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Andreas Föhl

Von Andreas Föhl, Bad Dürrheim, Evangelische Kirche

Normale Schwächen

Donnerstag, 28. Juli 2016     [Druckversion]

Es gibt Krankheiten und psychische Störungen, von denen hatte man früher keine Ahnung. Bei Erwachsenen zum Beispiel das Burnout-Syndrom. Oder bei Kindern ADHS. Ich kann mich nicht erinnern, dass in meiner Kindheit und Jugendzeit ein Erwachsener ein Burnout hatte oder ein Mitschüler ADHS. Es scheint, dass es diese Störungen damals gar nicht gegeben hat.

Aber das stimmt nicht. Ein Psychologe hat einmal gesagt: Das Burnout-Syndrom ist nichts Neues. Man hat es früher nur anders genannt: Statt von Burnout hat man von Erschöpfung geredet. – Ich denke mit ADHS ist es ähnlich: Hibbelige Kinder, die sich schlecht konzentrieren können, hat es früher auch gegeben. Aber man hat das nicht als Krankheit gesehen.

Warum wird das, was man früher für eine Schwäche gehalten hat, heute als Krankheit bezeichnet? Ich denke, ein Grund ist: Nur wer krank ist, dem erlaubt man heute, sich um seine Schwächen zu kümmern. Wer sagt: „Ich bin total erschöpft“, der bekommt zu hören: „Reiß dich zusammen!“. Wer dagegen eine ärztliche Diagnose vorzeigen kann, dem gesteht man zu, auf seinen Schwächen Rücksicht zu nehmen.

Und es gibt noch einen Grund: Schwächen werden immer weniger akzeptiert. Schwächen haben im normalen Leben nichts verloren. Normal sein heißt stark, leistungsfähig und angepasst sein. Und wer das nicht ist, der ist halt krank. Dahinter steckt ein Bild vom Menschen, das mir nicht gefällt. Es sagt: Menschen haben normalerweise keine Schwächen. Und wenn sie welche haben, dann stimmt mit ihnen etwas nicht. Dann sind sie krank. So möchte ich die anderen nicht sehen. Und so möchte ich mich auch selbst nicht sehen.

In der Bibel lese ich etwas ganz anders: Der Mensch ist von Gott stark geschaffen worden. Fast schon göttlich, heißt es da, mit einer besonderen Ehre und Würde (Psalm 8). Aber gleichzeitig betont die Bibel auch die Schwäche des Menschen. „Wie Gras“ sei der Mensch, wie eine Blume auf der Wiese, die vom Winde hin und her geweht wird (Psalm 103). Beides gehört zum Leben eines Menschen: stark sein, aber auch schwach sein.

Es scheint sogar, dass Gott eine Schwäche für die Schwächen der Menschen hat. In der Bibel hat Gott für die ganz großen Aufgaben oft Menschen mit einem Symptom ausgewählt. Mose etwa konnte schlecht reden. Manche vermuten: Er hatte einen Sprachfehler. Und Paulus hatte mit chronischen Schmerzen zu kämpfen. Schwächen gehören zum Leben dazu. Der Psychotherapeut und Philosoph Erich Fromm hat sogar einmal gesagt: „Die kränksten Menschen sind die normalsten, glücklich, wer ein Symptom hat“.

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Dankbarkeit

Mittwoch, 27. Juli 2016     [Druckversion]

Dankbarkeit macht frei. Jedenfalls war das bei dem Fußballspieler Daniel Didavi so. Er war der beste Torschütze des VfB Stuttgart in der letzten Saison. In einem Interview hat er von seiner schweren Verletzung erzählt, die er sich vor einigen Jahren zugezogen hat. Zwei Jahre am Stück war er verletzt. Und es war nicht sicher, ob er überhaupt jemals wieder Fußball spielen kann.

