Manuskripte

SWR1 Sonntagmorgen Begegnungen

Aktuelle Woche   Archiv

Woche vom 12.04.2009 bis 18.04.2009




Pfarrerin Annette Bassler trifft Eckhart von Hirschhausen, Arzt und Kabarettist

Montag, 13. April 2009     [Druckversion]




Ostern- das ist die Zeit zum Lachen. Lachen über Tod und Teufel, lachen wohl über alle Welt.
Und genau das hat er sich zu seinem Beruf gemacht. Der Arzt, Zauberer und Kabarettist und Bestsellerautor Eckart von Hirschhausen.
Gut protestantisch erzogen und mit vielen Pfarrern in der Verwandtschaft kennt er sich natürlich aus in Sachen Christentum und Ostern. Und hier sein erster Rat:

Ich finde, auch den Ostermontag sollten wir uns Zeit nehmen, mal darüber nachzudenken, worum es uns geht? Und wir kommen aus Staub und wir werden zu Staub, deshalb meinen die meisten Menschen, es muss im Leben darum gehen, viel Staub aufzuwirbeln. Und alle Religion der Welt sind sich einig: darum geht’s nicht!

Teil 1- Der Arzt, der (ver)zaubert

Er kommt spät und ein wenig außer Atem, Jeans und Sweat-shirt, den rechten Arm in der Schlinge. Jaja, man sollte nicht Fahrrad fahren und telefonieren gleichzeitig! sagt er und lacht. Der Herr Doktor. Lustig sieht er aus, der berühmte ehemalige Clownsdoktor, auch ohne rote Clownsnase. Sein Humor ist auf solidem religiösem Fundament gewachsen.

Ich bin schwer religiös erzogen worden, protestantisch, meine Vorfahren waren Pfarrer im Baltikum in Estland und mein Vater ist der erste in einer langen Reihe, der kein Pfarrer wurde, meine Schwester ist Religionslehrerin geworden, meine Cousine ist Pfarrerin. Ich selber hab auch mal damit geliebäugelt, Theologie zu studieren, hab dann aber Medizin gemacht,

weil er dachte, als Arzt, das ist doch so ein Halbgott in weiß, da kann man die Leute nicht nur trösten, sondern auch wissenschaftlich über ihren Gesundheitszustand aufklären. Sein fulminanter Erfolg heute als Bühnenkabarettist und Buchautor kam jedoch nicht über Nacht. Sondern ist wie die Ernte nach langer intensiver Arbeit. Denn der deutsche Meister der Zauberei hat schon als Kind gezaubert. Und mit dem Humor war es genauso.

Ich hab als Kind schon angefangen, Witze zu sammeln und glaube auch, dass viele Witze in ihrem Kern auch spirituelle Botschaften enthalten. Es ist kein Zufall, dass alle großen religiösen Traditionen Humor verwenden, um Ideen rüberzubringen, und hauptsächlich die Idee, dass das Leben paradox ist.

Leben ist paradox, also widersprüchlich. Und das heißt ja: wir kriegen das mit unserem Verstand und logischen Denken nie auf die Reihe, was so passiert.

Es gibt nur drei Zustände in unserem Kopf, die Widersprüchlichkeiten auszuhalten. Das eine ist der Traum, wo viele Sachen gleichzeitig wahr sein können, das zweite ist die Psychose, wo die Leute nicht mehr zwischen den verschiedenen Realitäten unterscheiden und das Dritte ist das Lachen. Und da sag ich als Arzt: Lachen ist die beste Medizin, Humor hilft heilen.

Womit wir beim Osterlachen wären. Ein Brauch, der leider ein wenig in Vergessenheit geraten ist. Früher gab es an Ostern das Ritual, im Gottesdienst zu lachen. Warum an Ostern lachen? Na klar, weil lachen bedeutet: man wechselt die Perspektive. Schaut die Dinge mit den Augen eines Anderen an.

Perspektive wechseln kann man gut illustrieren mit „ dass Angeln entspannt, sieht der Wurm auch anders“ d.h. man muss einfach nur mal gucken, wie kann man die gleiche Situation aus einer anderen Sicht erzählen.

