
Von Eva-Maria Kleisz, Horb, Katholische Kirche
Liebe deinen Körper
Donnerstag, 09. September 2010
Gesund sein, fit sein, schön sein. Sich wohl fühlen, auf die Ernährung achten, sich bewegen. Es gibt heute erstaunlich viele Möglichkeiten, bewusst und aufmerksam mit seinem Körper umzugehen. Ob deshalb mehr Menschen mit ihrem Körper zufrieden sind, ist die Frage. Die vielen Angebote legen einem geradezu nahe, dass man immer noch etwas verbessern und verschönern kann. Ernährungskunde, Fitnessstudios, Diäten aller Art, Schönheitsoperationen, Naturheilprodukte, Bodybuilding, Yoga, QuiGong, Wellnessmassagen und und und.
Seitdem ich aufmerksam dafür geworden bin, fällt mir auf, wie viel Werbung sich im Grunde auf das große Thema „Körper" bezieht.
Nicht nur wer krank ist oder mit einer anderen körperlichen Einschränkung zurechtkommen muss - nein, jeder hat eine eigene Beziehung zu seinem Körper. Ist mehr oder weniger einverstanden damit wie er aussieht. Unsere Gesellschaft macht es keinem damit wirklich leicht. Die Vorgaben für das, was schön und attraktiv ist, sind wenig großzügig. Ich selbst gehöre zu denen, die immer irgendwie mit ihrem Gewicht beschäftigt sind. Deshalb geht mir nach, was vor kurzem eine Ärztin zu mir gesagt hat: „Nehmen Sie Ihren Körper an wie er ist, lieben sie ihn. Es ist ihr Körper. Nur dann kann sich wirklich etwas verändern."
Diese Aufgabe ist keine einfach. Ich übe täglich.
„Liebe Gott und liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Die Kurzfassung dessen, was Christsein ausmacht, ist das Fundament, wenn ich bete:
„Lebendiger Gott, du willst, dass ich lebe. Mein Körper ist voller Wunder. Jeden Augenblick trägt er mich. Das Blut fließt in meinen Adern, mein Herz schlägt, ich atme. Es ist faszinierend mir vorzustellen, wie dieses komplizierte System meiner Organe und meines Kreislaufs pausenlos arbeitet. Ich danke dir dafür. Hilf mir achtsam und liebevoll mit meinem Körper umzugehen. Hilf mir ihn freundlich anzunehmen wie er ist. Hilf mir mich von fremden Schönheitsidealen zu distanzieren und mich zu freuen an meiner eigenen, ganz originellen Schönheit. Hilf mir mit dieser Freundlichkeit und Liebe auch andere Menschen anzusehen und in ihnen das Bild deiner reichen, vielfältigen Schöpfung zu erkennen."
Selbstverliebtheit ist nicht Selbstliebe
Mittwoch, 08. September 2010
Man könnte meinen, dass es heute nicht mehr der Rede wert ist, über die Liebe zu sich selbst nachzudenken. Selbstbewusstsein, Selbstsicherheit und Selbstwert sind in unserer Gesellschaft Schlüsselwörter. Eltern achten darauf im Umgang mit ihren Kindern. Erzieherinnen und Lehrer sind verpflichtet, Kinder und Jugendliche so zu begleiten, dass sie sich als selbstbewusste und selbstsichere Menschen entwickeln können. Das ist gut so. Denn Selbstliebe, so haben wir es gelernt, ist wichtig für unsere seelische Gesundheit und für das soziale Miteinander. Nur wer sich selbst akzeptiert und annimmt, kann auch andere Menschen annehmen und akzeptieren. So übersetzen wir heute was Christsein ausmacht. „Liebe Gott und liebe deinen Nächsten wie dich selbst" ist die biblische Kurzfassung.
Gleichzeitig wächst die Zahl rücksichtsloser Menschen, die schamlos egoistisch sind und für die scheinbar niemand wichtiger ist als sie selbst. Immer mehr Menschen werden selbstbezogen und verwöhnt erlebt. Unfähig, sich in andere einzufühlen und abhängig davon, stets bewundert und gelobt zu werden. Narzissmus ist das Fachwort dafür. Ganz aktuell beschäftigt sich damit eine Zeitschrift1 in der Ausgabe für den September unter der Überschrift: „Ich! Ich! Ich! Warum es immer mehr Narzissten gibt." Ich lese dort, dass in unserer Zeit narzisstisches Verhalten fast unvermeidlich ist. Dass Narzissten in der Wirtschaft gefragt sind, leichter zu Führungspositionen aufsteigen und berühmt werden. Tatsächlich kommt die Bezeichnung vom Narzissmus ursprünglich aus der griechischen Mythologie. Narziss, der schöne Jüngling, ist so selbstverliebt, dass er alle Verehrerinnen herzlos zurückweist. Im Mythos wird er dafür bestraft. In unserer Gesellschaft werden selbstbezogene und rücksichtslose Menschen scheinbar erst einmal belohnt. Wie es ihnen wirklich geht, ist die Frage. Psychologen sind sich einig, dass der moderne Narzissmus mehr mit Selbsthass zu tun hat als mit Selbstliebe. In sich selbst verliebt zu sein ist nicht das gleiche wie sich selbst zu lieben.
