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24OKT2020
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Ein weißer Schlitten – als Umrahmung angedeutet. Und darin ein Sammelsurium an Gegenständen: Kinderspielzeug. Eine Matratze. Büromaterial. Blumen. Elektrogeräte. Ich hab‘ so schnell gar nicht alles aufnehmen können, was da in den Bauch des Schlittens hineingestopft war.

 „Aufbewahrungsort der Erinnerungen“ hat der Künstler Walter Libuda diesen Objektkasten genannt. Er hat viele solcher Objektkästen gestaltet. Aber dieser eine hat sich in mein Gedächtnis besonders eingeprägt.  Dieser Schlitten, in dem vieles aufbewahrt wird, was ein Mensch auf seiner Lebensreise ansammelt und mitschleppt.

Interessant, dass es ein Schlitten ist. Vielleicht, weil ich den mit eigenen Kräften ziehen muss. Für mich bringt dieser Schlitten mit den Erinnerungen auch zum Ausdruck: Das alles geht in einem mäßigen Tempo vonstatten. Und es ist durchaus auch etwas romantisch. Dieser Schlitten der Erinnerungen ist ein bergender Ort. Keine Entsorgungsmüllabfuhr.

Ich habe mir dann schon überlegt: Wie wäre das, wenn ich unter meinen Erinnerungen auswählen könnte. Mitnehmen würde ich vor allem die Erinnerungen an Wegstrecken und an Ereignisse, bei denen ich etwas gelernt habe. In denen ich gereift bin. Beladen wird dieser Schlitten ja seit meiner Kindheit. Das Aufwachsen in meiner Herkunftsfamilie. Eltern. Geschwister. Schule. Beruf. Längst auch die eigene Familie. Freundschaften. Der ganze Wust von Veränderungen in meinem Leben. Auch wenn ich auswähle: Irgendwann wird es dann doch zu viel. Der Schlitten, so sorge ich mich, ist irgendwann überladen. Dagegen muss ich etwas tun.

Im Herausgehen aus der Ausstellung fällt mir dieser Satz des Paulus ein: „Prüft alles. Was für euch gut ist, das behaltet!“ (1. Thess. 5,21) Lebensweisheit steckt da drin. Und die Gewissheit, dass das auch geht. Darauf zu vertrauen, dass manche Erinnerung einfach verblasst. Oder dass die eine durch eine andere ersetzt wird. Erinnerungen gibt es auch, die kann ich einfach ablegen. Und loswerden. In einem guten Gespräch. Oder indem ich sie Gott vor die Füße lege. Oder besser noch: ans Herz. Anders, das wird mir mit einem Mal klar könnte ich gar nicht leben.

Am Ende gehe ich beflügelt davon. Ich schaffe es also, immer neu Platz zu schaffen im Aufbewahrungsort meiner Erinnerungen. Um befreit meinen Schlitten weiter durchs Leben zu ziehen.

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23OKT2020
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„Sie dürfen die Bilder gerne fotografieren!“ Selten, dass ich einen solchen Satz in einer Ausstellung zu lesen bekomme. Aber der Satz ging dann noch weiter: „Zwei Bilder sind davon ausgenommen!“ Was auch immer der Grund dafür war, urheberechtliche Überlegungen oder der besondere Wert gerade dieser beiden Bilder - ich habe jedenfalls festgestellt: Viele Besucher hatten es mit ihren Handys gerade auf diese beiden Bilder abgesehen. Und sie drückten auf den Auslöser, sobald die Aufsicht gerade nicht im Raum war.

Ich musste an die Schöpfungsgeschichte denken. „Von allen Bäumen dürft ihr essen“, sagt Gott da zu Adam und Eva. „Nur nicht von dem einen.“ Das hat die beiden nicht abgehalten, dieses Verbot zu übertreten. Das Spiel mit dem Verbot, der heimliche Grenzübertritt – sie üben einen Reiz aus. Ohne Frage. Und er verlockt auch dazu, mit dem Überschreiten der Grenzen einen kleinen Sieg über die Regeln zu feiern.

