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28APR2024
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Andrea Müller Foto: Hansjörg Fuchs

Martina Steinbrecher trifft Pfarrerin Andrea Müller bei der Evangelischen Landeskirche in Baden zuständig für den Bereich Mitgliederorientierung.

Andrea Müller hat ihren Job als Pfarrerin in einer pfälzischen Gemeinde an den Nagel gehängt, um sich verstärkt den vielen Kirchenmitgliedern zu widmen, die vor Ort nicht erreicht werden. Beim Evangelischen Oberkirchenrat in Karlsruhe entwickelt sie nun Ideen und Projekte für eine gezielte Mitgliederorientierung.

Es ist ja so, dass viele Menschen kommen. Aber die, die kommen, sind ja nicht die hundert Prozent unserer Kirchenmitglieder, sondern das sind oft zehn, zwanzig Prozent, die wir im Blick haben und für die wir auch Angebote machen, die die dann auch gerne beanspruchen. Aber zu den 80% haben wir ganz wenig Kontakt und dadurch haben wir die auch wenig im Blick und können sie auch nicht so gut fragen, was wollt ihr eigentlich?

Für die Kirche und ihre Amtsträger geht es dabei ans Eingemachte, nämlich um einen echten Perspektivwechsel: Die gelernte Sesshaftigkeit und Selbstverständlichkeit aufgeben. Hinaus auf den Markt der Möglichkeiten und hinein in den Wettbewerb um das, was Menschen Halt und Sinn geben kann. 

Ich glaube, der Punkt ist vielleicht, dass wir Amtskirche waren, eine Institution, wo die Menschen hingegangen sind. Und heute hat sich die Gesellschaft so geändert, dass man auch super ohne Kirche leben kann. Und man kann woanders auch Gemeinschaft finden und auch spirituelle Erfahrungen anderswo machen. Und da ist es jetzt unsere Aufgabe geworden, auch zu werben, auf die Leute zuzugehen und zu sagen, wir haben immer noch eine gute Botschaft. Aber wir müssen eben eine Sprache finden und Formen finden, wo wir wirklich einladend sind.  

Stichwort Einladung: Das erste Projekt, das Andrea Müller entwickelt hat, setzt genau hier an: Jemand ist umgezogen, muss sich neu orientieren. Wo gibt es den Bäcker mit den leckersten Brötchen? Wie finde ich eine neue Zahnärztin? Und obwohl die Kirche nach wie vor oft unübersehbar in der Ortsmitte steht, ist noch lange nicht gesagt, dass das neu zugezogene Gemeindeglied auch den Weg in den Gottesdienst findet … 

Das Projekt, das heißt Brot und Salz. Dazu haben wir einen Brotbeutel entwickelt. Da kann man dann hinterher auch sein Brot gut verstauen. Es ist ein schöner Baumwollsack. Eine Karte dazu, da ist auch ein kleines Salztütchen aufgeklebt. Und auf dieser Karte sind eben die Kontaktadressen der Kirchengemeinden.

Die Brot-und-Salz-Aktion kommt gut an. Bei den Gemeinden vor Ort, die die ansprechend gestalteten Materialien bei Andrea Müller einfach bestellen können. Bei den Ehrenamtlichen, denen es Spaß macht, den schönen Willkommensgruß unter die Leute zu bringen. Und sie kommt an bei den Zugezogenen, die von dieser Form der Willkommenskultur oft freudig überrascht werden. Schließlich bietet die Aktion auch noch Anknüpfungspunkte für Quartiersarbeit. Denn neben Brotbeutel und Salz enthält das Päckchen auch noch einen Gutschein:

Ein Gutschein für ein Brot beim Bäcker vor Ort. Da suchen die Gemeinden Kooperationspartner, wo das Brot abgeholt werden kann. Und der Bäcker stellt es dann entweder der Kirchengemeinde in Rechnung, oder viele sagen auch: Das ist für uns eine absolute Win-win-Situation: Sie machen Werbung für uns, und wir geben gerne das Brot.

Brot und Salz als Willkommensgruß. Und wer mag, nimmt die Einladung an, mit der Gemeinde vor Ort zu entdecken, dass der Mensch eben nicht vom Brot allein lebt.

Pfarrerin Andrea Müller ist zuständig für die Mitgliederorientierung der Badischen Landeskirche. In ihrer Arbeitsstelle in Karlsruhe entwickelt sie Ideen und Materialien, um vor allem mit den passiven Kirchenmitgliedern in Kontakt zu kommen. Zum Beispiel die Kirchenpost.

Die Kirchenpost, das sind bunte selfmailer, also bunte Briefe, mit denen wir Jugendliche und junge Erwachsene einmal im Jahr kontaktieren wollen. Die sind zwischen zwölf und 30 Jahre alt. Diese Altersgruppe, die ist für uns als Kirche natürlich ganz wichtig. Das ist unser Nachwuchs.

Im Austausch mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen hat Andrea Müller versucht herauszufinden, welche Themen in welchem Alter interessant sein könnten:

Zum Beispiel mit 19 ist ja so die Frage, wie treffe ich eigentlich Entscheidungen? Was will ich nach der Schule machen? Oder fühle ich mich wohl in meiner Ausbildung und plane vielleicht was ganz anderes. Und wo haben wir als Kirche Ansprechpartner, wo man sich auch hinwenden kann? Oder wo gibt es Informationen, die hilfreich sein könnten in so einer Frage.

Aber nicht nur in inhaltlichen Fragen wirken die Vertreter der angepeilten Zielgruppen mit. Auch was das Layout für die geplante Kirchenpost anbelangt, hat ihr Urteil Gewicht: 

Und die sagen dann, ob ihnen erst mal das Design gefällt und die Ästhetik, ob sie es überhaupt öffnen würden, wenn da plötzlich so ein Brief vor ihnen liegt oder ob die sagen: Ne, das geht direkt in den Papierkorb. Und dann ist da die Frage, lest ihr das oder ist es zu viel Text? Und das ist wirklich überraschend, wie wenig Text oft schon zu viel ist.

Weniger textlastig, mehr mitgliederorientiert möchte die Kirche in Zukunft werden. Und das große Potenzial ihrer passiven Mitglieder heben.

Wenn wir uns trauen, unsere Formen zu öffnen, aus den Kirchen rauszugehen und mit den Menschen Kirche zu gestalten, dann kommt da was ins Fließen und Ins Sich-Entwickeln. Und dann kann Neues entstehen.

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21APR2024
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Tobias Breer, Marathonpater copyright: Tobias Breer

Caroline Haro-Gnändinger trifft Pater Tobias Breer, Marathonläufer und Seelsorger

 

Und mit dem sportbegeisterten Ordensmann Tobias Breer. Ich spreche mit ihm, weil er dieses Jahr bei einem Marathon in der Antarktis mitgemacht hat, als einziger Deutscher. Das heißt: Viele Kilometer und das bei großer Kälte. Er ist auf einer der südlichen Shetlandinseln gelaufen und wegen Unwettern sogar nachts:

Wir hatten -18 Grad gehabt. Das war jetzt nicht so dramatisch. Wir haben natürlich Mundschutz gehabt, sodass die kalte Luft nicht direkt in die Lunge kommt, und, ja gut, der ganze Bart war alles voll mit Eis und so weiter.

