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26DEZ2023
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Stephan Wahl Foto: privat

… und mit Stephan Wahl. Seit mehr als fünf Jahren schon lebt der Priester des Bistums Trier nun in Jerusalem. Davor war er viele Jahre lang für die Kirche bei Hörfunk und Fernsehen unterwegs. Hat das „Wort zum Sonntag“ gesprochen und ein paar Jahre auch diese Sendung „Begegnungen“ gemacht. Zur Zeit ist er auf Heimaturlaub - und auf einer Lesereise. Unter anderem mit Psalmen, die er in den vergangenen Jahren in Israel geschrieben hat. Schon sehr früh, als Austauschschüler erzählt er mir, habe er sich in dieses Land verliebt.

Und dass ich zum Ende meiner beruflichen Tätigkeit dann die Möglichkeit bekam, noch mal was völlig Anderes zu machen und dann in dem Land, in das ich mich schon früh verliebt hatte, ist für mich eine große Herausforderung und ein großes Geschenk.

Als deutscher Christ im Heiligen Land vermeidet Stephan Wahl es, sich auf eine Seite zu schlagen. Vielmehr versucht er beide, soweit das möglich ist, irgendwie zu verstehen.

Ich bin kein Palästinenser, ich bin kein Israeli. Ich werde nie ein Palästinenser, nie ein Israeli sein. Wenn, stehe ich auf beiden Seiten oder auf keiner. Es ist nicht mein Land. Also von daher surfe ich zwischen den Fronten und das war vor dem Krieg schon schwierig genug. Und jetzt muss ich sagen, es zerreißt es mich.

Was das konkret heißen kann, dieses innere Zerissensein, schildert er mir mit einem Erlebnis, das er während der mehrtägigen Feuerpause im November erlebt hatte.

Ich war am letzten Tag der Feuerpause nach Tel Aviv gefahren und war dann auch auf dem Platz vor dem Museum, der jetzt der „Vermissten-und Geisel-Platz“ heißt. Die haben ihn umbenannt. Es ist sehr bewegend. Da steht der große Schabbat-Tisch, der leer ist mit so und so viel Stühlen. Für jede gefangene Geisel einer, und einen Teller und dann ein Glas. Aber niemand sitzt dort. Und viele Leute waren da. Sehr eindrückliche und belastende Stimmung. Von da aus bin ich zurück in mein arabisches Shuafat, wo ich wohne, ich wohne in Ostjerusalem, und da springen einem die Gesichter entgegen, die um ihre Verwandten und Freunde in Gaza zittern oder trauern oder weinen. Das zerreißt dich.

Und ich frage mich und auch ihn, wie da jemals wieder Frieden herrschen kann, bei so viel Leid und so viel Hass.

Die Frage wüsste ich auch gerne beantwortet. Im Moment weiß ich nicht, wie diese offenen Wunden auf beiden Seiten irgendwie zu schließen sind. Das Land hat viel erlebt. Seit Israel existiert werden laufend Wunden geschlagen und nur notdürftig verdeckt. Aber ich sage trotzdem, ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass vielleicht irgendetwas passiert, was wir jetzt nicht überschauen, was ermöglicht, über diese Gräben zu springen.

Was ihm trotz Allem ein bisschen Hoffnung macht, darüber sprechen wir gleich.

…ich spreche mit Stephan Wahl, der seit 2018 in Israel lebt.

Seit dieser Krieg dort tobt frage ich mich, wie Juden, Muslime und auch Christen in dieser Katastrophe überhaupt zu Gott beten können. Einen Gott, den es doch eigentlich auch zerreißen müsste. Wie geht es ihm damit seit dem 7. Oktober?

Mir geht es da so, wie es mir bei der Ahr-Katastrophe ging. Und ich mich wiedergefunden habe in dem Versuch, trotz allem zu glauben, wie es uns die Psalmen lehren. Die ja mit Gott sehr hart ins Gericht gehen zwischendurch. Und ich kann nicht trösten im Moment mit: Der liebe  Gott wird schon alles irgendwie gut machen. Das wird alles fade, wenn man es schon sagt. Mein Gebet ist eigentlich, ihm diese Fragen in den Himmel zu schleudern und zu fragen: Wie kann das sein? Wie kannst du das selber aushalten, dass in deinem Heiligen Land, das so oft unheilig ist, so was passiert?

Scheitert unser Reden vom „lieben Gott“ also an der Realität?

Deswegen bin ich immer vorsichtiger, was fromme Sprüche angeht. Also ich, ich kann diesen Satz nicht mehr schreiben: Gott weiß, oder Gott hat das und das gemacht. Ich weiß nicht. Ich kann mir das vorstellen, ich kann mir das wünschen, ich kann es bitten, ich kann es erflehen. Aber ich weiß es nicht.

Gibt es denn bei all diesen Gräben etwas, das Hoffnung macht für die Zeit danach. Wenn die Waffen schweigen und die Menschen ja weiter miteinander leben müssen?

Hoffnung macht mir zum Beispiel die israelische Menschen- und Friedensbewegung Tag Meir. Das sind Israelis, die sich einfach nicht nehmen lassen, Menschenrechtsverletzungen auf beiden Seiten anzugehen und auch entsprechend zu reagieren. Zum Beispiel vor Jahren: Ein behinderter Palästinenser, Autist, junger Mann. In der Altstadt von einem Soldaten, der meint, er wär ein Terrorist, weil er sich auffällig verhalten hat, der wird erschossen, was ein entsetzliches Drama ist. Dann geht Tag Meir, gehen Israelis in das Trauerzelt der Familie und ich bin damals mitgegangen - ich merke jetzt, dass es mich noch berührt, wenn ich es erzähle - um bewusst zu sagen: Wir finden das genauso schrecklich wie ihr! Und man hat das genau in den Gesichtern gesehen. Auf der einen Seite die Verachtung gegenüber Israel und auf der anderen Seite die tiefe Dankbarkeit, dass die diese Schwelle überwunden haben und in diese Familie gehen. Da gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass dieser Wille, die eigenen Gräben zu übersteigen, auch durch den Krieg bei vielen nicht ausgelöscht sein wird.

Ende Januar will Stephan Wahl auf jeden Fall wieder zurück nach Jerusalem. Nach Hause, wie er sagt.

Obwohl es so schwierig ist, im Moment in diesem Land zu leben. Ich bin trotz allem immer noch dankbar, jeden Morgen in Jerusalem aufwachen zu dürfen. Und ich bin gerne hier in Deutschland, aber je länger ich dann immer hier bin merke ich, dass ich sage: hier ist meine Heimat, aber zu Hause bin ich in Jerusalem.

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25DEZ2023
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Peter Annweiler trifft Ingo Bracke, Lichtkünstler und Chefbeleuchter

Teil 1: Urstoff Licht

Er kennt sich aus mit Licht: Ingo Bracke ist seit langem Licht-Künstler und seit kurzem Beleuchtungschef des Nürnberger Staatstheaters. Und weil ich heute das weihnachtliche Licht „beleuchten“ möchte, besuche ich den 51-Jährigen in seinem Atelier in der Westpfalz.

Kabel und Scheinwerfer von seinem letzten Projekt sind noch nicht weggeräumt – da sprudelt es schon aus dem flinken und feinfühligen Mann heraus.

Das unglaubliche Tolle, mit Licht zu arbeiten, ist, dass es ein Medium ist, das sehr, sehr stark ist – also was ich einsetze. Und plötzlich ist der Raum ganz anders. Und gleichzeitig ist es aber auch sehr zart.

Das hab‘ ich auch schon bei einem Weihnachtsprojekt mit ihm erlebt: Ganz zart und doch sehr kräftig ist der Kirchenraum da in eine ganz andere Farbe, Temperatur und Schwingung geraten. Ein anderes Licht legt sich durch Ingo Brackes Schaffen über vertraute Konturen und Räume, sogar über Landschaften: Ins Ahrtal, wo er geboren ist, hat er nach der Flut künstlerische „LichtBlicke“ gelegt. Und der Loreley im Mittelrheintal hat er die Schroffheit genommen und nachts mit geheimnisvollen Lichtzeichen überkleidet. 

Um überhaupt mit Licht arbeiten zu können, braucht man die Dunkelheit. Das  heißt, ich sag dann gern ein bisschen flapsig: Ich bin ein Verdunklungskünstler, ein Nachtkünstler, ein Verdunklungskünstler  und ich modelliere dann aus der Dunkelheit wieder etwas heraus.

