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22SEP2021
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Gerade leben wir in Zeiten des Wahlkampfs! Überall Plakate. Gesichter. Situationen. Daneben kurze Sätze. Slogans. Komprimierte Botschaften, die mich auffordern, dieser oder jener Partei, diesem Kandidaten oder jener Kandidatin meine Stimme zu geben.

Es gibt eine kleine Textpassage in der Bibel, bei der muss ich immer an Wahlplakate denken. Da sagt Jesus Sätze über sich, die direkt aus einer Werbeagentur stammen könnten. „Kommt doch zu mir, wenn euch das Leben schwerfällt oder wenn ihr Lasten zu tragen habt. Ich will euch erquicken. Ich sorge dafür, dass es euch wieder gut geht. Mein Joch ist leicht!“ (Matthäus 11,28+29)

Immer, wenn ich diese Sätze lese, stelle ich sie mir auf große Plakate geschrieben vor. Wenn ich nicht wüsste, wem sie zugeschrieben werden, da wäre ich – ehrlich gesagt – ganz schön skeptisch. Die Zeitgenossinnen und Zeitgenossen von Jesus wussten doch auch schon, was das heißt: Druck. Und auch Unterdrückung. Die Römer als Besatzer im Land. Ungerechte Abgaben, die in den falschen Taschen landen.

Da klingen diese Worte doch eher wie die üblichen haltlosen Versprechen. Große Worte, nichts dahinter! Verstehen kann ich das nur, wenn ich mir klarmache: Jesus beschreibt hier ein Grundsatzprogramm. Aber keines, für das er um Stimmen kämpft, mitten auf dem Markt verschiedenster Anbieter. Jesus lässt vor den Augen und Ohren derjenigen, die ihm zuhören, die Vision einer besseren Zukunft entstehen. Das Bild einer Welt, für die sich die Menschen dann schon auch selber stark machen müssen. Irgendwie wirbt Jesus auch für sich. Aber nicht aus Eigeninteresse. Sondern um den Menschen einen Weg zu eröffnen, Gott zu begegnen.

Die Sprache mag ja nach Wahlkampf klingen. Es geht aber doch noch einmal um etwas ganz anderes. Nicht um die Möglichkeiten der Menschen. Sondern um die Möglichkeiten Gottes. Wenn ich mich auf diese Möglichkeiten verlasse, kann ich mich dann aber auch einmischen. Mich einbringen in die Welt, in der ich lebe.

Ich weiß doch, dass nicht alles so weitergehen kann. Dass ich in meinem Leben einiges ändern muss, um für die großen Fragen der Menschheit Lösungen zu finden. Da ist es gut zu wissen, woher meine Kraft kommt. Und zu entscheiden, worauf es ankommt. Auch wenn das, worauf ich mich einstellen muss, ja wahrhaftig nicht nur leicht ist. 

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21SEP2021
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Marmelade müssen wir in unseren Urlaub nie von zu Hause mitnehmen. Wir kaufen sie am Straßenrand. Gekocht aus Früchten direkt aus der Region. Mit Sanddorn etwa. Oder mit Heidelbeeren. Auch Kartoffeln kann man so kaufen. Oder Schnittblumen. Neben dem Stand steht eine kleine Kasse. In die wird dann das das Geld geworfen. Vertrauenskasse nennt man diese Art der Bezahlung. Irgendwie scheint dieses System zu funktionieren. Sonst würde es nicht so oft praktiziert.

Mir geht es jedes Mal irgendwie nah, wenn ich in eine Vertrauenskasse bezahle. Ich erlebe hier eine Art des Umgangs miteinander, die auf Kontrolle verzichtet. Und das in einer Welt, die angeblich nicht mehr so gut ist. Da sind Vertrauensklassen eine Möglichkeit zu zeigen, dass das gut geht, dem anderen erst einmal Gutwilligkeit und Ehrlichkeit zu unterstellen. Oder mein Gegenüber dazu zu verlocken. Weil es kaum einen Menschen unberührt lässt, wenn jemand sagt: Ich misstraue dir nicht. Und du musst auch nicht erst beweisen, dass du’s ehrlich meinst. Diese Erfahrung kann einen Menschen ändern. Da bin ich ganz sicher. Und ich frage mich, warum das nur bei Marmelade funktionieren soll.

