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SWR4 Abendgedanken

Gebete verbinden Menschen. Das ist mir bewusst geworden, als mich vor Jahren eine ältere Frau auf der Straße angesprochen hat. Ich kannte sie vom Gottesdienst her. Jetzt kam sie auf mich zu und sprach mich an: „Ich wollte Ihnen nur sagen, dass ich jede Woche für Sie und Ihre Familie bete“. Mich hat das angerührt. Die Vorstellung, dass diese ältere Frau, die ich kaum kannte, regelmäßig für mich und meine Familie ein Gebet sprach, das hat mich beeindruckt. Und es hat mir irgendwie Mut gemacht. Ich habe gespürt: Ich bin mit meinen Gebeten nicht allein. Da betet jemand für mich. Diese Frau tut das, obwohl sie meinen Alltag gar nicht genau kennt. Sie betet für mich auch dann, wenn ich vielleicht einmal selbst nicht beten kann, weil die Sorgen zu groß sind. Wie gut, dass es Menschen gibt, die für andere beten.

Heute findet in vielen Kirchen der „Weltgebetstag“ statt. Jedes Jahr beten Christen am ersten Freitag im März mit und für Menschen in anderen Ländern. In diesem Jahr steht das kleine Land Surinam im Mittelpunkt. Surinam liegt in Südamerika. Gerade einmal 500.000 Menschen leben dort, die Hälfte davon sind Christen. Heute Abend finden in vielen Gemeinden Gottesdienste statt, in denen mit und für die Menschen in Surinam gebetet wird. Es gibt auch Informationen über das Leben und den Alltag in diesem südamerikanischen Land. Fotos werden gezeigt; und in vielen Gemeinden gibt es nach dem Gottesdienst ein kleines Essen mit typischen Speisen aus Surinam. Doch das Beten ist dabei das Wichtigste. Denn die Gebete zeigen, dass wir miteinander verbunden sind. Auch wenn wir auf verschiedenen Kontinenten leben und unterschiedliche Sprachen sprechen, gehören wir dennoch zusammen. Obwohl unsere Kultur anders ist und unser Alltag ganz unterschiedlich, wir leben zusammen in der einen Welt. Unser Glaube verbindet uns. 

„Ich bete für Sie“, hat mir damals die ältere Frau gesagt. Und ich frage mich: Für wen kann ich heute beten? Vielleicht auch für die Menschen in Surinam. Oder für meine Familie. Oder ich bete für Menschen, die im Moment eine große Sorge oder ein großes Leid tragen müssen. Ich lege sie Gott ans Herz und vertraue darauf, dass er Möglichkeiten hat, ihnen zu helfen. Vielleicht hilft mir das Gebet zu sehen, was ich selbst tun kann. Gebete verbinden.

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Wie sehr man sich doch irren kann. Das habe ich bei einer Radiomeldung gedacht. Da wurde von einem scheinbaren Diebstahl in der Pfalz berichtet, der sich hinterher als freundliche Rettungstat herausstellte. Ein Mann war übers Wochenende verreist und als er am Sonntagabend wieder nach Hause kam, da fand er sein Gartentor aufgebrochen und sein Gartenteich mit den Zierfischen war leer. Irgendjemand musste eingebrochen sein, den Teich leergepumpt und all die kostbaren Fische gestohlen haben. Sofort rief er natürlich die Polizei an. Aber noch am gleichen Abend löste sich der Fall auf. Sein Nachbar meldete sich. Der hatte am Samstag gesehen, wie der Teich auf dem Nachbargrundstück immer mehr Wasser verlor - es musste ein Leck im Teich geben. Also war er schnell hinübergelaufen, hatte das Tor aufgebrochen und die Fische aus dem Teich gerettet, bevor alles Wasser verschwunden war. Die kostbaren Fische schwammen jetzt munter in seiner Badewanne. Was also zunächst wie ein Verbrechen aussah entpuppte sich als Rettungstat.

Mir hat diese Geschichte zu denken gegeben. Wie schnell bin auch ich oft mit meinem Urteil über andere Menschen. Ich sehe, was sie machen oder ich höre, was andere über sie sagen und ganz schnell habe ich mir meine Meinung gebildet. Die Menschen sind ungerecht oder faul oder egoistisch oder sie können sich nicht benehmen. Aber oft urteile ich, ohne die Menschen wirklich zu kennen. Ich weiß oft nicht, warum sie so handeln, wie sie es tun. Ich kenne ihre Geschichte nicht und weiß viel zu wenig über ihre Lebensumstände. Wie oft habe ich mich schon in anderen geirrt und war mit meinem Urteil ungerecht.

