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SWR4 Abendgedanken

12JUN2020
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Wenn ich abends langsam zur Ruhe komme, muss ich oft an die letzten Wochen denken. Das Corona-Virus hat uns alle zu einem Stillstand gezwungen. Ich muss immer noch verdauen, wie unwirklich diese Situation oft auf mich gewirkt hat. Noch im Februar habe ich mit einer Selbstsicherheit Pläne für meine Geburtstagsparty im Frühjahr geschmiedet, Konzertkarten gekauft und einen Urlaub gebucht. Und wie bisher in meinem Leben war es für mich so gut wie sicher, dass das alles so aufgehen wird, wie ich es plane. Und das gilt ja nicht nur für mich als Einzelperson: Alles, was Unternehmer und Künstler geplant haben, ist nicht so aufgegangen. Genauso wie die Pläne der Politiker, die die Klimapolitik anpacken, Steuern senken und die Renten erhöhen wollten. Alles erst einmal zerplatzt wie eine Seifenblase. Und am schlimmsten: Plötzlich habe ich gemerkt, wie das Leben von vielen Menschen bedroht ist und viele auch wirklich sterben mussten. Dass das Leben so fragil, so zerbrechlich ist, war mir nie so sehr bewusst wie in den letzten Wochen.

Diese Zerbrechlichkeit des Lebens erinnert mich an ein Wort des Apostels Paulus. Für Paulus ist das Leben von unschätzbarem Wert, ein Schatz. Und er sagt, dass wir diesen Schatz in zerbrechlichen Gefäßen tragen (2 Kor 4,7). Also wie in einer kostbaren Porzellanvase oder einem Kristallglas, mit dem ich sorgfältig umgehe, wenn ich im Haushalt damit zu tun habe. Ich spüle sie lieber von Hand als mit der Maschine und ich stelle sie sorgfältig im Schrank ab, wenn ich sie benutzt habe.

Ich frage mich, wie ich genauso sorgfältig mit dem umgehen kann, was sich in der Corona-Zeit als so zerbrechlich und schützenswert gezeigt hat: Dass ich gesund bin, dass ich mit anderen Menschen zusammen kommen kann, dass wir uns in der Gesellschaft in unserem Land umeinander kümmern und keinen verloren gehen lassen.

Das erste ist: Ich muss anerkennen, dass all das letztlich nicht in meiner Hand liegt. Aber gerade weil es nicht unter meiner Kontrolle ist, hilft mir, wenn ich darauf vertraue, dass Gott es gut mit uns Menschen meint. Auch wenn vieles fragil ist, was ich anpacke, ich glaube, dass Gott mir die Kraft gibt, dass ich es schaffen kann und dass er mich unterstützt, dass es gelingt und nicht umsonst ist. Deshalb gehe ich sorgfältig damit um und bin dankbar dafür. Wenn der Alltag langsam wieder zurückkommt und mein Terminkalender sich wie von selbst füllt: Dann denke ich daran, mir bewusst Zeit zu nehmen, in der ich mit den Menschen zusammen bin, die mir am Herzen liegen. Weil ich weiß, was für ein zerbrechliches Gut es ist, dass wir einander haben. Und das will ich schützen.

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10JUN2020
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Seit zwei Monaten arbeite ich an einer neuen Stelle. Und erlebe dort, wie freundlich die Menschen zu mir sind. Die einen freuen sich, wenn ich etwas anders mache als sie es gewohnt sind. Gleichzeitig loben andere mich, weil sie merken, dass ich nicht gleich alles auf den Kopf stelle. Manchmal ist mir das irgendwie peinlich. Eigentlich müsste es das ja erst mal nicht sein. Denn ich bin ja gleichzeitig offen für Kritik. Ich will nicht nur gelobt werden, ich will auch kritisiert werden. Aber mit beidem muss ich umgehen können. Gerade in so einer Anfangssituation.

