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SWR1 3vor8

Nicht gehorchen sondern hören – Philipper 2,6-11 (2. Lesung)
Fest Kreuzerhöhung (Lesejahr A)

Das Wort „Gehorsam“ klingt nicht gut in vielen Ohren. Man verbindet damit: fraglos Anordnungen oder Befehle ausführen. Blinder Gehorsam führte zu den Gräueln der Nazidiktatur. Gehorsam fordern, das war oft ein anderes Wort für Macht ausüben. Verhängnisvoll wurde es, wenn Kirche und Staat behaupteten, dass darin der Wille Gottes zum Ausdruck kommt. Das alles steht im krassen Widerspruch zu Jesus, auf den sich der christliche Glaube beruft. Jesus beschreibt seine Botschaft in Gleichnissen. Gleichnisse, das sind Bildworte, Alltagsgeschichten, in denen Gott nicht direkt vorkommt. Diese Geschichten zeigen, wie weltlich Jesus von Gott geredet hat. Er knüpft an alltägliche Erfahrungen und Begebenheiten an und macht sie durchsichtig auf Gott hin: auf seine Zuneigung und sein Mitgefühl zu uns. Und Gehorsam kommt bei Jesus nicht vor. Bei ihm fordert Gott keinen Gehorsam, er will gehört werden. Wir sollen hören auf das, was er uns sagen möchte, den tieferen Sinn heraus hören und durch Einsicht das Gehörte tun. Nicht zufällig fordert Jesus an keiner einzigen Stelle zum Gehorsam auf, sondern: „Wer Ohren hat zum Hören, der höre!“ (Markus 4,9. u.a.) Und dann ist heute in den katholischen Gottesdiensten die Rede vom „Gehorsam“. Und zwar bei einem der glühendsten Verehrer von Jesus Christus: dem Apostel Paulus. Gehorsam spielt bei ihm eine wichtige Rolle. Was versteht er darunter? Paulus fühlt sich von Gott berufen, alle Heiden zum Gehorsam des Glaubens zu führen. (Römer 1,15) Er ist überzeugt, dass Gott ihm das Evangelium von Jesus Christus anvertraut hat. (Galater 1,1) Und über den Inhalt von Gottes Evangelium gibt es nichts zu diskutieren, ihm kann man nur gläubig zustimmen, sprich: gehorchen. Wer etwas anderes lehrt, der konnte nicht erwarten, dass Paulus mit ihm ein vermittelndes und klärendes Gespräch führen würde. (Galater 1,6-9)Im Verständnis des Paulus ist Gehorsam kein blinder Gehorsam. Doch er ist davon überzeugt: Wer von der Botschaft Jesu Christi angesprochen wird, in dessen ureigenstem Interesse muss es sein, diese Botschaft auch ohne wenn und aber gläubig anzunehmen, sprich: gehorchen. Paulus konnte mit seiner Gehorsamsforderung nicht verhindern, dass schon zu seinen Lebzeiten die Christen ihren Glauben auch anders gedacht und gelebt hatten als er dies getan hat. Ich jedenfalls möchte mich eher am großen Vorbild des Paulus orientieren, an Jesus Christus selbst und lieber horchen als gehorchen: Nicht unter Zwang – sondern aus Glauben Nicht als Verpflichtung – sondern mit Liebe. Nicht im Gehorsam – sondern in Freiheit. https://www.kirche-im-swr.de/?m=4448