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SWR4 Abendgedanken

„Schön ist die Jugend bei frohen Zeiten, schön ist die Jugend, sie kommt nicht mehr.“ Vielleicht kennen Sie dieses Volkslied. Erst neulich habe ich das Lied mit Senioren gesungen. Sie hatten es sich gewünscht. In meinen Ohren hat das Lied wehmütig geklungen, fast traurig. Als sei im Alter alles nur noch schlecht. Da meldete sich eine Seniorin zu Wort. Sie habe ein anderes Lied dabei, sagte sie. Das wolle sie jetzt mit uns singen. Die Melodie sei die gleiche wie bei dem Lied „Schön ist die Jugend“, nur die Worte seien andere. Sie teilte das Liedblatt aus. Alle waren gespannt. Ich las die Worte und staunte. Wunderbar, dachte ich, auch so kann man das Alter sehen. Wir fingen an zu singen. Die erste Strophe ging so: „Schön ist die Jugend, so stets geschrieben, doch auch im Alter kann man sich freun, ist man im Herzen noch jung geblieben, fühlt man im Alter sich nicht allein. Muss man auch langsam gehen, manchmal bei Seite stehn, schön ist das Alter trotz alledem.“ Während wir diese Strophe sangen, beobachtete ich, wie sich bei einigen die Gesichter aufhellten. Dann haben wir die nächste Strophe gesungen. „Das Buch des Lebens hat viele Seiten, das Schicksal blättert und fragt uns nicht. Doch Gottes Segen wird uns geleiten, er schützt in Treue, gibt Kraft und Licht.“ Auch diese hat mich angerührt. Da hat einer Schweres erlebt, aber auch, wie Gott ihn nicht im Stich gelassen hat. Dafür ist er dankbar.

Und dann die letzte Strophe. „Freut euch heut Nachmittag und nützt die Stunden in Fröhlichkeit und Zuversicht. Viel Schweres wurde schon überwunden, man scheute Mühen und Arbeit nicht. Seid froh und unverzagt, sagt Dank für jeden Tag, was er auch immer uns bringen mag.“

Wir waren uns einig. Das ist wirklich ein schönes Lied. Es ermutigt dazu, die schönen Seiten des Alters zu entdecken – und sich an ihnen zu freuen.

Die meisten Senioren haben ihr Liedblatt mit nach Hause genommen. Ich hoffe, sie legen es nicht weg, sondern haben es griffbereit auf ihrem Esstisch oder Nachtisch. Dann kann es sie erinnern: Auch das Alter kennt schöne Tage. Und alle sind sie von Gott begleitet.    

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Vor einem ganz bestimmten Bild in unserer Stadtkirche in Blaubeuren bleiben die Menschen länger stehen. Zu sehen ist eine Kreuzigungsszene, wie man sie oft sieht. Weinende Frauen, Soldaten. Und mittendrin ein Zivilist. Er schaut mit klarem Gesicht auf den gekreuzigten Jesus. Und er hat eindeutig die Gesichtszüge von Martin Luther. Warum hat der Maler Luther da hinein gemalt?

Der Maler hieß Jörg Stocker. Er lebte zur gleichen Zeit wie Luther und hatte seine Meisterwerkstatt in Ulm. Offenbar hatte er von Martin Luther gehört. Und anscheinend kannte er die Luther-Bildnisse, die sein Malerkollege Lucas Cranach in Wittenberg anfertigte und die in hohen Auflagen weit verbreitet wurden. Der Luther auf dem Kreuzigungsbild sieht nämlich genauso aus wie der auf diesen Bildnissen von Cranach.

Aber was hat den Ulmer Maler Jörg Stocker an Luther so beeindruckt, dass er ihn in sein Bild malte?

Vielleicht hatte er ja die eine oder andere Schrift von Luther gelesen. Schaut man sich den Gesichtsausdruck von Luther in seinem Bild genauer an, hat man den Eindruck: Luther ist glücklich, als hätte er gefunden, was er gesucht hat. Ganz dicht steht er am Kreuz und schaut hinauf zu Jesus. Wenn Luther jetzt reden könnte, würde er dem Betrachter vielleicht sagen: „Schaut auf Jesus! Vertraut ihm! Dann braucht ihr nichts und niemanden zu fürchten!“

Luther hatte großes Gottvertrauen, wird erzählt. Als ihn seine Gegner unter Androhung von Gewalt zwingen wollten, seinem Glauben abzuschwören, soll er gesagt haben: „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir! Amen.“ Solche Standfestigkeit könnte heutzutage mancher gut gebrauchen, denke ich mir. Zum Beispiel, wenn einem andere einreden wollen, dass der Glaube an Gott nichts bringt. Oder wenn einer an seine Kinder oder Enkel denkt, um die er sich Sorgen macht. Da tut Gottvertrauen gut. Vielleicht war es dieses Gottvertrauen, das den Maler Jörg Stocker an Luther so beeindruckt hat, dass er ihn in sein Bild gemalt hat. Damit alle, die unsere Stadtkirche besuchen und Luther unterm Kreuz stehen sehen, es so machen wie Luther: auf Christus schauen! Und drauf vertrauen: Er steht mir bei, was auch geschieht!  

