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SWR4 Abendgedanken

14MAI2021
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„Alltag ist nur durch Wunder erträglich“ – sagt das Kalenderblatt. Ein Zitat von Max Frisch. Aber Wunder passieren ausgesprochen selten. Eines davon durfte mein Sohn erleben. Mathias hatte einen Auftrag für ein Fotoshooting in Kempten. In einem Park in Kempten machte er verschiedene Aufnahmen von einem Freund, der professionelle Porträts für seinen Beruf brauchte. Fotos mit Bergen im Hintergrund, Fotos auf der Wiese und Fotos unterwegs – das ganze Programm.

In der Nähe saßen ein Mann und eine Frau auf einer Parkbank und beobachteten die beiden. Die ältere Frau stand auf und kam auf Mathias zu: „Darf ich Sie mal was fragen?“ „Natürlich!“

„Sie haben so viel Freude am Fotografieren. Ich habe noch die komplette analoge Fotoausrüstung von meinem verstorbenen Mann zuhause und ich möchte sie nicht einfach irgendjemandem geben. Hätten Sie Spaß daran?“

Mathias war sehr überrascht und sagte nach kurzem Zögern zu. So verabredeten sich die beiden für eine Stunde später wieder im Park, ohne Namen oder Handynummern ausgetauscht zu haben.

Das Treffen klappte: eine Stunde später war die Dame wieder da mit einer großen alten Fototasche. Und mit einer Ausrüstung, die das Herz unseres Sohnes höherschlagen ließ: eine hochwertige Analogkamera, 5 Objektive, Blitz, Stativ, ein Buch mit Anleitungen und die Rechnungen von 1979. „Damit Sie sehen, dass das nicht geklaut ist“, sagte sie lächelnd.

Mathias war überwältigt, dass ihm auf der Straße diese komplette, immer noch wertvolle Ausrüstung geschenkt wurde. Nun wurden doch Adressen getauscht.

Vom ersten Film wurden die Bilder zu der Dame nach Kempten geschickt, mit einem handgeschriebenen Brief. Die Antwort war ebenfalls ein handgeschriebener Brief. Da heißt es unter anderem: „der 7. November 2020 im Park wird uns noch lange in guter Erinnerung bleiben, Sie kamen, ließen sich im Gras nieder und holten Ihre Kamera aus der Tasche, um Aufnahmen zu schießen. Gott hat mich da berührt und ermutigt, Sie anzusprechen. Das Ergebnis dieser Begegnung ist „Freude pur“ auf beiden Seiten. Ihnen wünsche ich weiterhin viel Spaß und Freude mit der Kamera.“

Inzwischen werden Briefe zwischen Kempten und dem Rheinland hin und her geschickt, handgeschrieben, dazu jedes Mal einige analog entwickelte Fotos.

„Gott hat mich da berührt und ermutigt…“ in einer alltäglichen, nicht erwarteten Situation. In der Bibel heißt solch ein Moment „Kairos“ – den entscheidenden Moment wahrnehmen und ergreifen, mutig, ohne langes Zögern.

Das hat die Dame in diesem Augenblick getan. Und dieser Moment war ein kleines Wunder.

„Alltag ist nur durch Wunder erträglich.“ Manchmal hat der Kalenderspruch doch seine Berechtigung.

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12MAI2021
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Es war Anfang März diesen Jahres. Lockdown. Alle Geschäfte geschlossen. Ich komme an der Buchhandlung vorbei und entdecke: sie ist geöffnet! Voll Freude gehe ich in die fast leere Buchhandlung und komme mit dem Besitzer ins Gespräch. „Ich denke, dass nur die Supermärkte und die Baumärkte offen haben dürfen.“ „Ja, aber wir dürfen auch, vielleicht weil wir er-bauliches verkaufen!“

Ein Baumarkt für die Seele – was für ein schönes Bild. Erbauliches – dieser Ausdruck ist uns fast abhanden gekommen. Und seine Umschreibungen, die das Wörterbuch anbietet auch: andächtig, besinnlich stimmend, das Gemüt erhebend.

