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29MAI2021
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„Und“, Anja schaut Renata und mich an, „was ist am Wochenende?“ „Am Wochenende ist Wochenende,“ antwortet Renata, „was soll da sein?“ Anja verdreht die Augen: „Was hast du für Pläne, meine ich“. Renata schaut uns beide an. „Wisst ihr: Ich bin ein Mensch, der morgens aufsteht. Dann gucke ich, wie das Wetter ist und dann, wie ich mich fühle. Und dann entscheide ich, was ich mache.“ Ich stimme Renata zu. Mir geht es auch so. Ich habe die Woche über so viele Termine, da bin ich auch froh, wenn mal nichts im Kalender steht. Aber Anja widerspricht: „Ich brauche einen Plan“, sagt sie, „sonst werde ich ganz unruhig. Wenn ich am Wochenende nichts vorhabe, dann weiß ich gar nicht, was los ist.“ Auch das verstehe ich. Wenn man weiß, was kommt, fühlt man sich einfach sicherer. Ich denke, dass das am Ende einfach eine Typ-Frage ist. Oder vielleicht kommt es auch darauf an, wie man sich gerade fühlt. Anja fragt weiter: „Und in fünf Jahren, in zehn Jahren, wo wollt ihr sein?“ Ich antworte: „Am Meer!“ „Nein!“ Anja schüttelt in den Kopf. „Ich meine, was du sein willst.“ „Was ich sein will, ok.“ Ich denke kurz nach. „Glücklich“, sage ich, „und zufrieden.“ Renata schmunzelt, aber Anja runzelt die Stirn. „Du musst doch einen Plan haben. Du musst doch wissen, was du jetzt unternehmen musst, damit du in fünf oder zehn Jahren, da bist, wo du hinwillst.“ Ich kann Anja wieder gut verstehen, aber mir fällt plötzlich auf: Ich habe gar keinen Plan. Und ich möchte auch keinen machen. Das hat mir Corona gerade gezeigt. Man weiß doch nie, was kommt. Und dann so einen langen Plan? Über einen so langen Zeitraum? Da weiß ich ja gar nicht, ob ich das alles noch erlebe. Ich halte mich da lieber an einen Rat aus der Bibel: „Macht euch keine Sorgen um den kommenden Tag – der wird schon für sich selber sorgen. Es reicht, dass jeder Tag seine eigenen Schwierigkeiten hat.‘ (Mt 6,34)“ „Ja,“ sagt Anja, „so einen Spruch kenne ich auch: Leben ist das, was passiert, während du andere Pläne machst.“ „Ist das von John Lennon?“, frage ich? Renata lacht: „Ja, aber offensichtlich war er nicht der erste, der sich das gedacht hat!“

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28MAI2021
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„Kopf, Hals, Magen, Knie.“ Ich blicke Karl-Heinz an. Er hat mir einen kleinen gelben Zettel über den Tisch geschoben. Darauf stehen die vier Wörter. „Was soll das?“ frage ich. „Das habe ich alles schon überstanden“, sagt er. „Überstanden?“ „Ja, Krankheiten, meine ich. Du weißt, dass ich damals immer Kopfweh hatte, und dann die Halsentzündung und das Magengeschwür und die Knie-Op letztes Jahr.“ „Ja“, sage ich, „ich kann mich erinnern, da hast du ziemlich dringehangen. Aber was soll das jetzt alles?“ „Das habe ich alles überstanden. Das gibt mir Kraft.“ „Ach so“, sage ich! „Pass mal auf“. Karl-Keinz erklärt: „Mir geht es im Moment nicht gut. Kein Arzt kann sagen, was mit mir los ist. Also habe ich mir das aufgeschrieben. Das, was ich alles schon überstanden habe.“ „Ach so“, sage ich, „und das gibt dir Zuversicht.“ „Richtig!“