Seit dem Jahr 2002 ist jedes Jahr am 21. September der Weltfriedenstag. Ausgerufen von den Vereinten Nationen. Unterstützt vomkumenischen Rat der Kirchen, der jedes Jahr an diesem Tag dazu aufruft, Wege des Friedens zu suchen. Im konkreten politischen Handeln. Und im Gebet. Natürlich ist es beim Frieden nicht so einfach wie beim Kauf eines Glases voll Marmelade. Aber die Frage, ob sich eine friedlichere Welt leichter erreichen lässt mit Konzepten, die nur die eigene Sicherheit im Blick haben, stellt sich für mich schon ganz drängend. Meist führen sie nur zu immer neuen Spiralen des Vertrauens allein auf die Kraft militärischer Möglichkeiten. Die schrecklichen Bilder vom Flugplatz in Kabul haben das sehr leidvoll vor Augen geführt.

Es geht nicht um Blauäugigkeit, dazu ist die Weltlage zu komplex und zu angespannt. Es muss immer die Möglichkeit geben, Schwächere zu schützen. „Selig sind, die Frieden stiften“ (Matthäus 5,9), sagt Jesus in der Bergpredigt. Frieden stiften, das ist ein aktiver Prozess, bei dem ich auch in eine Art Vertrauenskasse einbezahle. Mit meinem Vertrauensvorschuss. Und mit der Bereitschaft, den Frieden auch anders zu wagen als nur im Vertrauen auf die eigene Stärke.

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20SEP2021
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Nein, nicht so schön! Da stehe ich auf dem Bahnsteig. Inmitten dicht gedrängter Menschenmassen. Die meisten wollen dem kommenden Bahnstreik entkommen. Fast alle sind mit einem Koffer unterwegs. Plötzlich die Durchsage: „Umgekehrte Wagenreihung!“ Wer ganz vorne steht, muss ans Ende des Gleises. Und umgekehrt. Aus der Ferne sehe ich schon den Zug heranrollen. Auf dem Bahnsteig geht‘s drunter und drüber. Unzählige Menschen drängeln und schubsen sich in beide Richtungen. Die vom Anfang ans Ende. Und umgekehrt.

Und noch am Gleis kommt mir dieser Satz aus der Bibel in den Sinn: „Erste werden Letzte. Und Letzte werden Erste sein.“ (Matthäus 20,16) Gottes neue Welt, in der ziemlich viel auf den Kopf gestellt wird, was bisher unsere Realität bestimmt. Diese totale Umkehrung der Verhältnisse ist in der Bibel immer wieder Thema. Bei Maria etwa, wenn sie singt: „Gott stürzt die Gewaltigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Den Hungrigen lässt er seine Gaben zugehen. Und die Reichen gehen leer aus.“ (Lukas 1,51+52)

Bei dem, was ich hier am Gleis erlebe, geht’s nicht ganz so himmlisch zu. Aber mit einem Mal geht mir auf: Diese Umkehrung von ganz vorne nach ganz hinten, auch die von oben nach unten – ganz so sanft und geräuschlos kann die auch nicht vonstatten gehen. Der Weg in diese neue Welt, in der Gottes Maßstäbe die unseren ersetzen, der verlangt uns schon Einiges ab. Da müssen vertraute Bilder in unseren Köpfen ersetzt werden. Da müssen Menschen gewonnen und überzeugt werden. Und so manche Machthaber räumen sicher nur mit Druck ihre Throne.

Von heute auf morgen wird das sicher nicht gehen. Oder gar in wenigen Minuten wie am Gleis. Aber womöglich geschieht das alles gar nicht erst in der Zukunft. Sondern hat längst schon angefangen. In Beteiligungsprozessen, die danach fragen, wie bisher Benachteiligte besser in das gesellschaftliche Leben einbezogen werden können. Jüngere oder Ältere. Menschen mit Einschränkungen. Vielleicht fängt dieser große Wechsel der Maßstäbe auch da schon an, wo ich mich schützend vor einen anderen Menschen stelle. Wo ich den Mund aufmache, wenn jemand Unrecht geschieht. Dass ich mitmachen kann in diesem großen Prozess der Veränderung und dabei mithelfen, Gottes neuen Maßstäben Raum zu geben in unserer Welt, das fasziniert mich schon.