Der Bart voll mit Eis – da friert‘s mich schon beim Zuhören. Es haben Leute aus der ganzen Welt mitgemacht. Am Ende hat Tobias Breer einen Halbmarathon geschafft, also etwa 21 Kilometer, in weniger als drei Stunden. Einer der ersten Plätze ist es nicht, aber für ihn zählt, dass er es überhaupt durchgezogen hat. Gequält haben ihn dabei leider Knieschmerzen:

Dann war es eigentlich die letzten Kilometer nicht mehr so eine große Freude zu laufen, sondern ich musste da schon sehr kämpfen. Also, ich musste mich dann selber wieder überreden: Komm, du musst weitermachen, weitermachen. Dann ruft man sich die Bilder vor, dass man dann die Medaille bekommt und wofür ich eigentlich laufe - für die Kinder und für die bedürftigen Kinder. Und wenn man die strahlenden Kinderaugen sieht.

Denn Tobias Breer läuft fast immer für einen guten Zweck. In der Antarktis hat er mehr als 20.000 Euro zusammen bekommen und eine Förderschule konnte damit Sport-Rollstühle für die Schülerinnen und Schüler kaufen. Schon viele solcher Spendenläufe hat er hinter sich: fast 200 Marathons und etliche Halbmarathons. Trotzdem bleibt Kinderarmut ein strukturelles Problem, das sieht er auch. Er will aber in kleinen Schritten etwas verbessern und behält einen langen Atem.

Ich kann nicht die Welt retten letztendlich. Aber wo ich helfen kann, das tut meiner Seele besonders gut. Für mich ist es einfach gut, für die Seele, für den Geist, für den Körper und dass ich dann, wenn ich laufe, meine Sponsoren habe, die dann ein neues Projekt, Kinderprojekt, mit unterstützen oder mitfinanzieren.

Damit ermöglicht er Kindern aus ärmeren Familien, Sport im Verein zu machen, Fußball oder Schwimmen zum Beispiel. Oder dass Kinder mit Behinderung ein Therapiepferd bekommen oder Kinder in der Ukraine in Schutzzentren Spielräume. Das finde ich toll! Er verknüpft also konkrete Nächstenliebe mit seinem Hobby. Er läuft immer wieder los, weil er weiß, wofür.

Da habe ich immer diese gelben kleinen Aufkleber, mit einem kurzen Satz oder nur drei, vier oder vier Wörter ist vielleicht noch besser. Und die klebe ich immer bei mir im Badezimmer, wo ich dann morgens und abends reinschaue. Das heißt, ich werde immer wieder an diese Ziele erinnert.

Und das Laufen selbst spornt ihn natürlich auch an. Deshalb schnürt er seit fast 20 Jahren seine Sportschuhe.

Laufen ist für mich mehr als Sport, pure Leidenschaft, pure Meditation, etwas, das Körper, Seele und Geist immer wieder in Einklang bringt.

Das kann ich nachvollziehen, mir geht es zum Beispiel bei längeren Fahrradtouren so. Es fühlt sich gut an, sich zu bewegen, draußen zu sein und neue Gegenden zu entdecken. Und manchmal bringt mich das in Gedanken auch zu Gott. Pater Tobias Breer hat als Seelsorger übrigens viele unterschiedliche Aufgaben und ihm hilft, dass jeder Tag mit Ruhe anfängt.

Der Tag beginnt morgens bei mir immer mit einer persönlichen Meditation. Also ich kann auch ruhig sitzen. Es ist nicht so, dass ich immer in Bewegung bin.

Danach betet er gemeinsam mit den anderen Ordensleuten. 19 Mönche im Orden der sogenannten Prämonstratenser leben zusammen in der Abtei in Duisburg – er mag die Gemeinschaft:

Ich habe noch sechs Geschwister damals zu Hause war schon eine große Familie und ich muss da Menschen um mich haben und bin auch ganz gerne aber alleine. Ich laufe auch gerne alleine, aber dann bin ich auch froh, wenn ich mal wieder nach Hause komme und da sitzt der eine oder andere Pater noch im Wohnzimmer oder wie auch immer und kann mit ihm noch sprechen.

In seinem Büro, wo er Trauergespräche führt oder Gottesdienste vorbereitet, hängen an der Wand Medaillen und Urkunden. Mehrere Schuhe stehen bereit und am Kleiderständer hängen Laufshirts.  Er nennt es auch sein kleines Sportstudio. Fast jeden Tag startet er von dort aus eine kleine Runde:

Ich ziehe gerne farbenfrohe Kleidung an und dann gehe ich vor die Tür und schalte meine Uhr ein auf GPS und dann starte ich und dann laufe ich. Ich weiß: Heute muss ich zum Beispiel zehn Kilometer laufen. Es geht an einem Kanal vorbei, in Oberhausen. So eine wunderschöne Strecke. Und jetzt gerade, wo der Frühling beginnt, genieße ich natürlich die ersten warmen Sonnenstrahlen.

Er ist schon viele Marathons, Ultra- und Halbmarathons gelaufen, zum Beispiel in Oman in der Wüste und in Großstädten wie Paris und Tokio. Dabei sammelt er Spenden für Kinder in Togo oder in Syrien oder bei sich in der Umgebung. Durchs Laufen Not zu lindern, bedeutet ihm nämlich auch, als Christ zu handeln. Und es verbindet ihn manchmal mit Gott. Mal kommen ihm Ideen für die nächste Predigt, mal staunt er über die Natur.

Es war ein wunderschöner Lauf an der Wupper entlang und ich sah dann die ersten Tiere, Kälber, auf der Wiese. Und das berührt mein Herz, weil hier in der Stadt in Duisburg sieht man diese Tiere kaum und das ist einfach ein tolles Gefühl. Und das ist auch eine Begegnung mit Gott letztendlich, weil Gott hat alles erschaffen.

Dem Schöpfer in all seinen Geschöpfen begegnen – für Tobias Breer eine Art, Gott dankbar und nahe zu sein. Einmal wollten Jugendliche vor ihrer Firmung mit ihm das Laufen starten – und zwar direkt nach dem Gottesdienst. Für Pater Tobias Breer auch Seelsorge:

Gemeinsam unterwegs zu sein, nicht in einem Raum zu sitzen, in einem Kreis, wo dann mittendrin irgendwo eine Kerze steht und eine Blume, wie man es kennt. Das ist auch sehr schön und mag ich auch sehr gerne, aber nicht so oft, sondern ich bin immer draußen unterwegs. Da sehe ich auch ganz viele Blumen. Und während des Laufens kommen halt diese tollen Gespräche dann auch zusammen.