Menschen, die sich selbst lieben, können Schwächen zugeben und nachsichtig sein mit den Schwächen von anderen. Sie anerkennen ihre eigenen Grenzen und deshalb auch die Grenzen anderer. Sie freuen sich über ihre Fähigkeiten und Begabungen und über die ihrer Mitmenschen, die vielleicht ganz anders sind.
Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst
Dienstag, 07. September 2010
Ich wünsche Ihnen einen guten Morgen. „Liebe Gott mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele. Und liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Das ist kurz zusammengefasst das, was Christsein ausmacht: Gott lieben, seinen Nächsten lieben und sich selbst lieben. Um die Liebe zu Gott einzuüben und zu pflegen, haben wir Christen die Bibel, den Gottesdienst und das Gebet. Beispiele für Nächstenliebe gibt es beeindruckend viele von einzelnen ohne dass darüber gesprochen wird. Als sichtbaren Ort für die Nächstenliebe gibt es in den beiden großen christlichen Kirchen die Caritas und die Diakonie.
Ein beträchtlicher Teil der Kirchensteuern wird eingesetzt für soziale Einrichtungen: Altenpflegeheime und Kindergärten, Einrichtungen für behinderte Menschen und für Kranke, allein erziehende Mütter und Arbeitslose. Für manche ist das soziale Engagement von Caritas und Diakonie entscheidend dafür, dass sie Mitglied der Kirche bleiben.
Wenn es um die Liebe zu Gott und um die Nächstenliebe geht ist also klar wann und wo sie gelebt und gepflegt werden können.
Anders ist das mit der Selbstliebe. Das ist jedem selbst überlassen. Man könnte fast meinen, dass man sich darum gar nicht besonders bemühen muss. Und dass dies selbstverständlich ist oder jedenfalls die einfachste Übung wenn es um Liebe geht. Mir ist erst als Erwachsene bewusst geworden, dass es dieses Gebot zur Selbstliebe überhaupt gibt. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst". Bis vor einigen Jahren habe ich in diesem Satz ausschließlich die Aufforderung gehört, meinen Nächsten zu lieben. Seitdem habe ich oft erlebt, wie wenig selbstverständlich es ist, sich selbst zu lieben. Ich erinnere mich an eine ältere Frau, die unglücklich ist, weil sie das Gefühl hat, in ihrem Leben alles falsch gemacht zu haben. Ein Mann Mitte 40 fällt mir ein, der sich vorwirft, dass er nie den richtigen Beruf für sich gefunden hat. Oder eine junge Frau, die ihren Körper hasst und schon mit Anfang 20 mehrere Diäten erfolglos hinter sich hat.
Mit sich selbst einverstanden zu sein, ja, sich zu lieben, mit der eigenen Lebensgeschichte, den verpassten Chancen, mit seinem Körper, den eigenen Ecken und Kanten, das ist manchmal ein ziemlich steiniger Weg. Es beschäftigt mich, welchen ausdrücklichen Ort es dafür in der Kirche geben könnte.
Von Gott sprechen
Montag, 06. September 2010
Immer wieder werde ich gefragt, warum ich in religiösen Sendungen nicht jedes Mal ausdrücklich von Gott und Jesus spreche. Manche finden genau das gut. Andere ärgern sich darüber oder werfen mir vor, dass ich nicht direkter zum Glauben an Gott und Jesus Christus einlade. Es beschäftigt mich, wenn mir deshalb jemand schreibt. Vor kurzem hat sich zu diesem Thema unverhofft ein Gespräch ergeben. Bei einem Fest bin ich mit Menschen an einem Tisch gesessen, die ich nicht kannte. Wir haben uns gegenseitig vorgestellt und darüber gesprochen, wer was arbeitet. Wie so oft, wenn ich erzähle, dass ich katholische Theologie studiert habe, war das Anlass über religiöse Fragen zu reden. Wozu brauchen wir Gott? Ist er nur eine Vorstellung von uns Menschen? Wie können wir ihn erkennen? Ist die Kirche wichtig, wenn wir Gott erfahren wollen? Sehr persönlich berichteten zwei Frauen von ihrer Suche nach Gott und welche Texte ihnen dazu wichtig sind. Mir selbst ist irgendwann aufgefallen, dass ich vor allem zugehört habe. Bis ich plötzlich gefragt wurde, was ich als Theologin dazu sage. Ich war überrascht, dass ich zuerst gar nicht wusste, was ich antworten sollte. Das kenne ich nicht von mir. Ich musste die Worte suchen. Schließlich habe ich gesagt: Ich habe als Theologin so viel von Gott gesprochen. Und ich habe in schwierigen, bedrohlichen Lebenssituationen erlebt, wie wenig ich ihm vertraue. Das Reden von Gott kann so leer sein, dass ich vorsichtig geworden bin. Nahe gekommen ist mir Gott, wenn ich menschlichen Menschen begegnet bin. Achtsamen und liebenden Menschen, durch die ich glauben konnte, was ich in der Bibel von Gott und Jesus Christus gelesen habe. Heute ist mir Gott näher als jemals vorher aber ich spreche weniger darüber. Dass er in allem da ist, erfahre ich oft überraschend ohne es erklären zu können.
Es ist keine Frage: das Reden von Gott ist wichtig und bekennende Worte von gläubigen Menschen sind unverzichtbar. Vielleicht kann seine Gegenwart manchmal auch in Worten und Geschichten durchscheinen ohne dass er jedes Mal ausdrücklich beim Namen genannt wird.



