ist nicht egal, wie ich mit der Welt und dem leben auf ihr umgehe. Ein ganz einfaches und klassisches Beispiel ist der Sonntag: der ist tatsächlich ganz handfest vom Schöpfungsbericht der Bibel übrig geblieben. Denn nachdem er gesehen hatte, dass alles „sehr gut war“, ruhte Gott am siebten Tag. Das wäre vielleicht ein erster Schritt, um die Achtung und Wertschätzung vor der Schöpfung wieder einzuüben: am nächsten Sonntag wirklich einmal auf die Bremse zu treten.

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Was ist der Sinn des Lebens? Antwort: „…Gott zu erkennen, ihn zu lieben, ihm zu dienen und einst ewig bei ihm zu leben.“ So steht’s im Katechismus, so haben es meine Eltern und ich auch noch in der Schule gelernt.
Noch Fragen? Setzen, gut!
So einfach ist das heute nicht mehr. Wir fragen nach, machen uns unsere eigenen Gedanken, und Gott und die Antworten der Kirchen und Religionen haben Konkurrenz bekommen. Da gibt es z. B. ein Buch mit dem Titel: „Der Sinn des Lebens“, von Terry Eagleton, einem englischen Literaturprofessor. Klar, dass ich das Buch sofort gekauft habe. Denn ich will doch endlich wissen, wozu ich gut bin.
Es ist ein Missverständnis, lese ich, dass der Sinn des Lebens dann klar vor Augen liegt, wenn es einen Gott gibt. Im Gegenteil, schreibt Eagleton. Die Gegenwart Gottes macht die Welt nur noch mysteriöser. Denn wenn er der Welt einen Sinn gegeben hat, dann einen ziemlich unverständlichen. Und das ist nicht das Problem Gottes, sondern das des Menschen, der diesen Sinn einfach nicht fassen kann. Sagt Eagleton.
Vielleicht war Gott ja schlauer, und der Autor hat es nur nicht gemerkt. Vielleicht ist deshalb Jesus Mensch geworden. Von ihm, der Gott seinen Vater genannt hat, stammt ein Satz, den jeder kapieren kann: „Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben, und den Nächsten wie dich selbst.“ Und wer fragt bei der Liebe schon nach dem Sinn. Es ist schwer genug, sie zu pflegen und zu erhalten. Das weiß jeder, der einmal um eine Liebe gekämpft hat. Liebe ist auch etwas, dass man nicht hinterfragen kann, denn sie ist ja irgendwie „überirdisch“. Das sagt auch das Buch. Denn am Ende kommt Eagleton zu dem Schluss: „Richtig gestellt ist die Frage nach dem Sinn des Lebens dann, wenn sie überflüssig wird.“
Noch Fragen? Bestimmt! Also: hinsetzen und weiter denken!
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