Ohne die Erfahrung von Dunkelheit keine Wertschätzung des Lichts. Und gerade weil es durch das Kunstlicht für uns selbst im Winter immer weniger Dunkelheit gibt, ist uns womöglich auch das Erstaunliche und Geheimnisvolle des „Urstoffs“ Licht verloren gegangen.

Wenn man sich‘s aus der Physik anschaut, dann merkt man: Das ist so gar nicht greifbar: Es gibt ne Teilchentheorie – das ist also irgendwie ein Ding – und dann gibt es eine Wellentheorie – da verhält es sich ganz anders. Das ist nicht zu vereinbaren. Und eigentlich dürfte es so was gar nicht geben in unserer Welt und trotzdem ist es da.

Zumindest können wir eben Licht naturwissenschaftlich nicht vollends erfassen. Und das ist für mich auch eine weihnachtliche Einsicht: Licht und Leben sind eben nicht gänzlich zu ergründen, dafür aber wunder-bar und gott-gewollt.

Das Licht bricht sich Bahn in diese Welt und Gott Vater, der dann so was gebärendes ist, also nicht nur männliche Qualitäten, sondern auch weibliche hat, ist der, der dann diesen abstrakten Mega-Geist umbiegt, da sind wir wieder bei der Teilchentheorie mit dem Licht: Licht ist Welle und gleichzeitig Teilchen. Irgendwie schafft es dann dieser Gottvater aus der Welle ein Teilchen zu machen. Und das Teilchen ist dann – der Sohn. Oder sichtbar für uns Menschen.

Zuerst komme ich bei diesen Gedanken kaum mit. Doch dann staune ich über die Weihnachtsbotschaft des Künstlers so ganz ohne Maria, Josef und das Krippenkind:  So wie Licht beides ist - Welle und Teilchen - so ist Christus Gott und Mensch. So wie Licht wirkt – ohne dass wir genau sagen können, wie – so wirkt der mensch-gewordene Gott. Durch ihn wird es hell in der dunklen Welt. Das feiern wir an Weihnachten.

Teil 2: Weihnachten – erhellend und liebevoll

Ingo Bracke arbeitet künstlerisch mit Licht. Seit Anfang Dezember ist der 51jährige auch Chefbeleuchter am Staatstheater Nürnberg.

Ich bin als Quereinsteiger ans Theater gerutscht –… und da geht es ums Geschichtenerzählen mit Licht. Und genau das ist, was sich immer weiter durch mein Leben zieht:  Ich erzähle Geschichten mit Licht an besonderen Orten.

Und dabei kommt es ja immer drauf an, wie man eine Geschichte erzählt. Oder im Fall des Lichtkünstlers: Wie man eine Geschichte inszeniert und beleuchtet.

Schon in der Bibel ist das so: Die Evangelisten Lukas und Matthäus erzählen ganz anders von Weihnachten als Johannes. Die einen mit Darstellern, Handlung und „Story“, mit einer dramatischen Geburtsgeschichte, mit Hirten, Engeln und Königen. Der andere mit philosophischen Begriffen und mit der Wirksamkeit des Lichts. „Das Licht scheint in der Finsternis und die Finsternis hat’s nicht ergriffen.“ heißt der Weihnachtssatz des Johannesevangeliums. Ingo Bracke sagt das eine Menge:

Das Bild von Johannes ist ja genau das: Es ist erst mal eine Welt, die dunkel ist. Und das Tolle ist, dass das Licht aus irgendeinem Grunde diese Dunkelheit erhellt – und wenn man jetzt wieder in die Physik geht – das sind ja alles ungeklärte Sachen: Es ist irgendwie dunkle Materie, das heißt: rein faktisch ist es so: Wir haben ein dunkles Universum und das Licht geht da durch und es wird nicht geschluckt. 

Dass Licht wirkt und sich nicht die Dunkelheit durchsetzt – das ist also gar nicht selbstverständlich. Für mich heißt das: Weihnachten wird es, wenn ich neu staune über die Kraft und Dynamik des Lichts - eben auch in „finsteren“ Zeiten wie der unseren mit ihren Kriegen und Krisen.

Kreative und Kunstschaffende wie Ingo Bracke regen genau dieses erhellende Staunen an, indem sie altbekannte Symbole und Zeichen neu inszenieren und kombinieren.

Also das stärkste Symbol ist das Herz. Und das taucht ja nicht ganz umsonst ganz oft auf. Es gibt diese Christusdarstellungen, wo dieses Herz leuchtet. Schlussendlich ist es ein megastarkes Symbol und wenn man es schafft, es aus der Verkitschung  zu holen, dann ist es unglaublich!

Und weil der Lichtkünstler offen für die Verbindung von Kunst und Religion ist, findet sich in seiner Kunst auch eine geistliche „Herzensspur“.

Es ist halt nicht nur physisch das Herz, sondern es ist auch metaphysisch - und Liebe ist auch das stärkste metaphysische Instrument, was wir in der Zwischenmenschlichkeit haben. Deshalb sind ja auch die meisten Religionen extrem auf Herz, auf die Nächstenliebe und die Liebe fokussiert.

Eigentlich kenne ich diese Bilder ja schon lange: Licht und Herz. Aber Ingo Bracke hat sie mir bei unserem Ateliergespräch wieder frisch zum Leuchten gebracht. Deshalb kann ich heute neu sagen: Weihnachten ist das Fest der Liebe und des Lichts.

Und so wünsche ich Ihnen heute einen er-hellenden und liebe-vollen Weihnachtstag!

Mehr zur Kunst von Ingo Bracke:
https://ingobracke.de

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24DEZ2023
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Benno Fürmann Foto: Pascal Bünning

Christopher Hoffmann trifft den Schauspieler Benno Fürmann.

Ob als Bergsteiger in „Nordwand“, als Boxer Bubi Scholz oder zuletzt in der Serie „Babylon Berlin“ – es sind vor allem harte Typen, die der vielfach prämierte Schauspieler mimt. Ich erlebe ihn während unserer Begegnung hingegen als sensiblen und spirituellen Menschen:

Ich lasse die Weichheit, die immer schon in mir war, immer mehr zu. Verbindung mit Menschen ist mir wichtiger denn je und diese Egozentrik-Nummer macht mir viel weniger Spaß, das hat mir früher vielleicht auch nicht so viel Spaß gemacht. Und ich hab viel zu viel Freude am gemeinsamen Sein, an wirklicher Verbindung mit mir und mit der Welt.

Der 51-Jährige, mit der unverwechselbar markanten und tiefen Stimme, gibt mir auch tiefgründige Antworten. Denn er hat schon in seiner Kindheit viel erlebt, mehr als ein Kind normalerweise tragen kann: Mit 7 Jahren stirbt Benno Fürmanns Mutter, mit 15 sein Vater, mit 19 auch alle Großeltern. Mit 21 geht er auf die Schauspielschule nach New York. Was ihm heute hilft: sich selbst und das Leben annehmen:

Dafür musst du „Ja“ sagen- du hast ja eh keine Chance als das anzunehmen, was gerade ist- Ob dir die Platte gefällt oder nicht – Gott ist der DJ. 

Benno Fürmann nennt in seinem Buch „Unter Bäumen“ ein Kapitel, das mich sehr berührt, „Ja zum Leben“. Darin schreibt er: „Das Gefühl, dass Gott die falsche Platte aufgelegt hat, zu der ich nun tanzen muss, kenne ich nur zu gut. Doch auch in der Finsternis liegt das Leben, will gelebt werden. Der Soundtrack unseres Lebens spielt mal in Dur und mal in Moll. Getanzt wird immer.“* Benno Fürmann glaubt an einen Schöpfer, der ihm Kraft gibt, obwohl er im Elternhaus überhaupt nicht religiös sozialisiert wurde:

Ich bin nicht getauft, ich spüre in mir aber eine tiefe Verbindung zu etwas, was anwesend ist, was über mich hinausgeht, was ich suche. Ich bin unheimlich vorsichtig mit Worten, weil ich keine Lust habe etwas zu zerreden, was nie ein Objekt des Verstandes sein kann, was man wahrscheinlich nur erfahren kann.