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14JUL2021
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Als Schüler habe ich immer wieder geübt, die Unterschrift meines Vaters nachzumachen. Eingesetzt zu meinen Gunsten hab‘ ich sie nie. Die Ungeheuerlichkeit dieser Tat ist mir immer klar vor Augen gestanden. Vor kurzem bin ich zufällig auf das Lied „Zeugnistag“ von Reinhard Mey gestoßen. In diesem Lied geht es um einen Schüler, der sich genau das traut. Unter sein Zeugnis setzt er die gefälschte Unterschrift seiner Eltern.

Ein glatter Betrug – keine Frage! Der Rektor lädt die Eltern ein und konfrontiert sie mit der gefälschten Unterschrift. Was tun die Eltern? Beide bestätigen sie deren Echtheit. „Ohne Zweifel“ wie sie sagen. Der Schüler weiß schon, was davon zu halten ist: „Ich weiß nicht, ob es rechtens war, dass meine Eltern mich da rausholten.“ Das Lied will keine Anleitung sein, dieses Verhalten nachzuahmen. Es ist gesungen aus der Perspektive eines Zwölfjährigen, der die Erfahrung macht: „Meine Eltern lassen mich nicht fallen!“ Im Lied heißt der entscheidende Satz: „Wie gut tut es zu wissen, dass dir jemand Zuflucht gibt!“

Ich weiß nicht, ob sich die Geschichte so zugetragen hat. Aber in der Bestätigung der Eltern verbirgt sich so etwas wie eine barmherzige Korrektur ihrer Schroffheit, vor der der Junge so Angst hatte. Vorbildlich ist am Verhalten der Eltern, dass sie die Liebe zu ihrem Kind durchhalten, trotz seines Fehlverhaltens. Der Weg, den sie wählen, ist dagegen keiner, der Anspruch auf Wiederholbarkeit erheben kann.

Interessant finde ich, dass Jesus in einem Gleichnis auch einen solchen Weg wählt. Einem Gutsverwalter wird gekündigt, weil er schlecht arbeitet. Bevor er seinen Arbeitsplatz verlässt, rät er den Kunden seines Chefs, in ihren Schuldscheinen den Betrag zu ihren Gunsten zu fälschen. Wenn ich erst einmal nichts zum Leben habe, unterstützen sie mich vielleicht, denkt er. Jesus lobt das Beispiel dieses entlassenen Verwalters. Und lobt damit eigentlich einen Betrüger. Aber nicht der Betrug ist Anlass des Lobes. Vielmehr die Weitsicht und die Vorsorge für die Zukunft.  

Irgendwie ist das Lied von Reinhard Mey also auch eine Art Gleichnis. Ein Werbe-Gleichnis, die eigene Liebe durchzuhalten, in diesem Fall die von Eltern zu ihrem Kind. Aber der erste Blick auf den einzelnen Menschen bleibt immer der der Liebe. Bei Gott ist das so. Und es ist auch für mich immer neu den Versuch wert.

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13JUL2021
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Warten zu müssen steht in keinem guten Ruf. Ist doch unnütz. Verlorene Zeit. Längst nicht immer ist das so. Das Warten kann höchst aktiv sein. Auch produktiv. Und entscheidend. Wie vor genau zweihundert Jahren in Karlsruhe. Als sich dort die protestantische Generalsynode im Großherzogtum Baden versammelt hat. Die beiden evangelischen Konfessionen im Großherzogtum - Lutheraner und Reformierte - wollten sich zu einer Kirche zusammenschließen. Sie waren sich vor allem in der theologischen Deutung des Abendmahls längst noch nicht einig. Mit einem Katalog von 8 Fragen und Antworten hat ein Team von Experten Antworten vorgeschlagen, in denen sich die unterschiedlichen Denkweisen wiederfinden konnten.

