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28AUG2021
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„Leider konnten für ihren Suchbegriff keine Ergebnisse gefunden werden.“ Das ist frustrierend. Gesucht habe ich nach „Interfaith Studies“. Weder die Suchmaschinen noch die Korrektur- oder Übersetzungsprogramme kennen dieses Wort. „interfaith“ geschrieben mit i und t-h. Es scheint eine neue Wortschöpfung zu sein. Interface mit „c“ ist bekannt, es bedeutet „Verbindung, Nahtstelle, Anschluss oder Schnittstelle“. „Faith“ im Englischen mit i und t-h bedeutet religiöser Glaube oder auch Vertrauen.
„Interfaith Studies“. Das ist ein neuer Masterstudiengang an der Universität Tübingen. Der deutsche Titel lautet „Theologien interreligiös“. Der Studiengang, so lese ich auf der homepage, „setzt die Traditionen des Judentums, des Christentums und des Islams zueinander in Beziehung.“ Wissenschaftlich werden religiöse Texte und Traditionen in ihrem kulturellen Kontext erarbeitet.“ heißt es. Tora, Neues Testament und Koran, Rituale, Gebete und spirituelle Praktiken werden miteinander verglichen, was sie bedeuten und welchen Anspruch sie haben. Alles soll aus der jeweiligen theologischen Sicht differenziert betrachtet werden. Mein Eindruck ist, wir wissen in den verschiedenen Glaubensgemeinschaften leider immer noch zu wenig voneinander. Die Religionen werden immer noch viel zu oft machtpolitisch missbraucht, gelten als Vorwand um wirtschaftliche Interessen durchzusetzen. Aber in unserem Land gibt es schon lange eine religiöse Vielfalt. Die bisherigen interreligiösen Dialoge sind hilfreich, aber nicht ausreichend. In diesem Studium soll es um „den Umgang mit Vorurteilen und Konfliktgeschichten gehen.“ Das finde ich gut. Ich bin überzeugt, so ausgebildete Menschen brauchen wir dringend. In multi-religiösen Gesellschaften gibt es immer wieder Spannungen. Interreligiöse Theolog·innen können konstruktiv die verschiedenen Sichtweisen einbringen, schlichtend auf Beteiligte einwirken. Ich kann mir deshalb vorstellen, dass die Berufsperspektiven vielfältig sind. So ein Studium ist aus meiner Sicht längst überfällig.
Mich hat schon immer interessiert, was die verschiedenen Religionen gemeinsam haben, was sie verbindet, und nicht was sie trennt. Von daher könnte der Studiengang durchaus auch „Interface Studies“ mit „c“ heißen, also was sind die Verbindungen, die Nahtstellen, damit aus den Einzelteilen ein Ganzes wird. Aber unsere Aufmerksamkeit legen wir bisher leider viel zu sehr auf unsere Differenzen, anstatt zu sehen, was uns verbindet.

