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Lucie Panzer

Von Lucie Panzer, Stuttgart, Evangelische Kirche

Zuversicht

Mittwoch, 29. Juni 2016     [Druckversion]

Welche Geschichten kann man Kindern erzählen? Manche sagen, Märchen seien nicht geeignet: Ein kleines Mädchen wird vom Wolf gefressen, das Schneewittchen von der Stiefmutter mit einem Apfel vergiftet, ein tapferes Schneiderlein erschlägt zwei Riesen…unmöglich! Ja, und biblische Geschichten gehen gar nicht: David erschlägt Goliath, ein Reiterheer ertrinkt im Roten Meer, Jesus stirbt am Kreuz. Das ist alles viel zu grausam für Kinder, sagen viele. Was passiert in den Köpfen der Kinder, wenn wir ihnen solche Geschichten zumuten? Was für ein Bild von der Welt kriegen Kinder durch solche Geschichten?

Ich fürchte bloß: Unsere Welt konfrontiert die Kinder jeden Tag mit noch viel grausameren Geschichten. Die Bilder von Verbrechen, von Kriegen und Katastrophen sind allgegenwärtig. Man kann Kinder spätestens ab dem Grundschulalter nicht dagegen abschirmen. In Zeitungen und Zeitschriften, im Fernsehen, im Internet, in den Gesprächen mit anderen Kindern steht ihnen die Wirklichkeit vor Augen.

Deshalb brauchen sie Geschichten, die ihnen helfen, die komplizierten und schlimmen Ereignisse und Bilder zu verarbeiten. Märchen zum Beispiel, die ihnen sagen: Es gibt schlimme Situationen – aber am Ende wird es doch gut. Solche Geschichten sind ehrlich und machen trotzdem Zuversicht.

Erst recht brauchen Kinder die Geschichten der Bibel, glaube ich. Die sind zum Teil grausam, so wie die Wirklichkeit auch manchmal grausam ist. Aber die Kinder hören: Gott hilft dem kleinen David tapfer gegen den schlimmen Riesen zu kämpfen. Und David gewinnt! Ich meine, so eine Geschichte hilft, wenn man sich klein fühlt. Oder die Geschichten, die von Jesus erzählt werden: Er bleibt ruhig und besonnen, wenn es stürmisch wird und die Wellen hoch schlagen. Er kann helfen, stürmische Zeiten durchzustehen. Er isst und trinkt mit denen, die kein anderer leiden mag. Aber Kinder erfahren auch: Die Menschen waren ungerecht und grausam. Auch Jesus konnte sich am Ende nicht dagegen wehren. Manchmal ist die Welt so – leider. Aber Gott hat ihn nicht im Stich gelassen. Obwohl nicht einmal Jesus selbst gespürt hat, dass Gott immer bei ihm war. So schlimm kann einen das Leben manchmal treffen.

Aber am Ende ist Jesus auferstanden. Und Gott hat gezeigt: Er lässt keinen allein, der schlimm dran ist. Auch wenn man eine Weile nichts vom ihm spürt. Er ist da. Und hält mit denen aus, die in Not sind.
Ich glaube, solche Geschichten brauchen Kinder, damit sie stark werden – und der Wirklichkeit zuversichtlich begegnen können.

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Einfach zu viel

Dienstag, 28. Juni 2016     [Druckversion]

Sophie Trudeau kriegts nicht hin. Die Frau des kanadischen Premierministers hat drei schulpflichtige Kinder und jetzt hat sie in einem Interview geklagt, dass ständig Anfragen kommen: Sie soll Reden halten, Schirmherrin sein für Wohlfahrtsorganisationen, Botschafterin für gute Zwecke. Sie habe zwar ein Kindermädchen und auch eine Assistentin. Aber wenn sie wirklich für ihre Kinder da sein will, dann ist ihr das zu viel. Sie fühlt sich überfordert.

Jetzt ist ein shitstorm über sie hereingebrochen. Sie soll sich nicht so anstellen, heißt es, und dass sie eine jämmerliche Versagerin sei, die Hilfe sucht.

Natürlich – im Vergleich zu anderen Müttern, die ganz ohne Hilfe Beruf und Familie vereinbaren müssen, geht es ihr gut. Aber ihr Fall macht klar, warum so viele Frauen und sicher auch Männer gar nicht wagen, sich öffentlich zu beklagen. Wer will schon als jämmerlicher Versager verurteilt werden?