„Welches sind beim Abendmahl die sichtbaren Zeichen?“ wurde etwa gefragt. „Brot und Wein“ war die Antwort, freilich mit dem Zusatz, „welche auch in dem Genusse Brot und Wein bleiben.“ Das war für die einen. Weiter wurde gefragt: „Welches sind die unsichtbaren Güter im Abendmahl?“ Antwort: „Alles, was uns Jesus Christus erworben hat, Vergebung der Sünden, Leben und Seligkeit.“ Das war für die anderen.

Aber wie sollte die Synode zu einem Beschluss kommen? Über das rechte Verständnis des Abendmahls einfach abstimmen? „In Sachen des Glaubens und des Gewissens geht das gar nicht“, – so der Präsident der Synode, Graf Berckheim. Das Ergebnis der Beratungen wurde also vorgestellt. Danach: Warten. Dichtes, intensives, hochemotionales Warten. Volle fünf Minuten. Dann erklärte der Vorsitzende das Ergebnis als angenommen. So ist im Warten eine neue vereinigte evangelische Kirche in Baden entstanden.

Grund zum Feiern ist das allemal. Weil die evangelische Kirche in Baden auf eine nun zweihundertjährige Geschichte zurückblicken kann. Aber auch Grund zum Hoffen! Mit diesem Modell könnte doch auch in Zukunft manches erschwiegen werden, was viele Menschen sehnlichst erträumen. Etwa eine Ökumene, die noch viel weitergeht als das im Moment vorstellbar ist. Auf jeden Fall sollte das Warten können auch hier ein höchst produktives sein. Und kein ängstliches Aussitzen.

Vor 200 Jahren hat sich eine bewährte biblische Weisheit des Jesaja durchgesetzt: „Im Abwarten und Hoffen könnt ihr Stärke gewinnen!“ (Jesaja 30,15) Der Wahrheitsgehalt dieses Satzes lässt mich auch für die Zukunft hoffen.

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12JUL2021
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Da stoßen in meinem Arbeitszimmer schon zwei Welten aufeinander. Auf der einen Seite der Computer auf meinem Schreibtisch. Gegenüber auf einer Staffelei zwei Seiten einer alten deutschsprachigen Bibel. Wunderschön gestaltet. Mit Initialen. Mit einem farbigen Bild. Mit rankenden Blättern um den Text herum. Alles mit Blattgold verziert. Es sind die Kopien von zwei Seiten aus der sogenannten Wenzelsbibel. Sie ist für den böhmischen König Wenzel IV. um 1400 geschrieben und verziert worden.

In den letzten Monaten hat sie ein wenig Karriere gemacht. Ist Menschen ins Auge gesprungen. Sie steht etwas versetzt in meinem Arbeitszimmer in meinem Rücken. Bei jeder Video-Konferenz ist sie bestens zu erkennen für die Menschen, die sie auf ihrem Bildschirm hinter mir sehen können. Ganz häufig hat mich jemand gefragt, was da für ein schönes Kunstwerk hinter mir zu bestaunen ist. Zwei Seiten der Bibel, so schön, so liebevoll fürs Auge komponiert, dass sie Menschen ins Auge fallen.

Auch wenn’s die Bibel längst auch digital gibt oder als App auf dem Handy – für mich ist sie ein analoges Buch. Etwas zum Anfassen. Zum Blättern. Schön aufgemacht. Weil es in ihr auch um die Schönheit geht. Um die Schönheit der Erde. Um die Schönheit des Menschen. Auch um die Schönheit Gottes. In der Bibel wird diese Schönheit Gottes immer wieder betont. „Schön bist du, mein Gott, und prächtig geschmückt.“ (Psalm 104,1). Die alten Bibelhandschriften sollten in ihrer Pracht und mit ihren kunstfertigen Verzierungen etwas von dieser Schönheit Gottes abbilden.  Die Schönheit, die menschliche Kunst zustande bringt, die Schönheit des Menschen selber, ist deshalb eine Art Spiegel für die Schönheit Gottes.