Aber ist es nicht genau das, was uns fehlt, wenn nur die Lebensmitteläden und die Baumärkte geöffnet haben? Alles, was schön ist, alles was uns gut tut, was uns anregt, was uns froh macht.

Bücher gehören dazu und damit die Welten, die sie mir erschließen. Die Weiten, in die sie mich entführen. Die Reisen, auf die sie mich mitnehmen.

Musik gehört dazu, live, nicht gestreamt und nicht aus der Konserve, sondern live mit allen Nebengeräuschen, die uns manchmal ärgern: husten, rascheln, flüstern. Oder auch Musik zum laut mitsingen und feiern!

Und auch Religion gehört für mich dazu. Jede Religion. Sie nimmt uns heraus aus dem Alltag und sie baut mich auf. Ihre Worte des Trostes und der Zuversicht tun mir gut und sie geben mir Kraft. Diese Worte kann ich zum Beispiel in der Bibel finden.

Aber was ich dazu noch brauche, ist die Gemeinschaft, ist der Austausch mit anderen. Gemeinsam über Ideen sprechen, gemeinsam singen und Gottesdienst feiern. Das alles ist nur sehr eingeschränkt möglich.

Aber all das braucht die Seele, wie der Handwerker den Baumarkt.

„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt!“ heißt es in der Bibel.

Nur Lebensmittel und Baumarkt reichen nicht: Begegnungen, Gespräche, Umarmungen halten mich am Leben.

Ich sehne mich nach den Zeiten, wo es wieder mehr Er-bauliches geben wird. Es dauert wohl noch, bis das wieder unbeschwert möglich ist. Solange müssen wir noch durchhalten und einander schützen.

Aber der Tag kommt. Denn: der Mensch lebt nicht vom Brot allein.

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11MAI2021
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Diesen Spruch kenne ich aus Kindertagen. Gemeint ist damit: das will ich nicht haben! Dem stimme ich nicht zu!

„Das kommt mir nicht in die Tüte“ geht vielleicht zurück auf die Zeit der Tante-Emma Läden, als die Einkäufe noch in der Papiertüte verstaut wurden.

Dann kam die Zeit der Selbstbedienungsläden und damit der Plastiktüten – Tüten bekamen ein schlechtes Image.

Aber wenn es vom letzten Jahr außer den Masken ein Bild gibt, das sich mir eingeprägt hat, dann ist es das Bild der gefüllten Tüte.

Da gab es die ersten Tüten für die Kommunionkinder: liebevoll zusammengestellt mit den Unterlagen zur Erstkommunion, einer Bastelanleitung, einer Kerze zum Selbstgestalten, einer Spielanregung.

Die Erzieherinnen in den Kindergärten haben Tüten gepackt mit Spielen, Ausmalbildern und einer Ermutigung für die Eltern.

Zu Karneval gab es Überraschungstüten, die die Karnevalsvereine ihren Mitgliedern vor die Tür gestellt haben.

Eine Idee, die mich besonders berührt hat, ist eine Tüte anstelle des  Beerdigungskaffees. Da wir uns ja nicht mehr nach der Beerdigung treffen dürfen, um einander zu trösten und Erinnerungen auszutauschen, gab es auf einer Beerdigung für jeden Besucher Trauerkaffee to go: ein Bild des Verstorbenen, ein Gebet, ein Stück Kuchen, ein Päckchen löslichen Kaffee. Auch das hält die Verbindung miteinander lebendig!

Und die Tüten zu Ostern: die haben wir in diesem Jahr zum zweiten Mal gepackt. Es gibt immer noch viele Menschen, die nicht in die Kirche gehen können und so haben sie eine Ostertüte bekommen: Ein Osterlicht, eine Osterkarte und  einen Palmzweig.

Unser Leben in Tüten!

Und im letzten Jahr haben wir so vieles, was uns wichtig ist, in Tüten gepackt.

Und jede Tüte wurde mit viel Liebe und Aufwand gepackt. Das macht sie wertvoll. Jede Tüte, die vor die Tür gestellt oder abgegeben wird, macht deutlich:  da denkt jemand an mich, da hat sich jemand Zeit genommen, auch wenn er mich nicht besuchen darf. Und die Beschenkten spüren: Da verbindet uns das gleiche Anliegen, das gleiche Fest.

