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„Bei dem sind alle guten Worte umsonst." Sagen die Eltern von Lukas zu mir. Ich kenne ihn, auch mich hat er im Konfirmandenunterricht oft zur Weißglut gebracht. Lukas ist inzwischen fast 17 und hat schon eine Jugendstrafe bekommen. Wegen einer Prügelei auf dem Bahnhof. Die Eltern sind am Ende. „Bei dem sind alle guten Worte umsonst!" sagen sie.
Gute Worte kommen scheinbar nicht an. Vielleicht kennen Sie das auch. Dieses Gefühl von Ohnmacht. Dabei müssten gute Worte doch Wirkung haben.
Der Prophet Jesaja meint: Gottes Wort wirkt. Ganz sicher. „Wenn der Regen vom Himmel fällt, schreibt er, dann kehrt er nicht wieder dorthin zurück, ohne dass er etwas bewirkt.
Er feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar, sodass sie Korn für das tägliche Brot hervorbringt und Saatgut für eine neue Ernte. Genauso ist es mit dem Wort, das Gott spricht: Es wird nicht wieder leer zu Gott zurückkommen, sondern bewirkt, was er will."
Gottes Wort wirkt. Wenn das stimmt, dann kann man als Mutter oder Vater von so einem Kind wie Lukas schon fragen: Wie kommt Gottes Wort an das Ohr meines Kindes?
Wie kommt Gottes Wort in mein Wort, sodass es nicht umsonst ist?
Ich muss an meine Mutter denken. Wie oft hat sie sich den Mund fusselig geredet.
Und ihre Worte gingen bei mir links rein und rechts wieder raus. Aber auch wenn ich nicht das gemacht habe, was sie wollte, habe ich gespürt: Sie hängt an mir. Sie gibt mich nicht auf.
Früher habe ich hinter den guten Worten nur Belehrungen gehört. Heute erkenne ich darin die Liebe und Zuneigung meiner Mutter. Das hat mir über die Jahre doch den Rücken gestärkt.
Wer gute Worte macht, tut das nie umsonst. Auch wenn die gewünschte Wirkung scheinbar ausbleibt. Denn wer gute Worte macht und es auch so meint, ist ein Botschafter der Liebe Gottes. Und diese Liebe hinterlässt immer eine Wirkung. Gute Worte, liebevolle Worte sind wie ein warmer Regen auf ausgetrocknete Erde. Da entsteht etwas. Da kommt noch was. 
 „Bei dem sind alle guten Worte umsonst!" Ich kann den Frust der Eltern von Lukas gut verstehen. Dennoch: Irgendwann wird sich zeigen, welche Wirkung ihre guten Worte gehabt haben. Vielleicht wenn Lukas selbst Kinder hat und ihnen gute Worte mitgeben möchte.

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Nach dem Gemeindefest sitzen wir noch lang zusammen. Reden über Gott und die Welt. Irgendwann wird es kontrovers. Das liegt am Thema: Es geht um den Islam. Vielen passt es nicht, dass in Deutschland Muslime ihren Glauben praktizieren, mit Kopftuch und Moscheebau. Die wollen sich nicht integrieren hier, heißt es dann.
Wie zum Beispiel die Familie Yildirim. Die wohnt gegenüber vom Gemeindehaus. Ömer der Großvater, hat immer eine weiße Kappe auf. In den 70igern kam er als Gastarbeiter nach Deutschland. Seine Kinder sind hier geboren und die Enkel auch. Ömer ist praktizierender Muslim. Er hat seine Art zu glauben aus der alten mit in die neue Heimat genommen. Ömer hat immer die Tsbih, die islamische Gebetskette in der Hand.
„Das ist der Untergang des Abendlandes", führt einer in unserer Diskussion an. Da ergreift Frau Müller Partei: „Früher hab´ich auch so geredet. Seit 30 Jahren wohnen Günther und ich neben den Yildirims. Nie haben wir außer Guten Tag ein Wort miteinander geredet.
Aber in der Zeit als Günther krank war und ich wochenlang um sein Leben gebangt habe.
Da hab´ ich die Nachbarn richtig kennen gelernt. Wieder mal stand der Krankenwagen bei uns vor der Tür. Und sie haben meinen Günther mitgenommen. Ich hab allein zu Hause gesessen. Ich habe mich gefragt, wie es weiter gehen soll, warum passiert das gerade  uns?