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26AUG2021
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„Vielleicht solltest Du mal mit jemandem darüber reden“. So heißt ein Buch von Lori Gottlieb. Ein Therapeut hört sich die Geschichten seiner Patientin an. Vor ein paar Monaten hat ihr Freund sie verlassen. Ihre Gedanken sind immer noch bei ihm. Sie ist traurig über den Verlust. Sie lebt in der Vergangenheit. Da steht der Therapeut auf und tritt der Patientin ans Schienbein. „Aua – was war denn das?“ Der Therapeut erklärt: „Es gibt einen Unterschied zwischen Schmerz und Leiden. Jeder fühlt gelegentlich Schmerz. Sie entscheiden sich nicht für den Schmerz, sondern für das Leid.“
Geduldig hat der Therapeut in unzähligen Sitzungen zugehört, stundenlang die Enttäuschung und die Trauer miterlebt. Er sieht, wie die Patientin den seelischen Schmerz immer wieder aufleben lässt, ihn dadurch zum Leiden macht. Sie hält sich für das beklagenswerte Opfer. Der Tritt vors Schienbein ist ein Signal: Jetzt reicht’s. Klar, verlassen werden schmerzt, erst recht, wenn man nicht versteht, warum, keine Krise wahrgenommen hat. Und jetzt der Tritt vors Schienbein. Ein symbolischer Akt. Gerade heftig genug, um einen kleinen Schmerz zu spüren, aber ohne ernsthaft weh zu tun. Wie ein Weckruf. „Wach auf, das Leben geht weiter.“
Manchen würde ich gerne wie der Therapeut seiner Patientin einen Tritt vors Schienbein geben. Der jungen Erwachsenen zum Beispiel, die verwöhnt im Hotel Mama sitzt und sich trotzdem unverschämt ihrer Mutter gegenüber benimmt. Auch der Unternehmer, der sich über die mangelnde Arbeitsmoral seiner Angestellten abfällig äußert, obwohl er unter Tarif bezahlt. Auch er könnte einen Schuss vor den Bug vertragen. Oder die ältere Frau, die bei relativ guter Gesundheit ist, alles hat, und trotzdem ständig beim kleinsten Anlass jammert. Alles in ihrem Leben ist eine „Katastrophe“.
Schmerzen sind nicht schön, aber sie gehören zum Leben. Manchmal sind sie kaum auszuhalten. Aber es ist ein Irrtum anzunehmen, dass es ein Leben ohne Schmerzen gibt. Die Medizin hat heute Gott sei Dank gute Möglichkeiten, körperliche Schmerzen zu lindern. Beim seelischen Schmerz ist es nicht so einfach. Medikamente können helfen, aber die Trauer, die Enttäuschung können sie nicht verschwinden lassen. Oft lähmt auch die Angst vor dem Schmerz, oder die Aussicht ganz allein damit fertig werden zu müssen. Deshalb ist es wichtig Menschen zu haben, denen man von seinem Schmerz erzählen kann. Und gelegentlich dürfen die einem auch einen Tritt vors Schienbein geben.

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25AUG2021
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Viele negative Dinge kann ich auf Stress zurückführen: wenn ich unangemessen reagiere, so, dass ich es später bereue, oder etwas vergesse, was mich dann wurmt. Stress kann mich regelrecht krank machen.
Ich spreche nicht von der Spannung, die ich brauche, um auf „Betriebstemperatur“ zu kommen. Unter „gutem“ Stress kann ich Höchstleistungen abrufen, Vorträge halten, Seminare durchführen. Bei negativem Stress habe ich aber keinen Zugang mehr zu dem, was mich eigentlich als Mensch ausmacht: So ein Stress ist Gift. Es bleiben mir dann nur sehr begrenzte Möglichkeiten: weglaufen, totstellen oder kämpfen, wie unsere tierischen Vorfahren. Mein Wissen und Können, meine religiösen und kulturellen Werte werden unzugänglich. Ich kann dann auch nicht mehr freundlich, kreativ oder witzig sein.
Leider werden in unserer Sprache heftige Reaktionen unter Stress verharmlost: „das ist doch menschlich“. Aber gerade das ist es nicht! Wenn wir sagen: „es menschelt“, dann versuchen wir Entgleisungen zu entschuldigen. Zum Beispiel Wutausbrüche im Affekt. Später, bei normalem Bewusstsein, im vollen Besitz meiner Sinne, ist mir das peinlich.
Der Neurologe und Psychiater Viktor Frankl hat in kurzen, knappen Sätzen etwas für mich Wesentliches dazu zusammengefasst. Er sagt: „Zwischen Reiz und Reaktion ist ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Fähigkeit unsere Reaktion bewusst zu wählen. In unserer Reaktion liegt unser Wachstum und unsere Freiheit.“(*) Wir sind menschlich, wenn wir eben nicht so impulsiv reagieren, wie Tiere es in der Regel tun. Das Reiz-Reaktions-Schema muss auf uns Menschen nicht zutreffen. Wir besitzen eine sogenannte „Impulskontrolle“. Wirklich menschlich reagieren wir, wenn wir den Raum zwischen Reiz und Reaktion nicht nur zulassen, sondern bewusst ausgestalten. Ein bestimmtes Gefühl wird auslöst, aber ich muss nicht sofort reagieren. Wenn ich zum Beispiel Wut spüre, muss ich nicht wütend sein und erst recht nicht mein Gegenüber damit ungefiltert konfrontieren: Ich kann in solchen Situationen über meine tierischen Affekte hinauswachsen und meine Werte als Mensch ausspielen, gewaltlos, partnerschaftlich, achtsam mitfühlend. Einmal tief durchatmen und erst dann reagieren. Wenn ich das schaffe, lässt mich das frei und wirklich erwachsen fühlen. Wir sind vernünftige Kulturwesen. Wir können vorausschauend planen. Wir können Stress vermeiden, gelassen mit Mitmenschen und Situationen umgehen, und wenn sie noch so herausfordernd und schwierig sind.

