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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Mit der Kompetenz ist es wie mit einem Eisberg im Wasser. Das meiste kann man nicht sehen. Was man sieht, ist immer nur die Spitze eines Eisbergs.

Meine Nachbarin hat nie Psychologie studiert. Und doch ist sie eine sehr kompetente Seelsorgerin. Die hört sich eine Geschichte an, lässt sich erzählen, wo der Schuh drückt. Und dann sagt sie manchmal nur einen Satz und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Und man weiß, was zu tun ist. Was sie sagt, klingt so einfach, dass man sich fragt, warum man da nicht selber drauf gekommen ist. Kompetente Leute können einem immer was ganz einfach erklären. Weil sie es selber so gut verstanden haben. Und weil das, was sie wissen, auf einem gewaltigen Berg von Erfahrung und Wissen ruht. Den man nicht sieht.

Kompetenz gibt es auch in Sachen des Glaubens. Meine Tante zum Beispiel, die konnte unglaublich beharrlich sein, wenn sie von was überzeugt war. Die konnte weder Tod noch Teufel davon abbringen, an das Gute in den Menschen zu glauben. Manche glaubenskompetente Leute sind in ihrem Gewissen so frei, die lassen sich nicht verbiegen, nicht mal für eine ordentliche Provision. Wunderbar, wozu glaubenskompetente Leute fähig sind.
Dabei- das ist alles nur die Spitze des Eisbergs.

Denn alles, was wir heute wissen und können, haben wir ja von unseren Vätern und Müttern im Glauben gelernt. Alles, was in der Bibel steht, haben sie für uns aufgeschrieben. All die Kirchen, Krankenhäuser und Kindergärten, wir haben sie geerbt, damit wir ein sichtbares Zuhause haben für unseren Glauben.

Und auch das ist noch die Spitze des Eisberges. Unter der Oberfläche und dem menschlichen Auge völlig verborgen liegt das eigentliche Geheimnis unserer Kompetenz. Es ist diese gewaltige Kraft und Energie, die wir Gott nennen. Gott, der wie ein Vater ist. Voller Liebe für seine Menschenkinder. Voller Liebe für Sie und mich. Der will, dass wir unsere Begabung annehmen und leben. Gott, der noch so viel mit uns vor hat.

Unsere Kompetenz, unser Glück, es ist nur ein winziger Teil von Gottes großem Reich, das unsichtbar unter uns ruht und das uns trägt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=5545
Der schiefe Turm war ein Zeichen. Vor viereinhalb Jahren hat sich der Turm der Kölner Kirche St. Baptist um einen Meter geneigt. Die Grabungen beim U-Bahnbau hatten die Fundamente ins Rutschen gebracht. Am vergangenen Dienstag ist aufgrund weiterer Grabungen für diese U- Bahn das historische Stadtarchiv von Köln in sich zusammengesunken. Das letzte der drei Archive, die wir über den zweiten Weltkrieg gerettet haben, hat unschätzbare Dokumente über die Entstehung unserer europäischen Kultur unter sich begraben.

Aber der schiefe Turm vor viereinhalb Jahren war ein Zeichen. Hätten wir es verstanden, hätten wir uns entscheiden können: U- Bahn oder Stadtarchiv? Schneller von A nach B kommen oder unser kollektives Gedächtnis behalten?

Natürlich hätte kein halbwegs vernünftiger Mensch das Archiv für die U- Bahn geopfert. Und doch ist die Katastrophe passiert. Warum?
Warum packt die Partnerin aus heiterem Himmel die Koffer und trennt sich? Warum wollen Kinder plötzlich nichts mehr von einem wissen? Warum kommt es zur größten globalen Finanzkrise? Wo doch keiner das gewollt hat?

Gott sei Dank ist uns unser größtes kulturelles Gedächtnis erhalten geblieben. Die Bibel lehrt uns: solche Katastrophen kommen nicht aus heiterem Himmel. Da gibt es Zeichen. Und die kann man sehen.