Wenn Grenzen festgelegt werden, ist dabei zunächst einmal die Absicht verbunden, jemanden zu schützen. Vor dem Verlust der rechtlichen Ansprüche, die jemand hat, wie beim Urheberrecht. Vor dem Verlust der Gesundheit. Im Fall vom Baum im Paradies auch vor der Gefahr, der Mensch könnte seine Möglichkeiten überschätzen. Grenzen leben davon, dass ich denjenigen, die sie definieren, einen Vorschuss an Vertrauen entgegenbringe. Und dass ich sie respektiere, auch wenn sie mir einmal nicht gleich einleuchten. Und mir in manchen Fällen eine andere Grenze lieber wäre.

Natürlich kann ich bei allen Grenzen nach deren Sinn fragen. Muss es manchmal sogar. Im Fall der beiden Bilder im Museum ist das ja sehr einfach. Da kann mir die Museumsaufsicht schnell den Hintergrund dieser Grenze erläutern. Bei Adam und Eva geht es da schon um etwas grundsätzlich Anderes. Da geht es darum, ob ich die Grenzen akzeptiere, die einfach mein Menschsein mit sich bringt. Ihr Grenzübertritt hatte für die beiden einschneidende Folgen. Sie werden aus dem Paradies vertrieben. Manchmal sind Grenzen eben geradezu heilsam. Und ihre Überschreitung hat Konsequenzen. Für die Gesundheit. Als Schutz vor Überforderung. Aus Rücksicht auf die Schwachen. Auch wenn ich um kritische Rückfragen nicht immer herumkomme. An meinem Umgang mit Grenzen zeigt sich jedenfalls jedes Mal, ob ich mutig und frei genug bin, recht zu entscheiden, was jetzt dran ist.

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22OKT2020
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Der Südwesten der Republik ist auch heute noch gerne ganz vorne. Wirtschaftlich. Kulturell. Furchtbar ganz vorne sein wollte er am 22. Oktober 1940. Heute vor 80 Jahren. Mitten in der Schreckensherrschaft der Nazis. Der Südwesten wollte als erste Region des Reichs judenfrei sein. In den frühen Morgenstunden polterten die Gestapo-Leute bei den Mitbürgern jüdischen Glaubens an die Tür. In Baden. In der Pfalz. Im Saarland. Bis heute kennen wir die Namen der Verschleppten. Paul Niedermann aus Karlsruhe. Margot Schwarzschild aus Kaiserslautern. Salomon Maier aus Kippenheim. Lotte Jordan aus Bruchsal. Sie stehen für die vielen anderen. Mehr als sechseinhalbtausend Menschen insgesamt. Viele wurden später von Gurs nach Auschwitz gebracht und dort ermordet.

Es waren Frauen und Männer aus der unmittelbaren Nachbarschaft. Es waren die Klassenkameraden der eigenen Kinder, die aus der Schule geholt wurden. Niemand konnte mehr wegsehen. Aber auch darin waren die Menschen dann ganz vorne.

All diese Menschen sind nicht vergessen. Gottseidank! Weil längst Jugendliche ganz vorne sind. Und das Gedenken wachhalten. Ein eindrückliches Beispiel: In Neckarzimmern bei Mosbach stehen inzwischen fast 140 Gedenksteine. Und immer noch kommen neue dazu. Jeder Stein erinnert an einen Ort in unserer Gegend, von dem aus jüdische Menschen nach Gurs deportiert worden sind. Junge Menschen haben diese Steine gestaltet. Ein identischer Stein steht dann auch in jedem der Orte selber.

Das große Vorbild aller Erinnerungsorte, die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Sie verdankt ihren Namen einem Satz aus der Bibel. „Ich will ihnen ein Denkmal und einen Namen geben. Einen ewigen Namen will ich ihnen geben, der nicht vergehen soll.“ (Jesaja 56,5) Darin ganz vorne zu sein, das ist das, was uns heute bleibt. Den Ermordeten ein Denkmal und einen Namen geben. Und so die Erinnerung an sie wachhalten. Und die Ermahnung, dass sich so etwas nicht wiederholen darf.

