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Woche vom 31.08.2014 bis 06.09.2014




Kalle Grundmann

Von Kalle Grundmann, Koblenz, Katholische Kirche

Lebensraum Psalmen

Samstag, 06. September 2014     [Druckversion]

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.“ „Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen.“ Zwei Psalmen, sie stehen in der Bibel direkt hintereinander. Und doch: Größer könnte der Unterschied nicht sein. Auf der einen Seite tiefste Gottverlassenheit. „Mein Gott, ich rufe bei Tag, doch du gibst keine Antwort, ich rufe bei Nacht und finde doch keine Ruhe (Ps 22,3).“ Und auf der anderen Seite innigstes Gottvertrauen: „Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir…“ (Ps 23,4). So sind sie, die Psalmen. Sie decken das ganze Spektrum menschlicher Existenz ab. Es finden sich Psalmen zu jeder Lebenslage. Da wird sowohl über die Ungerechtigkeit in der Welt geklagt und über die Feinde geflucht, als auch die Schönheit der Schöpfung besungen und Gott als der Retter aus der Not gepriesen. Loben, danken, bitten, klagen, fluchen alles kommt vor in diesen 150 Gebeten. Seit Jahrtausenden werden sie von vielen Generationen auf der ganzen Welt immer wieder gebetet. 

Gestern wurde in der Koblenzer Citykirche eine Ausstellung eröffnet mit der Überschrift:  Lebensraum Psalmen. Im ersten Moment verwirrt dieser Titel. Mit Lebensraum verbindet man den Ort, an dem man lebt, aber auch die sozialen Kontakte, Interessen, und Gruppenzugehörigkeiten, die ein jeder von uns hat. Eben der Raum, in dem sich mein Leben abspielt. Und die Psalmen sind letztlich nichts anderes als eine Sammlung alter Gebete des Volkes Israel. Und die sollen Lebensraum sein? Für mich hier und heute?  Die Sprache und die Bilder der Psalmen sind meinem Leben heute durchaus fremd, sie stammen eben aus dem alten Israel. Aber die Lebenslagen, die Situationen und Stimmungen, in denen dort Menschen beten, sind mir sehr vertraut. Auch mir heute ist es oft zum Loben und Danken aber auch zum Fluchen und Klagen. Die Psalmen laden mich ein, dies auch zu tun und so meinem Leben Raum zu geben.

 

 

 

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Tag der Schöpfung

Freitag, 05. September 2014     [Druckversion]

„Gott, der Herr, nahm also den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, damit er ihn bebaue und hüte.“ (Gen 2,15). Dieser Satz steht in Stein gemeißelt im so genannten Paradiesgarten in Koblenz. Der Satz stammt aus der Bibel, aus den ersten Kapiteln, dort wo es um die Schöpfung geht. Gott, so wird da gesagt, setzt am Anfang der Welt den Menschen in einen Garten. In einem Garten gibt es Blumen, Obst, Gemüse, Kräuter. Alles, was der Mensch zum Leben braucht. Und der Garten Gottes für den Menschen ist schön. Eben der Garten Eden, das Paradies. Und diesen Garten soll der Mensch bebauen und hüten. So der Auftrag Gottes. Da steckt zweierlei drin. Zum einen das Bebauen: Der Mensch darf den Garten kultivieren. Rabatte und Wege anlegen, vielleicht auch einen Teich mit Springbrunnen und einen Gartenpavillon. Aber er darf das Hüten nicht vergessen. Er darf die natürlichen Grundlagen des Gartens nicht zerstören. Er muss Respekt haben vor den ewigen Kreisläufen der Natur. In unserer westlichen Zivilisation haben wir in den letzten Jahrhunderten das Bebauen sehr stark betont. So sehr, dass einige glaubten, sie dürften mit biblischer Begründung mit der Schöpfung machen, was sie wollten. Große Teile des Gartens wurden dadurch - und werden noch immer - zerstört. Heute müssen wir das Hüten, das Bewahren der Schöpfung betonen. Deshalb haben die Kirchen in ökumenischer Gemeinschaft den heutigen Tag, den ersten Freitag im September zum Schöpfungstag ausgerufen. Sie wollen daran erinnern: Die Welt ist die Schöpfung Gottes und man muss alles dafür tun, sie zu bewahren. Die Welt als Schöpfung Gottes zu sehen, viele tun sich heute damit schwer. Sie sprechen lieber von der Umwelt als von der Schöpfung. Aber egal, ob Umwelt- oder Schöpfungszerstörung, Hauptsache wir tun was dagegen. Im Koblenzer Paradiesgarten findet sich ein zweiter in Stein gemeißelter Satz. Er stammt von Erich Kästner: „Die Erde soll früher einmal ein Paradies gewesen sein, möglich ist alles. Die Erde könnte wieder ein Paradies werden. Alles ist möglich.“