Gespräche über Gott und die Welt und das, was junge Menschen bewegt. Läuft also bei Pater Tobias Breer! Und auch mich spornt die Begegnung an, beweglich zu bleiben, sportlich und im Glauben.

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14APR2024
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Seit 20 Jahren ist Gabi Sauer die Mesnerin der evangelischen Veitskirche in Nehren, einem Dorf bei Tübingen. In anderen Gegenden würde man sagen: Sie ist Kirchendienerin oder Küsterin. Ich würde sagen: Sie ist die gute Seele ihres Kirchleins mit dem markanten Fachwerkturm, sie für frische Blumen auf dem Altar sorgt, die die Glocken läutet und sich darum kümmert, dass sich bei einem Hochzeitsgottesdienst alle wohl fühlen. Nur durch einen Zufall hatte sie damals erfahren, dass händeringend jemand für die Betreuung des Kirchengebäudes und der Gottesdienste gesucht wurde.

Wir sind (...) in die Kirche. Da stand der Pfarrer da. Und er hat mir leid getan: Wenn Sie jemand wissen, der jemand weiß, der jemanden kennt, der gerne Mesner werden würde, dann schicken Sie den doch bitte zu mir.

Ein, zwei Wochen hat Gabi Sauer das in sich gären lassen. Und ist dann zum Pfarrer hin und hat gemeint: 

Also ich weiß jemand, aber das Problem ist, Sie sehen es. Ich bin schwanger und - katholisch bin ich auch. Und Sie sind ja evangelischer Pfarrer.

Der stellte aber sofort klar, dass beides kein Hinderungsgrund war, Gabi Sauer als Mesnerin für die evangelische Kirche anzustellen.

Das ist kein Problem. Das eine vergeht und das andere ist kein Problem.

Seither, also seither sicher über 1000 Mal, beginnt Gabi Sauer den Sonntagmorgen erst einmal mit einer Tasse Kaffee und etwas Ruhe:

Bei einem normalen Gottesdienst ohne Taufe, ohne irgendwas mache ich mich um viertel nach neun auf den Weg zur Kirche. Ich schließ die Kirche auf, mach die Lichter an, zünde die Kerzen an, begrüß den Pfarrer meistens, die Organistin. Die Glocken läuten. Die Gottesdienstbesucher kommen und ich freue mich über jeden, der kommt. Man darf jeden herzlich willkommen heißen. Wir feiern Gottesdienst. Anschließend das Ganze wieder rückwärts, Kerzen aus: Türen zu und der Rest wird am Montag dann erledigt oder am Dienstag... (lacht)

Die 46-Jährige liebt das, was sie tut. Das spürt man. Deshalb ist sie auch „die Mesnerin der Kirch‘“ außerhalb der Gottesdienste.

Ich schließ‘ mich beim Putzen nicht ein. Meine Kirche ist immer wagenweit offen, wenn ich am Putzen bin. Und dann kann man auch mal kommen. Und wenn man dann ins Gespräch kommt, dann kommt da manchmal... ja, die Nöte, die Sorgen der Menschen zur Sprache.

Gabi Sauer ist „die“ Mesnerin ihrer Kirche. Und wenn die Leute zum Gottesdienst kommen, dann kommen sie manchmal eher zu ihr als zum Pfarrer. Als Hausfrau und als Mutter zweier Kinder ist sie außerdem im Sportverein mit dabei. Mit einem Wort, sie ist bekannt und fester Bestandteil eines Dorflebens, wie man es sich vorstellt.

Das Dorfleben hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Und Gabi Sauer erlebt auch die wachsenden Vorbehalte gegenüber Kirche und Glaube, wenn andere erfahren, was sie nebenberuflich macht:

Wie? Du schaffst bei der Kirch‘? Bist du so gläubig? Das hätte ich jetzt nicht gedacht. Dann sag ich: Also die Bibel, die kann ich nicht auswendig. Aber deswegen kann man trotzdem bei der Kirch‘ schaffen und den Mesnerdienst verrichten.

Mittlerweile ist Gabi Sauer auch als evangelische Kirchengemeinderätin engagiert. Und auch hier erlebt sie live mit, wie stark sich das kirchliche Leben verändert hat und welche Konsequenzen das für sie und den Dienst ihrer Mesner-Kolleginnen und -Kollegen haben könnte.

Ich befürchte, dass es irgendwann das als Bezahltes nicht mehr gibt -  dass man das versucht mit Ehrenamtlichen. Und wenn man jetzt sieht, wie viele Pfarrstellen gestrichen werden, wie viele Gemeinden zusammengelegt werden. Ich weiß es nicht. Ich bin irgendwie skeptisch, wie lange es uns überhaupt noch gibt.

Aber noch gibt es sie, die Mesnerinnen und Mesner, die liebevoll ihre Kirchengebäude betreuen und die Menschen, die hierherkommen, gleich mit. Und – Mesnerinnen und Mesner werden weiterhin händeringend gesucht! Gabi Sauer kann ihren Beruf jedenfalls nur wärmsten weiterempfehlen, auch die Gottesdienste jeden Sonntagmorgen:

Das ist eine wunderschöne Zeit. Das ist für mich nicht arbeiten, sondern fast wie Urlaub. Es tut einfach gut. Ich höre nicht immer der Predigt zu, muss ich ganz ehrlich gestehen. (…) Aber es tut einfach der Seele gut, mal nichts zu hören, (...) die gelernten Lieder einfach zu singen und nichts zu denken und nix tun zu müssen.

In ihrer Kirche erlebt Gabi Sauer gelebte Verbundenheit. Und mir wird klar, wie viel sie selbst entscheidend dazu beiträgt, als sie mir folgende kleine Anekdote erzählt von einer Frau, die sich bei ihr entschuldigt hat, weil sie einmal sonntags nicht in die Kirche kommen konnte. Die alte Dame sagte damals zu ihr:

Ich konnte nicht in den Gottesdienst kommen. Weißt, ich musste Kartoffelsalat mache. Beim Gesangverein habet mer Hockete. Die kann ich die doch nicht im Stich lassen. Aber ich konnte zu dir nicht in die Kirche komme.(lacht)

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07APR2024
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Dr. Peter Kottlorz Copyrigt: Privatfoto

Ein runder Geburtstag: 100 Jahre Kirche im Radio. An Karfreitag 1924 lief die allererste kirchliche Radiosendung. Grund genug mit einem zu sprechen, der fast ein Drittel dieser Zeit selbst Verkündigung im Radio, im SWR gemacht hat. Dr. Peter Kottlorz war bis zu seinem Ruhestand Leiter der Katholischen Rundfunkarbeit am SWR. Die Rundfunkarbeit macht die religiösen Sendungen, wie hier auf SWR1 die Anstöße oder 3vor8 oder diese Begegnungen. Das gibt es natürlich auch auf allen anderen SWR-Wellen.
Peter Kottlorz ist seit zwei Jahren im Ruhestand und seitdem nicht mehr auf Sendung. Umso größer ist die Freude, dass wir beide jetzt diese Begegnung zusammen gestalten, wir haben nämlich auch mal zusammengearbeitet. Jetzt sitzt er wieder in seinem „Heimatstudio“ beim SWR in Tübingen und ich will gerne von ihm wissen, worum es Radioverkündigung grundsätzlich geht.