Das Engagement dieser Jugendlichen hilft, dass der Südwesten der Republik als Ort antisemitischer Einstellungen nicht auch noch ganz vorne ist. Keine Religion kann Anlass dafür sein, dass Menschen aussortiert werden. Schon gar nicht die, die längst meine Nachbarn sind. Ganz vorne möchte ich sein, dass diese Menschen ohne Angst leben können.

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15JUL2020
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Irgendwann wird ein Mensch seinen eintausendsten Geburtstag feiern können. Aubrey de Grey sagt das, ein britischer Wissenschaftler, der sich mit dem Prozess des Alterns beschäftigt. Sein Ziel ist es, die menschliche Lebensuhr erfolgreich zurückzudrehen.

Meine Erfahrung lehrt mich anderes. Menschliches Leben ist endlich. Schmerzlich muss ich das immer wieder zur Kenntnis nehmen. Im Blick auf Menschen, die mir lieb sind. Auch im Blick auf mein eigenes Leben.

Die Bibel berichtet von Menschen, deren Lebensdauer an die Zielvorgabe des britischen Wissenschaftlers heranreicht. 969 Jahre soll Methusalem alt geworden sein. Adam immerhin noch 930 Jahre. Auch wenn diese Angaben eher symbolischer Natur sind. Dass Menschen viel länger leben, als es ihnen möglich ist, dahinter verbirgt sich eine uralte Sehnsucht. Und es bringt mich schon zum Staunen, wenn ich lese, dass der Mensch, der vermutlich bisher am längsten gelebt hat, eine 1997 verstorbene Französin ist. Sie wurde 122 Jahre alt.

In den Psalmen findet sich ein Satz, der die Dauer menschlichen Lebens näher an unserer Realität beschreibt. „Unser Leben dauert 70 Jahre,“ heißt es da, „und wenn’s hochkommt 80 Jahre. Und was uns daran köstlich scheint, hat viel Mühe und Arbeit gekostet.“ (Psalm 90,10) Die meisten Menschen werden damals diese Lebensdauer nicht erreicht haben. Die 70 oder 80 Jahre beschreiben einen kühnen Wunsch. Oder eine ganz seltene Erfahrung.

Nicht um die Zahl gehts aber am Ende. Sondern darum, was das Leben in dieser Zeitspanne entscheidend ausmacht: Müh‘ und Arbeit. Ersparen lassen sie sich nicht. Aber in einem erträglichen Rahmen sollten sie bleiben. Dazu gehört es sicher, die Lebensverhältnisse zu verbessern. Die Güter dieser Welt gerecht zu verteilen. Dafür zu sorgen, dass Menschen genügend zu essen haben. Und Zugang zu sauberem Wasser. Zu medizinischer Versorgung. Und dass sie in Frieden leben können.

Dazu gehört aber am Ende auch, dass Menschen getröstet sterben können. Und Menschen in ihrer Nähe haben, die ihnen beistehen. Das haben uns die letzten Monate neu in Erinnerung gerufen. Leben und Sterben in Würde. Beides gehört zusammen. Es ist allemal Grund dankbar zu sein, wenn am Ende eines Menschenlebens möglich geworden ist, was in der Bibel über Hiob zu lesen ist. „Er starb alt und lebenssatt.“ (Hiob 42,17)