Jesus hat anscheinend gewusst, dass wir Menschen so sind. Deshalb hat er geraten:

„Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ (Mt 7,1). Jesus wusste, wie leicht wir uns ein Urteil bilden ohne die Menschen und ihre Lebensumstände wirklich zu kennen. Er ist ja selbst ein Opfer böser Nachrede und unbarmherzigen Richtens geworden. „Richtet nicht“, sagt er. Jesus hat Recht. Manchmal sind Menschen und Dinge ganz anders als es mir auf den ersten Blick erscheint. Weil ich das weiß, will ich von anderen nicht zuerst das Schlechteste, sondern das Beste denken.

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Wie gehe ich mit Problemen und Sorgen um?
Das Flugpersonal auf einem Inlandsflug in den USA hat das auf ganz eigene Weise versucht. Da hatte während der Reise einer der Passagiere einen Herzinfarkt erlitten und ist gestorben. Nachdem bei einem Zwischenstopp der Verstorbene von Bord gebracht worden war, setzten sie die Reise fort.  Im Flugzeug war auch ein Pfarrer. Der ging zum Flugpersonal und bot seine Hilfe an. Wenn jemand Trost braucht oder ein Gebet, dann könnte man ihn gerne rufen, sagte er. Wissen Sie, was er zur Antwort bekam? Eine Stewardess sagte ihm: „Ich glaube, Ihre Hilfe wird nicht nötig sein. Wir haben den Leuten kostenlose Drinks spendiert“.

Als diesen Bericht in einer Zeitschrift las, war ich sprachlos. Kostenlose Drinks als Trost. Alkohol, um diese schlimme Situation zu bewältigen. Ich weiß, dass viele Menschen Alkohol brauchen, damit sie ihr Leben besser bewältigen können. Andere nehmen Medikamente oder stürzen sich in Arbeit oder ins Vergnügen, um sich von den Problemen ihres Lebens abzulenken. Ich glaube, jede und jeder von uns hat da so seine eigene Versuchung. Bloß: diese Strategien helfen meistens nicht weiter, sondern machen die Probleme eher noch größer. 

In der Zeit der Bibel hatten die Leute auch Sorgen und Ängste. Ihnen rät der Leiter einer christlichen Gemeinde: „All eure Sorge werft auf Gott, denn er sorgt für euch“ (1.Petr. 5,7).  Ich finde, das ist ein besserer Weg, mit den Problemen im Leben umzugehen. Ich darf meine Probleme und Sorgen Gott sagen und sie ihm hinlegen. Das müssen keine schön formulierten Gebete sein. Nur ein paar einfache Worte. Vielleicht ein Vaterunser. Oder nur ein stummer Schrei: Gott, hilf mir. Damit sind die Sorgen nicht gleich verschwunden, aber ich vertraue darauf, dass Gott sich darum kümmert. Manchmal sehe ich einen Ausweg, den ich vorher nicht gesehen habe. Manchmal steht mir ein anderer Mensch bei und hilft mir, wo ich es nicht erwartet habe.  Gott kennt mich und mein Leben und er weiß darum besser als ich, was mir helfen kann. Er gibt mir auch immer wieder die Kraft, schwierige Situationen durchzustehen. Das ist besser als kostenlose Drinks.

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Wenn ein Bild an der Wand schief hängt, kann ich das nicht ertragen. Und ich weiß, dass es vielen anderen genauso geht wie mir. Wenn ich ein Bild sehe, das schief hängt, dann muss ich hingehen und es geraderücken. Ich habe mich sogar schon dabei ertappt, dass ich das in fremden Wohnungen mache, wenn ich dort zu Besuch bin. Und ich habe mich gefragt: Was stimmt nicht mit mir, dass ich ein schiefes Bild nicht einfach schief hängen lassen kann?

Mittlerweile weiß ich, dass das eine ganz normale Reaktion ist. Unser menschliches Gehirn ist darauf programmiert, dass alle Dinge um uns herum eine Ordnung haben müssen. Sonst fühlen wir uns nicht wohl. Ein schiefes Bild aber stört die Ordnung und macht uns darum ganz nervös. Es löst in unserem Gehirn sozusagen Stress aus und wir müssen dafür sorgen, dass die Welt um uns herum schnell wieder in Ordnung kommt indem das Bild grade hängt.