Das war für den Fußballprofi eine harte Zeit. Er erzählt, dass er in dieser Zeit sehr mit seinem Schicksal gehadert hat. Das hat sich dann aber durch eine Reise geändert. Er ist nach Afrika geflogen, und hat Benin besucht, das Heimatland seines Vaters. Was Daniel Didavi dort tief beeindruckt hat, war die Lebensfreude der Menschen trotz ihrer Armut. Hier in Deutschland, sagt er, „siehst du viele traurige Gesichter, dich lächelt selten jemand an“. Ganz anders in Afrika: „Die Menschen haben dort fast nichts, aber ich habe nie jemanden weinen sehen. Ich habe nur lachende Gesichter gesehen“.

Diese Erfahrung hat die Sicht auf sein eigenes Leben verändert. Daniel Didavi hat einen Blickwechsel geschafft. Er hat wegschauen können von seiner Verletzung. Und er hat auf das sehen können, was es trotz der Verletzung an Gutem in seinem Leben gibt.

Während seiner Verletzungspause hat Didavi auch viel in der Bibel gelesen. Besonders die Geschichten von Jesus im neuen Testament haben ihm geholfen. Die haben ihm Kraft gegeben, sagt der Fußballer im Rückblick. Wie Jesus sich um die Menschen gekümmert hat, was er auf sich genommen hat, um anderen zu helfen – das hat Didavi gezeigt, dass Fußball nicht alles im Leben ist.

Inzwischen spielt er wieder, demnächst für den VFL Wolfsburg. Und er macht das besser als je zuvor. Früher, erzählt er, hat er ganz stark den Druck gespürt gut zu sein. Nach der langen Verletzungszeit denkt er darüber anders: „Ich habe das Privileg, Fußballer zu sein, und das ist nur etwas Schönes“. Daniel Didavi ist dankbar, wieder auf dem Platz zu stehen. Und diese Dankbarkeit lässt ihn befreit aufspielen und jedes Spiel genießen.

Seit seiner Verletzung hat Didavi in seiner Sporttasche übrigens immer eine Bibel mit dabei. Ich denke, das passt: Glaube und Dankbarkeit gehören zusammen. Eine Grundeinsicht des Glaubens lautet: Ich habe mir manches erarbeitet. Aber das allermeiste habe ich von Gott geschenkt bekommen. Und er schenkt es mir jeden Tag neu.

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Warten

Dienstag, 26. Juli 2016     [Druckversion]

Warten lohnt sich. Das denke ich jedes Mal, wenn ich auf der Terrasse sitze und unser Pfirsichbäumchen anschaue. Das bekommt dieses Jahr nämlich zum ersten Mal Früchte. Vor sechs Jahren habe ich einen Pfirsichkern in einen Blumentopf mit Erde gesteckt. Zwei Jahre lang hat sich nichts getan. Ich wollte den Topf schon für etwas anderes benutzen. Aber dann war plötzlich doch ein winziges Hälmchen zu sehen. Und jetzt trägt der kleine Baum seine ersten Pfirsiche. Das Warten hat sich gelohnt.

Warten können und geduldig sein lohnt sich. Aber nicht nur, wenn man bekommt, worauf man wartet. Forscher haben herausgefunden: Menschen, die geduldig auf etwas warten können, leben besser. Sie können besser mit anderen Menschen umgehen, sind erfolgreicher im Beruf und gesünder. Geduldige treiben mehr Sport und rauchen und trinken weniger als ungeduldige Menschen.

Und wie wird man geduldig? Wie lernt man, zu warten? Eine große Rolle spielt das Elternhaus, sagen die Forscher. Ein Kind muss sich auf seine Umgebung verlassen können. Wenn ein Kind nicht Angst haben muss, dass morgen alles anders ist, dann lernt es, zu warten. Genauso brauchen auch Erwachsene ein verlässliches Gegenüber, um warten zu können.

Geduld hat also etwas mit Vertrauen zu tun. Ich brauche jemanden, auf den ich mich verlassen kann. Deshalb überrascht es mich nicht, dass es in der Bibel viele Geschichten über das Warten gibt. Denn Glauben heißt ja: Gott vertrauen, sich auf ihn verlassen. Es gibt viele Wartende in der Bibel. Da sind zum Beispiel Abraham und Sarah, die viele Jahre lang warten müssen, bis sie endlich ein Kind bekommen. Oder Jakob, der 14 Jahre geduldig sein muss, bis er seine geliebte Rahel heiraten kann. Sie alle konnten warten, weil sie Gott vertraut haben. Das ist ihnen nicht leicht gefallen. Das Warten war lang und zermürbend. Manchmal haben sie auch versucht, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Aber sie haben sich doch immer wieder darauf verlassen, dass es Gott gut mit ihnen meint und es am Ende auch gut mit ihnen macht.