„Seid wachsam!“ rät Jesus seinen Jüngern: „Seid wachsam und betet. Denn ihr wisst nicht.“

Wachsam sein- ist eine Lebenshaltung. Da will ich nicht nur so schnell wie möglich von A nach B kommen. Da bin ich auch offen für das, was schief in der Landschaft steht, was mir quer kommt und nicht in den Kram passt: der nörgelnde Partner, die quengelnden Kinder, mein Körper, der mir was flüstern will, schiefe Türme. Zeichen, die mich vor der Katastrophe bewahren wollen.

„Seid wachsam und betet.“ Sagt Jesus. Wachsam sein und in Kontakt bleiben mit Gott und mit den Menschen, die Gott lieb sind. Und das sind vor allem die Schwächsten unter uns, die als erste Opfer dieser selbst gemachten Katastrophen werden.

Natürlich: wachsam sein und beten braucht Zeit. Schiefe Türme sehen und verstehen, braucht Zeit. Da komme ich nicht so schnell von A nach B wie mit der U- Bahn.
Aber was nützt uns die ganze schöne Geschwindigkeit, wenn wir vergessen haben, woher wir kommen und wohin wir eigentlich wollen? https://www.kirche-im-swr.de/?m=5565
Wer sind die global player von morgen? Na klar, die Frauen!

Morgen ist nämlich Weltgebetstag der Frauen. Da treffen sich rund um den Globus Frauen aus über 170 Ländern. Seit 112 Jahren kommen sie jeden ersten Freitag im März zusammen und feiern Gottesdienst.
In ihrer je eigenen Sprache beten diese Frauen alle dieselben Gebete, singen dieselben Lieder und sammeln Geld. Letztes Jahr kamen allein in Deutschland rund 3 Millionen Euro für Sozialprojekte zusammen.

„Viele sind wir, doch eins in Christus“. (Römer 12) Das ist das Motto in diesem Jahr. Die Gebete und Lieder dazu haben Frauen aus Papua-Neuguinea formuliert. Ausgerechnet Papua- Neuguinea. In diesem Inselstaat im Pazifik, der zum Kontinent Australien zählt, leben über 800 Ethnien. Und jede hat eine eigene Sprache. Manche leben im Dschungel wie zur Steinzeit, andere haben Telefon und Internet. Sprachgrenzen und mangelnde Verkehrswege erschweren es enorm, sich als „eine Einheit“ zu verstehen. Daran gemessen ist unser Problem mit der Ökumene geradezu ein Witz.

„Viele sind wir, doch eins in Christus.“ Das Motto erinnert an das Bild, das Paulus von der Gemeinschaft der Christen entwirft. Ein Körper lebt nur, weil all die verschiedenen Teile und Organe in ihrer je besonderen Weise arbeiten. Und so ist auch die Christengemeinschaft nur dann lebendig, wenn wir verschieden sind. Und gerade in dieser Verschiedenheit den Reichtum erkennen. Aber wie soll man das hinkriegen?

Das Geheimnis liegt im Gebet. Denn wenn man zusammen vor Gott tritt, dann verschieben sich die Maßstäbe. Vor Gott sind wir alle gleich. Weil Gott uns alle gleich lieb hat. Das mag uns passen oder nicht. Da sind wir wie Kinder, die nach langer Reise zu Vater und Mutter zurückkehren. Wir setzen uns miteinander an den Familientisch. Und Gott sagt: Herzlich willkommen und guten Appetit.

Denn: Viele sind wir, doch eins in Christus. Vielleicht haben auch bei Ihnen Frauen in Gottes Namen einen Tisch gedeckt, an dem Sie herzlich willkommen sind.