 

Den Menschen gut zu tun. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und das kann man, indem man mit diesen täglichen Sendungen, die auch eine Alltagsstabilisierung für Menschen bieten, Trost, Hoffnung und Lebensorientierung vermittelt.
Wenn ich merke, dass ein Mensch über etwas spricht, das er selbst erlebt hat und jetzt natürlich aus dem Glaubensbereich, aber nicht nur. Es ist gut, wenn die Menschen, die aus der Religion heraus sprechen auch immer aus dem Leben heraus und nicht eben aus einer anderen Dimension sprechen. Also, dass Sie das selbst erlebt haben, mindestens gefühlt oder mitgefühlt haben, das spürt man, das hört man. Und dann geht die Botschaft bestenfalls wirklich von Herz zu Herz.

Dabei ist ihm das Thema Augenhöhe zwischen Sprechenden und Hörenden ganz wichtig.

Und deswegen war mir war mir Glaubwürdigkeit wichtig und ich wollte auf gar keinen Fall irgendwie über irgendwelche Köpfe hinweg predigen. Ich war auch Zeit meines Berufslebens nie auf einer Kanzel. Allein die Position ist für mich ein No Go, weil ich da über den Menschen stehe und das ist nicht mein Ort.

Mehr als 30 Jahre lang hat Peter Kottlorz Menschen über das Radio seinen Glauben, seine Erfahrungen und sein Leben angeboten. Er wird dann auch ganz persönlich, wenn er erzählt, was für ihn religiöse Sendungen im Radio bedeuten:

Hörbares und damit spürbares Wohlwollen für die Menschen. Also, es ist für mich eine Form, meine Liebe zu den Menschen auszudrücken und zwar auf Augenhöhe. Das ist auch das einzige, was mir bisher in den zwei Jahren, seit ich das nicht mehr mache, fehlt. Das habe ich so gern gemacht und da muss ich jetzt eben andere Formen finden, meine Liebe zu den Menschen auszudrücken.

Worum es in Peter Kottlorz allererstem Radiobeitrag ging und wie viel Gott so eine religiöse Sendung braucht, das hören Sie nach der Musik.

… und mit Peter Kottlorz. Er ist Doktor der Theologie und mehr als 30 Jahre lang hat er christliche Verkündigung im Radio gemacht. Und war Leiter der Kath. Rundfunkarbeit am SWR. Seit zwei Jahren ist er im Ruhestand. Kann er sich noch an seinen allerersten Beitrag erinnern?

Ja, das war auch mein Letzter. Und zwar hieß der „This day is the first day of the rest of your life“. Das ist ein Kalenderspruch. Ein klassischer geradezu, der mir aber damals wie auch vor zwei Jahren, als ich meinen letzten Beitrag gemacht hab, sehr gut gefallen hat. Und weil ich das auch lebe. Und zwar geht es darum, dass man das Leben als Geschenk sieht. Und dass man es nicht nur deshalb auch bewusst lebt, so bewusst wie eben möglich. Und das habe ich also in meiner ersten SWF 3 Randnotiz als Beitrag gehabt und in meinem letzten SWR 3 Gedanken auch.

Für Peter Kottlorz und für mich war und ist es nicht immer leicht für die katholische Kirche zu arbeiten. Mit der Institution hadern wir immer wieder. Aber wir haben eine großartige Botschaft. Für mich ist die: Du bist grundsätzlich gut und von Gott geliebt. Und für die lohnt es sich, jeden Tag zu arbeiten und sie auch über das Radio zu erzählen. Dabei ist für uns alle in der Verkündigung das Wort Angebot wichtig:

Ja, ich teile Leben mit. Ich lege es auf ein Silbertablett wie einen blank geputzten, appetitlichen Apfel, und die Menschen können den sehen, vielleicht sogar schon riechen, oder er gefällt ihnen und sie können ihn nehmen oder auch liegen lassen.

Was würde fehlen, wenn es solche christlichen Sendungen wie diese hier nicht gäbe?


Es geht darum, dass in dem Konzert der gesellschaftlichen Meinungen auch diese eine Meinung möglich ist. Eine Meinung aus christlicher Perspektive und das würde fehlen, wenn es das nicht gäbe.
Es geht bei unseren Beiträgen um die Horizontale und um die Vertikale. Horizontale heißt um Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit. Und die Konflikte, die damit verbunden sind. Und es geht um die Vertikale. Und es geht um Spiritualität, es geht um die Frage nach Gott und es geht immer um die Knotenpunkte des Lebens: Geburt
, Krankheit, Tod, Sterben, Freude, Heirat, Liebe.

Peter Kottlorz spricht von unserem Job als wunderbare Brücke zwischen Gesellschaft und Kirche. Das hat er immer wieder erlebt, wenn ihn z.B. Menschen angesprochen haben, weil sie ihn an seiner Stimme erkannt haben.

Wie ist das denn mit Gott in der Radioverkündigung? Um den geht es ja. Wie viel Gott verträgt ein Beitrag? Für Peter Kottlorz muss Gott nicht direkt genannt sein. Er benutzt ein Bild und spricht von…

Einer Jalousie. An einem strahlenden Sommertag kann man, wenn es richtig grell ist, die Sonne durch ein großes Fenster scheinen lassen. Das ist dann aber fast zu grell oder man kann die Jalousie auf so halb klappen und wo das Licht dann ganz sanft durchstrahlt. Das ist für mich das schönste Licht und es ist für mich auch so ein Bild, wie man vielleicht dieses unbeschreibliche Wesen, Gott durchscheinen lassen könnte.

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01APR2024
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Désirée Binder

Wolf-Dieter Steinmann trifft Désirée Binder, psychologische Psychotherapeutin und Supervisorin aus Freiburg

Ostern ist existentiell

Im Auto nach Freiburg zu Désirée Binder bin ich in ne schwarze Wolkenwand geraten und hab gedacht: „Wie das Leben: Es wird nicht heller, wenn man älter wird, und unsere Welt, oje.“ Nach der Begegnung war ich heller: Die Räume, in denen die Psychologin mir begegnet ist. Und: Désirée Binder hat mir Ostern in die Seele erzählt, wie gut es tut.

Wenn so aus den Zweigen das erste Grün springt, dann springt mein Herz. Ich hab Ostern sehr, sehr gern.

Dabei kann man Ostern nicht ohne Karfreitag haben. Früher hat sie damit gehadert: warum immer Kreuz? Inzwischen macht genau das für sie Ostern lebensnah: Jesus ist auch dort gewesen, wo wir alle hingehen. Tot. Und er ist da durch. Das lässt hoffen.

