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SWR4 Abendgedanken

Beten ist Verweilen bei einem Freund. So nennt es die spanische Nonne Teresa von Ávila in ihrer Autobiografie. Mir gefällt die Beschreibung. Ich denke daran, wie ich mit Freundinnen oder Freunden „verweile“: Wir sitzen beisammen und haben Zeit und reden miteinander über die Dinge des Lebens. Da wird auch gelacht und gescherzt, manchmal auch beraten, was denn nun der richtige Weg ist. Gelegentlich verändert sich meine Sicht auf die Dinge, wenn wir miteinander drüber nachdenken. Das tut gut und hilft mir oft weiter. „Beten ist wie Verweilen bei einem Freund“. Im Gebet ist dieser Freund Gott. Von Teresa von Ávila sagt man, dass sie eine besondere Begabung zu Freundschaft hatte und sehr beliebt war. Wahrscheinlich hat sie sich oft mit ihren Freunden beraten. Diese Zuneigung zu den Menschen hat sie auf Gott ausgedehnt.
Auch Jesus hat mit Gott gesprochen, hat mit ihm verweilt wie bei einem Freund – ja mehr noch: wie bei einem Vater. Väter können, wenn es gut geht, ganz besondere Freunde sein. In seiner schweren Krise – er wusste, dass er in Lebensgefahr war – ist Jesus in einen Garten mit Olivenbäumen gegangen um zu beten. Ganz allein war er dann im Gespräch mit Gott über das, was ihm bevorstand. Er redet von seinem Leidensweg, als er betet: „Vater, wenn du willst, nimm diesen Becher fort, damit ich ihn nicht trinken muss. Aber nicht, was ich will soll geschehen, sondern was du willst!“ (Lk 22,42 Basisbibel).
So als säße er mit seinem Vater zusammen, so erzählt Jesus Gott von seiner Furcht vor dem, was ihm bevorsteht. Und im Verlauf des Gesprächs verändert sich seine Einstellung. Jesus entscheidet sich zuletzt, sich zu fügen in das, was ihm vorherbestimmt ist. Ich denke mir, er kann das tatsächlich erst, nachdem er eine Zeitlang, – eben: „eine Weile“ – mit Gott im Gespräch gewesen ist. Sich Zeit nehmen – verweilen – wie mit einem Freund oder wie mit einem Vater, verweilen im Gespräch mit Gott. Das kann mich oder meine Haltung zu den Dingen meines Lebens verändern. Das ist beten.

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Sich bedienen lassen, das ist nicht immer leicht. Die kleine Paula zum Beispiel hat sehr skeptisch geschaut, als wir es im Gottesdienst ausprobiert haben. Die Pfarrerin hat Wasser in eine Schüssel gegossen und die Schüssel vor Paulas Mama auf den Fußboden gestellt. Paulas Mama hat ihre Schuhe und Strümpfe ausgezogen. Und dann hat die Pfarrerin Paulas Mama die Füße gewaschen. Mitten im Gottesdienst. Paula ist fünf. So etwas hatte sie noch nicht erlebt. Sie hat vor Staunen den Mund nicht zugekriegt. Dann hat Paulas Mama gefragt: Willst du auch deine Füße gewaschen bekommen? Aber Paula hat heftig den Kopf geschüttelt. Sich bedienen lassen, ist nicht leicht.
Wir haben mit dieser Aktion im Gottesdienst gezeigt, wie Jesus seinen Jüngern einmal die Füße gewaschen hat.
In der Zeit, als Jesus mit seinen Jüngern gelebt hat, gehörte dieser Brauch zu den Regeln der Gastfreundschaft.
Zur Säuberung, zur Kühlung und Erfrischung kamen die Diener und wuschen den Gästen zur Begrüßung die Füße. Diesen Dienst hat Jesus übernommen. Der Lehrer und Meister macht sich selbst zum Diener.
Die Jünger haben das damals auch zuerst nicht zulassen wollen. Und Petrus hat Jesus gefragt: „Herr, du willst mir die Füße waschen?“ (Joh 13,6b Basisbibel). Dass man ihnen die Füße wäscht, das kannten die Jünger, weil es damals Brauch war. Aber dass Jesus das für sie tut, ist ungewohnt gewesen. Ob sie es trotzdem genießen konnten?
An der kleinen Paula konnte ich lernen, dass es wirklich nicht einfach ist, sich bedienen zu lassen. Das kann manchmal genauso schwer sein wie das Dienen. Oder vielleicht noch schwerer? Ich muss es zulassen, dass ein anderer Mensch vor mir auf die Knie geht und mich bedient. Auch noch an den Füßen – das ist ganz und gar ungewohnt – auch wenn es nur gespielt ist.
Die kleine Paula hat verstanden, wie die Jünger sich da gefühlt haben. Und das habe ich von Paula gelernt: Dass Jesus von seinen Jüngern etwas verlangt hat, was nicht selbstverständlich war. Sich bedienen lassen, das ist nicht immer leicht. Aber wenn ich es zulassen und genießen kann, tut es gut.

