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Sabine Drecoll

Von Sabine Drecoll, Lichtenstein, Evangelische Kirche

Wundersames Bauwerk

Donnerstag, 25. August 2016     [Druckversion]

Ich habe Ihnen für heute Morgen eine Geschichte mitgebracht. Mal sehen, ob Sie darauf kommen, wovon da die Rede ist.

Einmal kam ein Millionär zu einem Architekten: “Bauen sie mir das höchste Haus der Welt“, sagte er. “Geld spielt keine Rolle.“  Der Architekt nickte und sagte erfreut: “Gerne – ich stehe ganz zu ihrer Verfügung!“

Dann erklärte der Millionär dem Architekten seine Wünsche: “Das Haus soll aussehen wie ein hoher, schlanker Turm.“ “Kein Problem!“, antwortete der Architekt.

“Es soll mindestens eintausendfünfhundert Meter hoch sein.“ „Das lässt sich gut machen!“, sagte der Architekt. “Und innen in dem Hochhaus möchte ich Aufzüge haben und alle notwendigen Versorgungsleitungen und Verbindungsgänge.“ “In Ordnung“, sagte der Architekt schon etwas kleinlauter. “Das Haus darf aber nur einen Durchmesser von vier Metern haben!“ Der Architekt notierte das stumm. “Und die Wände dürfen höchstens einen halben Meter dick sein.“ Der Architekt schluckte. Aber die Sonderwünsche des Millionärs waren noch nicht zu Ende: “Mein Hochhaus soll elastisch sein und sich im Wind biegen können“, sagte er. „Und oben in der obersten Etage möchte ich eine Fabrik, die für die Energieversorgung des gesamten Hauses ausreicht.“ Der Architekt wurde blass und lehnte den Auftrag ab.

Die Geschichte vom Millionär und seinem Architekten ist natürlich erfunden – aber so einen Turm, der vierhundert Mal höher ist als sein Durchmesser, den gibt es wirklich. Und das nicht nur als ein­maliges Weltwunder, sondern millionenfach – und wahrscheinlich sogar ganz in Ihrer Nach­barschaft. Auf unseren Feldern!

Ein Getreidehalm ist so ein wunderbarer Turm. Die Wand eines Weizen- oder Roggenhalms ist nur einen halben Millimeter dick, sein Durchmesser beträgt vier Millimeter, seine Höhe rund tausendfünfhundert Millimeter. Der Getreidehalm ist also tatsächlich vierhundert Mal höher als sein Durchmesser. Und trotz seiner Größe steht er aufrecht und biegt sich elastisch im Wind. Und in seinem Inneren gibt es tatsächlich ein Kraftwerk, das fortwährend Wasser, Energie und Nährstoffe transportiert, damit der Getreidehalm ganz oben in der Ähre die Körner produzieren kann.

 „Wie wunderbar sind deine Werke, Gott!“ staunt ein Mensch in den Psalmen der Bibel.
Ich finde: Allein ein Blick auf einen Getreidehalm gibt ihm Recht.

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Die richtige Seite

Mittwoch, 24. August 2016     [Druckversion]

Wie kann man sicher sein, dass man bei Gott auf der richtigen Seite ist? Ein Bild aus dem 19. Jahrhundert hat dazu eine interessante Meinung. Vielleicht kennen Sie es  – es heißt „Der breite und der schmale Weg“ und ist in einigen Heimatmuseen in Württemberg zu sehen.[1] Im Internet können Sie es auch anschauen. Ich versuche, es Ihnen mit Worten zu beschreiben.

Auf einem offenen Tor steht groß „Willkommen“. Dahinter beginnt ein breiter Weg, an seinem Rand ein Theater und ein Pavillon, in dem Menschen miteinander feiern und trinken, eine Spiel­hölle und ein Pfandleihhaus. Viele Menschen sind auf dem Weg unterwegs: Friedliche Spazier­gänger, aber auch raufende Kinder sind zu sehen, ein Mord. Der Weg endet in einem Szenario von Krieg, zerstörten Gebäuden und einem Flammeninferno.

Auf der rechten oberen Seite des Bildes sieht es friedlicher aus. Da leuchtet ein Gottesauge neben einer Stadt – dem himmlischen Jerusalem. Zu diesem Ort führt nur ein schmaler Pfad, gesäumt von steilen Abhängen. An seinem Anfang: eine Kirche.