Bilder von Gott sind immer nur vorläufig, Worte reichen nie um die wahre Tiefe zu beschreiben, findet Benno Fürmann. Und doch hat er Wege gefunden, seinen Schöpfer auch im Alltag zu erahnen – wenn er in die Natur geht und…

…mir hilft dabei meine tägliche Meditation mich zu besinnen und in mich selber hineinzulauschen: „Was ist denn eigentlich wirklich los?“ 

Eine starke Botschaft der Besinnung thematisiert auch der Weihnachtsfilm „Merry Christmas“, der auf einer wahren Begebenheit beruht. Benno Fürmann spielt darin den Operntenor Nikolaus Sprink, der am Heiligen Abend 1914 mit Weihnachtsliedern die Waffen zum Schweigen brachte:

Menschen damals haben sich über die Weihnachtstage besonnen, die Absurdität des Krieges begriffen, in Feuerpausen haben die Franzosen dann einen Tenor gehört, der gesungen hat für die Deutschen, den spiele ich, haben dann applaudiert, und daraufhin kam es zu einem Gespräch über die Schützengräben und dann kamen die nach und nach raus, haben miteinander Zigaretten geraucht, sich Bilder von ihren Frauen gezeigt und das gab es an verschiedenen Stellen der Front.

Statt Stellungskrieg- also ein Tenor der „Stille Nacht“ singt.

Ich treffe Benno Fürmann in Berlin, wo er in Kreuzberg aufgewachsen ist. Der Charakterdarsteller ist schon als Kind inmitten zahlreicher Kulturen groß geworden– und beweist heute Charakter, wenn er für das Auswärtige Amt und caritative Hilfsorganisationen „Vergessene Krisen“ aufsucht. In diesem Jahr hat ihn besonders die Armut auf einer Reise in den Libanon erschüttert:

Als wir zu einer Suppenküche von den Johannitern gefahren sind und Menschen standen Schlange, ältere Menschen. Und das fasst mich wahnsinnig an, Altersarmut. Wenn du dann die Tränen siehst von einer 70/80-jährigen Frau und die eine Mahlzeit ist die Einzige, die sie pro Tag hat, dann weißt du in diesem Moment retten die Johanniter Leben. Und sich dann zusammen hinzusetzen und zu beten und durch so ein Mahl vereint zu sein - das ist einfach so ein Moment der ganz einfachen Schönheit, wo man nach einem Gebet schweigend isst. Und bei mir muss die Mahlzeit bis zum Abend reichen, bei denen bis zum nächsten Tag.

In den Projekten von Johannitern, Maltesern und vielen weiteren Organisationen im Libanon trifft Benno Fürmann immer wieder Menschen, die nicht aufgeben:

Menschen machen Mut – Menschen, die unter Umständen, die ich vor der Kamera spiele, die ich aber so natürlich noch nie erlebt habe und hoffentlich nie erleben werde. Menschen, die unter krassesten Bedingungen Kreativität, Liebe, Licht in den Augen behalten und das in die Welt tragen, da verneige ich mich jedes Mal zutiefst.

Vor einigen Jahren besuchte er mit der UNO-Flüchtlingshilfe eine weitere vergessene Krise im Südsudan:

Also der Südsudan war wahrscheinlich das Härteste, was ich je gesehen hab. Das war das erste Mal, dass ich in einem wirklichen Flüchtlingslager war. Die omnipräsenten Kinder, die mit ein paar Fetzen am Leib, die an das T-Shirt erinnern, das es mal war, durch die Gegend flitzen und viel zu schwere Wasserkanister tragen.

Diese Begegnungen mit Menschen, deren Leid vergessen wird, die keine Aufmerksamkeit bekommen, haben für mich und auch für Benno Fürmann ganz viel mit jener Kernbotschaft des Weihnachtsfestes zu tun: so wie damals für Maria, Josef und Jesus kein Platz in der Herberge war, so gibt es auch heute so viele im Libanon, im Südsudan und weltweit, die auf Hilfe warten.

Natürlich ist es so, dass Weihnachten, die Geschichte ist von einer Ankunft, von einem Vertrieben-Sein, von Hoffnung und von offenen Herzen, das Problem ist bloß, wenn wir das auf Weihnachten reduzieren.

Absolut! Das Fest der Menschwerdung kann Kraft schenken jeden Tag neu wieder menschlich zu handeln. Sich selbst Gutes zu tun. Und dem Nächsten. Denn:

Auf lange Sicht ist finde ich ist der Weg des Menschen vom Ich zum Wir. Und das, was du in die Welt bringen kannst, dieses Licht,  ist natürlich total wertvoll- und das auf dem Schirm zu haben, da sind wir glaub ich beim Weihnachtsfest.

*Benno Fürmann, Philipp Hedemann: Unter Bäumen, Gräfe und Unzer, München 2023, S. 231-232.

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17DEZ2023
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Heike Reisner-Baral

Wolf-Dieter Steinmann trifft Pfarrerin Heike Reisner-Baral

Auf dem Weg zu Heike Reisner-Baral nach Pforzheim ist mir klar geworden. Ich mag den Advent. Weil ich einfach nicht aufhören kann, mir die Welt heller zu wünschen. Ich kann verstehen, wenn Sie das nicht mehr können. Aber mir geht es wie Heike Reisner-Baral. Bei ihr steht der Advent auf der Beliebtheitsskala zwischen 0 und 10 weit oben.

Im Laufe meines Lebens ist die Skala gewachsen und ich bin bei 8 gelandet. Ich liebe den Advent und ich kann es dann, wenn November wird, kaum erwarten, dass es beginnt und losgeht.

Manches daran kann auch nerven. Es ist ihr manchmal zu viel Halligalli. Und wie viele hat sie - als Pfarrerin - ja auch Stress. Trotzdem engagiert sie sich für ihr „Advent anders“. Sonntagnachmittags ist in der Pforzheimer Schlosskirche Zeit zum Aufatmen.

Wir liegen in der unmittelbaren Nähe zum Mittelaltermarkt und zum Weihnachtsmarkt. Wir haben also auch fußläufiges Publikum und wir legen Wert darauf, dass wir immer besondere Musik haben, Folkmusik, wir haben Jazz, wir haben Gospel und es gibt dazu kurze Impulse. Es gibt 2 Gebete, das Vaterunser und den Segen.

Und die Kirche ist voll. Ich habe auch dieses Bedürfnis nach Segen. Das Leben und die Welt kosten Kraft. Ich glaube, viele spüren das. Heike Reisner-Baral auch.

Ich hab den Eindruck, dass wie so ne Glocke über diesem Advent schwebt. Ja auch ne Traurigkeit. Aber ich spür auch, dass die Menschen und auch ich selber viel sehnsüchtiger auf das warten, was da kommen wird. Und dieser Bibelspruch: ‚Das Volk, das im Dunkeln wandert, sieht ein helles Licht.‘
Ich merk, es fasst mich an, aber nicht nur mich, sondern auch die Menschen sehnen sich und möchten auch Hoffnungsworte mit nach Hause nehmen.

Es hat wohl auch mit dem Älterwerden zu tun. Mehr Lebensjahre bringen auch mehr Risse und Brüche. Mit 50  60 kann man mehr Advent gut brauchen.

Dass viele Schicksalsschläge auch da sind: Also Freunde, Freundinnen, die sterben, Eltern, die alt werden, Dinge, die sehr viel tiefer gehen. Und da nimmt auch die Sehnsucht zu und ich wünsch mir, dass das wieder ganz wird. Oder dass es irgendwo aufgehoben ist.

Hoffentlich gelingt das bei vielen. Auch beim Singen heute. Sie freut sich auf die Kirche im Farbenrausch. Auf neue und alte Lieder. Die singen sie übrigens via QR-Code vom Handy. Viele suchen das gemeinsame Singen: Da ist auch ein falscher Ton gut aufgehoben und miteinander hofft es sich leichter als allein.

Du guckst in strahlende Augen und Mann und Frau ist glücklich. ‚Oh du fröhliche, es ist ein Ros entsprungen, stille Nacht‘ das ist eine Sprache, die alt ist, aber die sich weitervererbt. Ich mach die Erfahrung, dass die Menschen Wert darauflegen, dass das nicht ausstirbt und dass sie in dieser Sprache alles ausdrücken können.

Heike Reisner-Baral liebt es aber nicht nur klassisch. Es gibt ja auch neue Weihnachtslieder. Sogar gute. Früher war Advent nicht so ihrs. Inzwischen kann Heike Reisner-Baral ihn kaum noch erwarten. In ‚ihrer‘ Schlosskirche in Pforzheim – da ist sie Pfarrerin – ist jeden Sonntag „Advent anders“. Heute: großes Singen.
Sie hat zwei Lieblingslieder. Das eine 400 Jahre alt, das andere 50. Verrückt, dass beide so viel gemeinsam haben. Stehen auf gegen Elend und für Frieden.

