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SWR4 Abendgedanken

Sechs Stunden hat die Sitzung gedauert und hat trotzdem Spaß gemacht. Denn es war eine Fastnachtssitzung. Ich gehe gerne auf Fastnachtssitzungen, am liebsten auf dem Dorf. Da ist alles noch selbst gemacht. Da treten keine Profis auf, sondern Leute, die das ganze einfach aus Jux und Tollerei machen. Es ist schon toll, wenn Frauen und Männer, die einem ganz normalen Beruf nachgehen, sich in ihrer Freizeit auf eine Bühne stellen. Vorträge machen, sich verkleiden, singen, tanzen und so einen ganzen Saal in Stimmung bringen. Da sitzt natürlich nicht jede Pointe wie bei einem guten Kabarettisten und auch nicht jeder Tanzschritt wie bei einem professionellen Ballet, aber dafür ist alles mit viel Herzblut gemacht. Wenn ich da nur an die ganzen Kostüme denke, die geschneidert werden müssen und das Einstudieren der Tänze mit Kindern und Jugendlichen, da steckt viel Engagement dahinter. Und das merkt man, wenn man im Publikum sitzt. Das kommt rüber, das steckt an und macht Spaß, auch sechs Stunden lang.

In diesen Tagen sind landauf landab tausende von Narren am Machen und Tun, damit andere Spaß haben. Und das tun sie ohne dafür Geld zu bekommen. Einfach so – ehrenamtlich. Natürlich haben sie auch selbst Spaß dabei, sonst funktioniert das mit dem Ehrenamt nicht. In der Fastnacht, im Karneval ist das so wie in vielen Bereichen unserer Gesellschaft: Ohne Ehrenamtliche läuft nichts.

Heute Abend mal einen Dank an alle Ehrenamtlichen, egal wo sie sich engagieren. Ob im Karneval, im Sport, in den Chören und Musikgruppen, in den Kirchen, in Vereinen und Verbänden, in der Nachbarschaftshilfe, der Flüchtlingsarbeit. Es ist gut, dass es Menschen gibt, die Dinge tun ohne dafür Geld zu bekommen. Sie sind der lebende Beweis dafür, dass der Satz „Geld regiert die Welt“ zumindest nicht in allen Bereichen stimmt. Und das ist gut so.

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Die Bibel ist sehr eindeutig, wenn es um die Hilfeleistungen für Fremde, für Flüchtlinge, geht: „Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, euer Gott.“ So steht es im Buch Levitikus (Lev 19,34). Klarer und unmissverständlicher kann man sich wohl nicht ausdrücken. Du sollst den Fremden lieben wie dich selbst. Begründung: Du bist selbst ein Fremder in Ägypten gewesen – vergiss das nicht! Damit wird an eine alte Geschichte in der Bibel erinnert. Die Söhne des Erzvaters Jakob sind wegen einer Hungersnot nach Ägypten ausgewandert. Wenn man so will: Wirtschaftsflüchtlinge. Und als deren Nachkommen in Ägypten unterdrückt wurden, sind diese als politische Flüchtlinge wieder aus Ägypten geflohen. Mose hat damals das Volk aus Ägypten herausgeführt. Das Volk Gottes ist also immer wieder auf der Flucht. Flüchtling zu sein, gehört zu seiner Grunderfahrung. Und deshalb sind Hilfeleistungen für Flüchtlinge für die Bibel selbstverständlich.

Wem die alten biblischen Geschichten um das Volk Gottes zu weit weg sind, der sollte sich an unsere jüngere Geschichte erinnern. Die Leute aus dem Hunsrück, die im 19. Jahrhundert nach Amerika auswanderten, waren auch nichts anderes als Wirtschaftsflüchtlinge. Und die Deutschen, die in den 30er Jahren vor den Nazis ins Ausland fliehen mussten, waren politische Flüchtlinge. Berühmte Leute waren darunter: Berthold Brecht, Thomas Mann, Willy Brandt und viele viele andere.

Deshalb: Flüchtlingen zu helfen muss selbstverständlich sein. Als Christ, als Deutscher, als Mensch.

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„Das Böse ist das Fehlen des Guten“, das ist so eine Erkenntnis von ihm: Thomas von Aquin. Heute ist sein Gedenktag. Er lebte im 13. Jahrhundert und übertrug die Erkenntnisse der griechischen Philosophie der Antike in die christliche Theologie des Abendlandes. Ich kann nicht mit allem, was er gedacht und geschrieben hat, was anfangen. Aber dieser Satz gefällt mir. „Das Böse ist das Fehlen des Guten.“ Denn es gibt Böses: Krieg, Ungerechtigkeit, Hass, Neid, Selbstsucht, Größenwahn all das ist böse. Aber woher kommt’s? Gibt’s einen Teufel, der all das Böse in Gang gesetzt hat – so zu sagen das Böse in Person? Gibt es das Böse als eine dunkle Macht?  Kommt es von außen auf uns Menschen zu oder steckt es tief in uns drin? Alles schwierige Fragen und es fällt mir schwer diese Fragen mit einem klaren Ja oder Nein zu beantworten. Und deshalb gefällt mir der Satz vom Heiligen Thomas von Aquin: „Das Böse ist das Fehlen des Guten“.