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Ich sitze gerne vorne. Das liegt vor allem daran, dass ich mit meinen 1 Meter 65 nicht sehr groß bin. Wenn ich was mitkriegen will von dem, was auf der Bühne oder im Kino passiert, dann sitze ich lieber vorne. Aber ich hasse es, mich für einen Platz drängeln zu müssen. Und bin froh, wenn es nummerierte Plätze gibt oder eine Sitzordnung, die das regelt. Als Gastgeberin bei großen Veranstaltungen habe ich manchmal die Verantwortung dafür, wo Menschen sitzen oder in welcher Reihenfolge sie begrüßt werden. Und dann muss ich mir überlegen: Kommt zuerst der Herr Bürgermeister dran oder zuerst der Ehrenbürger? Es kann ganz schön peinlich werden, wenn man sich da vertut.
Solche Fragen von „Protokoll und Etikette sind eigentlich Zähmung“ hat uns unser Referent auf einer Tagung erklärt, bei der es unter anderem um Sitzordnungen und Ehrenplätze geht. Und er hat erzählt, dass sich einst bei Hofe die Fürsten in ihren Kutschen einen Wettlauf lieferten, wer zuerst vorfahren durfte. Es muss zu grotesken Szenen gekommen sein. Schließlich hat man geregelt, wie es vonstattengehen soll und ein Protokoll dazu geschrieben. Dann hatten endlich die Wettläufe, wer den ersten Platz bekam, ein Ende, und man konnte sich wichtigeren Fragen widmen.
Wenn das Drängeln um die besten Plätze ein Ende hat, dann können alle genießen, dabei zu sein. So beschreibt Jesus das Himmelreich wie ein großes Festbankett, bei dem jeder Mann und jede Frau Platz findet und dazugehört. Alle dürfen kommen. Jeder ist gleich wichtig.
Im Gottesdienst versuchen wir in meiner evangelischen Kirche das abzubilden, wenn wir Abendmahl feiern. Da stehen alle in einem großen Kreis. Jeder steht in der ersten Reihe.
Zugegeben: Das hat wenig Ähnlichkeit mit dem alltäglichen Leben und seinen protokollarisch geregelten Rangordnungen.
Aber für ein paar Minuten kann man erleben, wie es zugeht im Reich Gottes. Wo alle ihren Platz haben in der ersten Reihe. Da braucht sich niemand drängeln. Denn alle sind eingeladen und gern gesehen.

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Getragen zu werden, das ist ein schönes Gefühl, finde ich. Wenn ich getragen werde, dann kann ich die Verantwortung für das, was geschieht, abgeben. Wenigstens zum Teil. Der mich trägt, achtet auf den Weg. Und passt auf, dass mir nichts passiert.
Einmal habe ich mich um eine neue Stelle beworben. Kurz vor dem Bewerbungsgespräch habe ich auf einmal kalte Füße gekriegt. Bin ich dem gewachsen? Kann ich das?
Am Sonntag vorher bin ich in den Gottesdienst gegangen, und gleich zu Beginn kam ein Satz, der war irgendwie in diesem Moment nur für mich gesprochen worden. Manchmal passiert einem so etwas. Vielleicht kennen Sie das. Für mich war das damals ein Vers aus den Psalmen: Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten, dass sie dich auf den Händen tragen.
Gerade da, als ich eine Ermutigung so dringend nötig hatte: Gerade da begegnet mir dieser Satz. Und handelt von dem, was mir guttut. Sich getragen wissen von dem Engel Gottes, der mitkriegt, wie es mir geht und was mir jetzt weiterhilft. Die Zusage: Du wirst getragen in dem, was du jetzt vor dir hast.
Ich glaube, sogar Jesus hat solche Erfahrungen gemacht. Damals bei seiner Taufe hat er einen Satz von Gott mitbekommen. Du bist mein geliebter Sohn. Und vielleicht waren auch ihm Lieder wichtig wie dieser Psalm über die Engel. Die Psalmen waren ja damals schon gewissermaßen das Liederbuch Israels. Deshalb kannte Jesus vermutlich diesen Vers: Gott hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten, dass sie dich auf den Händen tragen.
Gott verspricht, dass er mich tragen wird. Ich glaube: Dieses Vertrauen hat auch Jesus getragen, als er angegriffen wurde und als man ihn angefeindet hat. Das Vertrauen darauf, dass Gott ihn trägt.
Mir hat das bei meiner Bewerbung damals in meinem Innern eine große Sicherheit gegeben: Das Gefühl, dass Gott mich trägt. Gerade jetzt, wo es kompliziert wurde in meinem Leben. Ich habe die Stelle übrigens bekommen. Vielleicht vor allem deswegen.

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