Da hat es an der Tür geklingelt. Die große Enkelin von den Yildirims stand da:
Mein Opa schickt mich. Wissen sie er kann nicht so gut deutsch. Aber wir haben gesehen, dass der Notarzt bei ihnen war. Und mein Opa hat gesagt: Birsen, sag der Nachbarin:
Wir beten alle für ihren Mann. Gott ist barmherzig. Gott ist sehr groß. Allahu akbar"
Still ist es geworden, als Frau Müller erzählt hat von Günther und Ömer und Birsen.
Sicher gibt es viel, was Christen und Muslime unterscheidet und voneinander trennt.
Ich bin überzeugt, es bringt uns, die wir hier in Deutschland leben, näher zusammen, wenn wir auf die Gemeinsamkeiten sehen. Gott ist barmherzig. Daran glauben Christen genauso wie die Muslime. Und Gott ist groß. Größer als wir alle es uns vorstellen können.

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„Im Mai zu trocken und im Sommer zu kalt. Was die Menge angeht, wird das kein Rekordjahr. Aber bei der Qualität habe ich ein gutes Gefühl", erzählt mir unser Winzer.
Klasse statt Masse! Darauf können wir uns also freuen, wenn der 2011er in die Flasche kommt.
„Der Wein erfreut des Menschen Herz", steht schon in der Bibel. Wein, das ist schon zu biblischen Zeiten ein hohes Kulturgut und Ausdruck von Lebensfreude. Deshalb war das erste Wunder, das Jesus vollbracht hat, bei einer Hochzeit. Da hat er zu vorgerückter Stunde Wasser zu Wein gemacht. Nicht irgendein Fusel, weil die Leute ja eh schon ein bisschen angeschwipst waren. Ein Klassewein, wie alle gemeint haben.
Was wäre das Leben, ohne solche überraschend schönen Momente? Zusammen sitzen und feiern. Bei einem guten Tropfen. Über den Geschmack ins Schwärmen kommen. Sich dabei verstehen und tief verbunden fühlen über den Moment hinaus. Eine wunderbare Zeit, die man miteinander verbringt. Einfach, indem man sich zuprostet und sagt: Ist das Leben nicht schön! Nicht immer, aber jetzt und hier.
Jesus hat solche Momente immer wieder mit dem Wein in Verbindung gebracht. Dass der Wein des Menschen Herz erfreut, das hat er sicher gewusst. Und es auch reichlich genossen. Kein Wunder, dass Spötter ihn einen „Fresser und Weinsäufer" geschimpft haben.
Deshalb ist ein kein Zufall, dass Jesus bei seinem letzten Mal mit seinen Freunden gesagt hat: dieser Wein da, in dem steckt etwas von der Fülle des Lebens, die Gott uns schenkt.
Deshalb bin ich mitten unter euch, wenn ihr in meinem Namen Wein trinkt und Brot esst.
Man braucht nicht den Superluxus, keine Flat-rate für Spaß, es kommt auf die Qualität an. Der besondere Wein, der besondere Moment, der das Leben wertvoll macht. Das ist es.
Im Mai zu trocken und im Sommer zu kalt. Vielleicht war dieses Jahr bei Ihnen auch kein Rekordjahr. Aber wenn die Qualität stimmt, wenn es diese Momente gibt, mit einem Menschen, mit dem Kreis von Freunden, dann ist es trotzdem gut.

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Kevin, Charlotte, Christian, Eddie und Anni stehen vor mir und schauen mich an. Ich soll sie auf den Ernst des Lebens vorbereiten, heißt es. Denn die Kinder kommen in einem Monat in die erste Klasse der Grundschule.
Bis dahin üben sie schon mal, wie man alleine über die Straße geht, was es auf dem Wochenmarkt zu kaufen gibt und lernen die Innenstadt kennen. Dabei besuchen sie auch die Stiftskirche in der City von Kaiserslautern. Ich zeige ihnen das alte Gotteshaus mit seinen vielen kunstvoll behauenen Steinen. Das Rosenfenster mit dem Christusstern. Das gotische Gewölbe. Die Kinder staunen, wie alt die Kirche ist. „Hier haben ja dann schon sooo viele Menschen gebetet", meint Christian. Dann machen wir das jetzt auch, sage ich. Alle dürfen eine Kerze anzünden und für sich selbst oder jemanden beten, der ihnen am Herzen liegt. Die Kinder sind voll bei der Sache. Sie glauben fest daran, dass ihre Gebete nicht umsonst sind: Für die Oma, die schon im Himmel ist, dass es ihr da oben gut geht. Für die Freundin, die vor einem Jahr weggezogen ist, dass es ihr in der neuen Stadt gefällt. Für sich selber, dass der Schulanfang gut geht. Manche sagen nur „Danke guter Gott, dass wir zu essen haben."