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Mit Hirn, Herz und Humor

Donnerstag, 04. September 2014     [Druckversion]

Wir suchen Leute mit Hirn, Herz und Humor. So wirbt ein großer Wohlfahrtsverband um neue Pflegekräfte. Mit Hirn? Klar, wer andere pflegen soll, muss einiges wissen und können, sowohl im Medizinischen als auch im Pädagogischen. Er muss bereit sein, viel zu lernen. Mit Herz? Ja, auch das braucht man, gerade wenn man Kranke und Alte pflegt. Da kann man alle Prüfungen mit eins bestanden haben, ohne ein Herz für die Menschen, mit denen man es zu tun hat, ist man keine gute Pflegekraft. Mit Humor? Ehrlich gesagt – wenn schon alles mit „H“ anfangen soll in dem Werbespruch, hätte ich erwartet, dass dort stünde: Wir suchen Leute mit Hirn, Herz und Hand. Nach dem Motto: Pflegekräfte sollen gut anpacken können, denn einen Schwerkranken umzubetten und zu waschen, das erfordert auch Kraft.

Aber der Wohlfahrtsverband hat sich als drittes für Humor entschieden. Ich finde das gut. Humor hat bekanntlich derjenige, der in Güte über die Fehler der andern und über die eigenen Fehler lachen kann. Für Pflegekräfte ist das eine wichtige Eigenschaft. Da beschwert sich die eine, dass das Essen nicht schmeckt, der andere meckert, weil der Fernseher nicht funktioniert und eigentlich müssten Verbände gewechselt und Spritzen gesetzt werden. Eine Pflegekraft kann sich jetzt ärgern über die Unvernunft der Mitmenschen, sie kann sich aber auch mit Humor sagen: „Sie sind eben so!“ Wenn ihr das nicht gelingt, sie ausrastet und lautstark zum Ausdruck bringt, dass alle sie mal in Ruhe lassen können. Dann ist das, wenn sie noch einwenig Humor in der Reserve hat,  auch nicht schlimm. Mit dieser Humorreserve kann sie nämlich, wenn nach einigen Stunden der erste Ärger abgezogen ist, über sich selbst und ihr Ausrasten in Güte lächeln. Denn Humor bedeutet ernst machen mit dem Satz: Jeder Mensch macht Fehler, auch ich selbst.

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Guido Groß

Von Guido Groß, Koblenz, Katholische Kirche

Faire Bananen

Mittwoch, 03. September 2014     [Druckversion]

