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SWR4 Abendgedanken

Warum sind die meisten Esstische eigentlich rechteckig, frage ich mich. Wenn an jedem Platz jemand sitzt, gibt es immer zwei, die weiter auseinander sitzen. Ein quadratischer oder runder Tisch ist perfekt geeignet dafür, dass alle gleich weit weg sitzen. Freunde von uns haben so einen Tisch. Und ich finde es richtig klasse, mit vier oder acht Personen an diesem Tisch zu sitzen. Einmal hatten unsere Freunde drei Paare zum Essen eingeladen. So haben wir um den Tisch herumgesessen, und es war die perfekte Sitzordnung, weil jeder von jedem gleich weit weg saß. Wir haben übers Essen geplaudert und übers Kochen und übers Kochen, wenn Gäste kommen. Wir haben uns unsere Befürchtungen verraten, dass nur ja nichts schiefgehen soll beim Kochen für Gäste. Dabei ist schließlich eine Idee entstanden: Wir könnten doch mal alle zusammen ein Rezept ausprobieren, an das man sich alleine nicht dran traut. Eine Kochexperimentiergruppe. Dann tragen alle gemeinsam das Risiko, ob es schmeckt. Ein echtes Miteinander also. Ich glaube, der quadratische Tisch hat mit seiner Form dazu beigetragen, diese Idee zu finden.
Inzwischen treffen wir uns schon seit ein paar Jahren alle paar Wochen und kochen und essen miteinander.
Die Bibel erzählt viele Geschichten vom Essen. Und auch ein paar vom Kochen. Es geht dabei niemals bloß ums Sattwerden. Immer sind ganz wichtige Erfahrungen daran gebunden: gestärkt werden, Gemeinschaft erleben, getröstet werden, ermutigt werden, großzügig sein, Freundschaft erleben. Geschichten vom Miteinander beim Kochen und Essen.
Zu biblischen Zeiten saß man beim Essen nicht immer um einen Tisch herum. Aber bei allen Geschichten kann man spüren: Wichtig ist vor allem das Miteinander. Es kommt vermutlich doch weniger auf die Form des Esstischs an. Aber ich denke: Es kann nützlich sein, wenn auch der Esstisch für ein gutes Miteinander steht.

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Ein Blick kann manchmal sehr viel sagen. Zum Glück ist das so, denn es gibt ja Situationen, da ist ein schneller Durch-Blick hilfreich.
Einmal im Gottesdienst war das so:
Ich verlese zum Gedenken die Namen von Verstorbenen. Konfirmanden zünden Kerzen dazu an. Mitten im Verlesen fällt mir auf: Ein Konfirmand fehlt. Gleich wird der nächste Name kommen, und Tim, der dazu eine Kerze anzünden soll, ist nicht da. Wie soll es nun weitergehen? Ich schaue in die Reihe der Jugendlichen, die für diesen Dienst gar nicht eingeteilt sind. Und kriege Blickkontakt mit Franziska. Ein kleiner Wink, ja eigentlich nur ein Blick - und sie hat verstanden. Ohne Worte.  Als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt, steht sie auf und übernimmt die Aufgabe von Tim. Reibungslos geht das Kerzenritual von statten. Ist es nicht erstaunlich, was so ein Blickkontakt für eine Größe haben kann? Erleichtert schicke ich Franziska noch einen dankbaren Blick hinüber.
Am Ende des Gottesdienstes wird immer ein Segen gesprochen. Und als es darin heißt „Der Herr lasse sein Angesicht leichten über dir“, geht mir durch den Kopf, dass damit ja gemeint ist, dass Gott mich ansieht. Dass er Blickkontakt mit mir aufnimmt. Und dass er mit einem Blick im Bild ist. Dass er mich versteht, dass er sieht, was mit mir los ist, was mir hilft. Oder dass ich mit einem Blick mit ihm verbunden bin, dass ich mit einem Blick erkenne, dass Gott mich versteht. Oder dass ich mit einem Blick, den ich in meinem Innern auf ihn richte, alles sagen kann, wie es um mich steht oder was los ist bei mir. Diese alte Segensformel sagt mir: Schau auf Gott, und er versteht.
So wie das manchmal auch bei den Menschen klappt. Zum Beispiel bei Franziska, die gleich gewusst hat, was zu tun war. Zu meiner großen Erleichterung. Mit einem Blick.