Das Leiden Jesu und unser Leiden- an Ostern betrachten wir es aus der Perspektive Gottes. Mit mehr Abstand und vom Ende her. Und von Gott her gesehen ist das Leiden nicht das Ende, sondern Durchgang zu neuem Leben. Und das gibt Gelassenheit für den Alltag.

Ich habe natürlich als Komiker relativ saloppen Umgang mit höheren Weisheiten, zum Beispiel sag ich immer: shit happens, mal bist du die Taube, mal bist du das Denkmal. Warum es das Böse in der Welt geben muss, das weiß Gott oder weiß der Geier und ich hoffe, das sind zwei verschiedene Instanzen.

Teil 2: Glücksbringer
Glück kann man lernen, das ist die Botschaft in seinem neuen Buch. Humor und Mitmenschlichkeit sind nicht angeboren, die muss man trainieren.
Aber ich gestehe ihm gleich. Ich mag keine Glücksratgeber und schon gar nicht verordnete Fröhlichkeit.
Also frage ich Eckhart von Hirschhausen: wie denn seine Anleitung zum Glück aussehen würde bei denen, denen es gar nicht gut geht. Die arbeitslos geworden sind, die in Scheidung leben oder die gar um ihr Kind trauern. Da wird er nachdenklich, redet zuerst mal sachlich als Arzt und Wissenschaftler.

Aus der Erforschung von seelischen Verletzungen gibt es tatsächlich ein paar tröstliche Botschaften. Die erste heißt: die allermeisten Menschen kommen damit langfristig zurecht, werden sogar, auch wenn es einem absurd erscheint, gestärkt daraus herausgehen.

Und dann lädt er ein, für einen Moment eine andere Perspektive einzunehmen. Wie ist das, wenn jemand einen Knacks hat, eine Lebenswunde, mit der er zeitlebens umzugehen hat? So ein Knacks ist eine bleibende Quelle von Trauer und Schmerz. So ein Knacks ist aber auch der Anfang einer wunderbaren Verwandlung.

Wenn man selber einen Knacks hat, hilft einem dieser Knacks auf eine Art und Weise, mit anderen Menschen sanfter umzugehen. Also grade so dieses Gefühl, mir kann so was nicht passieren und jemand, der am Boden ist, der hat es selber verdient, dass ich sozusagen schnell über andere auch richte, das ist nach so einem Trauma nicht mehr möglich und das öffnet einem auf eine Art und Weise für eine tiefere Beziehung zu Anderen.

Und dann geht er noch einen Schritt weiter. Wie der Apostel Paulus wirbt er dafür, die Vorstellung von einem perfekten und unbeschädigten Leben aufzugeben. Nicht nur, weil es eine Illusion ist. Auch weil so ein Bruch die Fülle des Menschseins erst sichtbar macht.

Wir brauchen einen Knacks in unserer Perfektion, wir brauchen einen Bruch, durch den Licht hereinkommt und durch den wir auch sichtbarer werden für Andere. Und ich glaub dass das letzten Endes auch langfristig eine Stärke geben kann, die einem hilft, weiter zu leben.

Ob er selber auch so einen Knacks hat? Frag ich.

Na klar, wenn ich nicht so einen Knacks hätte, würde ich nicht auf die Bühne gehen, sondern in einem Reihenhaus ein glückliches und bescheidenes Dasein führen!

Na wenn das so ist, dann geben Sie uns doch bitte noch einen Ratschlag, Herr Doktor!

Machen Sie heute noch einen roten Kringel um die Menschen in Ihrem Adressbuch, mit denen Sie lachen, weinen und schweigen können. Machen Sie heute noch jemand anders glücklich, denn das ist der sicherste Weg, selber glücklich zu werden.
Lache und die Welt lacht mit dir, schnarche, und du schläfst allein.
Heute ist der Tag fürs Osterlachen!
Per E-Mail empfehlen


Dr. Thomas Weißer trifft Pater Hermann Bickel

Sonntag, 12. April 2009     [Druckversion]




Teil 1 Zauberei und Frohe Botschaft

Hermann Bickel ist ein Unikum, einzigartig in Deutschland. Denn Bickel ist Ordenspriester, Steyler Missionar, und zugleich ein renommierter Zauberer. Ein Mann, der also von Berufswegen Glauben und Zauberei zusammenbringt. Und dabei macht er überraschende Erfahrungen:

Ich kann selber die Frohe Botschaft an Leute herantragen, die mit Kirche nichts mehr am Hut haben. Die sagen: Moment, das ist ja ein Schwarzer und dann macht der so was. Und dann redet der manchmal auch noch recht selbstkritisch über sich selber. Humor ist, wenn man über sich selber lacht.