Es geht nicht um Gewinn, es geht um Solidarität. So funktioniert der Faire Handel. Seine Produkte kann man in den Weltläden in vielen deutschen Städten kaufen. Zum Beispiel Bananen. Meistens wachsen sie auf riesigen Plantagen. Auf ihnen schuften Menschen für Löhne, die oft nicht einmal zum Essen reichen. Im Fairen Handel ist das anders. Die Bananen kommen nicht von Plantagen, sondern von kleinen Feldern. Dort leben Kleinbauern mit ihren Familien. Die Löhne sind so, dass die Familien davon leben und die Kinder die Schule besuchen können. Im Fairen Handel hat das seit Jahrzehnten Tradition - konkrete Solidarität zwischen Menschen hier in Deutschland und in den Ländern des Südens. Eine Solidarität, die auch dramatische Situationen übersteht. So wie vor zwei Jahren. Eine Bananenlieferung der Kleinbauern kam in Deutschland an und musste komplett vernichtet werden. Der Grund: Spuren eines Pestizids waren festgestellt worden. Der Grenzwert war leicht überschritten. Nicht gesundheitsschädlich, aber die Bananen durften nicht mehr verkauft werden. Ein Verlust von 260.000 Euro. Normalerweise ein Verlust für die Bauern. Die waren zwar nicht schuld an der Sache. Aber wenn die Ware nicht in Ordnung ist und nicht verkauft werden kann, gibt es kein Geld. Für das Fairhandelsunternehmen Banafair kam das überhaupt nicht in Frage. Banafair startete einen Aufruf: Leute, wir haben ein Riesenproblem. Eine Bananenlieferung kann nicht verkauft werden. Aber wir wollen die Kleinbauern nicht auf dem Schaden sitzen lassen. Wir brauchen dringend Eure Unterstützung! Und das Unglaubliche geschah: Weltläden und Privatpersonen in ganz Deutschland gaben Geld – die einen als Darlehen, die anderen als Spende. Innerhalb weniger Wochen kam fast die gesamte Summe zusammen - ein toller Akt der Solidarität!

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Lust auf Neues

Dienstag, 02. September 2014     [Druckversion]

„Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“ Das ist eine alte Gärtnerweisheit. Für den Hirnforscher Gerald Hüther ist es das passende Bild, um deutlich zu machen: Kinder haben heute zuviel Leistungsdruck. Und dieser Druck bringt gar nichts. Im Gegenteil, sagt der Wissenschaftler. Der Druck nimmt den Kindern die Lust zu lernen. Bei neugeborenen Kindern ist das noch ganz anders. Sie haben einen Riesenspaß, etwas zu lernen. Sie sind neugierig auf alles Neue, sie gehen auf Entdeckungsreisen. Nie wieder ist ein Mensch so entdeckerfreundlich wie am Anfang seines Lebens. Doch diese Lust und Begeisterung auf Neues wird vielen Kindern im Laufe ihres Lebens ausgetrieben. Weil sie ständig das Gefühl haben, nicht gut genug zu sein. Weil sie unter dem Dauerdruck stehen, immer besser werden zu müssen. Das treibt den Kindern die Freude am Lernen aus. Für Gerald Hüther ein Unding. Es kommt nicht darauf an, Kindern immer schneller immer mehr Wissen beizubringen. Viel wichtiger ist, dass sich Kinder die Freude am Entdecken erhalten. Dafür aber muss man Kindern Zeit lassen. Zeit, zu wachsen und sich zu entwickeln. Man muss ihnen Freiräume geben, die sie selbst gestalten können. In der Schule, aber auch außerhalb der Schule. Ich meine: Das gilt für Kinder, und es gilt auch für Erwachsene. In meiner Arbeit als Hochschulseelsorger begegnen mir Studierende, die das Studium so schnell und so erfolgreich wie möglich abschließen wollen. Manche setzen sich dabei gewaltig unter Druck. Sie verlieren die Lust am Studieren. Ihnen sage ich dann: Macht euch nicht verrückt. Lasst euch Zeit. Versucht zu entdecken, was für euch und euer Leben wichtig ist. Nutzt das Studium auch, um auf Entdeckungsreisen zu gehen. Denn nur wer sich nicht zu sehr unter Druck setzt, erhält sich die Lust, Neues zu lernen.

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Wir vergeben!