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Neulich habe ich Jürgen von der Stadtverwaltung getroffen. Da ist mir eingefallen, dass ich ihn fragen könnte, wie ich an eine Parkgenehmigung komme. Jürgen kennt sich damit aus. Und mir erspart das, in die Verwaltung zu fahren.
Jürgen von der Stadtverwaltung hat sich schon damit abgefunden, dass er, wo auch immer er hinkommt, mit Verwaltungsfragen behelligt wird: Wie in diesem Jahr die Baustellenplanung aussehen wird und wann die Straßensperrung dafür aufgebaut wird. Aber -- ob ihm das recht ist?
Ich hatte mir gar nicht überlegt, dass er jetzt, unterwegs in der Stadt, vielleicht nichts von seinem Beruf hören will. Mein Bruder, der Elektriker, kennt das auch. „Wie gut, dass ich dich treffe, kannst du mir mal erklären, wie ich am besten an eine Solaranlage komme?“ Keine Seltenheit, dass er in seiner Freizeit mit beruflichem behelligt wird. Und wie man an Sondergenehmigungen für irgendwas kommt.
Von Politikern verlangen manche, dass sie immer und überall im Dienst sind, dass sie immer ein offenes Ohr haben für die Menschen aus ihrem Wahlkreis, dass sie sich immer für die Probleme ihrer Mitbürger interessieren.
Aber ist das ok? Kann einer immer im Dienst sein? Muss es nicht doch möglich sein, einmal Pause zu haben? Kann Jürgen auf der Party mal nicht der Mann von der Stadtverwaltung sein sondern einfach nur Jürgen? Und mein Bruder ein netter Typ, auch wenn die Leute ihn nicht gerade als Elektriker brauchen?
Die Bibel erzählt von Jesus, der mal Pause brauchte, als gar zu viele Menschen ihn bedrängt haben. Zusammen mit seinen Jüngern bestieg er ein Boot und fuhr hinaus auf den See. Ein andermal wird erzählt, er zog sich auf einen Berg zurück. Wir wissen aus vielen Geschichten, dass Jesus alle Menschen wichtig waren. Aber mir gefällt es, dass er sich auch mal zurückgezogen hat.
Ich denke: Jeder Mensch braucht Zeiten, in denen er mal nicht für andere zuständig ist. Ich will versuchen, das zu respektieren und lasse Jürgen künftig in Ruhe mit meiner Parkgenehmigung. Ich rufe ihn an, wenn er wieder im Dienst ist.