Kritik ist für mich immer die Chance zu lernen, wie ich etwas besser mache. Deshalb hole ich mir oft von anderen Kritik ein. Vor kurzem habe ich dabei aber gemerkt, dass ich manche Punkte doch nicht so leicht wegstecke, wie ich dachte. Ich habe einen Kollegen gefragt, ob er eine E-Mail von mir zu fordernd und provokativ findet. Als er gesagt hat, dass er es schon grenzwertig findet, was ich geschrieben habe, habe ich erst mal geschluckt. Dabei hatte ich ihn selbst danach gefragt. Und er hat ehrlich geantwortet. Das will ich ja auch. Und trotzdem hab ich gemerkt, dass ich jetzt lieber etwas Anderes gehört hätte.

Ich will lernen, wie ich mit der Kritik umgehe, die ich bekomme. Also, dass ich mich nicht demotivieren lasse und gleichzeitig das annehme, worin ich mich verbessern kann. Und genauso will ich lernen, Lob anzunehmen.

Der buddhistische Mönch Thich Nath Than hat einen Satz gesagt, der mir dabei hilft. Der Satz lautet „Teilweise hast Du recht“. Wenn ich mit einem „Teilweise hast Du recht“ auf Kritik antworte, gewinne ich zuallererst Zeit. Ich kann Kritik verdauen und darüber nachdenken. Das ist taktisch klug. Aber ich gehe auch davon aus, dass es stimmt. Jeder, der etwas kritisiert, spricht irgendwo auch einen Punkt an, der zurecht verbessert oder verändert werden kann. Und jeder, der etwas lobt, trifft damit etwas Gutes.

Das Gute an diesem Satz von Thich Nath Than ist, dass er mir hilft, dass ich negative Kritik so zwar ernst nehme, aber mich durch sie nicht völlig aus der Bahn werfen lasse. Gleichzeitig ist er für mich aber auch ein Patentrezept, wie ich Lob annehmen kann. Ich sehe das, was ich gut gemacht habe und werde nicht überheblich, wenn ich sagen kann: Teilweise hast Du recht.

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09JUN2020
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In der Zeit während des Stillstands in der Corona-Pandemie habe ich abends oft noch einen Spaziergang durch den Park gemacht. Dabei ist mir immer wieder das Lied „Sound of silence“ von Simon and Garfunkel in den Sinn gekommen. Der Klang der Stille. Genauso war es da im Park: Wo sonst junge Leute im Gras sitzen und Musik hören oder Sport treiben: Stille. Wo sonst abends kleine Gruppen von Leuten sich zum Grillen treffen: still. Und erst recht war es still auf dem Spielplatz, der mit Sicherheitsbändern abgesperrt war. Dieser „sound of silence“, dieser Klang der Stille hat aufs erste etwas Unheimliches gehabt. Es war still, weil kein Leben da ist. Aber es war gleichzeitig auch schön und wohltuend, weil meine Gedanken dabei ruhiger geworden sind und ich mich in dieser Stille erholen konnte.

In dem Lied geht es aber nicht nur um die Stille. Die erste Strophe fängt an mit „Hello, darkness, my old friend“ – „Grüß Dich, Dunkelheit, meine alte Freundin“. Und dann ist die Rede von Nächten, in denen man vor Sorgen nicht schlafen kann. Als ob Stille und Dunkelheit zusammengehören. Wenn ich aber nachts wach liege und über meinen Sorgen grüble, sind Dunkelheit und Stille keine Freunde für mich. Sie drücken meine Stimmung eher nieder. In solchen Nächten, in denen ich mich manchmal sogar eher die Probleme hineinsteigere hilft es mir eher, dass ich mir sage, dass ich die Dinge bei Tag betrachtet sicherlich wieder anders sehen kann. Meistens stimmt das auch und ich sehe am nächsten Morgen schon klarer. Ich denke aber, dass es das auch braucht, dass ich durch diese Nächte durch muss und dass ich die Erfahrung mache, dass ich die Veränderung zum Guten nicht erzwingen kann, sondern dass sie von selbst kommt. Wie der nächste Morgen. Und der fängt schon an, wenn die Nacht am dunkelsten ist.