„Oh Heiland reiß die Himmel auf“, das schreit förmlich, dass endlich was passiert auf dieser Erde. ‚Wo bleibst du Trost der ganzen Welt?‘ Ich mag das, dieses Jahr viel mehr noch als sonst.

Und das andere Lied, das ist Happy Christmas. (flüstert). Also ‚Happy Christmas‘ von John Lennon. Das ging eigentlich als Antikriegslied gegen den Vietnamkrieg. Ich krieg jedes Mal Gänsehaut, feuchte Augen. Ich krieg gleichzeitig gute Laune, ich könnte tanzen, weinen, singen, alles in einem. Und da wird Weihnachten.

Kenn ich. Aber hat Weihnachten nicht auch was Komisches? Dieses ‚alle Jahre wieder‘. Als ich jung war, haben mich diese Rituale aufgeregt. Heute suche ich das Verlässliche, weil sich eh alles ändert. Sie ist auch froh für ‚immer-wieder-Dinge‘: Herrnhuter Stern, Krippe, Plätzchen. Die backt ihr Mann.

Er backt nicht nur, das ist schon ein Festival des Backens. Er in der Küche steht und ich irgendwo am Laptop sitz und der Duft durch die Wohnung zieht.

Und dann „der Baum“: Noch so ein „alle Jahre wieder Ding“ bei vielen. Auch das ist bei Reisner-Barals sein Job.

Dann zieht er los mit dem Herz in der Hand, weil er gespannt ist auf das Urteil seiner Frau, ob er einen schönen Baum ausgesucht hat und ich glaube, das ist auch ein Ritual, dass es ein schöner Baum sein muss.

Im Zweifel kann man ihn auch schönreden. Wäre das dann Lüge? Ne. Vielleicht ist das auch Weihnachten: Dass wir uns selbst und unserer Welt Schönes zutrauen. Mehr Güte, Frieden.
Ja, ich weiß, Weihnachten kann auch weh tun. Man spürt, was fehlt. Heike Reisner-Baral findet trotzdem wichtig, dass Weihnachten sichtbar bleibt. Auch in ihrer Stadt. Muslime feiern, Atheisten.

Jeder macht was, jeder nimmt was mit. Und jeder gibt irgendwo auch was zurück. Und ich find es wichtig, dass das stattfindet und sichtbar stattfindet in einer Stadtgesellschaft.

Sie kann den Sinn des Festes in zwei Messages packen. Eine: „Weihnachten ist der Beginn einer wunderbaren Liebesgeschichte zwischen Gott und Mensch.“ Die zweite:

Was von vielen so unterschwellig beklagt wird, dass Menschsein verloren geht, diese Menschlichkeit und da find ich sehr schön: ‚Mach es wie Gott und werde Mensch.‘

Damit wir uns auch in der Woche bis Heiligabend als Mensch spüren können, rät sie: ‚Auszeiten schaffen.‘

Ich gehe jedes Jahr kurz vor Heiligabend zum Friseur. Und dann bin ich total im Glück, weil ich eine Atempause habe.  Nehmt euch tatsächlich Zeit, auch wenn ihr innerlich aufjault: ‚das geht überhaupt nicht‘, tut‘s.

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10DEZ2023
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Sr. Nicola Maria Schmitt Foto: Heinz Heiss

… und mit Schwester Nicola Maria Schmitt. Ich treffe die Ordensfrau im Haus der katholischen Kirche in Stuttgart. Sie arbeitet dort als City-Seelsorgerin. Wir sitzen drin, am großen Tisch, es ist mitten im Advent. Draußen: Weihnachtstrubel. Das Haus der katholischen Kirche ist direkt auf der Königstraße, der Stuttgarter Einkaufsmeile. Rund 800 Leute gehen da jeden Tag rein und raus. Die einen kommen zum Kaffee trinken, die anderen gehen zu einer Veranstaltung, und manche wollen ganz gezielt mit jemandem im Seelsorgezimmer reden.

Schwester Nicola Maria erklärt, die Menschen, die jetzt in den Tagen vor Weihnachten kommen …

… sind im Bummelmodus, sage ich jetzt mal, und von daher schon auch anders gestimmt. Also sie suchen dann auch einen Raum, wo sie sich ausruhen können aus dem Trubel.

So hab ich‘s auch gemacht, ich genieße die halbe Stunde hier vor unserem Gespräch. Hole mir Kaffee, schaue durch das Glasdach in den Himmel und lehne mich in meinem Sessel zurück. Für einen kurzen Moment bei mir ankommen, wie man so schön sagt. Dass ich Schwester Nicola Maria begegnen darf, tut mir obendrein gut. Weil sie so freundlich und entspannt ist, ganz ohne Hektik. Und das in diesen Tagen.

Besinnliche Adventszeit wünscht man sich gegenseitig. Da lache ich manchmal innerlich über mich selber, in welchen Druck ich mich bringe und habe aber dann jetzt die letzten Jahre für mich entschieden, dass ich immer zwei Wochen vor dem ersten Advent mache ich eine Woche Urlaub.

Und dann ist sie mit ihrem Team bereit, für andere. Damit die im Advent ankommen können. Denn genau das bedeutet das Wort Advent. Es kommt aus dem lateinischen; adventus ist „die Ankunft“. Christen feiern jedes Jahr die Geburt und die Ankunft Jesu in der Welt.
Schwester Nicola Maria macht die Erfahrung, dass man ankommen gar nicht selbst in der Hand hat.

Es braucht ja auch jemand, der das dann ermöglicht. Und das ist für mich so etwas, wo es dann Türöffner braucht. Wo gehe ich denn hin, um anzukommen?

Und deswegen gibt es dieses Jahr einen besonderen Adventskalender im Haus der katholischen Kirche. Im Eingangsbereich ist ein Tor aufgestellt. Und da drin ist ein Bildschirm. Bis Heiligabend können Besucher jeden Tag ein virtuelles Türchen öffnen:

Und da sind dann kleine Videoclips drauf, in denen die Professionellen die Türen öffnen für ihre Gäste, also für ihre Klientel.

Diese Videos richten sich zum Beispiel an Menschen, die krank sind oder einsam. Oder erzählen von Angeboten für junge Leute. Oder für diejenigen, die fremd in der Stadt sind. Kirchliche Einrichtungen rund um Stuttgart haben die Videos gedreht und wollen signalisieren:

Bei uns kannst du ankommen, bei uns kannst du da sein, wir sind für dich da.

Wir sind mitten im Advent und mit Schwester Nicola Maria Schmitt spreche ich über das Ankommen, denn das bedeutet das Wort Advent übersetzt. Die Ordensfrau ist City-Seelsorgerin im Haus der katholischen Kirche in Stuttgart, mitten auf der Königstraße. So wie ich ab und zu kommen viele Leute ins Haus, jeden Tag, und gönnen sich eine kurze Pause. Kaffee genießen, durchschnaufen.

Aber es geht ja gleich wieder weiter und so sind wir eigentlich eine Transferstation hier. Also ein Ankommen ist eher ein prozesshaftes Geschehen in unserem Alltag. Wo man kurz ein Innehalten hat. Aber um wieder Kraft zu haben für das nächste.

Mich treibt eine Frage um, die über diesen kurzen „Ich-bin-bei-mir-Kaffee-Moment“ hinausgeht. Ich frage Schwester Nicola Maria, ob es denn jemals einen Zustand gibt, bei dem ich sagen kann: Ich bin bei mir angekommen?

Man ist nie angekommen. Die eigentliche Ankunft ist glaube ich dann, wenn ich sterbe. Also dann beginnt noch mal ein neues Leben. Und diese Sehnsucht, immer noch reifer zu werden, also bei mir anzukommen, die ist damit ja mein Leben lang nicht gestillt.

Das heißt also: Wenn ich bei mir angekommen bin, bin ich bei Gott angekommen?

Für mich als Christin ja. Ankommen heißt für mich da immer mehr, die zu werden, die Gott sich erdacht hat und dem auf die Spur zu kommen. Es ist ein Reifeprozess. Ich bin auch nicht mehr die, die ich vor 20 Jahren war und bin froh drum. Ich würde keinen Tag missen wollen, egal durch welche Krisen und Freuden ich gegangen bin.

Schwester Nicola Maria ist glücklich mit ihrer Aufgabe im Haus der katholischen Kirche, man könnte sagen: In dieser Aufgabe ist sie angekommen Und gleichzeitig darf sie trotzdem nicht zu sehr daran festhalten; und das finde ich ganz schön hart.