Auch auf dem schmalen Weg sind Menschen unterwegs, aber nur wenige. Kein Wunder: das Eingangstor ist nur schwer zu erkennen. Genau wie die beiden Wegweiser, die auf die Tore zeigen: „Tod und Verderben“ steht auf dem einen, „ewiges Leben“ auf dem anderen.

Wie kann man sicher sein, dass man bei Gott auf der richtigen Seite ist? Das Bild sagt: wenn du den richtigen Weg nimmst und allem Falschen ausweichst, dann kommst Du bei Gott an.

Aber geht das wirklich? Allem Falschen auszuweichen? Mir gelingt das, ehrlich gesagt, nicht. Dann wäre ich also auf dem breiten Weg unterwegs, der ins Unglück führt, denn eine Abzweigung auf den schmalen Weg gibt es auf dem Bild nicht.

Zum Glück zeichnet der Apostel Paulus ein anderes Bild von meinem Weg zu Gott. Paulus sagt: Kein Mensch ist immer auf dem richtigen Weg unterwegs, so sehr er sich auch bemühen mag. Aber Gott lässt ihn trotzdem nicht fallen. Er geht auch die falschen Wege mit. Und er baut für jeden Menschen immer wieder neue Wege, die direkt zu ihm führen.

Ich glaube: auf dem Bild, das Paulus zeichnen würde, gäbe es mehr Wege als nur zwei. Da gäbe es breite Wege und schmale, gerade Wege und Wege mit Verzweigungen und manche Baustelle. Aber keine einzige Einbahnstraße und keine Sackgassen.

Und ein Gottesauge, das über dem ganzen Bild steht: als Überschrift für meinem Weg mit Gott. Denn Gott hat mir versprochen: auch wenn ich mich verirre – zu ihm darf ich immer zurückkehren.



[1] Das Bild wurde von Charlotte Reihlen, der Gründerin der Stuttgarter Diakonissenanstalt, entworfen, 1867 von Conrad Schacher 1867 als Lithographie und war im 19. Jahrhundert in Württemberg stark verbreitet. Vgl. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Der_breite_und_der_schmale_Weg_Lithographie_im_Rahmen.jpg

 

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Gegen Sklaverei

Dienstag, 23. August 2016     [Druckversion]

„Sklaverei“ – das Wort erinnert an vergangene Zeiten. An wehmütige Schwarze auf den Baum­wollfeldern in Amerika und ihre Gesänge. Aber Sklaven gibt es auch heute noch!

Ntumbu aus dem Kongo war einer von ihnen. Mit 10 wurde er entführt und als Zwangsarbeiter an eine Erzmine verkauft. Fünf Jahre hat Ntumbu dort geschuftet. Eine Wahl hatte er nicht. Für den Minenbesitzer war er nur eine Maschine, die funktionieren musste.

Eine Studie sagt: Zur Zeit werden 45 Millionen Menschen als Sklaven missbraucht, als Kindersol­daten oder als Zwangsarbeiter in Bordellen, auf Baumwollfeldern oder in Minen. In über 160 Län­dern auf der Welt. Mehr als die Hälfte von ihnen in Indien, China, Bangladesch oder Usbekistan.[1]

Heute wird weltweit an den Sklavenhandel und die Abschaffung der Sklaverei erinnert. Und ich finde: es ist wichtig, dass wir uns erinnern. Denn abgeschafft ist die Sklaverei noch lange nicht.

Aber kann man als Otto-Normal-Verbraucher überhaupt etwas dagegen tun? Das, was in diesen fernen Ländern passiert, hat doch gar nichts mit mir zu tun!

Hatte ich gedacht! Aber ein Selbsttest im Internet hat mich eines Besseren belehrt.[2]  Mit wenigen Klicks konnte ich da mein Einkaufsverhalten eintragen: esse ich häufig Fleisch, wie viele Handys besitze ich, wie viele Kleidungsstücke hängen in meinem Schrank? Und das Ergebnis: Von den 45 Millionen Sklaven auf der Welt arbeiten 35-70 für mich. Wer weiß, wie viele für Sie arbeiten…?