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„Ich will aufhören, mehr von mir zu wollen als ich leisten kann.“ Das hat eine junge Frau gesagt. Ich habe von ihr gelesen. Sie hatte eine schwere Krankheit überstanden. Eine Herzkrankheit. Wochenlang hatte sie kaum noch Luft bekommen, war ständig müde. Deshalb war sie zum Arzt gegangen. Der hatte einen Tumor am Herzen entdeckt. Sofort musste operiert werden. Es sei ein großes Glück, dass sie überhaupt noch lebte, hatte der Arzt gesagt. Die Operation war dann erfolgreich, der Tumor gutartig. Aber der Heilungsprozess hat viele Wochen gedauert. Zeit genug für die junge Frau über ihr Leben nachzudenken.

„Ich habe überlebt, andere in meinem Krankenzimmer hatten nicht so viel Glück“, hat sie später gesagt. Sie wollte ihr Leben ändern. „Wenn ich gestorben und vor eine Art Jüngstes Gericht gerufen worden wäre“, hat sie erzählt, „dann hätte ich bekennen müssen: Ich habe zu wenig riskiert und geliebt, ich war zu selten zufrieden.“ Das hat sie erschreckt und sie hat sich vorgenommen: „In Zukunft will ich mit leichtem Gepäck unterwegs sein. Ich habe gemerkt, wie schön es ist, wenn ich Zeit für die Menschen habe.“ Und dann hat sie diesen wunderbaren Satz gesagt: „Ich will aufhören, mehr von mir zu wollen als ich leisten kann.“ 

Mich beeindruckt dieser Satz. Auch ich fordere oft mehr von mir als ich leisten kann. Das macht mich unzufrieden und ungeduldig. Auch im Umgang mit anderen. Dann spüre ich, wie mein Herz eng wird und mich drückt. Von dieser jungen Frau will ich lernen, geduldiger mit mir zu sein. Ich muss nicht alles auf einmal erreichen. Einfach ist das nicht. Schließlich fühle ich mich verantwortlich für das, was geschieht.

Aber hat Jesus den Menschen nicht geraten. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“? Sich selbst lieben. Ich glaube: Damit ist nicht gemeint, nur an sich zu denken ohne Rücksicht auf andere. Ich verstehe den Satz so: Auch wenn nicht immer alles gelingt: Ich darf mich mögen. Dazu gehört für mich auch zufrieden zu sein mit dem, was ich kann und was ich habe.

Wer das kann, der kann dann auch andere so annehmen wie sie sind. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Ich meine: Dann könnten alle – so wie die junge Frau gesagt hat - „mit leichtem Gepäck“ durchs Leben gehen.

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Bei Zebrafischen wachsen die Flossen nach, habe ich gelesen. Ja, sogar Verletzungen am Herzen heilen vollständig aus. Wie das geht, haben Wissenschaftler jetzt entschlüsselt. Ein Protein steuert den Heilungsprozess. Dieses Protein befiehlt den Zellen sich zu vermehren. So wächst das verletzte Gewebe einfach nach. Und das Herz oder die Flossen werden wieder gesund als wäre nichts gewesen.

Als ich das gelesen habe, habe ich gestaunt. Toll, was die Natur alles kann! Wie schön, wenn das auch bei uns Menschen so gehen würde, habe ich gedacht. Auch Menschen haben ja manchmal ein verletztes Herz. Ich meine jetzt nicht im medizinischen Sinn, sondern im übertragenen Sinn. Es gibt vieles, was das Herz eines Menschen verletzten kann. Ein böses Wort zum Beispiel. Eine Beleidigung. Mancher weiß noch nach Jahren, wer ihn mit welchem Wort an welchem Ort beleidigt hat. Das vergisst man nicht so schnell. Oder wenn mich einer anlügt. Auch das verletzt mich. Oder wenn der geliebte Partner ganz plötzlich stirbt. „Das hat mir das Herz gebrochen“, sagt der, der alleine zurückbleiben muss.

Für alle diese Fälle müsste es doch so etwas geben wie ein Protein, denke ich mir. Aber so einfach ist das nicht. Ein verletztes Herz wächst sich nicht so schnell wieder gesund. „Die Zeit heilt Wunden“, sagt man. Aber ich glaube das nicht. Etwas bleibt immer zurück. Ein Schmerz, eine Enttäuschung, eine Sehnsucht. Die Gebete in der Bibel, die sind da ganz realistisch. Sie wissen: „Ein Herz kann man nicht reparier’n“ 

Wie aber dann mit einem verletzten Herzen umgehen? „Gott ist nahe denen, die zerbrochenen Herzen sind.“ (Psalm 34, 19). Das ist die Erfahrung in einem der biblischen Gebete.

Ich verstehe das so. Gott fühlt mit denen, denen das Herz weh tut. Die sind ihm nicht egal. Wenn es ihnen schlecht geht, ist er ganz nahe bei ihnen. Wie er das macht? In dem er ihnen zum Beispiel einen Menschen vorbeischickt, der ihnen guttut. „Dich hat der Himmel geschickt!“, sagt man. Das ist genau diese Erfahrung. Andere erzählen, wie gut ihnen das Beten tut. Das Beten beruhigt sie, nimmt ihnen die Angst und gibt neue Kraft.

Ich wünsche allen, die ein verletztes Herz haben, dass Gott ihnen ganz nahekommt. Denn seine Nähe tut herzlich gut.

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