Dass G_tt aus dem, was wir uns am wenigsten wünschen. Krankheit, Gewalt. Tod; dass G_tt aus diesem Schlimmen was Gutes wachsen lassen kann. Und dass es dann nichts mehr gibt, das in unserem Leben verloren ist. Eine Freundin, die hat über ihre tiefste Lebenskrise mal gesagt: ‚das wollte ich nie noch mal erleben müssen, aber ich wollte es auch nicht missen.‘

Ostern, also dass Jesus neu lebendig ist, wirkt weit über die Feiertage hinaus. Sie erlebt das auch in der Arbeit als psychologische Psychotherapeutin und Supervisorin. Oft kommen Menschen zu ihr, die feststecken.

Wenn es dann gelingt, wieder dort anzuknüpfen, wo Menschen stark sind, wo sie ihre Lebendigkeit spüren, vielleicht auch im Ärger, auch im Widerstand gegen ne Situation, die ihnen zu schaffen macht und dann Vertrauen finden, es gibt da vielleicht einen Weg, dann ist es so ein bisschen was wie ne Ostererfahrung.

Was hilft, aufzustehen in Krisen und durch Täler zu kommen? Désirée Binder setzt darauf: tiefe menschliche Begegnungen wirken heilsam. Darum: bitte pflegen.

Ich glaube, wir müssen in Zeiten, in denen wir nicht im Tief sind, anfangen, uns einfach zu gönnen, ein Stück Leben zu teilen. Das kann helfen, in Situationen, in denen wir wirklich jemanden brauchen, darauf zurückzugreifen und zu sagen, da war doch mal jemand.

Die Erfahrung, ich bin nicht allein, die macht jede Situation weniger ausweglos.

Das geht auch per Telefon: Wenn Seelen sich einander öffnen und heilsam zusammen schwingen. Manchmal wird dabei auch klar, es ist jetzt dran, was aufzugeben. Sie nennt das ‚heilsam kapitulieren.‘ - Wenn ich endlich aufgeben kann, einen vertrauten Irrweg immer zu wiederholen. Dann kann Neues wachsen.

Es ist immer schön, wenn jemand sich einladen lässt, das Selbstbild mal upzudaten, zu sagen, ‚eigentlich bin ich da schon ein paar Schritte weiter, ich hab es nur noch nicht gemerkt.‘

Für Désirée Binder durchzieht Ostern das ganze Leben. Dabei ist manchmal auch ein „unbekannter“ Dritter im Spiel.

 

Désirée Binder mag Ostern. Erstaunlich. Hat sie doch schon früh wichtige Menschen verloren. Mutter, Großeltern. Das hat ihr Leben tief erschüttert. Und doch dieses Vertrauen in sie gelegt: Am Ende ist Licht. Anderen geht das ähnlich.

Ein Freund von uns, der hat es beim Verlust seiner Frau mal so ausgedrückt. ‚Ich bin zugrunde gegangen. Und an den Grund gekommen, der mein Leben trägt.‘
Den er Gott nennt. 
Und es war so, dass ich diesen Urgrund auch gespürt hab. Jetzt könnte passieren, was will, mich würde nichts mehr so tief erschüttern.

Dazu passt eine ihrer Lieblingsostergeschichten aus der Bibel: von zwei Freunden Jesu. Nach seinem Tod sind sie erschüttert, bodenlos. Sie fliehen aus Jerusalem. Auf einmal geht einer mit ihnen: ein „unerkannter“ Bekannter.

Sie erkennen ihn nicht. Und das Großartigste ist, dass sie ihn erkennen, als er mit ihnen isst. Das gemeinsame Essen. Das Brot teilen. An diesem Vorgang erkennen sie ihn.

Schon in der Bibel wird also erzählt: G_TT ist nicht einfach unübersehbar da. Man kann G_TT nicht ‚haben‘. G_TT erscheint eher für Menschen und dann können Gebeugte aufstehen. Désirée Binder glaubt an G_TT als ein großes Du.

Wenn ich dieses große Du anspreche. Dass das nicht ohne Resonanz bleibt. Dass es irgendwas gibt, was mich nicht als die gleiche zurücklässt. Ich ahne mehr, als ich weiß.

Das genügt. Dass man Gott nicht sicher weiß, sondern glaubt und hofft, ist kein Mangel. Es gibt „Sachen“ mit Geheimnis: Wie den Tod.
Aber ich finde, sie hat da eine schöne Hoffnung.

Ich habe so das Bild, dass Christus den Weg vorausgegangen ist und an dem anderen Ufer sozusagen wartet. Und dann die Hand, die ich loslasse, ablöst und mir ne Hand gibt und mich rüber holt.

Ich glaube, hoffen macht frei. Heute z.B., wenn man schön feiert. Für Désirée Binder gehört dazu: Die Auferstehungsfeier morgens um sechs.

Einander zurufen: ‚Christus ist auferstanden‘. Ein Osterfrühstück. Und was für uns unbedingt dazu gehört, ist, dann rauszugehen, uns Ostergeschichten zu erzählen, zu lachen.

Vielleicht überrascht es Sie, aber als sie das gesagt hat, hab ich an Alexej Nawalny gedacht. Wie er vor seinen Richtern steht, aufrecht, mit Humor. Trotzt der Gewalt und irgendwie auch dem Tod. Désirée Binder bestätigt, Ostern ist auch politisch existentiell.

Uneingeschränkt Partei ergreifen für die Menschenwürde und das Lebensrecht aller Beteiligten. Und ich hoffe, dass Gott nen Weg für uns hat.
Und so kleine Osterzeichen sind für mich wirklich so Friedensinitiativen.

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31MRZ2024
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Kerstin Fleischer Copyright: Photo Feuerstein, Speyer

… und mit Kerstin Fleischer, die als Seelsorgerin in einem Bereich arbeitet, den die Meisten zwar schon erleben mussten, aber möglichst weit von sich fernhalten. Die 47-Jährige begleitet sterbende und trauernde Menschen. Trauer, so heißt es ja oft, mache einsam. Wer einem Trauernden begegnet fürchtet oft, sich an der Traurigkeit des anderen quasi anzustecken. Was viele vergessen: Eine Welt ohne Trauer wäre auch eine Welt ohne Liebe.

Trauer hat immer irgendwie auch was mit Verlust zu tun. In der Begleitung arbeite ich dann mit den Trauernden heraus, dass Trauer Liebe ist. Und wer trauert, liebt und wer liebt, trauert. Und je tiefer und inniger die Bindung und Beziehung war, desto größer ist der Schmerz. Und den Schmerz aushalten zu müssen, das ist so was, das macht man nicht gern, das schiebt man gern weg, weil man Angst hat vor dem, was kommt.

Denn am Ende geht es immer um eines: Ums Abschiednehmen. Und Abschiede tun meistens weh. Doch wenn es gelingt, sie bewusst zu gestalten, sagt Kerstin Fleischer, kann ich besser damit umgehen.