Ich frage mich: Wer gibt den Empörten im Netz das Recht, zu beurteilen, was Frauen und Männer schaffen müssen? Ob die, die da so hämisch twittern und posten noch nie an einer Aufgabe gescheitert sind? Ob ihnen noch nie etwas zu viel war? Ist es ein Wunder, wenn viele meinen, sie müssten einfach alles allein schaffen und dann irgendwann fix und fertig sind? Warum gehen wir so gnadenlos mit denen um, die zugeben, dass sie sich überfordert fühlen?

Manchmal denke ich, es liegt an der weit verbreiteten Gottlosigkeit. Viele glauben nicht mehr an Gott. Aber wer Gott nicht braucht, der muss alles selber auf die Reihe kriegen. Und vor allem: Wer Gott nicht braucht, der macht sich leicht selbst zum Richter über andere.

Ich glaube, dass nur Gott Menschen beurteilen kann. Er ist der Richter über seine Geschöpfe. Und wenn ich Jesus richtig verstanden habe, dann ist er verständnisvoll und barmherzig und vergibt Fehler. Gott beurteilt die Menschen nicht danach, was sie geleistet haben. Dass sie das glauben und ihm vertrauen, dass ist wichtig. Denn dann können Menschen tun, was sie können – und können auch sagen: das schaffe ich nicht. Das ist mir zu viel. Ich brauche Hilfe. Und trotzdem aufrecht und frei leben.

Offensichtlich war das den Menschen schon immer ein Problem. Es ist leichter, andere als Versager zu verurteilen als sich zu überlegen, wie man helfen kann. Deshalb werden schon in der Bibel die ersten Christen ermahnt: „Seid gütig und barmherzig zueinander. Vergebt einander, wie Gott euch durch Christus vergeben hat“ (Eph 4, 32)

Ich glaube, so könnten wir besser miteinander leben, weil: Wenn mir alles zu viel wird – dann kann ich das sagen und finde Verständnis.

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Welt-Anschauung

Montag, 27. Juni 2016     [Druckversion]

„Ich habe Gottes Hilfe erfahren … und bin sein Zeuge“ (Apg 26, 22) Das hat der Apostel Paulus gesagt, als er wegen seines Glaubens vor Gericht stand. Ich finde das erstaunlich. Sein Leben war nicht immer einfach gewesen. Er hatte erlebt, wie alles zusammengebrochen ist, woran er geglaubt hat. Er hat neue Erfahrungen gemacht und neu nachgedacht. Aus dem Christenverfolger ist der Apostel der Völker geworden. Er hat in vielen Städten und Dörfern von Gott erzählt, der in Jesus Christus sein Gesicht gezeigt hat. Paulus hat damit Menschen überzeugt. In vielen Orten sind christliche Gemeinden entstanden. Aber er ist auch verfolgt worden, eingesperrt, gefoltert und vertrieben.

Und dann steht Paulus  da und sagt: „Gottes Hilfe habe ich erfahren!“ Er redet nicht von der vielen Arbeit, die er investiert hat, nicht von seinen Sorgen, nicht von überstandenen Gefahren. Auch nicht von dem Gerichtsverfahren, in dem er mitten drin steckt.

Mir fällt es oft schwer, von Gottes Hilfe zu reden. Sogar, wenn etwas gelungen und gut gegangen ist. Das ist ja eine Glaubensfrage und andere könnten es bestreiten. „Glück gehabt“ würden sie sagen oder „Schöner Zufall“. Vielleicht auch: „Na, das hast du auch wirklich verdient“, wenn ich hart gearbeitet und Erfolg gehabt habe. Aber Gottes Hilfe? Ist es nicht meine Privatsache, wie ich das sehe?

„Gottes Hilfe habe ich erfahren“ das war für Paulus die Grunderfahrung seines Lebens. So vermittelt er seine Welt-Anschauung. So sieht er die Welt. Andere sehen das vielleicht anders. Aber er, Paulus, gibt so weiter, was sein Leben trägt und ihm Mut macht auch für die Zukunft.

Ich finde, so sollten alle Christen ihre Welt-Anschauung weiter geben. Welt-Anschauung – man könnte auch sagen: was sie glauben. Worauf sie sich verlassen.