Die Wirkung dieser Tüten ist nicht zu unterschätzen: durch sie sind wir in Verbindung geblieben, in der Schule, in der Nachbarschaft, im Verein, auch in der Kirche.

Und wenn Jesus eine Tüte gepackt hätte als Proviant für seine Jünger, was hätte er wohl reingepackt?

Ich weiß es nicht. Aber vielleicht ein gutes Wort, eine Ermutigung für jeden Tag, eine Pause zum Atemholen, eine Prise Gottvertrauen und viele kreative Ideen um mit lieben Menschen in Kontakt zu bleiben.

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10MAI2021
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Am Wochenende war ich zusammen mit meinem Mann und unserem Sohn in Luxembourg.  Dort wohnt meine Schwiegermutter. Sie ist nun 87 Jahre alt und im letzten Jahr gestürzt. Nach einem langen Krankenhausaufenthalt hat sie nun einen guten Platz in einem Pflegeheim.

Fast 60 Jahre wohnten meine Schwiegereltern im eigenen Haus! Aber nun muss dieses Haus geräumt werden, das Haus, das meine Schwiegermutter so unfreiwillig und unerwartet verlassen musste. Alles liegt noch da wie am Tag des Sturzes.

Diesen Samstag wollten wir nun räumen. Mein Mann sollte den großen Werkzeugkeller seines Vaters auflösen mit der Unterstützung von unserem Sohn und unserem Neffen.

Die drei verschwanden im Keller und reisten in die Vergangenheit: unzählige Werkzeuge gab es wegzupacken, aber für die Jugend auch zu entdecken. Viele angefangene Werkstücke lagen noch da – der Schwiegervater hatte das ganze Haus mit Holzarbeiten ausgestattet. An diesem Tag haben die Enkel mehr über den längst verstorbenen Großvater erfahren als all die Jahre zuvor. Und neben der vielen Arbeit, die das Wegräumen mit sich brachte, wuchs in ihnen der Respekt und die Achtung vor seiner Arbeit, aber auch vor der Art und Weise, wie der Großvater das Haus eingerichtet hatte. Man spürte immer noch die ganze Liebe und Energie, die er da reingesteckt hatte.

Ich fing an, einen der vielen Schränke auszuräumen. Viel zu viel von allem: Schränke voller Tortenhauben, Tortendeckchen und  Geschenkpapieren – Vorräte für die nächsten 20 Jahre. Und das alles musste jetzt irgendwie versorgt werden.

Aber beim Wegräumen dieser vielen Sachen spürte ich plötzlich ganz deutlich die Sorge und die Liebe, die meine Schwiegermutter mit all diesen Sachen verbunden hatte. Als wir noch mit den Kindern zu Besuch kamen, bekam jeder von uns seinen Lieblingskuchen gebacken. Das war viel zu viel, wir konnten das nie aufessen und nahmen immer noch zwei Kuchen mit nach Hause. Das war ihre Art, für uns zu sorgen und uns ihre Liebe zu zeigen.

Und Geschenke waren ihre Sprache der Liebe. Sie brachte gerne von überall etwas für uns mit und sie kam immer mit liebevoll verpackten Geschenken zu uns zu Besuch. Die unzähligen Geschenkpapiere und Geschenkbändchen erzählen immer noch davon.

Nun müssen wir all das wegräumen.

Die Schränke werden leer, das Haus wird allmählich leer.

Aber was sich füllt ist die Schatzkiste unserer dankbaren Erinnerungen.

Jedes einzelne Stück, das wir in die Hand nehmen, erzählt vom Leben der Schwiegereltern. Einiges wird weiter genutzt, als Erinnerung mitgenommen. Anderes wird weggegeben.

Als wir am Abend heimfahren, sind es nicht nur der Staub und die müden Knochen, die wir mit nach Hause nehmen. Es sind die vielen Erinnerungen, die meinen Mann und später uns alle geprägt haben und die ein Teil unseres Lebens sind und uns nun froh und dankbar machen.

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