Ich lebe ja als Ordensschwester auch die drei Gelübde Armut, Gehorsam, Ehelosigkeit. Das heißt, mich nirgends auch so fest zu machen, als dass ich nicht jeden Tag woanders hingestellt werden könnte, wenn ich gerufen werde. Also ganz im Hier und Jetzt zu sein.

Und genau so wird es auch am Heiligen Abend sein. Schwester Nicola Maria und ihre Stuttgarter Mitschwestern fahren nicht wie so viele andere Menschen an Weihnachten nach Hause, nicht in ihr Mutterhaus, ins Kloster Untermarchtal in Oberschwaben.

Wir feiern immer da, wo wir eingesetzt sind. Weil unsere Aufgabe ist dann da zu sein, wo unser Auftrag ist.

Das bedeutet: Wenn das Haus der katholischen Kirche schließt und Ruhe auf der Königsstraße einkehrt, hilft Schwester Nicola Maria den Mitschwestern im Marienhospital. Eine andere bleibt in der Bahnhofsmission. Eine dritte in einer Kirchengemeinde.

Und wir feiern dann Heiligabend, wenn alle aus ihren Aufgaben zurückkommen.

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03DEZ2023
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Konrad Stockmeier Foto: privat

Pfarrer Felix Weise von der evangelischen Kirche trifft Konrad Stockmeier, Pfarrersohn und Bundestagsabgeordneter für die FDP.

Ich habe nicht schlecht gestaunt, als Konrad Stockmeier, der einige Zeit zuvor noch neben mir im Chor gesessen hatte, 2021 auf einmal Bundestagsabgeordneter war. Auf einmal kannte ich einen Bundestagabgeordneten. Jetzt wollte ich einiges genauer wissen. Zuerst, woher sein Interesse für die Politik kam. Er erzählt mir, dass das aus seiner Schulzeit in Konstanz herrührt. Da hat er mit dem Zeitunglesen angefangen. Dort wurden ihm komplexe Zusammenhänge verständlich erklärt.

Und so habe ich mich recht früh für politische und auch wirtschaftliche Zusammenhänge interessiert und bin ziemlich schnell mit dem Virus der Freiheitsliebe infiziert worden. Weil. Dieses, dieses Menschenbild, das Menschen befähigen will, dass Menschen zutraut, ihr Leben in die Hand zu nehmen, in Verantwortung für andere und für sich zu gestalten und so zur Gemeinschaft was beizutragen. Dieses liberale Menschenbild, das hat mich sehr früh überzeugt. Und da bin ich dabeigeblieben.

Für die FDP ist er 2021 in den Bundestag eingezogen. Als Neuling im Bundestagsbetrieb fällt ihm auf, wie schnell der Politikbetrieb eine Eigendynamik entwickelt. Und manchmal auch in Gefahr steht, wie ein Raumschiff weit entfernt von den Bürgerinnen und Bürgern zu schweben. Er findet es darum gut, dass ihn sein Arbeitsweg durch den Berliner Hauptbahnhof erdet. Und ihm zeigt, für wen er da ist: Für den Rentner, die Mutter oder Vater mit Kind, die Geschäftsfrau, die Geflüchteten, den Bettler. Er möchte...

…das Leben für all diejenigen, denen man im Bahnhof begegnet, besser machen, einen Tacken einfacher machen, neue Dinge ermöglichen. Und ich sage immer Gnade Gott diesem Raumschiff, wenn es diesen Zweck seiner Existenz je vergisst. Und ich glaube, da muss man daran arbeiten, dass dieses Raumschiff nicht so sehr um sich selber kreist, sondern, dass die Mannschaft dieses Raumschiffes sich absolut dessen bewusst ist: Hey, es geht ums Land, Es geht um die Menschen.

Bei diesem Ringen um Kompromisse ist Konrad Stockmeier die Freiheit ein großes Anliegen. Aber um was für eine Freiheit geht es ihm?

Freiheit ist für mich mein Leben mit anderen so zu gestalten, wie ich es für richtig halte. Ich denke Freiheit gelungene Freiheit immer in Kombination mit Verantwortung. Freiheit. Ja, die mit so einer gewissen Rücksichtslosigkeit um die Ecke biegt. Das ist keine Freiheit, die mich besonders interessiert.

Freiheit, die auch dem anderen Freiräume lässt. So versteht Konrad Stockmeier die Freiheit, die sein Menschen- und Weltbild bestimmt. Das ist gleichzeitig auch von seinem Glauben geprägt. Er ist als Sohn eines Pfarrers im Pfarrhaus aufgewachsen. Die Auseinandersetzung mit Glauben und Kirche begleitet ihn von Kindesbeinen an. Was bedeutet der Glaube ihm heute?

Der Glaube ist für mich ein Raum in dem ich oft weniger Antworten erwarte. Als wirklich Zeit und Raum haben Fragen zu stellen. Ich muss auch sagen, ich bin jetzt 46, im Älterwerden, wenn ich das so sagen darf, fasziniert es mich immer mehr, welche Verbindlichkeit und gleichzeitig ganz große Weite biblische Texte ja immer wieder haben. Die sind so gar nicht beliebig, aber man kann sie auf sehr unterschiedliche Arten oder auf sehr vielfältige Arten deuten. Das finde ich immer wieder als inspirierend. Manchmal sogar auch ein bisschen als Kraftquelle.

Ihm persönlich ist der Glaube wichtig. Und er erzählt, dass er in seinem Stadtviertel die Kirchengemeinde als positiv erlebt. Er erzählt begeistert vom von der Predigt zum Reformationstag in Mannheim, in der der Pfarrer eine…

… eine tolle Aussage formuliert hat. Vielleicht kämen wir manchmal weiter, wenn wir nicht so sehr darüber nachdenken würden, dass wir Menschen gemeinsame Vorfahren mit dem Affen haben. Sondern wenn wir jetzt auf die Schöpfungsgeschichte gucken, wenn wir uns in unserer Geschwisterlichkeit erkennen und dann vielleicht auch anders miteinander umgehen.

Ein guter Ansatz und das beeindruckt mich insgesamt am Gespräch: Wie er auf den Menschen und die Welt sieht, obwohl er ja als Politiker täglich mit den großen Problemen konfrontiert ist. Was lässt ihn positiv bleiben?

Ich versuche, mir Hoffnung und Zuversicht dadurch zu bewahren, indem ich mir folgendes klarmache, dass das, was es in die Medien schafft nicht. die Realität in ihrer Gesamtheit abbildet. Das heißt, ich halte es für ganz, ganz wichtig wach zu bleiben., Ohren, Augen und Herz in unserem Alltagsleben für das zu öffnen, was in diesem Lande auch alles gelingt, was an Miteinander gelingt.

Hoffnung mitten in einer Welt, die etwas ganz anderes sagt. Das ist für mich im Kern auch die Weihnachtsbotschaft, der wir uns jetzt im Advent langsam nähern. Eine Hoffnung, die eigentlich die Realität gegen sich hat. Für Konrad Stockmeier ist die christliche Hoffnung darum auch eine Zumutung. Weder harmlos, noch billig, findet er.

Weil wir doch in einer Welt leben. In der man ja durchaus auch verzagen könnte. Da hast du auf der Welt so und so viel Leid und Tod. Ja und auch Hölle. Und dann biegt da einer um die Ecke und will dir Hoffnung machen. Hui, hat der eigentlich alle Tassen im Schrank? Wie sieht er denn die Welt? Sieht er nicht, was da alles passiert? Und er bleibt aber bei dieser Botschaft der Hoffnung. Und darüber nachzudenken. Das lohnt sich.

 

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26NOV2023
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Julia Jentsch und Helge Burggrabe Foto: Beatrice Tomassetti

Christopher Hoffmann trifft Schauspielerin Julia Jentsch und Komponist Helge Burggrabe

Julia Jentsch ist Schauspielerin und Helge Burggrabe ist Komponist. Ich treffe beide im Oktober in Speyer, wo sie im Dom das Oratorium „Lux in tenebris“, also „Licht in der Finsternis“ aufführen:

Bei „Lux in tenebris“ ist es diese biblische Geschichte von Kain und Abel und der Kain fühlt sich nicht gesehen mit seiner Opfergabe und aus lauter Missgunst und Neid erschlägt er dann seinen Bruder und das kommt mir vor wie so eine Urszene, die wir bis in die heutigen Tage immer wieder neu aufführen.