Junggesellinnenabschiede, die vollzieht man bewusst. Man trifft sich, man sitzt beisammen, man feiert, man erinnert sich, man nimmt mit, was man erlebt hat, man bedankt sich. Und ich würde mir wünschen, dass es viel mehr auch in diesem Übergang vom Leben zum Tod, diese bewusste Gestaltung möglich sein wird.

Und wie kann sowas konkret gelingen?

Zum Beispiel haben wir das Ritual des Sterbesegens, wo noch einmal bewusst mit den Angehörigen am Sterbebett Abschied genommen wird.

Da ist das ganze Leben noch mal gebündelt. Alles, was gut war, das Schöne, was bleibt. Aber auch - und das finde ich das Starke - was misslungen ist, was man vielleicht hier auf dieser Erde in diesen Zeiten gar nicht mehr regeln kann. Das vertraue ich jetzt Gott an und bitte ihn in dieser Situation um seinen Segen, seine Begleitung.

Und wenn ein Mensch nicht glauben und auch nicht beten kann oder will?

Manche entschuldigen sich und sagen Frau Fleischer, ich bin gar nicht katholisch. Und dann sage ich: Ich glaube, das spielt jetzt keine Rolle. Und dann kommt man miteinander ins Gespräch. Und das Gespräch ist, glaube ich, das Entscheidende. Einfach diese Präsenz, dieses Da sein.

Denn am Ende ist etwas anderes wichtig. Und das gilt für jeden Menschen, ob gläubig oder nicht.

Mein Ansatz ist es zu sagen: Die Trauer muss nie zu Ende sein, aber sie muss sich wandeln ... Ein Trauernder muss nicht loslassen. Er hat schon losgelassen. Ich muss den Verlust nicht verarbeiten, sondern ich muss lernen, mit diesem Verlust zu leben. Und wenn ich den Verlust spüre, aber er schmerzt nicht mehr so sehr, dann habe ich wieder Schritte ins Leben getan.

Um die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod und das, worauf Kerstin Fleischer selbst hofft, geht es gleich.

… ich spreche mit meiner Kollegin Kerstin Fleischer, die im Bistum Speyer als Seelsorgerin für trauernde und sterbende Menschen da ist. Auch an einem besonderen Ort, dem Hospiz. Eine Einrichtung, in der Menschen ihre letzten Lebenswochen oder -tage verbringen können. Ein Ort, mit dem Viele vor allem wohl Traurigkeit und Tod verbinden.

Das ist oft die Angst und die Scheu, an diesen Ort zu gehen, weil es dann ernst wird. Und im Nachhinein, im Rückblick sagen viele: Schade, dass ich nicht schon viel früher die Entscheidung getroffen habe, ins Hospiz zu gehen, weil sie erleben, dass nicht dieses Sterben-müssen im Mittelpunkt steht, sondern tatsächlich das Leben.

Die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod. Macht sie das Abschiednehmen leichter?

Wenn ich einen Glauben habe, wenn ich eine Idee habe, was passiert mit diesem Menschen, wenn er stirbt? Wo ist dieser Mensch? An was glaube ich? Das trägt und das macht mir den Abschied, glaube ich, tatsächlich ein bisschen leichter. Weil ich nicht das Gefühl habe, jetzt kommt ein Loch oder ein Nichts, sondern ich weiß oder ich glaube daran, er oder sie ist bei Gott oder an einem guten Ort. Und diese Hoffnung, das ist wirklich was ganz, ganz Entscheidendes.

Worauf sie persönlich hofft drängt Kerstin Fleischer aber keinem auf. Darüber spricht sie nur, wenn sie jemand ausdrücklich danach fragt, und ich habe sie gefragt.

Ich für mich, ich glaub, dass im Moment des Sterbens Gott mir seinen Engel schickt, der mich führt von Dunkelheit und Nacht ins Licht, und dass ich in diesem Licht leben darf, in diesem Osterlicht. Das ist mein Glauben, meine Hoffnung. Und das tröstet mich, wenn ich Abschied nehme von meinen Lieben.

Denn das musste sie selbst, als ihr Vater in der Coronapandemie starb.

Ich habe vielleicht in dem Moment in dieser Zeit noch so stark wie nie zuvor erlebt, wirklich von Menschen, von Gott getragen zu sein. Und das war für mich eine großartige Erfahrung, das auch spüren zu dürfen. Und ich für mich wünsche mir, dass ich auch in 20 Jahren bei irgendeinem Ereignis noch traurig sein darf, dass mein Papa das jetzt nicht mehr erleben darf. Dann bin ich keine Trauernde. Aber ich bin traurig über diesen Moment. Ich habe diesen Schmerz, aber nach und nach wandelt sich dieser Schmerz in eine kostbare Erinnerung. Und das bleibt. Und das darf ich mit hinein in mein Leben nehmen.

Heute, an Ostern, feiern Christen ja die große Hoffnung, dass der Tod nicht das letzte Wort ist.

Genau das, was wir an Ostern jetzt feiern, das darf ich auch erleben. Auch wenn mir jemand Liebes stirbt, geh ich aus diesem Weg durch die Trauer hindurch wieder zurück ins Leben. Und das ist Ostern!

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29MRZ2024
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Barbara Wurz und Ernst-Wilhelm Gohl, Landesbischof der evangelischen Kirche in Württemberg.

Barbara Wurz trifft  Ernst-Wilhelm Gohl, Landesbischof der evangelischen Kirche in Württemberg.

Eine seiner wichtigsten Aufgaben als Bischof: der Kirche ein Gesicht geben und öffentlich Stellung beziehen zu den Themen, die gerade dran sind. Gar nicht so leicht in einer Zeit, in der viele Menschen die Kirchen sehr kritisch wahrnehmen: zum Beispiel ihre Sprache oder Musik:

Also das Beste, das mir jemand sagte, als wir ein neues Lied gesungen haben. Mensch, ich wusste gar nicht, dass Sie so moderne Lieder singen. Und dann sage ich: So modern ist das gar nicht, das ist jetzt 50 Jahre alt.

Wenn sich die Menschen moderne Musik im Gottesdienst also gar nicht vorstellen können, dann sagt das schon viel über das Bild von Kirche in ihren Köpfen. Die Kritik reicht aber noch deutlich tiefer:

dass sie vom Leben weg ist, dass sie keinen Bezug hat zum Leben. Was hat der Glaube mit meinem Leben zu tun? Ich brauch‘s nicht.

Vielen Menschen geht es gut, meint Gohl. Und scheinbar lässt sich heutzutage alles im Leben kontrollieren oder steuern – auch ohne Kirche und ohne Beistand von oben. Es kann aber auch ganz anders kommen:

Aber ich glaube, es zeigt sich ja gerade in Situationen, wo dein Leben anders läuft, als du dir das vorstellst, wo du erlebst, dass eben das nicht stimmt: ‚Wenn du dir nur Mühe gibst oder wenn du dich gesund ernährst, kannst du nicht krank werden.‘ Und wie alle die Sprüche heißen, die meinen, wir hätten das Leben in der Hand (…), da kommt plötzlich eine andere Dimension und bricht ein. Und da hat natürlich der Glaube für mich als sehr tragende Antwort.