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Meine Trockenhaube macht Musik. Darauf war ich nicht gefasst. Als ich kürzlich beim Frisör war, hat die Frisörin eine dieser modernen Trockenhauben über meinem Kopf aufgebaut. Und dann kam, wie geplant, die heiße Luft; aber dieses Mal kam gleichzeitig Musik. Die Musik ist nicht wirklich nach meinem Geschmack gewesen. Aber das war es gar nicht, was mich gestört hat. Mich hat gestört, dass es kaum noch einen Moment gibt, an dem man nicht von Musik behelligt ist. Beim Einkaufen. Im Restaurant - übrigens dort beim Essen ebenso wie auf der Toilette. Nun also auch noch unter der Trockenhaube im Frisörladen.
Ich mag Musik. Ich singe gerne, ich musiziere und gehe gerne in Konzerte. Aber ich will nicht ununterbrochen von Musik umgeben sein, mit der andere Menschen bestimmen, was ich gerade höre. Als wäre es beliebig und so normal wie Licht und Luft um einen sind.
Und was wäre so schlimm dran, wenn mal irgendwas ohne Musik passierte? Im Zug und auf der Straße sehe ich viele Jugendliche mit Kopfhörern. Ihre Lieblings-Musik begleitet sie überall hin. Sie verkürzt ihnen die lange Zugfahrt und den Schulweg. Aber ich frage mich: Wenn man immerzu etwas hört - kann man dann eigentlich noch hinhören, wenn es mal wichtig ist, dass man zuhört? Brauchen nicht auch die Ohren mal Pause?
„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er führet mich zu zum frischen Wasser.“ Ein Lied aus der Bibel. Der 23. Psalm. Den kennen Sie bestimmt. Im Spanischunterricht habe ich den Text auf Spanisch gelesen und entdeckt: Das „frische Wasser“ wird dort übersetzt: agua tranquila. Das stille Wasser. Mit hat das gefallen. Ein Bild für wundervolle Erholung und Erfrischung: Gott, du führst mich an frisches, stilles Wasser!
Mir kommt die Idee, es könnte auch für ein Schaf erholsamer sein, wenn das erfrischende Wasser ein stilles Wasser ist. Für mich jedenfalls ist das so. Ich brauche von Zeit zu Zeit Stille. Keine Action und keine Musik. Selbst dann nicht, wenn es meine eigene Lieblingsmusik wäre. Das tut mir gut. Auch unter der Trockenhaube beim Frisör.

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Heute sind sie wieder unterwegs: die Sternsinger.  An manchen Orten auch schon gestern und vorgestern. Sie ziehen von Haus zu Haus und sammeln Geld. Das soll in diesem Jahr Flüchtlingskindern in Malawi in Afrika und weltweit zugutekommen. Mit gefällt dieser Brauch, der so viele Dinge miteinander verbindet: Die Menschen bei uns und die Menschen in einem fernen Land. Er verbindet auch uns Heutige mit den Menschen der Bibel, die vor 2000 Jahren die ersten „Sternsinger“ waren. Die Bibel erzählt von Gelehrten aus fernen Landen, die eine auffällige Sternenkonstellation beobachtet haben und für die festgestanden hat: Das ist ein Zeichen vom Himmel, dem wir nachgehen müssen.
Den neugeborenen König wollten sie suchen und haben das Jesuskind in Bethlehem gefunden.
Sternsingerkinder spielen diese Bibelgeschichte nach, und sie holen sie gleichzeitig in die Gegenwart. Sie verkleiden sich wie orientalische Könige, und sie sehen und hören wie in unserer Zeit Kinder auf der Flucht sind vor Hunger oder Krieg. Denen wollen sie helfen. Dafür sind sie unterwegs, bei Wind und Wetter, bei freundlichen und weniger freundlichen Menschen.
Längst verbinden die Sternsinger auch katholische und evangelische Christen. Zwar war der Brauch früher nur in katholischen Gegenden üblich. Heutzutage sind auch evangelische Kinder mit unterwegs; und längst klingeln sie auch an Häusern, in denen evangelische Menschen wohnen oder solche, die zu keiner Kirche gehören.  Die Sternsingerkinder tragen ein Lied vor, das die alte Geschichte von den biblischen Sterndeutern erzählt. Und dann zeichnen sie mit Kreide über die Haustür die Segensformel: c m b für Christus mansionem benedicat. Das ist lateinisch und heißt auf Deutsch: „Christus segne dieses Haus im Jahr 2014“. .
Ich hoffe, dass sie überall freundlich empfangen werden. Ich bin immer sehr beeindruckt von den Kindern und Jugendlichen, die sich tapfer in jedem Jahr im tiefsten Winter auf den Weg machen, um Segen zu bringen. Hoffentlich kommt dieser gute alte Brauch nicht aus der Mode!

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