 

(*) Zitat aus: Lori Gottlieb „Vielleicht solltest Du mal mit jemandem darüber reden“ S. 370

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24AUG2021
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Wie werde ich mich heute fühlen? Gar nicht so einfach zu beantworten. Um diese Uhrzeit schon gar nicht, da bin ich noch nicht wirklich ansprechbar. Werde ich heute niedergeschlagen, ausgelaugt, antriebslos sein? Oder eher aufgeweckt, kraftvoll, energiegeladen? Werde ich mich eher schwach oder kräftig fühlen? Oder irgendetwas dazwischen?
Die eigenen Gefühle spüren ist nicht immer einfach. Weder in der Schule noch an der Uni habe ich gelernt Gefühle in Worte zu fassen. Erst viel später, meistens aus der Not heraus. Es war notwendig, um meiner Partnerin zu sagen, wie es mir in unserer Beziehung geht. Und dann habe ich in verschiedenen therapeutischen Ausbildungen gelernt Gefühle zu beschreiben. Mein Eindruck ist Frauen tun sich leichter über Gefühle zu reden. Als Mann ist es heute immer noch nicht selbstverständlich.
Von Frauen und Männern wird aber nicht nur im Privaten, auch in vielen Berufen „Empathie und Sozialkompetenz“ erwartet. Dazu gehört zunächst, eigene Gefühle spüren können und dafür die richtigen Worte finden. Wir reden sonst oft aneinander vorbei. Es gibt Missverständnisse, oder wir interpretieren etwas falsch, streiten unnötig. Dann auch Gefühle bei anderen wahrnehmen, auch darüber angemessen reden können. Mitfühlend nachfragen. Zuhören, ohne sofort zu meinen, einen guten Rat geben zu müssen.
Mitgefühl kann man trainieren. Mir hat eine einfache Methode geholfen:
Erstens: Was sehe ich, was höre ich, was nehme ich wahr? Am besten, ohne es weiter zu kommentieren oder zu bewerten. Zweitens: Wie wirkt das auf mich, was löst das bei mir aus. Ehrlich und schnörkellos. Immer offen dafür, dass es meine subjektiven Beobachtungen und Gefühle sind, keine objektiven Wahrheiten. Und dann die Frage: Ist das so? Dann kann mein Gegenüber mir zustimmen, fühlt sich verstanden oder kann mich korrigieren, mir seine Sicht der Dinge, seine Gefühle mitteilen.
Das kann sich so anhören: „Ich beobachte, Du bist stiller als sonst, Du sagst nur wenig oder fast gar nichts. Ich habe den Eindruck Du bist traurig und enttäuscht, dass es mit dem gemeinsamen Spaziergang nicht geklappt hat. Ist das so? Oder: „Als Du von Deinem Projekt erzählt hast, habe ich ein Lächeln gesehen. Ich glaube es ist Dir wichtig und Du bist stolz auf Deinen Beitrag. Ist das so?“ Gespannt warte ich dann auf die Antwort. Liege ich richtig oder lerne ich über mich und mein Gegenüber noch etwas dazu?