Ich kenne diesen Gedanken aus der Bibel. In einem Psalm steht: „Lobe den Herrn, meine Seele! Und vergiss nicht das Gute, das er für dich getan hat! Er heilt alle deine Krankheiten.“ (PS 103,2-3) Ich erzähle ihm davon, aber er widerspricht: „Das stimmt doch gar nicht. Er heilt eben nicht alle Krankheiten.“ „Du hast Recht“, gebe ich zu, „das tut er nicht. Zumindest nicht immer. Aber bei dir hat das doch schon ein paar Mal geklappt, oder? Kopf, Hals, Magen, Knie.“ Karl-Heinz nickt. „Du meinst, Gott hat damit was zu tun?“ „Ich glaube, dass Gott mit vielen Dingen was zu tun hat. Manchmal merken wir’s, manchmal nicht. Manchmal werden wir gesund und manchmal auch nicht. Wir wissen nicht, warum. Aber die ganzen Krankheiten, die du schon überstanden hast, die können dir doch Mut machen. Vielleicht kannst du daraus Mut und Hoffnung ziehen. Vielleicht macht dir das Mut, dass es mit Gott auch gut weitergeht.“ Karl-Heinz denkt nach: „Ich erinnere mich daran, was er schon Gutes getan hat – und das gibt mir dann neuen Mut?“ „So ist es“, sage ich, „mit Gottvertrauen geht es dir besser.“

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27MAI2021
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„Hier, da siehst du es. Es wird immer schlimmer.“ Bernd zeigt auf ein Schild an der Wand. Ich lese: „Zuhause ist, wo dein WLAN ist.“ „Darüber regst du dich auf? Warum denn das? So Sprüche gibt es doch viele.“ „Ja,  das stimmt. So geht das jetzt. So ist das jetzt auch in meiner Firma. Früher hatte ich ein Büro. Ich hatte einen Schreibtisch. Jetzt ist alles flexibel und digital. Ich habe keinen festen Platz mehr. Wir haben ein Laptop und eine Anmeldenummer. Ich setze mich hin, wo Platz ist. Hauptsache WLAN. Das ist doch nicht schön. Mir fehlt mein fester Platz.“ Ich verstehe, was er meint, und ich vermute, dass es mir ähnlich ginge. Ich weiß auch gerne, wo mein Platz ist. Ich fühle mich einfacher sicherer, wenn ich vertraue Abläufe habe. Wenn ich weiß, wo ich hingehe. Und mir nicht jeden Morgen einen neuen Platz suchen muss. Mich entlastet das. Aber vielleicht hängt es auch nicht an einem Ort. Ich sage zu ihm: „Ich glaube, dass Zuhause da ist, wo Menschen sind, die dich gern haben. Das ist nicht im Büro, das ist nicht in der eigenen Wohnung. Ich glaube, Zuhause ist gar kein Ort, sondern es sind Beziehungen.“

„Ist das wieder so eine Erkenntnis aus der Bibel?“, fragt Bernd skeptisch. Natürlich hat er Recht. In einem Psalm wird eine Bitte an Gott gerichtet: „Sei mir ein sicheres Zuhause, wo ich jederzeit hinkommen kann!“ (Ps 71,3) Das habe ich im Hinterkopf. Bei Gott finden wir unser Zuhause. Ich sage: „Wichtig sind die Beziehungen, die du hast. Deine Frau, deine Kinder, deine Freunde und auch Gott – Zuhause ist kein Ort. Es sind die Menschen, die du liebst. In dieser Liebe bist du daheim.“ „Dann passt das ja mit dem Spruch“, sagt Bernd. „Wie meinst du das jetzt?“, frage ich. „Das WLAN verbindet dich mit deinen Freunden und deiner Familie. Also ist da Zuhause, wo du WLAN hast. Weil du so in Kontakt bleiben kannst.“ Bernd freut sich: „Da siehst du mal wie jung ich immer noch bin und gleichzeitig digital unterwegs und unheimlich flexibel. “   

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26MAI2021
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„Mama!“ Pause. „Mama!“ Das war das zweite Mal. Ich zähle mit.  „Mama!“ Das dritte Mal. Meine Tochter sitzt in ihrem Zimmer und ruft. Oder mittlerweile eher schreit. „Mama!“ Das vierte Mal. Wenn Sie Kinder in der Pubertät haben, dann wissen Sie, wie das ist. Meine Tochter ist kein kleines Mädchen mehr. Das, was sie will, kann sie sich auch selbst holen. Aber ihr Zimmer ist ihre Höhle und da geht sie nicht gern raus. Also ruft sie lieber.