Als Christ fängt für mich da der Glaube an. Ich will mich darauf verlassen, dass Gott gerade dann, wenn ich nichts höre, nichts sehe und nichts beeinflussen kann, mein Leben zum Guten lenkt. Auch wenn dieses Gute dann vielleicht anders ist, als ich es mir vorgestellt habe.

Wenn jetzt der Alltag mit seiner Lebhaftigkeit zurückkehrt und das Rauschen des Straßenverkehrs und die Leute in der Stadt die Stille wieder überdecken, suche ich abends immer wieder solche Augenblicke der Stille. Und wenn mir wieder die Liedzeile in den Kopf kommt „Grüß Dich, Dunkelheit, meine alte Freundin“, erinnere ich mich daran, dass der dunkelste Punkt der Nacht der Punkt ist, an dem der nächste Tag beginnt. Und mit ihm das Leben.

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08JUN2020
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Heute haben alle Namenstag, die Helga heißen. Auch meine gute Freundin. Wenn ich an sie denke, bin ich sehr dankbar. Die Helga, die ich kenne, ist ein besonderer Mensch. Sie ist immer für die anderen da und sorgt sich um sie. Wenn ich mit ihr telefoniere, klingt sie meistens aufmunternd. Sie ist immer die, die zuerst mich fragt, wie es mir geht. Und wenn ich sie persönlich treffe, kommt sie mir schon mit einem Lächeln entgegen und bietet mir erst einmal einen Kaffee an. Sie hört zu, fragt nach und fühlt mit, wenn ich von mir erzähle. Nach einer Begegnung mit Helga gehe ich immer beschwingt wieder von ihr fort.

Es gehört zu ihrer Persönlichkeit, mit anderen mitzufühlen. Aber ich weiß auch, dass das ihre Art ist, ihren Glauben zu leben. Sie spricht nicht davon, dass sie überzeugt ist, dass Gott sich um uns Menschen sorgt. Sie lässt es die anderen lieber gleich spüren, wenn sie ihnen diese Sorge schenkt.

Ich genieße die Begegnungen mit Helga sehr, weil ich mich gerne von ihrer Laune anstecken lasse. manchmal wirkt das in mir weiter. Dann gehe ich genauso mit einem Lächeln auf andere Leute zu, kümmere mich zuerst um sie und stelle erst einmal hinten an, wie es mir gerade geht.

Aber wie fast alles im Leben hat auch dieses Verhalten eine Kehrseite. Wenn sich ein Mensch wie sie immer nur um die anderen kümmert, dann finden die anderen das irgendwann normal. Sie erwarten, dass es erst einmal um sie geht und dass sie so selbstlos umsorgt werden. Und die, die sich so um die anderen kümmern, kommen irgendwann zu kurz. Denn sie sind ja auch Menschen, denen es gut tut, wenn sich jemand um sie kümmert. Ich habe mir deshalb vorgenommen, dass ich bei einer Begegnung mit so einem Menschen wie Helga auch mal der sein will, der sich zuerst um den anderen sorgt. Wenn wir uns sehen, frage ich nach, wie es ihr geht, anstatt mich dem wohligen Gefühl hinzugeben, dass es jetzt nur noch um mich geht.

Ich bin dankbar, dass ich Helga kenne und noch ein paar andere Menschen, die zwar anders heißen, aber genauso handeln. Dass ich solche Menschen kenne, macht die Welt für mich ein bisschen besser. Heute Abend denke ich dankbar an alle Menschen, die für mich auf ihre Art heilbringend sind. Mir sind sie heilig, weil ich bei ihnen erlebe, wie Gott sich den Menschen gedacht hat: als Hilfe für den anderen. Ich will auch ein wenig heilig sein als so eine Hilfe für andere.

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