Krieg ist etwas Böses. Aber es gibt ihn nur, weil der Friede fehlt. Das heißt es muss ihn nicht geben so wie ein Naturgesetz. Man kann ihn auch verhindern, indem man sich für den Frieden einsetzt.  Hass ist etwas Böses, aber ich muss den andern nicht hassen. Ich kann versuchen, auch wenn es mir vielleicht schwer fällt, an ihm auch sympathische Seiten zu entdecken. Ich muss ihn ja nicht gleich lieben, aber so ein bisschen Sympathie drängt den Hass schon zurück.

„Das Böse ist das Fehlen des Guten“, der Satz macht mich frei. Ich bin nicht Opfer eines Teufels oder einer bösen Macht, der ich mich nicht entziehen kann. Ich kann mich für das Gute einsetzen und so das Böse zurückdrängen. Sicherlich nur im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten. Aber wenn viele das Tun, hat das Böse, ob Teufel oder dunkle Macht ist egal, weniger Chancen.

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27. Januar 1945: Das Konzentrationslager Auschwitz wird befreit. 70 Jahre ist das jetzt her. Mit der Erinnerung an die Naziverbrechen und ihrer Opfer tun sich manche schwer und ich kann das verstehen. Es ist kein schönes Thema und auch ich möchte mich am liebsten davor drücken. Aber: „Wer sich der Opfer erinnert, ist ein Nachbar von Gott.“ Dieser Satz geht mir nicht aus dem Kopf. Er stammt von dem verstorbenen Bischof Henri Derouet, er war Bischof von Arras in Nordfrankreich. Er sprach ihn auf einer Gedenkveranstaltung bei uns in Koblenz am 27. Januar 1998.

„Wer sich der Opfer erinnert, ist ein Nachbar von Gott.“ Bischof Derouet war selbst als Junger Mann Zwangsarbeiter in Deutschland und so Opfer des Nationalsozialismus geworden. Er erzählte uns: „Es traf sich, dass ich in Lagern gelebt habe, die sich bei Lagern befanden, wo junge Jüdinnen aus Mitteleuropa versammelt worden waren. Sie lebten unter schrecklichen Bedingungen. Ich habe an Gott gezweifelt. Ich habe mir die Frage gestellt: Wie kann Gott solche Leiden dulden und Unschuldige in den Händen solcher Henker lassen?“  Aber genau diese verzweifelte Frage hat Derouet  zum Glauben geführt. Er erzählte weiter: „Ich habe mir gesagt, an einen fernen Gott, der den Leidenden und Opfern gleichgültig ist, kann ich nicht glauben. Aber ich bin bereit, einem Gott zu folgen, der Mensch geworden ist und wie meine jüdischen Schwestern gedemütigt wurde, der wie sie unschuldig zum Opfer wurde.“ Für Derouet wurde das zur wichtigsten Erkenntnis seines Lebens. Gott wurde in Jesus selbst Opfer, er leidet mit den Opfern, er stellt sich auf ihre Seite. Und deshalb, auch wenn es nicht leicht fällt, sich die Gräueltaten der Nazis vor Augen zu führen: Wer sich der Opfer erinnert, ist ein Nachbar von Gott.

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Aussätzige: Das sind Menschen, die ausgesetzt werden, die nicht in der Gemeinschaft sein dürfen. In der Bibel kommen sie des Öfteren vor. Sie haben eine ansteckende Krankheit und deshalb werden sie zum Schutz der Gesunden von den andern getrennt. Wenn sie sich in der Öffentlichkeit bewegen, müssen  sie laut vor sich her rufen: „Ich bin Unrein, ich bin unrein“. (Lev 13,45). Keine schöne Geschichte ein Aussätziger zu sein.

Heute ist Welttag der Leprakranken. Sie gelten seit je her als Paradebeispiel für Aussätzige. Die Lepra ist eine chronische Infektion der Haut und anderer Organe und ist eben ansteckend. Leprakranke hat man immer schon ausgesetzt. Sie mussten in eigenen Kolonien leben, am besten auf einer Insel, Hauptsache weit weg von den Gesunden.  Heute ist Lepra heilbar. Es gibt Medikamente dagegen. Aber gerade in den armen Ländern des Südens können sich die Menschen diese oft nicht leisten.

In der Bibel wird erzählt, dass Jesus Aussätzige heilt. Einfach in dem er das Trennungsgebot aufhebt und die Aussätzigen berührt (Mk 1,40-45).  Das Infektionsrisiko nimmt er dabei in kauf. Nun bin ich nicht Jesus und kann nicht einfach nur durch berühren heilen. Muss ich auch nicht. Ich heute kann ohne jedes Infektionsrisiko heilen, einfach in dem ich z.B. das Deutsche Aussätzigenhilfswerk unterstütze, das bringt nämlich Medikamente zu Leprakranken.

Wobei Lepra natürlich nicht die einzige Krankheit ist, die Menschen zu Aussätzigen macht. Oft reicht schon eine andere Hautfarbe, eine andere Religion, die Gebrechlichkeit des Alters. Auch mangelndes Geld, mangelnde Schönheit oder mangelnde Intelligenz können dazu führen, dass Menschen ausgesetzt werden. Um dies zu heilen, brauche ich nicht einmal Geld. Meist reicht Respekt, ein gutes Wort, etwas Zeit und die Bereitschaft, sich auf den andern einzulassen.

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