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14JUL2020
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In Frankreich steht das gesellschaftliche Leben heute weitgehend still. Nicht weil es dort schon wieder einen Lockdown gibt. An jedem 14. Juli wird in ganz Frankreich an den Sturm auf die Bastille im Jahre 1789 erinnert. Eigentlich können wir durchaus auch mitfeiern. Denn auch unsere Freiheiten in einem demokratisch verfassten Staat haben mit den Ereignissen von damals zu tun. Etwa die Freiheit, meine Religion auszuüben. Auch wenn die revolutionär Gesinnten von damals mit Religion nicht soviel im Sinn hatten. Weil sie die Kirche zu sehr auf der Seite der Unterdrücker erlebt haben.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – diese drei Begriffe fassen zusammen, um was es den Menschen damals gegangen ist. Und sie bilden eine knappe und in ihrer Klarheit nicht zu überbietende Klammer um alle Wünsche nach einer besseren und einer gerechteren Zukunft. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Bis in die Gegenwart hinein geht es immer neu neu darum, dass diese Begriffe in die gesellschaftliche Wirklichkeit hinein übersetzt werden.

Die Debatte um den Rassismus gegen Menschen mit anderer Hautfarbe nach dem Tod von George Floyd. Das ist nicht nur ein Problem in den USA Auch nicht nur eines in den französischen Vorstädten. Davon erzählen mir auch Menschen, die in meiner Nachbarschaft leben. Dass antisemitische Äußerungen Menschen jüdischen Glaubens offen entgegengebracht werden - lange habe ich mir das nicht mehr vorstellen können. Gott hat die Menschen gleich erschaffen – dieses Erbe des Alten Testaments schwingt mit, wenn die Revolutionäre von 1789 die Gleichheit aller Menschen fordern.

Genau deshalb ist das dritte Ziel, die Brüderlichkeit, heute nicht mehr ausreichend. Besser wäre es, von Geschwisterlichkeit zu sprechen. Und davon, dass nicht den Brüdern allein das Recht zukommt, einander in derselben Würde verbunden zu sein. Hier muss die Sprache der großen Ziele, die in Frankreich heute gefeiert werden, weiterentwickelt werden. Damit das dritte Ziel, die Freiheit aller nicht unter die Räder kommt. Die beste Art, heute mit den Menschen in Frankreich mitzufeiern, das wäre doch: diese drei Ziele auch bei uns neu in Erinnerung zu rufen. Alle Menschen sind frei, gleich und einander wie Geschwister verbunden. Darum sind diese drei Begriffe für mich heute wie eine kleine weltliche Predigt am Beginn des Tages.

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13JUL2020
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Die vergangenen Monaten haben für mich deutlich die Spreu vom Weizen getrennt.“ Ein jüngerer Mann aus der IT-Branche hat mich mit diesem Satz überrascht. Er hat bestimmt nie gesehen, wie ein Bauer gedroschenes Getreide noch einmal in die Luft wirft, um so die leichte Spreu vom schweren Getreide zu trennen. Johannes der Täufer beschreibt mit diesem Bild aus der Landwirtschaft, was er für seinen Auftrag hält. Ihm geht es um eine klare Trennung. Nur die, die von ihren falschen Wegen umkehren, werden Zukunft haben. Sie sind der Weizen. Die anderen werden umkommen. Sie sind dann die Spreu, die der Wind verweht.

Manche hätten die Corona-Zeiten auch gerne so gedeutet. Gott greift in den Gang der Welt ein. Und teilt die Welt ein in solche, die nach seinem Willen leben. In den Weizen eben. Daneben gibt es die anderen, die schuld daran sind, dass alles so gekommen ist. Sie sind die Spreu.

Sehr viel anders als Johannes der Täufer geht der junge Mann auch nicht vor. Obwohl ich schon Sympathie dafür empfinde, wie er dieses Bild deutet. Die, die er mit dem Weizen vergleicht, das sind Menschen, die klar sagen: Es hilft nicht weiter, darauf zu hoffen, dass alles nur wieder wird, wie es vorher war. Solches Denken hält er für Spreu. Und nicht nur er, denke ich.