„Mama!“ Das fünfte Mal. Ich schwanke immer zwischen Empörung und Bewunderung. Auf der einen Seite denke ich: „Sie soll nicht so bequem sein und für sich selbst sorgen.“

Auf der anderen Seite bewundere ich ihr Vertrauen und ihre Hartnäckigkeit. Ich bin viel zu ungeduldig. Wenn ich rufe und niemand antwortet, dann gehe ich eben los und sehe nach. Sie macht das nicht. Sie ruft und vertraut darauf, dass Mama kommt. Und meine Frau kommt ja auch. Normalerweise. Aber jetzt ist sie nicht da. Und ich zähle immer noch. Wie lange wird es dauern, bis sich meine Tochter selbst auf den Weg macht? Mich erinnert ihr Vertrauen und ihre Hartnäckigkeit an eine Geschichte aus der Bibel.

Der Evangelist Lukas erzählt von einer Frau, die einem Richter jeden Tag auf die Nerven geht. Er will ihr gar nicht helfen, aber irgendwann ist er so genervt, dass er doch hilft. Mit Vertrauen und Beharrlichkeit kommt die Frau zum Ziel. Und Jesus sagt: Sie ist ein Vorbild. So sollen wir beten. Wir sollen Gott solange mit unserem Gebet auf die Nerven gehen, bis er uns irgendwie hilft. „Mama!“ Das sechste Mal. So stelle ich mir das Beten vor. Unglaubliches Vertrauen. Und hartnäckig dranbleiben. Darin ist mir meine Tochter ein echtes Vorbild. Ich halte es nämlich nicht aus. Ich gehe jetzt los und sehe, was sie will. Obwohl sie mich gar nicht gerufen hat. Aber irgendwie kommt sie doch zum Ziel. Wie wir mit dem Beten. „Papa?“, sagt sie, „dich habe ich doch gar nicht gerufen. Aber auch gut. Könntest du mal…“

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25MAI2021
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„Kochwäsche“, sage ich. Meine Frau dreht sich zu mir um. „Was hast du gesagt?“
„Kochwäsche“, wiederhole ich. „Wir müssen wieder Kochwäsche waschen.“ Wir stehen im Bad. Ich putze gerade den Spiegel, meine Frau wischt den Boden. „Wieso Kochwäsche?“, fragt sie. „Weil der Wäschekorb schon wieder voll ist.“ „Wir könnten auch schwarze Wäsche waschen, der Korb ist auch voll.“ Sie hat Recht. Und ich denke: „Das hört nie auf. Das mit dem Waschen. Wenn man eine Ladung gewaschen hat, folgt sofort die nächste. Ein Korb ist immer voll. Das geht immer so weiter. Wäre das nicht schön, wenn mal alle Körbe leer wären? Wenn alle Wäsche gewaschen wäre?“ Ich reibe den Spiegel trocken. „Und mit dem Duschen ist es doch genauso. Da hat man sich gewaschen und muss sich trotzdem abends wieder waschen. Oder morgen. Oder mit dem Rasieren. Das hört auch nicht auf. Morgens rasiert und abends habe ich schon wieder Bartstoppeln im Gesicht.“ Ich muss jetzt mit dem Denken aufhören. Sonst geht das immer so weiter. „Wäre das nicht mal schön, wenn alles aufhören würde. Einmal rasiert und gut ist. Einmal gegessen und dann hat man keinen Hunger mehr. Wäre doch schön, oder?“

In der Bibel verspricht Gott uns Menschen, dass es eben nicht aufhört. Am Ende der Sintflutgeschichte – da sagt Gott: „Solange die Erde besteht, werden nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (Gen 8,22)

„Ja“, denke ich, „da geht es auch immer weiter. Auf jeden Winter folgt ein neuer Frühling. Und jeden Morgen geht die Sonne auf. Das hat schon Udo Jürgens gewusst. Denn wenn es nicht weitergeht – dann ist alles tot. Wenn alle Wäsche gewaschen ist – dann ist es auch rum. Und das will ich ja auch nicht.“ Die Kochwäsche wartet auf mich.