Diese Botschaft sendet für mich auch diese alte Bibelhandschrift. Die, die sie übersetzt und ihren Text in schönen Buchstaben gemalt haben, sie haben sich diese Schönheit übrigens auch etwas kosten lassen. Sie haben Künstler damit beauftragt. Haben teures Blattgold für die Ausgestaltung verwendet. Sie wollten, dass Gottes Schönheit ins Auge sticht. Sogar in diesen Buchseiten. Die Reaktionen der Menschen, die mir im digitalen Treffen gegenübersitzen, beweisen: Der Plan der Menschen vor mehr als 600 Jahren ist aufgegangen. Ihre liebevolle Kunst erweist sich bis heute als Hinweis auf die Schönheit Gottes. Ich bin dankbar, immer wieder auf Spiegel dieser Schönheit zu stoßen.

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06APR2021
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„Die Knotenlöserin“ - eigentlich ist es ein Kinderbuch. Um eine geheimnisvolle Frau geht es, die sitzt einfach am Brunnen. Die, die zu ihr kommen, Menschen, Tiere, alles, was sich bewegen kann, bringen mit, was in ihrem Leben verschlungen und verknotet ist. Jeder dieser Knoten könnte  für etwas ganz Konkretes stehen: eine Beziehung, die nicht mehr so recht weitergeht, ganz gewöhnliche Alltagsprobleme, die Angst vor einer bösen Diagnose, die Trauer um den Menschen, der so unerwartet gestorben ist. Die Knotenlöserin löst die Knoten auf, ganz sorgfältig und behutsam. Und alle gehen irgendwie gelöst und beschwingt davon.

Eine österliche Geschichte, finde ich. Jesus, um den es an Ostern ja geht - er ist den Menschen auch einfach nah gewesen. Wo immer er Menschen begegnet, da heilt, da löst er, was sie einengt. Doch die, die ihre Herrschaft sichern möchten, wollen ihn zum Verstummen bringen. Und am Ende ins Grab. Aber zuletzt ist auch der Tod entknotet. Und der Stein vor seinem Grab weggeschoben. Die Frauen, die das Grab leer vorfinden, fürchten sich. Zusammen mit den Jüngern bringen sie sich hinter verschlossenen Türen in Sicherheit. Die Begegnung mit dem Auferstandenen ändert mit einem Mal alles. Ihre Angst löst sich. Sie spüren, dieser Tod war nicht das Ende, sondern ein neuer Anfang.

Selten habe ich die Sehnsucht, dass sich der Knoten, der das Leben derzeit engmacht, löst, so sehr gespürt wie in diesen Ostertagen. Die Hoffnung darauf, einander wieder näher zu kommen. Die Erwartung, dass die Impfung so etwas wie einen Schutzmantel über mein Leben legt.

In den biblischen Berichten, in denen der Auferstandene Jesus seinen Freundinnen und Freuden erscheint, grüßt er sie mit den Worten: „Friede sei mit euch!“ Das ist mehr als ein Wunsch. Das ist eine Zusage, wie wenn er sagen wollte: „Ich löse die Knoten eures Lebens. Ich bringe euch mit, was euch fehlt.“ Frieden, ja. Aber für uns heute auch die Kraft, gut und bewahrt durch diese Zeiten der Pandemie zu kommen.

So könnte Ostern in meinem Leben ganz schnell konkret werden. Als Hoffnungsgeschichte, die mich in diesen schwierigen Zeiten trägt. Die mich aushalten lässst, was eigentlich über alle Kräfte geht. Und die im Gruß des Auferstandenen, in seinem „Friede sei mit dir“ auf die Spur der Gewissheit stößt: Sogar mitten in der Pandemie kann es Ostern werden.

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Lena Raubaum, Clara Frühwirth, Die Knotenlöserin

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24FEB2021
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Manche Dinge im Leben kehren nach einem Jahr einfach wieder. Und sind dann doch anders als beim ersten Mal. Mit einem Kalender geht es mir derzeit so. Seit Jahren gib es dafür einen festen Platz. Normalerweise hängt da jedes Jahr ein neuer. Dieses Mal gab‘s irgendwie keine Gelegenheit, einen neuen zu kaufen. Stattdessen blättern wir den vom Vorjahr eben zum zweiten Mal um.