Ich meine: Für Gottes Hilfe kann jeder von uns Zeuge sein. Dazu muss man kein Amt haben wie Paulus. Dazu muss man nicht Pfarrerin sein wie ich. Ich bin sicher, jeder Christ und jede Christin könnte da Geschichten erzählen. Nicht nur an schönen Tagen.

Ist das nicht überzeugender, als wenn ich von Gott immer nur in Sätzen rede, die anfangen: „Du sollst…“ oder „Du musst…“ oder „Du darfst nicht“…? Ich denke an meine Kinder und Enkel. Das sollen sie mitnehmen für ihr Leben: Unsere Mutter und Oma hat uns erzählt, wie sie Gottes Hilfe erfahren hat. Vielleicht färbt das dann auch ihre Welt-Anschauung und macht ihre Tage heller und wärmer. Weil ihnen die Augen aufgehen: Was für ein Glück ich doch habe. Gottes Hilfe habe ich erfahren.

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Zeugenaussagen

Sonntag, 26. Juni 2016     [Druckversion]

„Nur aus der Schrift“ kann man von Gott erfahren. Das war eines der Grundprinzipien der Reformation. Nur die Schrift, die Bibel also redet zuverlässig von Gott. Darauf hat Martin Luther sich berufen, als er vor dem Kaiser und den Mächtigen des Deutschen Reiches seine neue Lehre verteidigt hat. „Wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift überwunden werde…“ hat er damals gesagt.

Nicht also die Lehren der Theologen, nicht die Geschichten und Legenden von Heiligen und auch nicht die wundersamen Eingebungen mystisch veranlagter Menschen – nur die Bibel kann Auskunft geben, wer Gott ist.

Aber ist das nicht starr und leblos, so ein Buchstabenglaube? Später haben sich die Menschen Bibelstellen um die Ohren geschlagen und jeder hat auf seiner beharrt und glaubte sich im Recht. Kein Wunder, dass viele bis heute genug haben von solchen Rechthabern und ihrer Bibel.

Aber genau das ist die Bibel ja nun eben nicht: Ein Buch für Rechthaber, wo man einfach nachschlagen muss und dann die ewig richtige Auskunft bekommt. Die Bibel ist ein Buch mit lauter Zeugenaussagen. Menschen haben aufgeschrieben, was sie von Gott und über Gott erfahren haben. Und wenn man die Bibel befragt, dann ist das wie bei Gericht: Man hört von den Zeugen verschiedene Beobachtungen und Sichtweisen und Deutungen des Geschehens. Dazwischen muss man die Wahrheit suchen. Und im Zusammenspiel der verschiedenen Aussagen kommt zutage, was die Wahrheit ist. Kein Zeuge und kein Zeugnis hat für sich allein die ganze Wahrheit. Wer genau beobachtet hat, kennt vielleicht die Vorgeschichte nicht. Und wer die Vorgeschichte kennt, der weiß nicht, was am Ende daraus geworden und was passiert ist.

So bietet die Bibel mit ihren 66 Büchern mehr als ein Jahrtausend Erfahrungen mit Gott in menschlichen Zeugnissen. Abraham, der seine Heimat verlassen hat, ein ganzes Volk, dass unterdrückt war und frei geworden ist, Propheten, die im Namen Gottes unmenschliche Zustände kritisiert haben, Jesus, der von sich gesagt hat: „Wer mich sieht, sieht den Vater“ – das alles sind Erfahrungen, von denen Menschen erzählt haben. Andere haben das aufgeschrieben und oft schon dazu gegeben, was es für ihr Leben bedeutet. Und viele, die die Erfahrungen der Bibel gelesen haben, haben ihr eigenes Leben und ihre eigenen Erfahrungen wieder erkannt.

Und jetzt kann ich diese verschiedene Zeugen befragen und meine Erfahrungen dazu legen. Und nach der Wahrheit fragen. Mit den Widersprüchen der unterschiedlichen Zeugenaussagen muss ich leben. Und die Wahrheit suchen. Am besten im Gespräch mit anderen. Was wahr ist, findet man, wenn man verschiedene Aussagen miteinander vergleicht. Und dann irgendwann kann ich vielleicht sagen: Das ist wahr. Das glaube ich.

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