Sklaverei hat etwas mit mir zu tun, hat mir der Test gezeigt. Ich bin ein kleines Rad in der Kette, die von Sklaverei profitiert. Denn Usbekistan ist weit, aber die Baumwolle für die T-Shirts meiner Kinder ist vielleicht genau da geerntet worden – von Kindersklaven. Das Erz Coltan, ohne das mein Handy nicht funktioniert, haben Sklaven im Kongo abgebaut. Und mein Kaffee wurde womöglich von Zwangsarbeitern an der Elfenbeinküste gesammelt.

Das Internetportal zur Sklavenarbeit will mir keine Schuldgefühle machen. Es will etwas tun gegen Sklaverei. Es will Unternehmen dazu verpflichten, ihre Waren in menschenwürdigen Abläufen herzustellen. Und es möchte mich dazu bewegen, lieber weniger zu kaufen, aber dafür T-Shirts und Kaffee und andere Dinge, an deren Herstellung keine Sklaven beteiligt sind.

Ntumbu ist es vor einem Jahr gelungen, zu fliehen. Er ist jetzt in einem Lager in Uganda. Aber sein größter Wunsch ist es, in sein Heimatland zurückkehren zu dürfen und dort selbstbestimmt zu leben und zu arbeiten. Und ich kann etwas dafür tun, dass sein Traum wahr wird – und Sie auch!



[1] Aktuelle Zahlen im "Global Slavery Index" 2015 der australischen Stiftung "Walk Free"; vgl. www.walkfree.org.

[2]Selbsttest „How many slaverys work for you?“ unter slaveryfootprint.org

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Ein unmöglicher Garten

Montag, 22. August 2016     [Druckversion]

„Pflanze einen unmöglichen Garten!“ Dieser Satz stammt von Josef  Beuys. Ich habe erst vor kurzem erfahren, dass Beuys nicht nur Künstler gewesen ist, sondern auch Philosoph. Er hat eine „Anleitung zum guten Leben“ geschrieben. Und aus dieser Anleitung stammt der Satz: „Pflanze einen unmöglichen Garten!“

Einen unmöglichen Garten pflanzen muss ich gar nicht. Unser Garten kommt mir sowieso schon unmöglich vor. Das Gras müsste längst gemäht werden und das Unkraut wuchert vor sich hin. Aber was ist eigentlich ein unmöglicher Garten? Wo Unkraut nicht sein darf und Blumen nur geordnet wachsen? In unserem Garten wächst nichts geordnet und doch gedeiht alles wunderbar. Insekten summen um die ungespritzten Pflanzen. Und unsere Katze findet es toll!

Wahrscheinlich finden andere meinen Garten unmöglich. Aber vielleicht ist ja gerade das Unmög­liche spannend und wundervoll. Etwas, das meinen Garten unverwechselbar macht. Meinen Gar­ten rund ums Haus und meinen Lebensgarten. Denn für den hat Joseph Beuys ja seine „Anleitung zum guten Leben“ geschrieben. Und da stehen noch andere interessante Tipps drin: Zum Beispiel: „Lade jemanden Gefährlichen zum Tee ein.“

Vielleicht würde es mir tatsächlich gut tun, mal einen Gefährlichen zum Tee einzuladen. Nicht einen Kriminellen, den meint Beuys, glaube ich, nicht. Aber einen, der anders denkt und lebt als ich, einer, der mein Denken und meine Lebensart in Frage stellt. Mit so einem Menschen könnte eine Begegnung spannend sein. Jesus hat sich ja auch mit vielen ‚gefährlichen‘ Leuten an den Tisch gesetzt: mit Zöllner und Sündern und Außenseitern. Und das war nur ein kleines von vielen Zeichen, mit denen Jesus sich in den Augen von anderen unmöglich verhalten hat. Aber genau damit hat er „ja“ gesagt: zum Leben und zu den Menschen.

Ich denke: Jesus hätte die „Anleitung zum guten Leben“ von Josef Beuys sehr gefallen. Denn sie enthält eine Menge „Unmögliches“, das auch Jesus unterschreiben würde. Vielleicht sollte ich tatsächlich ein paar von den Tipps beherzigen und damit einen Lebensgarten anlegen, in dem Unmög­liches möglich wird. Ganz im Sinne von Jesus – und von Josef Beuys:

Lass dich fallen,
Träume wilde fantasievolle Träume.
Kichere mit Kindern, höre alten Leuten zu.
Preise dich selbst.
Öffne dich.
Schreibe Liebesbriefe ...

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen eine schöne Woche, in der Unmögliches möglich wird!

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