Ich freue mich, dass die Kleinen so selbstverständlich und voller Vertrauen mit Gott reden. Und ich sehe, dass den Kindern das gut tut. Es hilft ihnen, Vertrauen zu haben in das, was kommt und es macht sie stark für ihren eigenen Weg. Weil sie spüren können: da ist jemand, der bei mir ist. Was für eine wunderbare Vorbereitung auf den Ernst des Lebens.
Wahrscheinlich werden Kevin, Charlotte, Christian, Eddie, und Anni mit dem Beten irgendwann Probleme kriegen. Zum Erwachsenwerden gehört nun mal auch, dass sich der Glaube verändert und man das Beten wieder neu lernen muss. Aber ich wünsche ihnen, dass sie sich später mal daran erinnern, wie schön, wie befreiend das war, als Kind in der großen Kirche zu beten. Ich jedenfalls habe mir vorgenommen, am Ende einer Kirchenführung auch mit Erwachsenen zu beten. So unbefangen und selbstverständlich, wie Kevin, Charlotte, Christian, Eddie, und Anni mit mir gebetet haben.

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Enttäuscht rennt sie aus der Kirche, die kleine Jennie. An der Kirchentür stoße ich fast mit ihr zusammen. Man sieht der Fünfjährigen an, dass es ihr in der Kirche überhaupt nicht gefallen hat: „Du hast es versprochen: Wir besuchen den lieben Gott!" sagt sie zu ihrer Oma, aber die weiß sich keinen Rat. „Herr Pfarrer wie soll ich dem Kind das erklären?" Jennie hat erwartet, dass sie in Gottes Haus, Gott auch mal richtig sehen kann, in all seiner Pracht und Herrlichkeit.
„Weißt du", habe ich zu Jennie gesagt: „Gott ist groß, so groß, dass keiner von uns ihn vollständig sehen kann. Aber wir können ihn doch sehen. In der Bibel steht: Gott schuf die Menschen nach seinem Bild. Also Gott hat uns alle, dich und mich und alle Leute als sein Ebenbild gemacht. Und deshalb kannst du Gott eben doch irgendwie sehen. Wenn du dir die Leute genau anschaust."
Die Oma ist zufrieden. Der Ärger hat sich aus Jennies Gesicht verabschiedet, aber sie schaut mich zweifelnd an. Beim Abschied sagt sie: „Zu Hause probier ich das gleich mal aus, im Spiegel. Ob ich da was sehe vom lieben Gott."
Ich winke den beiden noch lange hinterher und bleibe mit meinen Gedanken an der Kirchentür stehen. Sehe die vielen Passanten vorbei ziehen. So viele verschiedene Gesichter: Die einen sind mir sympathisch. Die anderen nicht. Manche sehen fröhlich aus, lachen. Manche sind total gestresst. Andere wirken traurig und leer. Allesamt Gottes Ebenbilder? Habe ich Jennie die Sache mit Gott wirklich richtig erklärt?
Warum bloß hat Gott uns so gemacht? Warum findet er wohl so einen Gefallen an uns? Wir seine Ebenbilder? Ich weiß nicht.
Jennie hat gesagt, sie will sich zu Hause vor den Spiegel stellen und mal genauer nachsehen. Was gibt's da zu sehen, was etwas mit Gott zu tun haben könnte?
An was könnte man das festmachen?
Vielleicht wäre das ja auch eine Frage für Sie, wenn Sie gleich oder später an einem Spiegel vorbeikommen.
Sollten Sie jedoch keinen Spiegel in der Nähe haben, nehmen Sie doch einen von den knapp 7 Milliarden Menschen die so auf der Welt herumlaufen. Irgendeiner davon könnte Ihnen was von Gott zeigen. Weil er oder sie doch ein Ebenbild Gottes ist. Genau so wie Sie selbst.