Mit dem Bild ist das ja noch ganz einfach. Mit einem Handgriff kann ich es wieder geraderücken. Aber mit anderen Dingen in meinem Leben geht das nicht so leicht. Zum Beispiel mit meinen Beziehungen. Wenn eine Beziehung in Unordnung geraten ist, dann ist es viel schwieriger, das wieder gerade zu rücken. Es gibt solche Beziehungen auch in meinem Leben, die nicht Ordnung sind und wo es mir einfach nicht gelingt, sie wieder in Ordnung zu bringen. Vielleicht, weil wir uns zu sehr verletzt oder enttäuscht haben. Jetzt ist so viel Zeit vergangen, dass niemand das mehr rückgängig machen kann. Ich finde es schade. Da ist etwas in Unordnung in meinem Leben und ich kriege es nicht geradegerückt. 

Aber mich tröstet ein Wort aus den Psalmen der Bibel. Es heißt: „Befiehl dem Herren deine Wege und hoff auf ihn, er wird’s wohl machen“ (Psalm 37,5). Für mich bedeutet das: Ich kann Gott anvertrauen, was in Unordnung geraten ist. Er wird es wohl machen. Vor allem, wenn ich selbst keine Wege und Möglichkeiten mehr sehe: Gott hat vielleicht noch Wege, die ich nicht kenne und kann das ein oder andere in meinem Leben wieder geraderücken. Deshalb hoffe ich darauf, dass auch schwierige Beziehungen in meinem Leben wieder in Ordnung kommen. Irgendwann.

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Manchmal ist man zu schnell unterwegs. So wie der Fahrer des 24 Tonnen LKWs. Er war mitten im Kreisverkehr nach rechts auf die Seite gekippt.  Neben ihm standen nun ein Polizeiwagen, mehrere Feuerwehrautos und eine ganze Menge Schaulustige. Am nächsten Tag berichtete dann unsere Tageszeitung, der LKW sei mit „nicht angepasster Geschwindigkeit“ in den Kreisverkehr eingefahren - also auf gut Deutsch: Viel zu schnell. In der Kurve des Kreisels hat der Fahrer dann nicht mehr bremsen können, die Ladung ist verrutscht und der ganze Laster ist umgekippt.

Mich hat das nachdenklich gemacht, denn ich bin oft auch zu schnell unterwegs. Und damit meine ich nicht nur mit dem Auto. Mein ganzes Arbeits- und Lebenstempo ist oft zu schnell. Ich habe den ganzen Tag berufliche Termine. Ich kümmere mich mit um die Kinder und möchte Zeit mit meiner Frau verbringen. Ich möchte mich mit Freunden treffen. Doch der Tag ist viel zu kurz für all das, was ich gerne hineinstopfen würde. Deshalb versuche ich, schneller zu sein. Ich ertappe mich dabei, dass ich manchmal mehrere Dinge gleichzeitig tue. Ich schaue Nachrichten und beantworte gleichzeitig meine Mails. Ich telefoniere und suche dabei auf meinem Schreibtisch nach wichtigen Unterlagen. Das ist nicht gut. Ich fange an, Dinge zu vergessen. Ich mache Fehler und werde gereizt gegenüber meinen Mitmenschen.

Manchmal denke ich dann an eine Geschichte, die von Jesus erzählt wird. Er hatte einmal seine Jünger ausgesandt, damit sie in der Umgebung seine Botschaft weitersagen. Als sie zurückkehrten und sich gleich in die nächste Aufgabe stürzen wollten, da hat Jesus zu ihnen gesagt: „Ruht erst ein wenig“. Es gab Arbeit genug, aber Jesus hat seinen Jüngern zuerst eine Pause verordnet. „Runter mit dem Tempo!“, hat er angeordnet.

Mir sagen das manchmal meine Kinder oder meine Frau. Sie machen mich darauf aufmerksam, wenn ich mal wieder zu schnell im Alltag unterwegs bin oder wenn ich zu viel in kurzer Zeit erledigen möchte. Ich bin ihnen dafür dankbar. Es ist keine Faulheit ist, wenn ich manchmal eine Pause einlege oder ein bisschen langsamer mache. Im Gegenteil.

Das ist gut für mich und alle, die mit mir zu tun haben.

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