Die schöne Erfahrung ist: Die Bilder sind auch im zweiten Jahr lohnend. Und manches Detail sehe ich beim zweiten Blick noch einmal ganz anders.

Der zweite Blick auf die alten Bilder erinnert mich in diesen Tagen an eine andere, nicht so erfreuliche Wiederholung. Wie der Kalender geht auch die Pandemie in ihr zweites Jahr. Gerade in diesen Tagen geht meine Erinnerung häufig an das, was sich vor einem Jahr abgespielt hat. Das erste abgesagte Fest. Die ersten Toten in den Kliniken.

Das Virus ist nach wie vor nicht unter Kontrolle. Doch der diesjährige, der zweite Blick ist ein anderer – obwohl es dieselbe Geschichte ist. Nicht mehr die vage Hoffnung, die Pandemie möge irgendwie an ihr Ende kommen. Vielmehr die konkrete Hoffnung auf den Erfolg des Lockdowns und dann auch der Impfungen. Nicht mehr die bange Frage, ob denn Händewaschen und etwas Abstand ausreichen. Vielmehr ein Jahr voller Erfahrungen mit dem Verzicht auf vieles Vertraute. An Begegnungen denke ich, die ich vermisse. An abgesagte Urlaube. An Geburtstage, die nicht gefeiert werden konnten. Gottesdienste, die nur digital gefeiert werden konnten. Ich denke auch vertraute Menschen, die plötzlich „positiv“ gewesen sind. Ja, ich denke auch an Menschen, die Covid nicht überlebt haben. Jeden Abend zünde ich für sie und die vielen anderen eine Kerze an.

Geblieben ist für mich - trotz allem – die Hoffnung, dass es irgendwie weitergeht. Und dass in nicht allzuferner Zukunft doch auch wieder andere Tage kommen. Ein Satz aus dem Buch des Propheten Jeremia fällt mir dazu ein: „Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe“, lässt Gott da den Propheten wissen. Und der Satz geht weiter: „Es sind Gedanken des Friedens und nicht des Leides. Ich will, dass Ihr Zukunft und Hoffnung habt!“ (Jeremia 29,11)

Zukunft und Hoffnung! Daran möchte ich denken, wenn ich die alten Kalenderblätter umblättere. Und spüren, dass sie mir helfen, ganz fest auf eine neue Zeit zu hoffen.

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23FEB2021
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Mit vielen Veränderungen der letzten Monate komme ich sehr gut zurecht. Eine Situation gibt es allerdings, die fordert mich jedes Mal neu heraus. Ich treffe auf Menschen, einzelne oder mehrere – und ich weiß nicht, wie ich sie begrüßen soll. Natürlich, ich kann mit dem Kopf nicken. Ich kann mit den Augen signalisieren: Ich nehme dich wahr. Aber schon ein einfacher Handschlag oder gar eine Umarmung, das geht jetzt schon länger nicht mehr.

Gut, es gibt Alternativen. Der Ellbogencheck – er ist mir meistens doch etwas zu burschikos. Die leichte Verbeugung mit zusammengelegten, nach oben gerichteten Handflächen – das ist für mich eine eher ungewohnte, manchmal auch unbeholfene Geste.

Mir fehlt dieses vertraute Ritual. Eine Begrüßung vermittelt auch klare und wichtigen Botschaften. „Ich nutze meine Hand nicht als Waffe, sondern als Brücke zu deinem Herzen. Ich habe keine Angst vor dir. Ich habe vor, mit dir etwas gemeinsam zu unternehmen.“ Beim Grüßen gehe ich mit einem anderen Menschen eine Verbindung ein. Wenn wir uns die Hand geben. Wenn wir uns umarmen. Da spüren wir einander.