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23AUG2021
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„Wir brauchen eine Ethik, die auch für Menschen hilfreich und brauchbar ist, die keiner Religion angehören, auch für solche, die nicht an Gott glauben. Eine gemeinsame Basis über alle Religionen, Kulturen und Philosophien hinweg“.(*) Das sagt der Dalai Lama, das religiöse Oberhaupt der Tibeter. Der heute 86-Jährige ist buddhistischer Mönch. In seinen Reden und Schriften setzt er sich für eine bessere Welt ein.
Den gemeinsamen Nenner gibt es. Zum Beispiel stimmen Menschen weltweit der Goldenen Regel zu: Verhalte dich deinen Mitmenschen gegenüber immer so, wie du selbst behandelt werden möchtest. Menschen werden aktiv, wenn andere in Not sind oder wenn sie sehen, dass andere ungerecht behandelt werden. Sie verhalten sich fair und solidarisch, sorgen sich nicht nur um das eigene Wohl. Außerdem wollen Menschen nicht angelogen werden. Und die anderen verlassen sich darauf, dass wir selbst auch aufrichtig reden und handeln. Für die meisten ist auch jede Form von Diskriminierung tabu, damit wir uns auf Augenhöhe begegnen können. Und für ein friedliches Zusammenleben müssen Fäuste und Waffen schweigen. Nur so können wir miteinander sprechen und gemeinsam die Welt gestalten. Und schließlich sind wir alle dafür verantwortlich unsere natürlichen Lebensgrundlagen zu schützen, auch für die Nachwelt. Diese wertvollen menschlichen Haltungen sind wie Wasser, ohne das wir nicht leben können. Sie brauchen Pflege.
Um Mitgefühl zu stärken empfiehlt der Dalai Lama täglich seinen Geist darin zu üben, die Herzen entsprechend schulen. Er sagt: „Der Kern aller Religionen ist die Liebe, das Bewusstsein für die globale Verantwortung für die Umwelt und die Menschen.“ Nicht nur im Christentum geht es also darum, die Liebe zu fördern, sondern eigentlich in allen Religionen, nur mit unterschiedlichen Ansätzen. „Menschen können ohne Religion auskommen, aber nicht ohne Ethik,“ sagt der Dalai Lama.
„Der Unterschied zwischen Ethik und Religion ähnelt dem Unterschied zwischen Wasser und Tee.“ Werte, die sich auf eine Religion stützen, sind wie Tee. Tee besteht zu 100% aus Wasser, aber er enthält noch weitere Zutaten: Gewürze, Zucker und vielleicht auch, je nach Kultur, eine kleine Prise Salz. Das macht ihn gehaltvoller und nachhaltiger und zu etwas, das religiöse Menschen jeden Tag haben möchten. Aber Hauptbestandteil ist immer Wasser.
An meinen Frühstücks-Teebeuteln hängen immer so kleine Kärtchen mit Sinnsprüchen. Heute steht darauf: „Vertrauen ist die Frage, Liebe ist die Antwort.“

 

(*) Dalai Lama (Franz Alt Hrsg.) “Der Appell des Dalai Lama an die Welt – Ethik ist wichtiger als Religion” 2015

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27FEB2021
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„Der Tod ist nichts, im Grunde gibt es ihn nicht. An den Tod glauben nur Leute mit zu wenig Fantasie.“ Das sagt die Romanfigur André im Buch „Ventoux“ von Bert Wagendorp. Wenn jemand stirbt, tot ist, dann ist es aus und vorbei. Das biologische Leben ist mit dem Tod zu Ende. Viele Zeitgenossen glauben auch, dass dann nichts mehr kommt. Ich glaube, dass dann irgend etwas weitergeht. Das in Worte zu fassen ist schwer. Manchmal reicht auch die Fantasie dafür nicht aus, zu beschreiben, was ich glaube. Als Christ glaube ich an eine Transformation, daran dass sich jeder verwandeln kann. Dass wir im Tod wundersam verwandelt werden.

Mich hat dabei ein Kirchenlied geprägt. Eins von Huub Oosterhuis. Er beschreibt ein Weizenkorn, wie es wächst und sich schließlich in ein Brot verwandelt. Dieses Bild benutzt Oosterhuis um das Leben Jesu zu deuten, wie er gestorben und auferstanden ist.

„Wer leben will wie Gott auf dieser Erde, muss sterben wie ein Weizenkorn, muss sterben, um zu leben. Er geht den Weg, den alle Dinge gehen, er trägt das Los, er geht den Weg, er geht ihn bis zum Ende. Der Sonne und dem Regen preisgegeben, das kleinste Korn in Sturm und Wind, muss sterben, um zu leben.“
Das Lied ist traurig und gleichzeitig gibt es mir auch Kraft. Es macht mich zuversichtlich, dass der Tod nicht das letzte Wort hat: Biologisch betrachtet ist die wunderbare Verwandlung des Weizenkorns zum Keimling kein Sterben, sondern eine Transformation: es wächst und wird zur Pflanze. Ich finde, das spürt man in diesem Lied.
Die letzten zwei Strophen holen mich vom Ende des Lebens zurück in die Gegenwart, in das Hier und Jetzt. Wir sprechen heute viel von solidarischem Handeln und Miteinander in der Gesellschaft:

„Die Menschen müssen füreinander sterben. Das kleinste Korn, es wird zum Brot, und einer nährt den andern. Den gleichen Weg ist unser Gott gegangen, und so ist er für dich und mich das Leben selbst geworden.“
Nichts muss bleiben, wie es ist. Etwas völlig Neues kann entstehen. Das Leben geht weiter und wir können uns gegenseitig nähren, auch in schwachen Momenten uns stärken und stützen. Für mich passt das Lied zu der Aussage der eingangs zitierten Romanfigur André: „Der Tod ist nichts. Im Grunde gibt es ihn nicht. An den Tod glauben nur Leute mit zu wenig Fantasie.“

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25FEB2021
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Liebe macht blind. Tatsächlich wird die große Liebe am Anfang mit anderen Augen gesehen. Ist die Verliebtheitsphase vorbei, wird der Partner oder die Partnerin nüchterner gesehen. Früher oder später kommt es zu Spannungen. Schleichend oder auch plötzlich wird man sich fremd. Das erleben viele Paare.

Streitgespräche sind dann frustrierend. „Du hast Dich verändert, so kenne ich Dich überhaupt nicht“. So oder so ähnlich hört sich das dann an. Ein erster guter Versuch einen Streit nicht eskalieren zu lassen, ist innezuhalten. Reden hilft. Aber vielen gelingt das nicht. Meinungsverschiedenheiten setzen sich fort: „Ich habe gesagt …“ „Nein, so war das nicht …“ „Du musst doch nicht gleich so aggressiv werden …“ „Aber Du hast doch angefangen mit dem Thema …“ und so weiter und so fort. Dieses Hin-und-her hinterlässt nur Frust und Enttäuschung. Das kenne ich aus eigener Erfahrung und ich erlebe es in der Beratung: Die Liebe leidet und kann sogar verkümmern.

Paare möchten sich auf Augenhöhe begegnen: Ich bin ok, Du bist ok! Leider funktioniert das nicht so einfach. In guten Zeiten versteht jeder, um was es geht: gegenseitiger Respekt. Aber im Streit? Dann passiert es schnell, dass ich meine, mich verteidigen zu müssen. Im Streit wird das, was der andere sagt oft nur aus der eigenen Sicht interpretiert. Aber die Welt des anderen ist nicht dieselbe wie meine.

Nicht nur reden, auch zuhören hilft. Um das Universum des anderen zu entdecken, habe ich eine hervorragende Methode kennengelernt: das sogenannte Zwiegespräch. Nicht nur für Paare, die gerade in einer Krise stecken. Nur einer redet, jeweils 30 Minuten, der andere ist solange ganz Ohr, hört nur zu. Das ist nicht einfach. Nur zuhören und neugierig sein. Normalerweise sind wir gewohnt auf Gesagtes zu reagieren. Anschließend, nach den 30 Minuten, werden die Rollen getauscht. Das Zwiegespräch ist ein kontrollierter, offener Austausch. Ohne Üben geht es fast nicht. Aber beim aufmerksamen Zuhören kann man mit dem Partner oder der Partnerin folgende Entdeckung machen: Man lebt in einer Beziehung. Man lebt in einer Beziehung, aber jeder in einer anderen: ich lebe in einer Beziehung mit Dir und Du in einer Beziehung mit mir. Zwei Dinge. Zwei Dinge, die vielleicht miteinander zu tun haben, aber nicht dieselben sind.

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24FEB2021
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Unsere Demokratie versagt, sagen Pessimisten. Sie behaupten, die Krise wird schlecht gemanagt. Die einen verlangen klare, einheitliche Regeln, andere mehr Freiheiten. Und es gibt Optimisten, wie die Autorin Andrea Seibel, die behauptet: „Man spürt die Vibrationen einer neuen, besseren Zeit.(*) Unsere Demokratie sei widerstandsfähig. „wie der Markt und die Natur. Sie kann sich wehren, ...“ ist Seibel überzeugt. Sie sagt, wir erleben „derzeit eine Demokratisierung, um nachhaltiger und wehrhafter zu werden.“ Bürger wollen informiert sein, sie engagieren sich, sie gründen Initiativen.