Eine Antwort, die für ihn viel mit dem heutigen Karfreitag zu tun hat.

Der Karfreitag zeigt mir: Es gibt Situationen, die hast du nicht im Griff und die gehören zum menschlichen Leben dazu. Wenn Jesus am Kreuz ruft Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Das ist wohl der tiefste Punkt, den Du an Verzweiflung haben kannst. Und (…) es tut mir gut, wenn ich das einfach zulassen kann. Es gibt Situationen, da weiß ich nicht aus noch ein. Ich bin nur verzweifelt und das gibt es im Leben und das hat seinen Platz.

Um den schweren Seiten des Lebens ihren Platz einzuräumen ist es für Ernst-Wilhelm Gohl wichtig, an Karfreitag auch einmal zur Ruhe zu kommen.

Da erlebe ich als Erstes, dass mir das wahnsinnig schwerfällt: die Stille. Wir sind es meist gewohnt, dass man immer aktiv ist. Und ich glaube, das ist auch eine Erfahrung, die wir modernen Menschen wieder viel stärker machen müssen.

Und erzählt mir von einer eindrücklichen Begegnung aus seiner Zeit als Gemeindepfarrer: Mit einer alten Dame, die lange die Mesnerin der Kirche gewesen war:

plötzlich hatte die ein Schlaganfall und ich habe sie besucht und werde es nie vergessen, wie sie im Bett liegt. Eine Dame aus Siebenbürgen und mit ihrem alten Akzent, den Finger hebt mit der Hand, die nicht gelähmt war und sagt: „Der Herr hat mich in die Ruhe getan. Das muss ich noch lernen.“ Das fand ich ein unheimlich starker Satz.

Ernst-Wilhlem Gohl ist überzeugt: Es schadet unserer Gesellschaft, wenn wir die Ruhe nicht mehr aushalten. Denn in der Ruhe beginnt das Nachdenken – auch über die eigenen Fehler und Unzulänglichkeiten. Über das, was die Bibel „Sünde“ nennt.

Die Ursünde nach der Bibel (…) ist, dass der Mensch sagt: Ihr werdet sein wie Gott. (…) Ich bin der letzte Maßstab und ich glaube, wir laden überall Schuld auf uns, wo wir uns zum Maßstab machen und eben nicht mehr sehen, dass mein Gegenüber genauso Gottes geliebtes Geschöpf ist und genau gleichen Wert hat wie ich (...) Wir könnten jede Krise, glaube ich, durchbuchstabieren, dass es letztendlich darum geht: Ich bin das Maß aller Dinge, die anderen sind mir egal.

Der Mensch darf sich nicht zum Maß aller Dinge machen. Und schon gar nicht darf er sich über andere erheben. Auch davon erzählt der Tod von Jesus am Kreuz.
Wir haben unser Leben nicht voll und ganz im Griff, und wir gehen auch nicht ohne Schuld und Egoismus durchs Leben. Unser Leben bleibt bruchstückhaft. Und das verschwindet auch nicht einfach so, nur weil wir in drei Tagen Ostern feiern: Die Auferstehung Jesu von den Toten. Ernst-Wilhelm Gohl meint:

Ostern wischt ja nicht das weg, was geschehen ist. Aber Ostern lässt in einem anderen Glanz erscheinen. Und das heißt für mich, dass ich die Gebrochenheit in meinem Leben zulassen, auch dazu stehen kann, weil ich weiß, dass auch ich mit all meiner Bruchstückhaftigkeit, auch mit meinem Scheitern (…) einfach in Gottes Liebe aufgehoben bin. (…) weil ich weiß von Ostern her, dass mich nichts von Gottes Liebe trennen kann.

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24MRZ2024
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Andreas Pietschmann Copyright: Mathias Bothor

Christopher Hoffmann trifft: Andreas Pietschmann.

Der Schauspieler ist immer wieder im deutschen Fernsehen zu sehen. Etwa im Tatort, bei Wilsberg oder Polizeiruf 110. Mit der Netflix-Serie „Dark“ feierte er dann 2017 seinen internationalen Durchbruch - in der Hauptrolle als Jonas. Mich hat er aber schon früher begeistert. Und zwar als Jesus! Denn in der italienisch-deutschen Koproduktion „Ihr Name war Maria“ spielt Andreas Pietschmann den Sohn Gottes. Wie war das für ihn?

Es ist natürlich eine andere Rolle als jede andere, das ist völlig klar. Und für dich als Schauspieler ist auch klar: Normalerweise begegnet dir sowas nie im Leben, dass du so eine Figur spielst. Ich habe dann das Neue Testament noch mal genau studiert- das waren natürlich ganz besondere Texte. Und ganz tolle Inhalte, mit denen zu beschäftigen sich total lohnt und was für einen Schauspieler eine ganz besondere Aufgabe ist.

Gab es einen Bibeltext, der Andreas Pietschmann persönlich besonders gepackt hat?

Ich erinnere mich, dass ich sehr beeindruckt war von der Bergpredigt. Und da ist mir aufgefallen, dass diese Texte viel schöner sind, als ich sie in Erinnerung hatte aus Lesungen oder aus Kirchbesuchen einerseits und andererseits, was für ein Werkzeugasten das ist für ein gutes Leben. All das, was da gesagt wird, taugt wahnsinnig gut eigentlich, um die Welt zu einer besseren zu machen, wenn jeder das etwas mehr beherzigen würde.

Dabei ist Andreas Pietschmann alles andere als unkritisch gegenüber Religion:

Menschen tendieren dazu - gerade wenn es um Religion geht - in allen Religionen sie sich zu Nutze zu machen zur Sicherung ihrer eigenen Position, zur Machtsicherung, zur Ausübung von Macht leider auch. Das ist die große Gefahr. Würde man aber ganz nüchtern und von all dem befreit diese Texte sich ansehen, insbesondere in der Bergpredigt, dann taugt es zu einer sehr guten Lebensanleitung, also ein gutes Leben zu führen.

 „Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit – denn sie werden satt werden“ (Mt 5,6), steht da zum Beispiel. Und: „Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden“ (Mt 5,7). Auch Andreas Pietschmann orientiert sich in seinem Leben an diesen Worte Jesu. Glaubt er auch an Gott und an einen Sinn im Leben?

Ich habe immer das Gefühl gehabt, irgendwie muss noch über den Zufall hinaus – und das habe ich auch nach wie vor - was anderes Ursache sein für mein Dasein und auch Ziel sein für mein Dasein. Und das mag ich auch immer noch glauben. Ich habe kein Wissen, ich habe einen Glauben, ich habe eine Hoffnung.

 Mit 19 Jahren hat Andreas Pietschmann einen schweren Autounfall. Er überlebt…

…und ich habe das schon für mich als Auftrag gesehen, einerseits und als Chance andererseits, dass Dinge noch passieren mit mir und dass ich noch Aufgaben zu erfüllen habe. Und ich finde das ein recht gesundes Bewusstsein, was einem Zuversicht gibt und auch Kraft gibt und Motivation nicht aufzugeben und auch sein Leben mitunter als Dienst zu sehen.