Auch Julia Jentsch glaubt: Das was in der Erzählung von Kain und Abel steht, das findet jeden Tag neu in uns Menschen statt:

Überall in der direkten Begegnung jeden Tag, wo ich selber mich manchmal zurücknehmen muss, wenn ich merke da fange ich an in irgendwelchen vorgefertigten Bildern zu denken oder Vorurteile zu haben, was ich nicht möchte. Bis zu den Kriegen, die überall aktuell leider auf der Welt stattfinden - die Notwendigkeit eben im andern den Bruder, die Schwester zu sehen.

Den Bruder und die Schwester sehen in jedem Menschen- das ist die Botschaft von Jesus Christus, die im zweiten Teil des Oratoriums vorgetragen wird: Den Nächsten, ja, sogar den Feind zu lieben. In den Armen und Not leidenden Gott selbst zu erkennen. Aber klar ist auch: Kein Mensch wird dem immer voll und ganz gerecht - deshalb ist bei „Licht in der Finsternis“ auch ganz zentral: Gott ist nicht nur da, wenn wir alles richtig machen, wenn alles in uns und um uns herum leuchtet, sondern er verlässt uns auch dann nicht, wenn wir scheitern:

Dass Gott eben auch in dem Dunklen da ist oder da wo ich eben orientierungslos bin oder in dem einen Text: „Und verliere ich mich, so findest du mich“. Das ist eigentlich finde ich ein sehr kraftvoller Gedanke, weil es sozusagen die Möglichkeit der ständigen Umkehr gibt.

Im Licht und in der Dunkelheit meines Lebens: Gott ist da. Diese Botschaft geht mir unter die Haut, als ich im Speyerer Dom sitze. Auch wegen der Hoffnungsverse, die Julia Jentsch zwischendurch in Gedichten von Rainer Maria Rilke oder Hilde Domin immer wieder aufscheinen lässt:

Das ist ja die Kunst von Gedichten! Das sind dann so wenige Worte und man hat das Gefühl eben das Unbeschreibliche, oder das für das man eigentlich keine Worte findet, kann darin aufsteigen. Das finde ich immer wieder faszinierend und große Kunst sowas zu schaffen.

Julia Jentsch und Helge Burggrabe - da haben sich zwei gefunden, die es wichtig finden in Kirchenräumen und Konzertsälen immer wieder die großen Sinnfragen zu stellen:

Meine Überzeugung ist, dass wir eigentlich alle Suchende sind. Also Suchende nach einem Halt, nach einer Orientierung, nach einem Sinn im Leben, der mehr ist als einfach aufzustehen und irgendwann arbeiten zu gehen, Geld zu verdienen und wieder schlafen zu gehen. Was ist so ein tieferer innerer Sinn in dem Ganzen? Was ist das, was mich trägt, auch in Krisen eben? Und ich glaube da kann es hilfreich sein so eine Anbindung, so eine Zusage zu empfinden, die jenseits ist von dem Alltäglichen, aber mittendrin sich zeigt sozusagen im Miteinander, im Alltag.

Ich treffe Helge Burggrabe und Julia Jentsch. Kirchen sind für sie nicht nur Baukunst, sondern Orte voller Demut, an denen Kreative auch heute die großen Fragen des Lebens stellen können. Ganz zentral für beide: die Frage nach Menschlichkeit. Die ist auch im Projekt „HUMAN“, das ich auf dem Evangelischen Kirchentag im Sommer erleben durfte, elementar:

Wir gehen ja jetzt auf dieses große Jubiläum zu: Am 10. Dezember jährt sich das dann zum 75. Mal, die Deklaration der Menschenrechte. Und man muss ganz ehrlich sagen: Weltweit ist das noch nicht mal in Ansätzen umgesetzt. Also insofern ist das was da nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist unter dem tiefen Wunsch „Nie wieder!“ - wie können wir uns Regeln schaffen, dass so etwas nie wieder passiert - ist eigentlich gescheitert, muss man sagen. Und jetzt könnte man natürlich die Hände in den Schoß legen, aber ich denke mit so einem Projekt wie HUMAN versuchen wir: Nein, wir könnten auch anders! Es steht und fällt mit dem einzelnen Menschen.

Menschen wie die Widerstandskämpferin Sophie Scholl. Sie hielt selbst unter Hitler an den Menschenrechten fest und Julia Jentsch spielt sie in dem preisgekrönten Film „Sophie Scholl-die letzten Tage“ mit einer Wärme und Kraft, die mich jedes Mal umwirft, wenn ich den Film sehe. Bis heute ist auch Julia Jentsch von der Botschaft von Sophie Scholl tief bewegt. Ein Schlüsselsatz ist für sie Sophies Frage an den Nazirichter Roland Freisler, der sie zum Tode verurteilt:

 „Warum sollen die Juden andere Menschen sein als wir?“ Und das lässt sich auf alles…warum soll irgendein Mensch, warum soll jemand nicht Mensch sein oder warum soll irgendein anderer Mensch nicht gleich behandelt werden, oder den gleichen Respekt bekommen? Warum?  

Eine Frage, die hochaktuell ist. Und deshalb glaubt Julia Jentsch auch, dass das Engagement der Widerstandsgruppe Weiße Rose damals nicht umsonst war:

Ja,ja,ja! Das ist nicht umsonst und das darf nicht umsonst sein und dass das dann wieder in unserer Verantwortung ist, das was jedem Einzelnen möglich ist. Und mir ist es vielleicht zum damaligen Zeitpunkt nur möglich diese Worte lebendig zu machen. Also eben jeder nach seinen Möglichkeiten.

Kunst darf für Julia Jentsch auch einfach nur unterhalten, aber:

Ich für mich sehe schon einfach eine große Chance durch die Kunst eben auch Themen zu transportieren, die so etwas ganz elementar Wichtiges haben.

Elementar wichtig finde ich auch, dass Helge Burggrabe und Julia Jentsch gemeinsam an eine weitere allerdings weitgehend unbekannte Widerstandskämpferin erinnern. Auch sie wurde vor 80 Jahren von den Nazis ermordet:

Sie heißt Cato Bontjes van Beek und hat ganz ähnlich wie Sophie Scholl begonnen dann Flugblätter zu verteilen und ist dann auch früh festgenommen worden und war dann noch zehn Monate im Gefängnis und in dieser Gefängniszeit sind eben sehr berührende Briefe entstanden, die wir jetzt in diesem Konzertprojekt eben dann auch lesen. Es ist eine tiefe Menschlichkeit in diesen Briefen drin.

Diesen Schatz der Menschlichkeit, machen die beiden Künstler in ihrem Projekt hörbar.

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19NOV2023
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Anja Bremer ist Pfarrerin aus Leidenschaft. Sie liebt die Vielfalt der Aufgabenfelder, die sie in ihrem Beruf beackern kann. Ihre größte Liebe aber gilt der Gestaltung von Trauerfeiern. Dabei kommt der Tod doch eigentlich immer zur Unzeit. Und der Termin für eine Beerdigung mit all ihren notwendigen Vorbereitungen auch.

Ich mache Beerdigungen sehr, sehr gerne. Das gibt mir ganz viel. Es ist etwas, wo ich den Eindruck habe, da bin ich ganz gefordert und kann ganz da sein. Und das ergibt ganz viel Sinn, wenn ich da begleiten kann.

Woher diese besondere Vorliebe bei ihr kommt? Vielleicht daher, dass der Tod im Leben von Anja Bremer schon viel zu oft unaufgefordert aufgekreuzt ist. Und ihr keine Chance gelassen hat, die Auseinandersetzung mit dem Sterben auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben.

Mein Bruder ist ganz früh gestorben, mit 32, mein Vater mit 56. Ich hatte mal eine große Kopfoperation mit einem Tumor im Gehirn, mit 29. Dass ich lebe, dass ich heute lebe, das ist für mich jeden Tag auch wieder ein neues Geschenk.

Und dieses Geschenk gibt sie nun auf vielfache Weise in ihrer Arbeit als Seelsorgerin zurück:  Anja Bremer geht ohne Scheu und mit offenen Augen und Ohren in Gespräche mit Hinterbliebenen, sieht und hört genau hin. Sie hat Trostworte im Gepäck und Gebete. Manchmal sorgt sie aber auch für ganz handfeste Nahrung. So wie bei der Beerdigung der „besten Streuselkuchenbäckerin der Welt“:

Und ich habe dann am Abend vor der Bestattung Streuselkuchen gebacken und habe Päckchen abgepackt und habe die Trauerfeier zum Thema der drei wichtigstenZutaten für Streuselkuchen benannt. Das ist, glaube ich, sehr gelungen, weil wir dann zum Schluss am Grab miteinander Streuselkuchen gegessen haben.