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„Du, ich pfeife echt auf dem letzten Loch." Mein sonst so gewissenhafter Kollege entschuldigt sich mit diesem Satz. Er hatte zum dritten Mal eine einfache Terminanfrage falsch beantwortet. „Ich bin echt urlaubsreif!", stöhnt er und wir lachen gemeinsam darüber, was die Urlaubsreife mit unserer Konzentrationsfähigkeit macht.
Eine Auszeit muss her von der Arbeit, dem Stress, der Ruhelosigkeit. Auch ich freue mich auf die Ferien. Noch wenige Tage und dann geht es mit Sack und Pack und Mann und Maus an die Nordsee. Frische Luft. Atem holen.
Die Vorfreude ist groß. So groß, dass ich gestern Abend schon Mal die ersten Sachen rausgelegt habe. Auch für die Kinder. Denen komme ich immer zuvor und suche für den Urlaub eine kleine Kiste mit Spielzeug aus, damit der Kofferraum nicht aus den Nähten platzt.
Dabei fiel mir meine alte Flöte in die Hand. Ich hab´ ewig nicht mehr reingeblasen. Als Kind hatte ich eine Zeit lang Riesenspaß an ihr und habe geflötet, was das Zeug hält. Dann hab´ ich sie irgendwie vergessen. Jetzt hat sie gut 30 Jahre auf dem Buckel. An den Grifflöchern ist der Lack ist abgeplatzt. Einen Riss haben die Kinder im do-it-yourself-Verfahren geklebt. Sie sieht richtig fertig aus, meine alte Blockflöte.
Sie erinnert mich an meinen urlaubsreifen Kollegen. „Ich pfeif´ echt auf dem letzten Loch." Ob ich´s mal wieder probieren soll? Ich lege die Finger auf die Grifflöcher und blase vorsichtig in die Flöte. Und: Es kommt ein schöner Ton heraus.
So ähnlich muss das wohl Gott gemacht haben. Als er den ersten Menschen gemacht hat. Da hat er ihm den „Odem des Lebens" eingeblasen. „Odem des Lebens"- so nennen alte Bibelübersetzung poetisch den göttlichen Lebensatem.
Niemand kann sich das Leben selbst einhauchen. Das wird mir geschenkt- mitsamt seinem Atem. Dem kurzen und dem langen Atem.
 „Ich pfeife auf dem letzten Loch", hat mein Kollege gesagt. Vielleicht hilft´s ja, sich ein bisschen an die alte Geschichte zu erinnern. Und tief durchzuatmen. Bis es in den wohlverdienten Urlaub geht. Damit die Zeit bis dahin nicht atemlos wird, nehme ich mir heute Abend schon Mal meine alte Flöte vor. Wer weiß, wie viel power mein  Atem noch hat.

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Fehlermachen gehört zum Leben dazu. Manche sind nicht der Rede wert. Andere liegen  schwer auf der Seele. Fehler machen gehört dazu. Aber mit den Fehlern leben- das ist gar nicht so einfach. Wie gehen Andere damit um, wenn ich Mist gebaut habe? Legen sie mich darauf fest? Lassen mich das immerzu spüren? Oft denke ich: Wie schön wäre das, wenn jemand den Mist, den ich verbockt habe, einfach wegwischen würde. So als wäre nichts passiert. Aber geht das?
Meine Großtante Frieda hat das gekonnt. Dabei war sie eine sehr strenge Frau. Als Kind war ich jede Woche bei ihr in dem kleinen Fachwerkhaus, wenn meine Mutter arbeiten war. Richtig wohl gefühlt habe ich mich bei ihr nie. Ich musste immer leise sein und mich selbst beschäftigen in der engen Küche. Tu dies nicht, tu das nicht, ständig kritisierte sie an mir herum. Und ich war immer krampfhaft darauf bedacht, keinen Anlass für Ärger zu liefern.
Doch eines Tages ist es dann passiert. Beim Mittagessen. Kartoffeln und Spiegeleier standen auf dem Tisch. Statt dem üblichen Leitungswasser spendierte Tante Frieda ein Glas Malzbier. Meine Freude war groß. So groß, dass mir das volle Glas aus den Händen glitt und sich die ganze klebrige Pracht auf den alten Bauerntisch ergoss.