Jede Gemeinschaft entwickelt ihre eigenen Rituale, um zum Ausdruck zu bringen: Wir gehören zusammen. Die Art, wie Menschen einander begrüßen, gehört dazu. Die Christinnen und Christen aus der Anfangszeit der Kirche brachten mit einem sehr innigen Zeichen zum Ausdruck, dass sie zusammengehören. Das wissen wir aus einem Brief des Apostels Paulus. „Grüßt einander mit dem heiligen Kuss!“ schreibt der in einem seiner Briefe nach Korinth. An so etwas wie den heiligen Kuss oder an Wangenküsschen links und rechts ist derzeit überhaupt nicht zu denken. Sich zu begrüßen – das geht im Moment nur mit Abstand. Aber uns bleibt die Kraft der Worte. Auch Worte stiften Nähe. So wie beim „Sei gegrüßt, Maria!!“, mit dem der Engel Gabriel der Maria begegnet. Oder das „Friede sei mit euch!“, mit dem der Auferstandene im Kreise seiner Jünger erscheint.

Meine Worte sind dabei nicht auf das sehr formelle „Guten Tag“ oder das saloppe „Hallo“ begrenzt. Warum nicht auch: „Schön, dass du da bist!“ oder: „Ich freu mich, Dich zu sehen!“ Vielleicht auch wieder einmal ein „Grüß Gott!“ zu Beginn einer Begegnung. Und am Ende der Abschiedsgruß: „Behüt‘ dich Gott!“ Damit kann ich in diesen Zeiten kaum daneben liegen.

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22FEB2021
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Eng ist er derzeit – der Spielraum in meinem Leben. Vieles, was nicht geht. Vieles, was ich vermisse. Zuallererst viele Menschen, mit denen ich mich derzeit nicht treffen kann.

Eng war der Spielraum auch für Martin Luther geworden. 1522 war das. Ein Jahr lang war vieles nicht mehr gegangen. Der Landesherr hatte ihn versteckt. Auf der Wartburg. Da weitet Luther seinen Spielraum. Er musste ihn weiten. Wenn er den Blick nach Wittenberg gerichtet hat.

Dort drohte die Reformation aus den Fugen zu geraten. Einige Heißsporne unter den Reformwilligen schossen dort gewaltig übers Ziel hinaus. Und gefährdeten so den Erfolg der Reformbewegung. Da kehrt Martin Luther nach Wittenberg zurück. Es gelingt ihm, den Weg der Veränderungen wieder in ordentliche Bahnen zu lenken. Durch acht Predigen. Jeden Tag eine. „Ja, predigen will ich“, sagt er. „Aber niemanden mit Gewalt zwingen!“ Luther vertraut darauf, dass Worte Wirkung entfalten. Besser noch: Dass Gott sie Wirkung entfalten lässt. Derweil wollte er mit seinen Freuden ein gutes „wittenbergisch Bier“ trinken.

Davon spricht er in seiner Predigt am Montag nach dem Sonntag Invocavit. Der Montag nach dem Sonntag Invocavit ist heute auch wieder. Nur eben 499 Jahre später. Der Name des gestrigen Sonntags - Invocavit - ist der lateinischen Übersetzung eines Psalmverses entnommen. „Der Mensch hat gerufen“, heißt es da. „Und ich will ihn erhören.“ (Psalm 91,15) Es lohnt sich also, auf Gott zu setzen. Um Spielraum im Denken und Handeln zurückgewinnen.

Auf das gute „wittenbergisch Bier“ würde Luther heute womöglich verzichten. Und sich den unzähligen Menschen anschließen, die in den Wochen bis Ostern bei der Aktion „Sieben Wochen ohne“ mitmachen. „Spielraum!“ So lautet ihr Motto in diesem Jahr. Wie Luther damals brauche ich heute Spielraum. Auch wenn die Situation eine ganz andere ist. Spielraum für Gottes Wirken. Aber zugleich auch Spielraum für mich selber. Den kann ich finden, wenn ich für eine begrenzte Zeit auf etwas verzichte. Das ist in diesem Jahr noch einmal anders als sonst. Weil im Lockdown ohnehin Verzicht angesagt ist. Apropos Verzichten: Das könnte ich doch auch üben bei einigen meiner Klagen, wie schlimm die Verhältnisse derzeit doch sind. Das verschafft mir Spielraum. So wie sich Martin Luther das schon vor 499 Jahren vorgestellt hat.

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