Butter, Zucker und Mehl: Zutaten für duftende Streusel! Und weil für Anja Bremer das Evangelium mitten ins Leben gehört, ist es bei ihr nur ein kurzer Weg von der Backstube hin zu Glaube, Liebe und Hoffnung. Diese biblischen drei, meint sie, sind nämlich die besten Zutaten für ein gelingendes Leben.

Und was mit der Nase gut funktioniert, klappt fast noch besser mit den Ohren. Anja Bremer weiß, dass auch die richtige Musik eine ganz wichtige Zutat ist, wenn eine Trauerfeier Menschen berühren soll.

Es macht großen Spaß, sich mit der Pfarrerin Anja Bremer über ihre liebevoll gestalteten Trauerfeiern zu unterhalten. Z.B. wenn sie erzählt, wie sie in einem Trauergespräch die ganze Zeit krampfhaft versucht hat, ihre rot lackierten Fingernägel zu verbergen, bis die Witwe plötzlich mit einem Blick darauf gesagt hat: „Das hätte meinem Heinz gefallen!“

Und als die Trauerfeier war, und ich will die Witwe und ihre Töchter begrüßen, in dem Moment hält sie mir beide Hände hin und die Tochter daneben auch. Und alle haben rot lackierte, knallrot lackierte Nägel. Also hatten wir dann mindestens 30 Finger an dem Tag, die knallrot waren, weil es Heinz so gut gefallen hätte. Und das sind schon auch ganz besondere Formen, zu erleben, wie Menschen auch in Resonanz gehen, wenn ich denn bereit bin, auch Resonanz zu bieten.

Anja Bremer will Menschen berühren. In Resonanz gehen bedeutet für sie, in den von Trauer gelähmten Seelen der Menschen wieder etwas zum Schwingen zu bringen. Und sie weiß: Musik ist da eine begnadete Türöffnerin. Manchmal transportiert ein Choral aus dem Gesangbuch Trost und Seelenwärme. Aber auch Leierkastenmänner haben bei ihr schon aufgespielt. Oder es gab Oasis. Und einmal auch Peter Alexander mit seiner „kleinen Kneipe in unserer Straße“.

Es heißt in dem Lied irgendwie, „da wo das Leben noch lebenswert ist und wo dich keiner fragt, was du hast oder bist.“ Na, christlicher geht es ja gar nicht!

Anja Bremer findet überall biblische Botschaften. Und so eine Entdeckerfreude wünscht sie auch ihrer Kirche. Wie schön wäre es, wenn die sich noch mehr als Dienstleisterin verstehen würde und immer weniger als „Amtskirche“.   

Und da muss ich sagen, erhoffe ich mir und wünsche mir immer mehr, dass die Kirche da noch durchlässiger wird, dass wir von der Erlaubnis doch stärker noch zur Ermöglichung kommen.

Nicht lange nachfragen, was erlaubt ist, sondern Dinge ermöglichen, die den Menschen dienen. Das wäre nach Anja Bremer denn auch so recht im Sinne von Jesus. Der hat einen kranken Menschen einmal gefragt: Was willst du, dass ich dir tun soll? Und sich dann am Wunsch seines Gegenübers orientiert und ihn geheilt.  

Macht sie sich eigentlich auch Gedanken über ihre eigene Beerdigung? Anja Bremer zeigt mir ihr frisches Tattoo am Unterarm:

Da steht der Name eines Liedes drauf: „Abide with me“, und das ist die englische Form von unserem deutschen Gesangbuchlied „Bleib bei mir, Herr“. Und mich berührt dieses Lied sehr. Und ich habe es bei mir, weil ich es als großen Schatz empfinde.

Eine schlichte Bitte, dass Gott sie auch in Momenten größter Not nicht allein lassen möge. Dieses Gebet auf dem Unterarm berührt mich sehr. Wie die große Ernsthaftigkeit, die sich bei Anja Bremer mit einer heiteren Gelassenheit verbindet. Und mit einem Augenzwinkern:

Ich erinnere meinen Mann regelmäßig daran, dass er, bevor ich mal eingeäschert werde, vielleicht noch mal auf meinen linken Unterarm guckt, welches Lied ich gerne gesungen hätte, falls er es vergessen hat. Das wäre sinnvoll. (lacht)

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12NOV2023
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Frère Alois Foto: Marija Pokuklar

Caroline Haro-Gnändinger trifft Frère Alois, Prior der christlichen Ordensgemeinschaft von Taizé in Frankreich

Wir sprechen miteinander, weil er in ein paar Wochen aufhören wird als Prior, also als Leiter der Ordensgemeinschaft von Taizé im französischen Burgund. Dorthin kommen Protestanten, Katholiken, Orthodoxe oder auch Anglikaner und die Lieder von Taizé werden in vielen Kirchengemeinden gesungen. Ich will wissen, wie Bruder Alois, auf Französisch Frère Alois, zurückschaut und was für ihn persönlich und für den Orden jetzt ansteht. In das kleine französische Dorf zieht es seit den 1960er-Jahren viele tausende - vor allem junge - Leute aus aller Welt. Das freut ihn:

Inzwischen kommen manchmal die Enkelkinder von Omas und Opas, die als Jugendliche in Taizé waren. Also, das bleibt schon sehr erstaunlich und dafür bin ich am meisten dankbar.

Auch ich war als Jugendliche mehrmals dort. Mit einer Gruppe meiner Kirchengemeinde. Normalerweise ist man eine Woche dort, übernachtet im Zelt, das Essen wird aus riesigen Töpfen ausgegeben und jeder hilft mit. Eigentlich sehr schlicht, und in Zeiten von Reizüberflutung vielleicht gerade deshalb auch so anziehend für Jugendliche aus aller Welt und aus verschiedenen Milieus. Sie beten dort dreimal am Tag gemeinsam und tauschen sich über die Bibel und ihr Leben aus. Und auch die langen Minuten von Stille im Gottesdienst – ich kann es nicht genau beschreiben - aber das hat sich nach Glück angefühlt.

Immer wieder sagen Jugendliche am Ende einer Woche, dass die Stille das Wichtigste war und das ist ja eigentlich erstaunlich. Heute läuft man von der Stille weg, flieht die Stille.

Vielen fällt es in Taizé leicht, sich mit dem christlichen Glauben zu beschäftigen - so ging es auch mir: Woran glaube ich eigentlich genau? Und was heißt es im Alltag für mich, gläubig zu sein? Frère Alois erzählt, dass bei einigen auch Sorgen wegen Kriegen und Klimawandel hochkommen. In Taizé tanken viele Kraft für den Alltag.

Alle können kommen, eine Zeit lang hier sein und selbst sehen, was sie für sich entdecken, selbst auf die innere Stimme hören und selbst einen Weg finden. Also wir wollen nicht vorgeben, was getan werden soll, sondern das muss von den Menschen kommen.

Diese Offenheit hat auch Frère Alois damals angezogen. Mit 16 Jahren ist er aus Stuttgart zum ersten Mal hergekommen. Er ist etwas später eingetreten und mit 24 Jahren wurde er schon als späterer Prior ausgewählt. Von Gründer Frère Roger persönlich.

Das war eine ganz große Überraschung, als er zum ersten Mal mit mir darüber sprach, als ich sehr jung war. Und dann haben wir ganz selten nur darüber gesprochen. Er hat mir niemals gesagt, was ich einmal tun soll oder wie das weitergehen soll. Er hat ein ganz großes Vertrauen gezeigt, dass wir Wege finden werden.

Mit 51 Jahren, nachdem der vorige Prior Frère Roger tragisch gestorben war, hat er dann die Leitung übernommen. Und die anderen Brüder haben ihn sehr unterstützt, sagt er. Heute sind es insgesamt 90 Männer, katholisch, anglikanisch oder evangelisch. Manche von ihnen leben in kleinen Gemeinschaften in anderen Ländern.

Als ich Frère Alois frage, ob er als Baden-Württemberger, wenn er im Dezember mit seinem Amt als Prior aufhört, häufiger zu Besuch kommt, zu seinen Geschwistern zum Beispiel, sagt er mir:

Ich habe mich entschieden, und die Brüder waren damit einverstanden, dass ich nach Kuba gehe. Wir werden dort mit drei Brüdern zusammenleben. Also von Kuba kann ich dann nicht so oft nach Stuttgart kommen, wie ich es gerne tun würde.

Also ein ganz neuer Schritt für ihn mit 69 Jahren. Er war bisher nur einmal auf Kuba, weiß von politischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten dort, aber auch von der Lebensfreude und dem Glauben der Menschen und der Musik. Und die Sprache Spanisch kann er sicherlich schon, oder?