Von den Menschen aus der Bibel kann ich Vertrauen und Geduld lernen. – Jetzt im Sommer sitze ich oft ganz früh am Morgen auf der Terrasse und lese einen kurzen Abschnitt in der Bibel. Heute etwa vom Propheten Jesaja, der sich ganz sicher war: „Gott hilft mir, deshalb werde ich nicht zuschanden“ (Jesaja 50,7). Und dabei schaue ich auf mein Pfirsichbäumchen. Bei ihm ist mir das Warten zwar nicht besonders schwer gefallen. Aber es erinnert mich daran, dass Warten sich lohnt.

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Misstrauische Meisen

Montag, 25. Juli 2016     [Druckversion]

Meisen sind misstrauische Tiere. Jedenfalls das Pärchen, das bei uns im Nistkasten unterm Terrassendach gebrütet hat. Immer, wenn jemand auf der Terrasse saß, ging das gleiche Drama los. Die Meisen haben sich nicht herangetraut. Schimpfend haben sie in sicherem Abstand auf dem Gartenzaun gesessen. Danach ging es ganz zögernd aufs Garagendach, dann noch etwas näher auf den Dachbalken, und zuletzt wie der Blitz in den Nistkasten.

Ich glaube: So wie es den Meisen mit uns gegangen ist, so geht es manchen Menschen mit Gott. Sie bleiben lieber auf Sicherheitsabstand, wollen lieber nicht so viel mit ihm zu tun haben. Und wenn es sich nicht vermeiden lässt, bei einer Hochzeit oder an Weihnachten, dann sind sie danach ganz schnell wieder weg.

Das Verhalten unserer Meisen fand ich zuerst völlig daneben. Schließlich habe ich den Nistkasten angeschraubt. Meine Frau hat die Meisenknödel aufgehängt. Und keiner von uns käme jemals auf die Idee, den Meisen etwas Böses zu tun. Warum vertrauen sie uns nicht? – Wahrscheinlich deshalb, weil sie tatsächlich oft in Lebensgefahr sind. Katzen, Krähen, Marder, das alles gibt es in unserer Gegend. Misstrauen und Vorsicht sind für die Meisen und ihren Nachwuchs überlebenswichtig. Und woher sollen sie wissen, dass wir es gut mit ihnen meinen?

Vielleicht ist das auch der Grund, warum sich viele Menschen von Gott und der Kirche fern halten. Sie haben vielleicht Angst davor, finanziell abgezockt zu werden. Andere befürchten, sie müssten ihren Verstand abschalten, wenn sie sich näher mit Gott beschäftigen. Und sicher gibt es auch manche, die irgendwann in ihrem Leben schlechte Erfahrung gemacht haben, mit einem Pfarrer oder mit einem anderen gläubigen Menschen. Und seitdem sind sie vorsichtig.

Inzwischen sind die Meisen samt Nachwuchs weg aus unserem Garten. Und sie sind bis zum Schluss misstrauisch geblieben. Ich hätte wohl selbst eine Meise sein müssen, um ihnen zu zeigen: Diese Menschen meinen es gut mit euch und verdienen eigentlich euer Vertrauen.

Meise werden. Werden, wie die, die einem nicht vertrauen. – Gott hat das ja tatsächlich gemacht. Um den Menschen zu zeigen, dass er es gut mit ihnen meint, ist er Mensch geworden. In Jesus Christus. Jesus hat den Menschen gezeigt, wie Gott es mit ihnen meint. Wer wissen will, wie Gott ist, der sollte sich anschauen, wie Jesus mit den Menschen umgegangen ist: Jesus hat niemanden verurteilt. Viele sind bei ihm ihre Lasten losgeworden. Und vielen hat er neuen Mut für ihr Leben gegeben. So ist Gott. – Ich finde das ziemlich vertrauenswürdig.

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