Ich war entsetzt, zuckte zusammen, hatte Angst. Doch statt zu schimpfen, stand Großtante Frieda ruhig auf, holte aus der Spüle einen Lappen, legte eine Hand auf meine Schulter, beugte sich über den Tisch und wischte wortlos das Malzbier einfach weg, und mit dem Malzbier mein Gefühl, ungeschickt zu sein und etwas falsch gemacht zu haben.
Das Erlebnis am Mittagstisch hat mich tief beeindruckt: Später habe ich gedacht. So ist das mit der Schuld. Ich plage mich mit den Konsequenzen herum. Aber Gott wischt sie weg. Einfach so. Gott wischt die Schuld weg und ich muss keine Angst mehr haben. Ich kann und darf damit leben. Vor Gott sind Güte und Nachsicht das Normale, nicht Angstmachen und Bestrafen.
Gleich gibt es bei uns ein ausgiebiges Sonntagsfrühstück. Da ist der Tisch immer besonders schön gedeckt. Kann gut sein, dass eines der Kinder wieder den Kakao umwerfen wird. Wie so oft schon. Ich versuch es mal wie Tante Frieda: Mit einem Wisch ist alles weg!

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Jetzt geht´s bergauf. Es ist hell, wenn mein Arbeitstag beginnt. Immer öfter begrüßen mich die ersten Sonnenstrahlen. Und die Vögel zwitschern schon bevor ich auf den Füßen bin.
Ich staune, was der Wechsel der Jahreszeiten mit mir macht und wie ein paar Blumen im Garten und ein paar Sonnenstunden mehr manche Sorgen kleiner machen.
Alles ist einem ständigen Wandel unterworfen. Nicht nur in der Natur ist das so. Es gibt helle und dunkle Zeiten, frohe und traurige Erlebnisse, kalte Starre in Beziehungen und belebende Wärme.
Und dann gibt es Zeiten, da lässt der Frühling auf sich warten. Da fühlt sich das Leben an wie ein nie endender Winter. Da schnürt sich schon beim Weg zur Arbeit der Hals ein, weil das Verhältnis zum Chef eiskalt geworden ist. Da ist aus der Partnerschaft nicht nur die Luft raus, sondern auch die Liebe. Da fühlen sich Menschen isoliert und alleingelassen.
Frühmorgens, wenn die Vögel zwitschern, erinnere ich mich in diesen Tagen an eines meiner Lieblingslieder. Paul Gerhardt hat es vor über 350 Jahren gedichtet.
Der war ein ganz Großer. Er hat jahrzehntelangen Krieg, Hungersnot und Pest erlebt. Überall sind Menschen gestorben, auch in seiner Familie. Und doch ging für ihn das Leben weiter.
Mitten in den Trümmern ist es für ihn Frühling geworden. Nicht nur draußen, auch im Herzen. „Geh aus mein Herz und suche Freud´ in dieser lieben Sommerzeit an deines Gottes Gaben." So beginnt das Lied. Und weiter: Schau an der schönen Gärten Zier und siehe wie sie dir und mir sich ausgeschmücket haben."
Das alles, schreibt Paul Gerhardt, das ist für mich. Die Schönheit der Blumen ist für mich gemacht. Mein Herz soll rausgehen aus sich und sich freuen an der unaufhaltsamen Kraft des Lebens.
Bei uns hier in Europa ist das Leben ist kein Paradies mit immerwährendem Blühen und Wachsen und ewigem Sonnenschein. Aber es ist auch kein ewiger Winter in dem alles Leben für immer zum Stillstand kommt.
Und jetzt geht's bergauf. Da wirft sich die Natur mächtig in Schale und zeigt sich in ihrem schönsten Kleid. Ganz allein nur für Sie und mich. Herzerquickend!

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„Haben Sie es auch gehört in den Nachrichten? Das ist doch ein Aprilscherz! Wo kämen wir denn hin, wenn die auch noch heiraten dürfen?" Das hat eine Frau an der Obsttheke zu mir gesagt. Wir kannten uns aus der Kirche. Ich erinnere mich noch ganz genau, es war der 1. April 2001 und mit „die" hat sie schwule und lesbische Paare gemeint.  