„Weißt du“, sage ich zu meiner Frau und greife mir den Wäschekorb, „so schlimm ist das Waschen ja auch nicht. Früher war das viel anstrengender. Und die Wäsche zeigt doch, dass wir leben. Es geht weiter mit uns.“ Meine Frau schaut mich erstaunt an: „Ja, du musst ja auch nicht bügeln…“

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05SEP2020
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„Hast du was, Mäuschen?“ Meine Frau wendet sich zu meiner Tochter um.
Wir sitzen im Auto. Ich blicke in den Rückspiegel. Meine Tochter hat keine Kopfhörer im Ohr. Sie hat schon eine Weile nichts mehr gesagt. Sie hat sich nicht mit ihrem Bruder gestritten, sie hat uns nichts vorgesungen, sie hat nichts erzählt. Das ist ungewöhnlich.

Meine Frau fragt also: „Hast du was, Mäuschen?“ Meine Tochter antwortet mit ihrem ganzen Charme und ihrer vollkommenen Freundlichkeit: „Nein!“ „Ich merk‘ doch, dass du was hast.“ „Ich hab nix!“
Und ich weiß jetzt schon: Wenn dieser Dialog zu Ende ist, haben beide was. Nämlich Krach!

Aber meistens hat meine Frau recht. Irgendwas ist dann los. Und meine Tochter weiß nicht, was oder wie sie es sagen soll. Oder ob sie es überhaupt sagen soll.
Was und wie soll man was sagen – das ist ja oft ein Problem. Vor allem natürlich bei schlimmen Dingen. Wie sage ich meiner Frau, dass sie die Kinder nicht so verwöhnen soll? Wie sage ich meinem Partner, dass ich ganz andere Pläne habe als er?

Bei Gott ist das alles kein Problem. Ihm können wir alles sagen. Immer und überall. Und das Beste ist: Wir müssen es nicht einmal. Eltern merken, dass etwas mit ihren Kindern los ist – gerade wenn sie nichts sagen. Gott merkt, dass etwas mit uns los ist – gerade wenn wir nichts sagen. Jesus hat gesagt: „Denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch bevor ihr ihn darum bittet.“ (Mt 6, 8)

Gott weiß also, wie es um uns steht.  Da gibt es keine Frage, da gibt es nur Verstehen. Er kennt uns besser als wir uns selbst. Allerdings erlebe ich: Manchmal erleichtert es, wenn ich ihm sage, was ich auf dem Herzen habe.

Mein Sohn greift in meine Gedanken und in das Gespräch im Auto zwischen Mutter und Tochter ein: „Sie hat nix, Mama, sie hat nur geschlafen.“ Meine Tochter schaut ihn giftig an. Jetzt hat er sie verraten. In Wirklichkeit, denke ich, hat er die Atmosphäre gerettet. Meine Frau ist beruhigt und meine Tochter wieder wach.
Gleich darauf fängt sie an zu singen. Das wäre jetzt auch nicht nötig gewesen.

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04SEP2020
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„Und jetzt pass auf!“ Karl-Heinz blättert das Buch auf. Er hat ein „Lustiges Taschenbuch“ in der Hand, ein Comic mit Micky Maus-Geschichten. Er zeigt mir eine ganz besondere Geschichte.
„Siehst du“, sagt er, „wenn du jetzt zu so einer Stelle kommst, dann musst du dich entscheiden.“

Ich blicke in das Buch und lese: „Möchtest du, dass Micky die Verfolgung des Diebes aufnimmt, lies auf S. 43 weiter. Möchtest du, dass er lieber den Tatort untersucht, dann lies auf S. 65 weiter.“

Man kann selbst entscheiden, wie die Geschichte weitergeht. Ich bin skeptisch. Karl-Heinz ist ganz begeistert. „Verstehst du? Wenn du jetzt eine falsche Entscheidung triffst, dann kannst du einfach nochmal vor vorne anfangen. Ist doch toll!“

Er schwärmt: „Stell dir mal vor, das ginge im Leben auch so. Was ich da alles anders gemacht hätte…“ Ja, das verstehe ich. Im echten Leben ist man sich ja manchmal wirklich auf dem Holzweg. Und dann muss man sehen, wie man wieder umdreht. Und das ist schwer. Da wäre so ein ganz neuer Anfang wie im Buch gar nicht schlecht.

Bei Gott geht das. Im Alten Testament sagt er zum Propheten Jeremia (Jer 31,31-34), dass er einen kompletten Neustart uns machen will. Gott macht einen totalen Neuanfang. Auch mit mir. Immer wieder. Das ist immer eine Chance für uns. Gott schlägt immer wieder eine leere Seite auf. Und lädt mich ein.