Johannes und der junge Mann - beide fragen danach, wie Menschen Sinn in ihrem Leben finden können. Eine klare Scheidung der Menschen in Gute und Böse hilft am Ende nicht weiter. Aber danach zu fragen, was mich zu einem Weizenmenschen machen könnte - ich finde, das könnte sich schon lohnen. Die Weizenmenschen, wie ich das Bild verstehe, fragen danach, worauf es wirklich ankommt im Leben. Immer wieder innezuhalten und zu prüfen, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Etwa nach den Bedingungen der Erzeugung von Lebensmitteln zu fragen. Zu schauen, welche Fahrten wirklich notwendig sind – bei der Arbeit oder bei der Entscheidung, wohin es im Urlaub gehen soll. Und überhaupt: nie die konkreten Menschen aus dem Blick zu verlieren. Das, was sie zum Leben brauchen. Vor allem Nähe und Mitmenschen, die es gut mit ihnen meinen. Die letzten Monate waren da eine gute Übungsmöglichkeit. Aber ausgelernt habe ich noch lange nicht, wie das geht, den Weizen von der Spreu zu trennen.

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22APR2020
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Heute ist der Tag der Erde. Offiziell gibt es diesen Gedenktag seit dem Jahr 1990. Auf Beschluss der Vereinten Nationen. Mittlerweile wird er in mehr als 175 Ländern begangen. Manche Kirchen haben ihn in ihren Festkalender aufgenommen.

Dieses Jahr werden viele der geplanten Aktionen und Veranstaltungen abgesagt. Aber das Anliegen dieses Tages der Erde darf in der Krise, die wir derzeit haben, nicht verloren gehen. Es hat sich ja auch überhaupt nicht erledigt. Im Gegenteil! Die Sorge um die Erde und die Sorge um die Gesundheit der Menschen stehen in einem engen Zusammenhang. Was wir seit Wochen erleben, ist ein Beweis dafür, dass die Erde nicht einfach nur ein Ort ist, an dem wir in Sicherheit leben können. Gerade jetzt erlebe ich die Schöpfung auch als bedrohlich. Ohne dass ich weiß, ob diese Bedrohung von den Menschen selber verursacht ist. Zugleich hoffe ich aber, dass diese bedrohliche Phase irgendwann zu Ende geht und das Leben wieder einfacher wird.

Paulus bringt diese Erfahrung mit einem Bild zum Ausdruck. „Die Schöpfung“ – ich könnte auch sagen – „die Erde liegt in Wehen“, schreibt er. „Sie hofft auf neue Lebendigkeit. Und sie träumt von neuer Freiheit, auf die sie zugeht.“ (Römer 8,21+22) Ich verstehe das so: Die bessere Zukunft, auf die wir hoffen, ist eine, in der die gewaltigen Kräfte der Schöpfung keine mehr sind, die Menschen gefährden. Die bessere Zukunft, auf die wir zugehen, ist aber auch eine, in der der Mensch sich um die Bewahrung der Erde, auf der er lebt, kümmert. Und selber dazu beiträgt, dass die Erde bewahrt bleibt.

Mitten in der Krise, die jetzt schon Wochen andauert, werde ich oft blind dafür, auch hinter die Krise zu schauen. Die Wälder sind noch nicht gerettet, wenn wir das Virus in seiner Wirkung eindämmen können. Die Luft und das Wasser werden dadurch auch noch nicht sauberer.

Aber mein Traum bleibt, dass in Zukunft noch mehr Menschen mithelfen, sorgfältiger mit unserem Lebensraum umzugehen. Dass sie ihn pflegen und bewahren, wie das im biblischen Schöpfungsbericht heißt. Aus Dankbarkeit, dass mein Leben gut weitergeht. Mithelfen will ich, dass auch die, die nach mir hier leben, einen guten Ort dafür finden. Dafür braucht es nicht nur den heutigen Tag der Erde. Dafür braucht es die größtmögliche Anstrengung möglichst vieler Menschen.