»Schimmel« nennt er sich, wenn er zaubert. Im bürgerlichen Leben heißt er Hermann Bickel, aber so bürgerlich ist sein Leben gar nicht. Denn der Zauberer Schimmel ist Priester, Mitglied der Ordensgemeinschaft der Steyler Missionare. Zauberer und Priester, eine ungewöhnliche Kombination. Ungewöhnlich auch sein Zauberhaus in St. Augustin zwischen Siegburg und Bonn. Die Farbe ist alles andere als dezent. Noch bevor ich Pater Bickel, den Zauberpater, sehe, leuchtet mir sein Haus entgegen. Ein schreiendes Orange hat er sich als Fassadenfarbe ausgesucht. Und er ist tatsächlich auch ein bunter Vogel. Vor dem Haus zaubert er gerade zwei Mitbrüdern aus Südkorea etwas vor. Die beiden biegen sich vor Lachen. Bickel begleitet seinen Seiltrick mit englischen-deutschen Kommentaren, wechselt zwischen den Sprachen und verwirrt die beiden dadurch nur noch mehr. Ich erlebe mit eigenen Augen, was Zaubern für den Zauberpater heißt:

Freude zu machen, es ist Unterhaltungstäuschungskunst. Das Wort ist im Deutschen zu lang. Magic, im Englischen, da weiß jeder, wo er dran ist. Im Deutschen Magie und Zaubern, da denken einige und verwechseln das mit der schwarzen Magie, nein, ich mach die bunte Magie: bunt, lustig, fröhlich.

Hört sich gut an, denke ich. Gerade weil der weißhaarige Zauberer mit den wachen Augen auch seinen Glauben so sieht.

Es geht darum, den Leuten klar zu machen: Wir haben eine Frohbotschaft. Wir sehen ja manchmal aus, als hätten wir Essig geschluckt. Und Jesus sagt: Ihr seid das Salz der Erde, das macht schmackhaft.

So wünschen sich viele den Glauben: schmackhaft und leicht. Ich auch. Aber leider lässt sich auch das Gegenteil erleben. Kirche und Glaube sind oft genug schwere Kost. Traurige Gesänge, unverständliche Texte – und Witze werden auch nur selten im Gottesdienst erzählt. Trotzdem, Bickel betont:

Jesus war selber eigentlich ein Harlekin, ein Narr. Er zieht an Palmsonntag ein, nicht mit einem Streitross, sondern auf einem Esel, er wäscht den Jüngern die Füße und nicht den Kopf. Er dreht alles um, er macht alles ver-rückt, das heißt, er ver-rückt die Maßstäbe.

Und Bickel, das spüre ich, hat sich etwas von dieser anderen Sichtweise zu eigen gemacht. Sein Leben verlief auch nicht gradlinig, er war zum Beispiel oft krank, trotzdem hat er sich seinen Humor, seinen freien Geist bewahrt.

Und so liebe ich es auch, was mal als Druckfehler in der Zeitung stand: Pater Hermann Bickel ist ein Steyler Missionarr – so ein bisschen verrückt.

Ich erfahre: Missionar im klassischen Sinn ist der zaubernde Pater nie gewesen. Und ein bisschen spüre ich in unserem Gespräch Wehmut, dass er nie nach Afrika, Asien oder Lateinamerika kam. Der siebzigjährige Bickel zeigt mir Bilder von Mitbrüdern, die auf der ganzen Welt arbeiten. Aber er ist dann halt Missionar in Deutschland geworden. Der Glaube, der aus ihm einen sichtlich erlösten, freudigen Mensch gemacht hat, den trägt er mit seinen Zaubereien unter die Leute. Das finde ich spannend, dass er mit seiner Herkunft nicht hinter dem Berg hält:

Der rote Faden ist, dass sie von Anfang an wissen, ich stehe als Schwarzrock da. So dass ich also durchaus dann auch immer mal wieder mit Seitenhieben von Kirche und Kloster und Orden und alldem erzähle.