Nein, ich muss das lernen, stellen Sie sich vor, ich muss Spanisch lernen, es ist wirklich ein Neuanfang für mich, in ganz vielen Bereichen.

Mindestens ein Jahr lang wird er dort sein, auch um dem neuen Prior in Taizé genügend Freiheit zu geben. Aber eins steht auf jeden Fall an, nämlich eine neue Struktur, um allen Brüdern mehr Mitsprache bei Entscheidungen zu geben, sagt er. Und es wird weiterhin darum gehen, Transparenz und Prävention in Sachen sexuellem Missbrauch zu schaffen, denn auch in Taizé gab es in der Vergangenheit sexualisierte Gewalt:

Es ist notwendig, wegen der Menschen, die Opfer waren und sind, denn diese Leiden vergehen ja nicht. Also um diesen betroffenen Menschen gerecht zu werden, wollen wir alles versuchen, dass Taizé in Zukunft ein sicherer Ort ist.

Die Zukunft beschäftigt ihn überhaupt. Er ist mir aus Rom zugeschaltet, wo er bei einer großen Versammlung dabei ist. Bei der Weltsynode, wo es um die Zukunft der katholischen Kirche geht. Er glaubt, dass Kirchen offen sein müssen für verschiedene Formen den Glauben auszudrücken. Und dass eine gute Gemeinschaft wichtig ist.

Dass wir kleine Gemeinschaften schaffen in unseren Kirchengemeinden. Und diese kleinen Gemeinschaften können zusammen überlegen: Was bedeutet für uns Christsein?

So etwas konnte ich zum Beispiel in einer kleinen Gruppe in einer Karlsruher Kirchengemeinde erleben. Frère Alois sagt mir, dass ihn das Teilen von Schönem und Schwierigem sehr erfüllt, in seiner Gemeinschaft unter den Brüdern, aber auch wenn Besucher in Taizé sich an ihn wenden:

Auch wenn wir da keine Antworten geben können. Aber ich mache da immer wieder die Erfahrung, dass dieses Sich-mitteilen-können schon einen neuen Horizont öffnen kann.

Es ist schön, von seiner Offenheit und seinen guten Erfahrungen mit den vielen Menschen zu hören, die wöchentlich nach Taizé kommen. Auch mich haben die guten Erlebnisse dort mit Gott, Musik und Menschen aus aller Welt geprägt und ich habe sie in meinen Alltag mit nach Hause genommen.

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05NOV2023
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Holm-Hadulla, Rainer Matthias Bildrechte: Rainer Matthias Holm-Hadulla

Sein ganzes Leben hat der Arzt und Psychotherapeut Rainer Matthias Holm-Hadulla über das Thema „Kreativität“ geforscht. Und er ist überzeugt: Verzweiflung, Hass und Gewalt kann man kreativ bewältigen. Für ihn ist es auch die wichtigste Aufgabe unsrer Kultur. Ich denke an die aktuellen Kriege in der Ukraine und Israel und frage mich: Wie ist sowas heute möglich?

Ich denke, das sind die Rückfälle in die Barbarei. Freud sagte: das Eis der Vernunft ist dünn. Eine dauerhafte Kulturarbeit versagt immer wieder. Und ich denke, dass man da immer wieder neu anfangen muss und neu aufbauen muss.

Immer wieder neu anfangen? Also ich spüre eher den Wunsch, abzutauchen, nichts wissen zu wollen.  Dabei weiß ich ja – Probleme, vor denen man sich drückt, verschwinden nicht, sie tauchen immer wieder auf und werden eher. Also hinschauen und – was dann?

Wir müssen die Information, die wir bekommen, auch verarbeiten, wir müssen sie transformieren können in Gedanken, in Ideen, in Pläne und auch in alle Strategien, wie wir damit umgehen können.

Informieren ja, aber sich nicht überfluten lassen. Also nur so viel aufnehmen, dass man handlungsfähig bleibt. Rainer Holm-Hadulla nennt das „Alltagskreativität“. Man kann aber auch eine außergewöhnliche Kreativität entwickeln.

Also ich unterscheide ja außergewöhnliche und alltägliche Kreativität. Der wichtigste Unterschied ist, dass die außergewöhnliche Kreativität auch für viele andere von Bedeutung ist.

Rainer Holm-Hadulla hat sich die Lebensgeschichten von außergewöhnlich kreativen Menschen angeschaut wie Mozart, Goethe, Madonna, Mick Jagger und andere. Und da ist ihm aufgefallen:

Wenn man dann außergewöhnliche Kreative betrachtet, dann merkt man doch, dass die große Kreativität immer – ich würde sagen immer aus einer Bewältigung von Leid, Verzweiflung, Hass und Gewalt entsteht. Kunstwerke, die das nicht spüren lassen, ist Kitsch. Nehmen wir das Jahrtausendgenie Mozart. Von frühester Kindheit an muss er sich mit dem Tod auseinandersetzen, sein Vater und seine Mutter haben 5 Kinder vor ihm verloren.

Ähnliches gilt für Goethe und Musikgrößen wie John Lennon, Madonna oder Jimi Hendrix.
Sie schaffen wunderbare Werke, weil sie es müssen. Weil sie einerseits ein persönliches Leiden bewältigen müssen und andererseits andere damit inspirieren wollen.

Gerade, wenn man an die Großen denkt, das machen sie immer, immer ganz radikal in Bezug auf einen anderen. Ja, Mozart spricht Menschen an. Seine Musik besteht darin, andere zu verlebendigen, nicht nur sich selbst.

Die Welt ist in Aufruhr. Nachrichten von entfesselter Gewalt fluten unsere Wohnzimmer. Wie damit umgehen? Bei den Menschen mit außergewöhnlicher Kreativität fällt auf: Sie sind offen für die Not Anderer. Und zugleich können sie sich abgrenzen und diszipliniert an Lösungen arbeiten.

Ich glaube, das wird ein bisschen auch in unserer – sagen wir mal „hedonistischen“ Kunstauffassung unterbelichtet. Dass die Arbeit – also etwas für andere zu tun und nicht nur für mich, ein Lebenselixier ist.

Dazu aber brauchen wir Schutzräume. Schutzräume durch gute Beziehungen. Und Schutzräume, in denen wir mit anderen das Leben feiern. Für Rainer Holm-Hadulla sind das auch die Kirchen.

Also ich bin kein bibeltreuer Christ, ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt Christ bin und an was ich genau glaube. Aber was ich weiß, ist, dass dieser Begegnungsraum mir Ideen ermöglicht. Und die Musik, die ich sonst nicht hätte... im Sinne einer erfüllten Erfahrung.  

Ich würde das Ritual eines Gottesdienstes so beschreiben: Ich trete gemeinsam mit anderen vor Gott, mache mich ganz ehrlich mit dem, was mich bedrängt. Und mit Blick auf den gekreuzigten und auferstandenen Jesus vertraue ich darauf, dass sich Böses in Gutes verwandelt. Das ist mein Glaube an die Auferstehung. Hier und jetzt. Das kann ich nicht machen. Aber ich kann es spüren. Auch als so etwas wie ein neues Urvertrauen.  

Der alt werdende Picasso sagt „jetzt kann ich endlich malen wie ein Kind“. Und das ist ja auch die Gotteskindschaft, die, an die wir glauben.  Dass wir durch dieses Transformationsritual irgendwie erlöst werden.

Ich wünsche mir, dass wir erlöst werden von Verzweiflung, Hass, Gewalt und Dummheit. Dass wir darin nicht versinken, sondern dem etwas dagegensetzen. Unsere Kreativität! Mit der wir anfangen zu arbeiten und einfach mal was machen. Etwas Neues probieren, auch wenn es Angst macht. Rainer Holm-Hadulla hat zum Beispiel in Heidelberg ein Betreuungsangebot für geflüchtete Kinder eingerichtet. Und er hat Studierende dafür gewonnen, etwas für traumatisierte Kinder zu tun.

Und da war eine Studentin, die hatte schon Angst. Und die ist dann doch hingegangen und hat einen halben Tag dort verbracht. Und ich bin dann dazugekommen und bevor wir gesprochen haben, kam ein Kind, hat diese Studentin an der Hand genommen „Bitte, bitte, komm wieder!“ Und diese Studentin hatte Tränen in den Augen und hat gesagt: „Ja, das ist es.“ 

 

Lit: Rainer M. Holm-Hadulla, Die kreative Bewältigung von Verzweiflung, Hass und Gewalt, Psychosozial- Verlag 2023

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