Morgen, am Weltgebetstag der Frauen. Diese etwas andere Art, global zu handeln.
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Werft euer Vertrauen nicht weg! Oft sag ich das zu meinen Kindern.
Werft euer Vertrauen nicht weg! Denn je älter sie werden, desto öfter machen sie die Erfahrung: die Welt ist kein kuscheliges Zuhause. Da muss man eine Menge einstecken: Da wird man schnell mal über den Tisch gezogen, wenn man nicht aufpasst.

Nicht umsonst hat unsere Bundeskanzlerin zu Beginn der Finanzkrise vor allem Vertrauen angemahnt. Weil der nachhaltigste Schaden dieser Geschäfte vielleicht im Schwund unseres Vertrauens liegt.

Vertrauen, das ist das, was die Bibel immer wieder anmahnt. Werft euer Vertrauen nicht weg, schreibt ein unbekannter Verfasser eines Briefes an eine glaubensmüde, bedrängte Gemeinde. Aber was für ein Vertrauen ist das?

Bei einer Abiturfeier fiel mir ein Junge auf. Der sah anders aus als die Anderen. Die Abiturienten hatten sich alle feierlich rausgeputzt. Nur dieser Junge kam daher wie auf dem Schulhof. Verwaschene Jeans an und grauer Wollpullover. Teilnahmslos nahm er auf der Bühne sein Abiturszeugnis entgegen und trat wieder ab.

„Was ist mit dem Jungen?“ wollte ich wissen. Die Anderen erzählten mir, dass er vor wenigen Wochen seinen Vater verloren hatte. Der Junge hatte ihn tot im Keller gefunden. Erhängt. Sein Vater konnte es nicht ertragen, dass seine Firma in Konkurs gegangen war.
„Der ist fertig mit der Welt, sagten die Jugendlichen. Aber wir kümmern uns um ihn. Dass er überhaupt gekommen ist, ist schon mal was.“

Werft euer Vertrauen nicht weg! Denn das hat großen Gewinn, weiß unser Briefeschreiber. Das griechische Wort, das Luther mit „Vertrauen“ übersetzt hat, meint eigentlich so viel wie: Freimut, Zivilcourage, aufrechter Gang. Unerschrocken zu dem stehen, wovon man überzeugt ist.
Und sich auch durch Verrat und Unrecht nicht davon abbringen lassen. Warum man das tun sollte? Weil da ein Gott ist, der will, dass wir leben und nicht aufgeben. Ein Gott, der durch alle Tiefen mit uns gehen will, damit wir darin nicht verloren gehen.
Gottes will uns umgeben mit seinem Schutz.
Und schickt dann mal eine Gruppe von Freunden, die einfach mitgeht. Bis sie wieder da sind: die Zivilcourage und das Vertrauen ins Leben.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=5543
Er soll sich auf seine Burg in Italien zurückgezogen haben. Der ehemalige Postchef Klaus Zumwinkel. Für seine Steuerhinterziehung in Millionenhöhe hat er eine Geldstrafe bezahlt. Als er keine andere Wahl mehr hatte, gab er beschämt zu, einen Fehler gemacht zu haben.
Immerhin.
Wenn heute die Bank ihren Aktionären Bonuszahlungen in Millionenhöhe zuteilt, nachdem sie beim Staat grade um Gnade und Geld gebeten hat, dann fragen sich viele: Wo ist der ehrbare Kaufmann geblieben, der sich für unlautere Geschäfte einfach geschämt hätte?

Aber früher waren die Zeiten auch nicht besser. Zur Zeit Jesu gab es eine römische Besatzungsmacht. Die hatte überhaupt kein Problem damit, Bauern durch überhöhte Steuern in den Ruin zu treiben. Und wie heute gab es damals Leute, die sich schamlos daran bereicherten. Zachäus war auch so einer. Der hatte das Privileg, im Auftrag der Römer Steuern und Zölle einzutreiben. Und sich nebenbei eine ordentliche Rendite zu verschaffen. Ganz legal. Und doch kaum auszuhalten für seine Zeitgenossen.