Es ist gerade Mal 10 Jahre her in den Niederlanden. Am 31. März brennen im Rathaus von Amsterdam noch hell die Lichter, viele Menschen sind versammelt. Die Stimmung ist wie an einem Silvesterabend kurz vor zwölf. Vier gleichgeschlechtliche Paare warten auf den 1. April. Dann tritt um Mitternacht das neue Ehegesetz in Kraft. Der Bürgermeister traut drei männliche und ein weibliches Paar.
In Deutschland gibt es auch seit etwa 10 Jahren die eingetragene Lebenspartnerschaft. Die Liebe zwischen zwei Menschen gleichen Geschlechts ist nicht nur legal. Sie wird gesetzlich geschützt, offiziell für wertvoll erachtet. Inzwischen haben wir sogar einen Außenminister, der in so einer Partnerschaft lebt.
Für mich als Pfarrer ist das schon immer selbstverständlich gewesen. Wenn zwei Menschen sich von Herzen lieben, wenn sie in guten wie in bösen Tagen zueinander stehen wollen, dann ist das etwas Wunderbares. Mehr noch: So eine Liebe ist etwas Himmlisches.
Jesus hat nämlich gesagt: Ich gebe euch ein neues Gesetz: dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe. Diese Liebe ist fürsorglich und verantwortungsvoll und sie hat etwas mit Hingabe zu tun. Und das soll durch das Gesetz geschützt werden. Zum Beispiel durch einen Ehevertrag.
Ich denke gern an den 1. April 2001 zurück. Weil nun alle die Möglichkeit haben, eine lebenslange Partnerschaft einzugehen.
Auch für die Ehe zwischen Mann und Frau ist das ein großer Schritt nach vorne: Eine Ehe ist nicht erst dann eine Ehe, wenn zwei ihre Rolle erfüllen - früher die Frau zu Hause und der Mann draußen. Es ist auch nicht erst dann eine Ehe, wenn es Kinder gibt. Bei der Ehe geht es darum, das Schönste, was wir Menschen haben, zu gestalten und zu schützen. Die Liebe. Echt kein Aprilscherz.

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Aussterbende Wörter - die gibt's tatsächlich. Das sind Wörter, die im Alltag kaum noch einer benutzt.
Aussterbende Wörter - damit habe ich es als Jugendlicher auch im Konfirmandenunterricht zu tun bekommen. Da haben wir in der alten Bibel-Übersetzung von Martin Luther Worte gefunden wie Getier und Gewürm, dasherum kreuchte im Garten Eden. Wir verstanden nur Bahnhof. Aber wir hatten einen gnädigen Pfarrer. Der hat uns die alten Worte ins heutige Deutsch übersetzt. Zum Beispiel den Psalm 23. Auch der ist voll von Wörtern, wie aus einer fernen Welt.
„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser." Und dann kommts: „Er erquicket meine Seele."
Wunderbar- erquicket! Wissen Sie, was damit gemeint ist? Erquicken, das war zu Luthers Zeiten ein ganz alltägliches Wort. Es bedeutet „neu beleben" oder „erfrischen". Meine Seele wird „erquickt", erfrischt, neu belebt.
Das gefällt mir. Denn den umgekehrten Zustand kenn´ ich natürlich auch. Wenn meine Seele durstig ist, wenn es so trocken und leer in mir ist, dass ich nur noch funktioniere. Dann brauche ich jemand, der mich „erquickt", seelisch reanimiert.
Und das, sagt die Bibel, ist Chefsache. Gott selbst kümmert sich darum. Er ist ein Erfrischer, ein Restaurateur, ein Wellnessmanager für meine Seele. Jemand, der mir neues Leben einhaucht und der dabei alle Register zieht. Wie Gott das macht?
Er schickt mir frohe Gedanken und Menschen, die es gut mir meinen. Das kann ein Telefongespräch sein mit einer alten Freundin, die mich einfach nur gut versteht. Oder eine Liedzeile, die mich in Sekunden aus meiner Starre herausholt. Oder ein Spaziergang im Sonnenschein. Und auf einmal, wie von Wunderhand gemacht, kommt wieder Leben in mich. Er „erquickt" meine Seele.
Ein „aussterbendes" Wort vielleicht. Aber die Bedeutung ist heute genauso aktuell wie damals: Ich muss nicht ausgetrocknet und leer in den Tag stürzen. Gott erfrischt meine und Ihre Seele auch heute wieder. Wenn Sie das wollen. Darauf können Sie sich verlassen.

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