Karl-Heinz blättert auch weiter. Ich denke: „Das echte Leben – ein Spielbuch?“ Ich frage: „Sag mal, meinst du das ernst? Wäre das nicht furchtbar, wenn man immer wieder von vorne anfangen müsste?“

Karl-Heinz schaut mich erstaunt an: „Wie müssen?“
 „Ich hätte immer das Gefühl nicht das optimale Leben zu führen“, sage ich. „Ich würde immer denken, da geht noch was. Ich würde immer wieder von vorne anfangen. Ich käme nirgends an.“

Karl-Heinz grübelt und liest weiter in dem Buch. Ich sehe, wie er vor- und zurückblättert. Immer eine neue Entscheidung und immer eine andere Möglichkeit.

Und ich denke: „Für mich ist es besser, wenn nur Gott das Buch des Lebens schreibt. Mit allen Holz- und Umwegen. Er wird schon wissen, was er tut.“

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03SEP2020
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„Was hast du gesagt?“ „Ich danke dir dafür, dass ich so unglaublich wunderbar geschaffen bin.“ Ich habe es immer noch nicht verstanden. Ist aber auch kein Wunder. Meine Frau steht in der Umkleidekabine und ich davor. Durch den dicken Vorhang kann ich kaum etwas hören.

Sie hat gerade Hosen anprobiert. Sie sucht eine neue Jeans. Das ist normalerweise kein besonderes Vergnügen. Wenn die erste Hose nicht passt, dann wird es schon kritisch. Wenn die zweite Hose nicht passt, muss ich abwarten, ob sie überhaupt eine dritte anprobiert. Und wenn die dritte nicht passt, ist Schluss. Dann hat sie echt schlechte Laune.

Und jetzt höre ich irgendwas mit „wunderbar geschaffen“. Ich schiebe den Vorhang ein wenig zur Seite. Meine Frau steht vor dem Spiegel. Soweit ich sehe, passt die Hose nicht.
„Weißt du“, sagt meine Frau, „ich lasse mich nicht mehr runterziehen. Skinny Jeans, Super Slim Jeans –was soll der ganze Quatsch. Ich nehme mich jetzt so wie ich bin. So wie Gott mich erschaffen hat.“

Ich bin erstaunt. Und noch etwas misstrauisch.
„Du brauchst gar nicht so zu gucken“, sagt sie. „Ich habe das neulich mit unserer Kleinen durchgesprochen. Den ganzen Tag guckt sie sich die ganzen Models auf Instagram an und meint, das wär‘ normal, wie die aussehen. Das ist doch unterirdisch. Das sind doch keine Vorbilder. Auch nicht für mich! - Nicht perfekt. Ganz normal – das ist die neue Schönheit.“

„Aha“, sage ich, „deshalb der Bibelvers.“
„Ja, ich bringe ihr bei: Du bist genauso gewollt, wie du bist. So wirst du geliebt. Und damit ich das selber glaube, sage ich mir das jetzt auch jeden Morgen vor dem Spiegel: ,Ich danke dir, dass ich so wunderbar geschaffen bin.‘“

Sie zupft an der Hose. Und ich denke: „Ja, auch in solchen Momenten muss man daran glauben.“ Ich sage: „Soll ich die Hose eine Nummer größer holen?“ Meine Frau knirscht mit den Zähnen: „Ja!“
Ich gehe und höre ganz leise: „Ich danke dir dafür, dass ich so unglaublich wunderbar geschaffen bin.“

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02SEP2020
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Rassist und Christ? Das geht nicht. Wer an Gott glaubt, kann kein Rassist sein. Und wer nicht an Gott glaubt, sollte kein Rassist sein. Denn Rassismus ist dumm und widerwärtig. Er ist eine Erfindung des Menschen, der immer gerne unterteilt und abgrenzt.

Wissenschaftlich ist er in keiner Spielart haltbar. Jeder, der es möchte, kann einsehen, dass Rassismus eine überholte Theorie ist, die nur zu Unfrieden und Unterdrückung führt. Dazu muss man nicht an Gott glauben. Man muss nur wissen, was der Mensch ist.