Als Jesus, der berühmte Lehrer der Barmherzigkeit, in die Stadt kam, wollte Zachäus ihn natürlich auch sehen. Aber niemand ließ ihn durch. Also stieg er auf einen Baum. Er allein über Köpfen der Anderen. Da gehört er hin, sagten sich die Leute. Hauptsache weit weg von uns. Soll er doch verschimmeln in seinem reichen Ghetto.

Und dann zieht Jesus durch die Straße und bleibt unter dem Baum stehen, auf dem Zachäus sitzt. Dann schaut er nach oben. Er wird ihn doch nicht ansprechen? Das einzige, was den Leuten in ihrem berechtigten Zorn geblieben ist, das war doch, ihn auszuschließen, ihm seine Ehre zu verweigern.
Wie ungeheuerlich muss das für die Leute gewesen sein, als Jesus den Zachäus anspricht. Komm herunter, sagt er, heute will ich Gast in deinem Hause sein. Und Zachäus steigt von seinem Baum herunter und nimmt Jesus als seinen Gast auf.

Was da hinter den Türen besprochen wurde, erfahren wir nicht. Wir erfahren nur: Zachäus will das Unrecht, das er anderen angetan hat, wieder gutmachen. Was für eine ungeheuerliche Geschichte. Was ist da wohl passiert zwischen ihm und Jesus?

https://www.kirche-im-swr.de/?m=5542
Wenn meine Freundin richtig frustriert ist, geht sie in die Stadt und kauft sich was zum Anziehen: Irgendeinen Fummel, sagt sie, und wenn’s nur ein Tuch ist. Dann geht’s mir sofort besser.
Vielleicht ist das ein bisschen typisch Frau. Aber spätestens beim nächsten Vorstellungsgespräch hat auch Mann ein Thema mit der Kleiderordnung. Was soll ich anziehen, damit ich anziehend wirke? Und wie schaff ich das, mir keine Blöße zu geben?
Oder anders gesagt: Alles, nur nicht sich schämen müssen.

Scham, sagt die Bibel, ist Folge von Sünde. Und erzählt, wie es dazu kam. Adam und Eva verstoßen gegen Gottes Gebot. Sie essen vom Baum der Erkenntnis zwischen gut und böse und prompt schämen sie sich. Schämen sich so sehr, dass sie ihre Blöße mit Blättern bedecken – mit paradiesischen Fummeln sozusagen. Und weil sie sich vor Gott immer noch nackt fühlen, verstecken sie sich vor ihm. Wie kleine Kinder, die was ausgefressen haben. Die Scham zeigt: da ist ein Riss. Ein Riss in ihrer Beziehung zu Gott. Ein Riss im Vertrauen.

Als Gott sie im Garten Eden sucht, meinen sie, er würde sie beschämen wollen.
Aber Gott will weder bestrafen noch beschämen. Gott ruft sie, weil er in Sorge um sie ist. Und als er sie findet, erklärt er ihnen, welche Folgen ihr Wissen um gut und böse für sie haben wird. Dass da harte Arbeit auf sie zukommen wird und Ärger und Schmerzen. Und dann macht er etwas ganz und gar Berührendes: Er macht ihnen „Kleider aus Fell“, wie es heißt, Pelzmäntel. Paradiesische Fummel als Schutz gegen den rauen Wind jenseits von Eden.

Beschämung ist also Gottes Sache nicht. Scham- das ist doch die letzte dünne Haut über unserer Würde. Und die tastet nicht einmal Gott an. Auch wenn er zornig ist.

„Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“ So heißt das in einem Psalm. Gott schützt uns in unsrer Verletzlichkeit. Und will, dass wir einander auch nicht beschämen.

So gesehen hat meine Freundin ein geradezu geniales Erste-Hilfe-Notprogramm entdeckt. Wenn sie frustriert und verletzt ist: Ein Fummel, der die Blöße bedeckt. Wie Gott damals im Paradies. Muss ja nicht immer ein teurer Pelzmantel sein.
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