Gerne wäre ich so zuversichtlich wie Andrea Seibel. Aber so sicher bin ich da nicht, weil ich in der Pandemie Gewinner und Verlierer sehe. Die Schere geht weiter auseinander. Einige werden durch die Krise reicher, die anderen werden ärmer oder sind in ihrer Existenz bedroht. Sie brauchen Unterstützung.

Dieses Jahr sind Landtagswahlen und ist die Bundestagswahl. Mehrheiten entscheiden über die zukünftigen Regierungen. Ich werde die Partei wählen, von der ich glaube, dass sie die vernünftigsten Vorschläge macht. Davon lebt die parlamentarische Demokratie. Zu den Parlamenten kommen Gerichte und andere Behörden. Sie garantieren uns, dass auch in Krisen kein Chaos ausbricht. Dass Gesetze und Regeln für alle gleich gelten. Dabei ist sicher nicht alles perfekt. Vorschläge, wie man es besser machen kann, sind erwünscht. Ich weiß: Politik und die Institutionen allein garantieren nicht eine neue, bessere Zeit. Aber bisher haben wir es geschafft, dass die Gesellschaft nicht auseinanderbricht. Die meisten haben in der Pandemie vernünftig reagiert und sich an Regeln gehalten, um sich und andere zu schützen. Das stimmt mich optimistisch. Ich glaube, wichtig ist, dass wir das Gefühl nicht verlieren,nicht nur für uns selbst, sondern auch für alle anderen mit-verantwortlich zu sein.

Ich finde, Querdenker und Scharfmacher, die versuchen die Bürger in die Irre zu führen, sind jetzt nicht hilfreich. Christlich ist, dass die Starken die Schwachen stützen und die Reichen mit den Armen teilen. Wer Hilfe braucht, darf in einer Demokratie erwarten, dass er Unterstützung bekommt. Dafür zahle ich gerne meine Steuern. Als Christ bin ich hoffnungsloser Optimist. Ich glaube und bete dafür, dass wir es schaffen, solidarisch zusammenzuhalten. Die Demokratie ist dafür die beste mir bekannte Gesellschaftsform. Sie ist in einer Bewährungsprobe. Die Meinungen gehen immer weiter auseinander. Deshalb gehört zur Demokratie auch die Bereitschaft, sich immer wieder mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen.

* (vgl. Welt am Sonntag 26. Januar 2020 Andrea Seibel „Das Ende vom Ende“ 10 Gründe optimistisch zu sein)

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23FEB2021
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Der schwedische Arzt Hans Rosling hat gesagt: „Eine Situation kann man erst richtig einschätzen, wenn man die Fakten kennt.“ Als Forscher hat er über mehrere Jahrzehnte alle möglichen Zahlen und Daten für die Weltgesundheitsorganisation gesammelt. Ich erfahre zum Beispiel bei ihm, dass sich weltweit die Anzahl der Gitarren pro Kopf unglaublich vervielfacht hat. In den letzten Jahrzehnten um das 55-fache! Aber warum interessiert sich ein Arzt für Gitarren?

Rosling hat gegen Kindersterblichkeit gekämpft. Er sagt: „Hören Sie aufmerksam hin. Hören Sie ein Kind, das Gitarre oder Klavier spielt? Dieses Kind … freut sich … seines Lebens und genießt die Freiheit, Musik zu machen.“ Für ihn waren Diagramme und Statistiken keine trockene Materie. Sie zeigen Entwicklungen. Gute Dinge, die sich ständig verbessern. Zum Beispiel können immer mehr Menschen Lesen und Schreiben. Weltweit steigt die Anzahl der Naturschutzgebiete. Und Roslings absteigende Kurven zeigen schlechte Dinge, die weniger werden, wie Kindersterblichkeit, Kinderarbeit oder der Anteil unterernährter Menschen. Bei all diesen positiven Entwicklungen fragt der Arzt: „Wie kann jemand behaupten, dass die Zustände auf der Welt schlimmer werden?“