Und dann ergänzt Hermann Bickel mit leuchtenden Augen:

Ich war jetzt über 45-mal im Fernsehen. Ich habe fast jedes Mal auch Reaktionen bekommen von Leuten, die gar nicht mehr in der Kirche sind, die sagen, so Kirche zu erleben, das möchte ich unterstützen, Bitte, Kontonummer des Klosters.


Teil 2 Österliches Staunen

Seit mehr als 40 Jahren tritt Pater Hermann Bickel auf – als Zauberer. Als ich ihn in seinem knallorangenen Zauberhaus besuche, komme ich ins Staunen. Überall Zauberbücher, Kisten voll Zaubersachen und Zeitungsausschnitte an den Wänden. Staunen, das Stichwort gefällt ihm sichtlich.

Man muss staunen können. Das ist ja der Beginn der Philosophie. Und das fällt heutigen Jugendlichen oft schwer. Weil sie nicht mehr staunen können. Für die ist alles da. Sie kennen alles aus Internet und so. Also das Staunen überhaupt, über die Schönheit der Natur, über eine Blüte oder so, das können die kaum noch.

Bickel kommt im Jahr auf über 100 Auftritte in ganz Deutschland. Aber immer steht der Glaube für ihn im Mittelpunkt. Mehr noch: Er sagt mir, dass Glaube und Ostern sehr viel mit seiner Zauberei zu tun haben.

Ich denke, dass die Jünger sehr gestaunt haben, dass sie überrascht waren, dass sie verblüfft waren, dass sie an eine Täuschung glaubten, an eine Sinnestäuschung, eine Wahrnehmungstäuschung. Die Wahrnehmungstäuschung als Illusion wird auch beim Zaubern hergestellt. Und wenn der Zuschauer weiß, wies geht, ist er enttäuscht und desillusioniert.

Ich finde es bemerkenswert, wie konsequent Bickel selbst den Glauben lebt. So nimmt er kein Honorar, sondern sammelt am Ende jeder Vorstellung Geld in seinem großen Zylinder. Für die Mission, sagt er. Und er zaubert für jeden, aber besonders gerne für die, die selten im Mittelpunkt stehen. Er zaubert für Taubstumme und psychisch Behinderte. Und es macht ihm ganz offensichtlich große Freude.

Ich versuche die Kirche mal anders, österlich darzustellen. Sehr viele haben von der Kirche ja den Eindruck, sie sei unentwegt am Karfreitag und Aschermittwoch interessiert. Unsere Hauptaufgabe ist die Glaubensvermittlung österlicher Freude. Und das trifft sich durchaus mit dem, was der Hauptberuf und der Nebenberuf, also mein Hobby, macht, nämlich zum Staunen zu bringen.

Und Ostern selber, so erklärt mir der Zauberpater Bickel, ist für ihn eine Geschichte voller Zauber.

Der Zauber von Ostern ist für mich die himmlische Mathematik. Alles rumzudrehen. Aus einem Minus wird Plus. Ohne Ostern wären wir ganz schön arm dran. Und von dieser Freude lebe ich selber, habe das in meinem eigenen Leben erlebt – und auch Menschen, denen ich versuchte das mitzuteilen, dass das trägt auch im Leid. Wir werden durch unseren Glauben ja nicht befreit vom Leid, sondern im Leid. Gott steht uns immer bei. Aber das bedeutet nicht, wir werden verschont, sondern wir werden getragen.

Das finde ich eine bemerkenswerte Osterbotschaft: Ohne Ostern wären wir arm dran. Weil wir mehr brauchen, als das Leben und den Tod. Weil wir Hoffnung brauchen. Pater Hermann Bickel, zaubernder Missionar, sieht das so:

Ein Gott, der Mensch wird, Kind im Stall, der sich kreuzigen lässt, am Galgen hängt, aber dann aufersteht, das ist die total umdrehende, revolutionierende Frohbotschaft. Per E-Mail empfehlen