Biologisch sind wir alle aus demselben Stoff. Wir können nicht in Rassen oder Unterarten unterteilt werden. Rassismus ist nicht angeboren, er ist erlernt. So einfach ist das. Und aus der Sicht des Glaubens ist es noch einfacher. Die Bibel bringt es mehrmals auf den Punkt. Wer an Gott glaubt, gehört zur Familie Gottes. Er oder sie ist Gottes Kind. Und da gibt es keine Unterschiede.

Die Familie Gottes ist wie ein einziger Körper. Wenn ein Arm leidet, leiden alle anderen Glieder mit. In diesem Körper ist nicht jeder und alles gleich, aber alles gleichwertig. Da gibt es keinen Unterschied zwischen Mann und Frau, Herr oder Diener und erst recht nicht zwischen schwarz und weiß. Solche Unterscheidungen sind nur Erfindungen und Klischees.

Als Christ glaube ich: Jeder Mensch ist für Gott wichtig und wertvoll. Jeder Mensch ist wie ein Bild Gottes. Gott spricht zu jedem von uns – gleichgültig in welcher Sprache, in welchem Kontext.
Gott sieht keine Hautfarben, er sieht in unser Herz. Dort ist es hell oder dunkel – nicht an der Oberfläche unserer Körper. Gott liebt jeden Menschen wie Eltern ihre Kinder lieben. Und Liebe kennt keine Farben.

Rassismus ist der Versuch, sich über andere zu erheben. Das macht der Glaube nicht mit. Er macht demütig. Er schenkt Hochachtung vor jedem Wesen, vor jedem Leben. Wer an Gott glaubt, kann nicht auf andere Menschen herabsehen, finde ich. Wer glaubt, der hilft, wo er kann.

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01SEP2020
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„Heute haben wir in der Schule nur über Geschlechtsverkehr gesprochen!“ Meine Tochter haut den Satz beim Mittagessen raus. Einfach so. Mir fällt fast der Löffel aus der Hand. Aber meine Frau antwortet ganz cool: „In Bio?“ „Nein“, sagt meine Tochter „in Religion“. Jetzt verschlucke ich mich nochmal und frage: „In Religion?“ Meine Tochter schaut mich an: „Ja, in Religion. Bei Adam und Eva.“ „Was haben denn Adam und Eva mit Geschlechtsverkehr zu tun.“

Meine Tochter sieht mich mit diesem Teenagerblick an. Sie sagt geduldig: „Das waren doch die Ersten, die es getan haben.“ Ich blicke hilfesuchend zu meiner Frau. Meine Frau sagt: „Das ist eine Geschichte, keine biologische Erklärung.“ „Ja“, sagt meine Tochter, „ich habe mich auch schon gewundert. Adam und Eva haben doch zwei Söhne. Und einer bringt den anderen um. Dann sind es nur noch drei Menschen. Wie sollen daraus alle Menschen kommen?“ „Genau“, sagt meine Frau. „Da sieht man schon. Die Geschichte ist nicht biologisch gemeint. Es geht nicht um Geschlechtsverkehr.“

Meine Tochter isst seelenruhig ihre Suppe. Mein Sohn hört mittlerweile auch interessiert zu. Wahrscheinlich wegen des Geschlechtsverkehrs. Er fragt: „Aber warum erzählt man diese Geschichte dann? Wenn sie gar nicht stimmt!“ Meine Frau antwortet: „Sie stimmt ja schon, aber eben nicht als biologische Geschichte. Sie erzählt, dass wir kein Zufall sind, sondern dass Gott uns gewollt hat.“

Meine Tochter legt den Löffel weg: „Es geht nicht um Geschlechtsverkehr?“ „Nein“, sagt meine Frau, „es geht darum, dass Gott uns liebt und auf uns aufpasst. Seit den ersten Menschen macht er das. Also seit Adam und Eva.“

„Das ist also so wie bei Opa“, sagt meine Tochter. „Mit dem Geschlechtsverkehr?“, fragt mein Sohn. „Nein mit Adam und Eva. Oma sagt doch: Opa fängt immer bei Adam und Eva an, wenn er was erklärt.“ „Genau“, sagt meine Frau. „Adam und Eva ist eine Geschichte, die uns etwas erklärt. Von Anfang an.“ „Dass Gott auf uns aufpasst?“, fragt meine Tochter. „Genau“, sage ich, „können wie jetzt weiteressen?“

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