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21APR2020
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Vor ungefähr drei Wochen habe ich die ersten Regenbögen in den Fenstern entdeckt. Die einzelnen Farbbögen meist von Kinderhänden ausgemalt. Mit einem Male waren sie in ganz vielen Fenstern zu sehen. Erst dann hat mir jemand von dieser aus Italien stammenden Aktion erzählt. Sie soll in der besonderen Situation, in der wir leben, Mut machen. Unter vielen der Bilder steht der Satz: „Alles wird gut!“ Ein mutiger Satz. Gerade weil es in diesen Tagen der Gefährdung längst nicht für alle gut gegangen ist. Und immer noch nicht gut geht. Eher eine Durchhalteparole also? Überhaupt nicht. Vielmehr ein Satz, der hilft, dass das Leben erträglich bleibt. Auch in schwierigen Zeiten. „Alles wird gut!“ Wenn ich diesen Glauben nicht teilen könnte, dann würde ich das Leben nicht aushalten.

Wie gut, denke ich, dass dieser Satz mit dem Zeichen des Regenbogens verbunden ist. Die Zusage Gottes nach der großen Flut – sie gilt also bis heute. „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht!“ (1. Mose 8,22) Als Zeichen, dass er es ernst meint, schließt Gott mit den Menschen Frieden. Seinen Bogen, seine Waffe, legt er in die Wolken. Als Regenbogen wird aus dem Kriegsgerät dann ein Hoffnungssymbol. Ein Zeichen, das schon eine lange Geschichte hinter sich hat. Im 16. Jahrhundert haben die Bauern mit diesem Zeichen ihre Hoffnung auf ein besseres Leben verbunden. Auch wenn viele ihrer Forderungen erst viel später erfüllt wurden. Als Protest gegen den Irak-Krieg habe ich im Jahre 2003 auch ein großes Regenbogenbanner an unserem Haus aufgehängt. Auch damals kam der Ursprung der Pace-Bewegung aus Italien.

Unter dem vielfarbigen schützenden Bogen kann ich also Schutz finden. Indem ich mich all den Menschen verbunden fühle, die mit mir gegen alles, was diese Zukunft düster macht, anhoffen. Gerade in diesen Tagen tut mir das gut. Erste Hoffnungszeichen gibt es. Einiges von dem, worunter Menschen zu leiden haben, könnte bald der Vergangenheit angehören. Auch wenn sich vieles, was Menschen bis ins Mark getroffen hat, nicht rückgängig machen lässt. Kleine Hinweisschilder in eine bessere Zukunft sind diese Regenbögen also, die die Kinder malen und ins Fenster hängen. Ich hoffe, dass sie nicht so bald verschwinden.

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20APR2020
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Mehr als vier Wochen steht die Zeit jetzt schon still. Irgendwie lief alles auf Ostern zu. Danach noch eine Woche. Dann, so war die Erwartung, kommen die ersten Schritte in die Zeit des allmählichen Ausstiegs. In den ersten Jahrhunderten der Kirche gab es auch so eine Woche, in der die Zeit stillgestanden ist. Das war genau auch die Woche nach Ostern. Genauer gesagt, die Woche von der Osternacht bis zum Sonntag nach Ostern. Acht Tage, geprägt vom Ausstieg aus dem bisherigen Leben. Ehe sich am Tag danach allmählich wieder die Normalität durchgesetzt hat. Vor allem für diejenigen, die in der Osternacht getauft wurden, war das so. Für die sollte dann ein neues Leben beginnen.

Gestern war wieder dieser Sonntag eine Woche nach Ostern. Der heutige Montag erinnert mich deshalb an seine Vorläufer vor mehr als eineinhalbtausend Jahren. Neue Schritte in die Zukunft zeichnen sich auch bei uns ab. Vor uns als Gesellschaft liegt die Aufgabe, ganz allmählich, in kleinen Schritten, in ein Leben danach einzusteigen.

