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SWR2 Wort zum Sonntag

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Woche vom 29.04.2007 bis 05.05.2007


Auf Tuchfühlung mit Gott

Sonntag, 29. April 2007     [Druckversion]

Liebe Hörerinnen und Hörer,
„Auf Tuchfühlung mit Gott“ – das ist das Leitwort der 10. Heilig-Rock-Tage, des großen Trierer Bistumsfestes, das heute zu Ende geht. Tausende Pilgerinnen und Pilger sind in den letzten Tagen nach Trier gekommen, um einander zu begegnen und um Gott zu begegnen. Die Tunika Christi, die in Trier verehrt wird, bringt Menschen zueinander und zu Jesus Christus.
„Auf Tuchfühlung gehen“ – das klingt nach Intimität, Nähe, engster Berührung und Freundschaft. Wir lassen längst nicht jeden an uns ran, nicht von jedem ist uns eine Berührung angenehm. Näher als auf Tuchfühlung, können wir kaum gehen. Und auch das ist besonderen Momenten vorbehalten. Kleidung ist wie eine zweite Haut, sie schützt uns und über sie treten wir in Kontakt mit anderen, mit der Welt um uns herum.
Der Heilige Rock, das „letzte Hemd“, das die Soldaten Jesus vor der Kreuzigung vom Leib rissen, ist genau dies: das Zeichen einer unerhörten und fast unglaublichen Nähe Gottes zu den Menschen. Im Tod Jesu geht Gott bis zum Äußersten, um allen Menschen ganz nahe zu sein und sie so durch seine Hingabe in ein neues Leben zu führen. Gott ist Mensch geworden und in Christus für uns am Kreuz gestorben! Diese zentrale Botschaft des Evangeliums drückt sich auch darin aus, dass nichts Menschliches diesem Gott fremd ist, nicht die Windeln im Stall von Bethlehem, noch der blutbefleckte Rock, den er trug auf dem Weg zum Kreuz.
Allerdings hat diese Nähe auch etwas Erschreckendes und Verstörendes, warum? Gerade der Heilige Rock zeigt uns: Dass Gott auf Tuchfühlung mit uns gehen will, kostet ihn das Leben. Um uns wirklich ganz zu heilen, ja die Schöpfung zu erneuern, muss Gott in seinem Sohn alles geben. Der Heilige Rock weist darauf hin, dass sich die höchste Freiheit – und Gott ist die größte denkbare Freiheit –, in der Liebe vollenden muss und will, in der radikalen Hingabe am Kreuz. Die größte Freiheit ist: alles geben können.
So kommt uns Gott in diesem Gekreuzigten auf eine sehr bedrängende Weise nah. Es ist eine leidenschaftliche Liebe, die alles wagt, die jeden von uns meint und der wir deshalb nicht ausweichen können und dürfen. Wir bleiben unterhalb unserer Möglichkeiten, wenn wir diesen Gott, der uns in Jesus Christus so nahe sein will, aus unserem Leben ausklammern, seine Liebe im Grunde als lästige Aufdringlichkeit behandeln und unserer Wege gehen.
Wir können auf „Tuchfühlung“ mit dem geheimnisvollen Gott gehen, weil ER in Jesus auf „Tuchfühlung“ mit uns leben wollte und weiter lebt. Wir spüren aber auch: Diese gegenseitige „Tuchfühlung“ ist keine religiöse „Kuschelecke“, sie fordert uns ganz, sie prägt unser Leben, wir können nicht unbeteiligte Beobachter dabei sein, sondern sind eingeladen, Jesus Christus, selbst zu begegnen und ihn zu bezeugen. Deshalb gehört zum Beispiel zu unseren Heilig-Rock-Tagen auch immer das karitative und soziale Engagement. Wir haben in diesen Tagen neu aufmerksam gemacht auf das Problem der Arbeitslosigkeit. Die Aktion Arbeit des Bistums Trier kämpft weiter für die, die es besonders schwer haben auf dem Arbeitsmarkt. Solcher Einsatz gehört auch und wesentlich dazu, wenn wir auf Tuchfühlung gehen mit Gott.

„Auf Tuchfühlung mit Gott“ ist deshalb keine „religiöse Kuschelecke“, weil diese Einladung auch den Aufruf bedeutet, auf Tuchfühlung mit den Menschen zu gehen.

Die große Liebesgeschichte Gottes mit den Menschen hat zwei Seiten: sie ist ein Geschenk Gottes, das wir uns durch nichts erwerben können. Und sie verlangt unsere Antwort auf seine Liebe und seine Nähe. Auf Tuchfühlung mit Gott, das heißt: Mensch sein im Wissen darum, geliebt zu werden und selbst zu lieben. Wagen wir also das, was Gott schon lange mit uns gewagt hat: gehen wir auf Tuchfühlung mit IHM.

Ich wünsche Ihnen und allen die zu Ihnen gehören einen frohen und gesegneten Sonntag!