Als Forscher in Afrika und Asien hat Rosling seine eigenen Vorurteile korrigiert: für die Arbeit einer Hebamme sind dort nicht eine noch bessere Ausbildung, bessere Medikamente oder Apparate wichtig, sondern schlicht und ergreifend - eine funktionierende Taschenlampe. Die hilft, dass sie nachts nicht auf Schlangen tritt. Der Medizinprofessor hat aus seinen Erfahrungen gefolgert: Menschen sind viel zu pessimistisch, lieben dramatische Nachrichten und übersehen deshalb systematisch einfache Lösungen und hoffnungsvolle Fakten. Die Corona-Pandemie hat uns um ein paar Jahre zurückgeworfen, aber „wer positive Trends ignoriert und an einer dramatischen Weltsicht festhält, hat nicht nur schlechtere Laune, sondern verpasst auch Chancen.“ Er findet nicht die richtige Strategie, um die Krise dort zu bewältigen, wo sie gerade ausbricht oder am schlimmsten ist. Rosling hat gegen Halbwissen und gefühlte Wahrheiten gekämpft. Er hat versucht, veraltete Weltbilder zu korrigieren. Er hat nur auf fundierte Fakten gesetzt(*). Daten sozusagen als Therapie. Das beeindruckt mich. Keine Propaganda mit halben Wahrheiten, Fake News oder Verschwörungstheorien ohne Beweise. Bevor ich mir ein Urteil über etwas bilde, versuche ich die nachprüfbaren Fakten zu kennen.

(*) Hans Rosling / Anna Rosling Rönnlund / Ola Rosling: „Factfulness: Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist“, Berlin 2018

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22FEB2021
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„Was kann ich tun?“ fragt ein Mann „Meine Frau und ich haben nicht mehr die gleichen Gefühle füreinander wie früher. Ich glaube, ich liebe sie einfach nicht mehr und sie mich auch nicht.“ - „Das Gefühl ist nicht mehr da?“ fragt der Berater. „Richtig! Aber wir haben drei Kinder. Was schlägst Du vor?“ - „Liebe deine Frau,“ antwortet der Berater. „Aber ich sage doch, das Gefühl ist einfach nicht mehr da.“ - „Liebe deine Frau!“ wiederholt der Berater. „Wenn das Gefühl nicht mehr da ist, dann ist das ein guter Grund, sie zu lieben.“
Eine verblüffende Antwort. Verwirrt fragt der Mann zurück. „Aber wie liebt man denn, wenn man nicht liebt?“

Der Bestsellerautor Stephen Covey berichtet von diesem Dialog. Und er erklärt, dass lieben ein Verb, ein Tun-Wort ist. Das Gefühl der Liebe entwickelt sich durch das, was man tut. Liebe entsteht durch lieben. Sein Tipp: „Liebe deine Frau. Diene ihr. Tue etwas für sie. Höre ihr zu. Fühle mit ihr. Bestätige sie. Schätze sie. Bist du dazu bereit?“

So eine Erklärung habe ich in einem Buch von einem amerikanischen Managementautor nicht erwartet. »Lieben« - ist ein Verb, ein Tun-Wort. Wir haben ein Gefühl daraus gemacht. Wir lieben oder lieben nicht. Aber warum sind Gefühle so machtvoll? Covey sagt: „Wir treten unsere Verantwortung ab und überlassen unseren Emotionen die Macht“.
Ich muss ihm recht geben: Als Menschen verfügen wir über etwas, das die Wissenschaftler »Impulskontrolle« nennen. Wenn ich Wut spüre, muss ich nicht wütend sein, nicht unkontrolliert reagieren und den Gesprächspartner angreifen oder anschreien. Ich kann innerlich wütend sein, aber versuchen mit dem Gegenüber ganz ruhig zu besprechen, wie es zu dieser Situation kam.

Oder wenn ich mich nicht ernst genommen fühle und enttäuscht bin. Muss ich deshalb gleich unfreundlich werden? ‘Impulskontrolle‘ heißt für mich: höflich bleiben, den anderen nicht abwerten. Wenn ich mich maßlos freue, muss ich auch nicht gleich alle Menschen in der Fußgängerzone umarmen. In Corona-Zeiten sowieso nicht. Das Spannende ist: Es funktioniert auch umgekehrt: Wenn ich etwas Bestimmtes tue, dann stellt sich auch das entsprechende Gefühl ein. Deshalb: aus Liebe ein Tun-Wort machen. Liebe ist etwas, was man tut. Liebe ist geben. Das Gefühl der Liebe kann man dadurch wiedergewinnen!


(Stephen Covey, „Die 7 Wege zur Effektivität, Prinzipien für persönlichen und beruflichen Erfolg“)

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