In der Tradition der Kirche trägt dieser gestrige Sonntag einen besonders sprechenden Namen, Quasimodogeniti, auf deutsch: „Wie neugeborene Kinder“. „Neugeborene Kinder trinken mit Lust die Muttermilch, weil sie die für sie passsende Ernährung ist“, heißt es in einem alten Brief in der Bibel. Und der Satz geht dann weiter: „Genauso sollen wir das zu uns nehmen, was für uns gut ist. (1. Petrus 2,2.) Ein wichtiger Hinweis vielleicht: irgendwann in ein normales Leben zurückzukehren, das muss in jedem Fall gut dosiert werden. Neues Leben - oder zumindest ein Leben unter neuen Rahmenbedingungen – es ist möglich! Dieses Leben - so die Botschaft des Osterfestes - ist sogar stärker als der Tod.

Neues Leben nach Ostern – das kann heute aber auch ein Bild sein für die Erfahrung: Das Leben der letzten Wochen, mit all seinen Einschränkungen, das bleibt am Ende kein Dauerzustand. Und ganz sachte wird diese Erkenntnis auch in meinem Leben wahr werden. Nicht so radikal wie bei den Neugetauften in der Osternacht in den ersten Jahrhunderten. Aber vielleicht dennoch vergleichbar. Wir Menschen haben Zukunft. Weil wir durch viele Erfahrungen, gerade auch neue Erfahrungen miteinander verbunden sind. Und ich glaube: Weil Gott mich auch in Zukunft begleitet.

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14MRZ2020
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„Sorry, außer Dienst“. Ich stehe an der Haltestelle und warte auf den Bus. Der Bus kommt auch – und fährt vorbei. in dem Feld, in dem sonst der Zielort der Fahrt zu lesen ist, steht „Sorry, außer Dienst“. Ich ärgere mich schon. Der Bus hätte mich ja auch mitnehmen können. Ich warte also grumelnd weiter. Und nutze die Gelegenheit, über die drei Wörter nachzudenken.

„Sorry, außer Dienst“ – das klingt beinahe wie ein kleines Fastenprogramm. Nein, nicht für den Bus, der muss vermutlich einfach zurück an seinen Standort. Sondern für diejenige, die häufig „im Dienst“ sind. Oder sich im Dienst fühlen. Menschen in Verantwortung für andere. Als Kollegin der Kollege. Als Eltern oder als Großeltern. In der nachbarschaftlichen Unterstützung von Menschen, die auf andere Menschen angewiesen sind. Ich weiß, die meisten dieser Aufgaben kann ich nicht einfach einstellen. Aber ein kleines Fastenprogramm, manchmal geht das vielleicht doch.

Immer im Dienst, diese Haltung geht zurück auf Otto Dibelius, Bischof in Berlin in den 1960er Jahren. „Ein Christ ist immer im Dienst“, hat er gesagt. Ich finde, das ist ein gefährlicher Satz. Niemand kann immer im Dienst sein. Das wäre eine maßlose Überforderung. Heute ist Samstag, Schabbat, der Ruhetag für Menschen jüdischen Glaubens. Nicht ohne Grund ruft mir das Gebot, einen Tag der Woche als Ruhetag zu halten, eine alte Weisheit der Menschen in Erinnerung. Im Dienst sein und außer Dienst sein – das muss in einer guten Balance stehen. Immer „stand by“, immer im Hab-acht-Modus zu leben, das macht krank. Das ist längst auch wissenschaftlich bewiesen. Da wirkt es ungeheuer entlastend für mich, dass alles seine Zeit hat: Das Engagement und die heilsame Unterbrechung.

Warum also in der Fastenzeit nicht auch einmal ganz bewusst das „Außer-Dienst-Sein“ üben. Nicht so, dass ich Menschen, die mir lieb sind, einfach ihrem Schicksal überlasse. Nicht so, dass ich wegsehe, wenn mein konkreter Einsatz gefordert ist. Aber so, dass ich signalisiere. Meine Kräfte sind begrenzt. Ich bringe mich gerne ein. Aber ich brauche auch immer wieder eine Auszeit.

So wird ein vorbeifahrender Bus für mich zur Inspiration: „Sorry, außer Dienst“ – ein gutes Programm in diesen Wochen. Und während ich diesem Gedanken nachsinne, kommt der nächste Bus. Der hält.

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