Montag, 01. September 2014     [Druckversion]

Heute vor genau 75 Jahren begann der Zweite Weltkrieg. Am Morgen des 1. September 1939 fielen deutsche Truppen in Polen ein. Für Polen war dieser Krieg eine Katastrophe. Denn es war nicht nur ein Krieg zwischen Armeen. Das polnische Volk sollte vernichtet werden. Frauen, Männer und Kinder wurden aus ihren Häusern gezerrt und zur Zwangsarbeit gezwungen. Andere wurden einfach erschossen. Etwa sechs Millionen Polen wurden ermordet. Wer als Pole den Krieg überlebte, war traumatisiert. Mit den Deutschen wollten die Polen danach nie mehr etwas zu tun haben. Doch auch die Deutschen waren nach 1945 nicht gut auf die Polen zu sprechen. Viele verloren ihre Heimat, weil Deutschland nach dem Krieg Gebiete an Polen abtreten musste. Die Verbitterung auf beiden Seiten war riesengroß. Aber kann man Nachbarn sein, mit Hass und Groll im Herzen? Auf Dauer geht das nicht. Die katholischen Bischöfe in Polen sahen das als erste ein. Sie sagten sich: Die Wunden sind zwar noch lange nicht verheilt. Aber wir müssen aufeinander zugehen. Wir, Deutsche und Polen, müssen wieder miteinander reden! Viele von uns sind doch Christen! In diesem Sinne schrieben die polnischen Bischöfe im November 1965 einen Brief an die deutschen Bischöfe: Darin hieß es: „Wir vergeben und bitten um Vergebung.“ Dieser Satz stieß damals auf heftige Kritik im eigenen Land. Viele Polen sahen keinen Grund, die Hand zur Versöhnung auszustrecken. Die kommunistische Regierung nutzte den Brief, um die Bischöfe als Verräter an der polnischen Sache zu beschimpfen. Doch die Bischöfe blieben standhaft. Die Zeit gab ihnen Recht. Jahre später beriefen sich Politiker auf beiden Seiten auf diesen Brief. Heute ist es normal, dass sich Polen und Deutsche wieder vertrauensvoll und freundschaftlich begegnen. Das zeigt: Versöhnung ist möglich. Es muss nur jemand den Schritt tun, die Mauer der Verbitterung zu überwinden.

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In guten und in bösen Zeiten

Sonntag, 31. August 2014     [Druckversion]

„Ich habe mit den Menschen die guten Zeiten geteilt. Nun teile ich auch den Schmerz mit ihnen.“ Das sagte der niederländische Jesuitenpater Franz van der Lugt. Über 35 Jahre lang lebte er in Syrien. In guten und in bösen Zeiten stand er den Menschen bei. Vor einigen Monaten wurde er von einem Fanatiker ermordet. Pater Franz lebte in der Stadt Homs. In dieser Stadt waren  die Proteste gegen Präsident Assad im Jahr 2011 besonders heftig. Homs verwandelte sich immer mehr in eine Hölle auf Erden. Zuerst wurden friedliche Demonstranten erschossen. Danach gab es blutige Kämpfe, Rebellen eroberten Teile der Stadt. Die Armee Assads schlug brutal zurück. Artilleriebeschuss legte ganze Stadtteile in Trümmer. Die Menschen in Homs lebten in ständiger Angst. Ganz dramatisch wurde es, als die Stadt monatelang abgeriegelt war. Es gab immer weniger zu essen. Viele der Einwohner wurden verrückt vor Hunger. Vor einigen Monaten gab es durch Vermittlung der UN die Möglichkeit, die Stadt zu verlassen. Viele nutzten die Gelegenheit, zu gehen. Franz van der Lugt blieb. Solange es Menschen gab, denen er beistehen konnte, egal, ob Christen oder Muslime, wollte er bei ihnen bleiben. So organisierte er weiter Lebensmittel für die hungernde Bevölkerung. Er appellierte an die Regierung und die Rebellen, zusammen zu arbeiten und eine politische Lösung zu finden. Er machte die Welt über Videobotschaften auf die verzweifelte Lage der Menschen in Homs aufmerksam. Bis ihn am 7. April ein Unbekannter niederschoss. So, als wollte der Mörder damit sagen: Es darf nicht sein, dass jemand in einer Welt von Krieg und Gewalt menschlich handelt. Doch was Pater Franz getan hat, wird bleiben. Die Menschen, denen er geholfen hat, werden seine Hilfe nie vergessen. Und alle, die von seinem Tun erfahren haben, können sehen: Selbst da, wo Gewalt herrscht, ist es möglich, menschlich zu handeln.

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