Ich treffe Andreas Pietschmann in Berlin-Pankow, wo er mit seiner Frau, der Schauspielerin Jasmin Tabatabai und seinen drei Kindern lebt. Der 55-Jährige setzt sich gemeinsam mit der Hilfsorganisation „Save the children“ für Kinder ein, die in Kriegen hungern und leiden – auch in vergessenen Krisen wie in Syrien, wo der Konflikt inzwischen schon seit 13 Jahren andauert. Dort sind gerade über 16 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen – ein trauriger Rekord seit Kriegsausbruch:

So viele Leute wie aktuell - und gerade Kinder, Jungen und Mädchen -  in Syrien leiden, gab es noch nie. Und wir dürfen das nicht vergessen, dass die Kinder da wenigstens zu essen und ein Dach über dem Kopf bekommen und irgendwie eine Perspektive bekommen, wenn sie spüren: da sind noch Menschen, die denken an uns.

 Aber Andreas Pietschmann verschließt auch nicht die Augen vor dem Leid vor der eigenen Haustür. In seiner Nachbarschaft unterstützt er das Kinderhospiz „Sonnenhof“ in Pankow…warum?

Es handelt sich da um eine meist für alle Menschen unsichtbaren Nische in unserer Gesellschaft, die es aber gibt – also Leute, die in solcher Not sind, werden meisten nicht gesehen.

 Und das will Andreas Pietschmann ändern:  Er beteiligt sich an Fußball-Benefizturnieren, denn als junger Mann hat er selbst in der dritten Bundesliga für die „Würzburger Kickers“ gespielt und bis heute ist das runde Leder seine große Leidenschaft. Und als passionierter Motorradfahrer sammelt er mit vielen anderen Bikern auch bei der sogenannten „Sonnenhoftour“ Geld. Immer wieder geht der sensible Botschafter aber auch selbst vor Ort und trifft im Hospiz Kinder, die an schweren, unheilbaren Krankheiten leiden und deren Familien:

Das ist ein ganz besonderer Ort. Und zwar, was mich eben so beeindruckt hat, nicht nur ein Ort von Trauer natürlich und von Innehalten und von Schmerz, sondern -  weil diese Leute so eine unglaubliche Energie da haben -  auch ein Ort von Hoffnung. Und das ist wahrscheinlich auch der einzige Weg, wie man helfen kann: Wenn die Hoffnung da ist und die Kraft da ist, wenn die Liebe da ist, um sich um diese Menschen zu kümmern, um diesen Menschen, die in dieser traurigen Extremsituation sind, Hoffnung zu geben.

 Andreas Pietschmann bewundert deshalb die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Kinderhospiz sehr:

Und für diese Arbeit braucht man natürlich einerseits eine unglaubliche Hilfsbereitschaft und Hingabe, aber auch ein breites und starkes Kreuz, denn man ist natürlich täglich mit dem Tod konfrontiert und auch einfach mit Menschen, denen er bevorsteht. Und die sich dadurch in einer Extremsituation befinden.

Leid und Tod – das ist auch Thema der bevorstehenden Karwoche. Gibt die Osterhoffnung, der Glaube an Auferstehung, auch Andreas Pietschmann persönlich Kraft?

Ich habe die Hoffnung, dass ich den von mir geliebten Menschen nach meinem Tod auch wieder begegne, ja.

Das hoffe und glaube ich auch. Und wir beide glauben daran, wie wichtig diese Botschaft von der Liebe, die stärker ist als der Tod, auch in unserer Welt heute weiterhin bleibt.  

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17MRZ2024
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Mateo Weida Copyright: Ludmilla Parsayk

Martina Steinbrecher, evangelische Kirche, trifft: Mateo Weida (39), evangelischer Jugendpfarrer in Stuttgart. Zusammen mit seinem katholischen Kollegen Max Magiera hat er in der Nikolauskirche einen Kreuzweg speziell für Jugendliche aufgebaut. Dort wird man mit dem Leidensweg von Jesus konfrontiert. Und mit sich selbst. 

Bei unserem Treffen in der katholischen Kirche Sankt Nikolaus im Stuttgarter Osten steht Mateo Weida auf einer Leiter und schraubt einen Lautsprecher an ein großes Holzgestell. Der evangelische Jugendpfarrer ist zufrieden: Die Segensdusche funktioniert schon mal.  

Eine Segensdusche war im letzten Jahr die große Attraktion. Da konnte man durchlaufen oder sich drunterstellen und hat dann gute Worte zugesprochen bekommen. Quasi Segensworte. Und diesmal sind das Lobesworte und Worte, die irgendwie zusprechen: Hey, du schaffst das!

Wer auf einem roten Teppich unter dem Holzgestell durchgeht, löst durch einen Bewegungsmelder die Dusche aus: Aus dem Lautsprecher rieseln aufmunternde Worte. So funktioniert die erste von sieben Stationen des ökumenischen Jugendkreuzwegs, den Mateo Weida hier mit seinem katholischen Kollegen Max Magiera aufgebaut hat. Sie knüpft an den Palmsonntag an: Bei seinem Einzug in Jerusalem hat Jesus eine große Menschenmenge lautstark zugejubelt. Ein Gefühl wie unter einer Segensdusche. Für Jesus war es aber auch der Beginn eines Leidensweges, der in den Tod geführt hat.    

Die Beschäftigung mit der Passionsgeschichte zeigt einem das unglaubliche Leid einer Person vor 2000 Jahren, ordnet die so ein bisschen ein und lässt gleichzeitig auch zu, dass es ok ist, in Krisen zu sein, dass es ok ist zu leiden, dass nicht immer alles happy sein muss.

Mateo Weida ist es wichtig, Jugendlichen zu signalisieren: Auch wenn du jung bist und die Gesellschaft es vielleicht von dir erwartet, musst du nicht immer gut drauf sein. Die weiteren Stationen des Kreuzwegs geben deshalb Anregungen für die Auseinandersetzung mit Krisen, mit Grenzüberschreitungen, mit Schuld.  Da hängt zum Beispiel ein gesprungener Spiegel an der Wand über einem Waschbecken. Pilatus fällt mir ein, der nach der Befragung von Jesus seine Hände in Unschuld wäscht. Solche Bibelkenntnisse sind aber nicht erforderlich. Wichtig ist, dass man bereit ist, sich selbst zu begegnen   

An dieser Station geht es um die Selbstreflexion der Jugendlichen, die vor dem Spiegel stehen. Vor dem Waschbecken stehen, sich überlegen, in welchen Situationen bin ich drin? Wo fühle ich mich schuldig? Wo fühle ich mich nicht schuldig? Wie geht es mir damit?

Wann kommt mir ein anderer Mensch zu nahe? Wie sage ich Stopp, wenn ich etwas übergriffig finde? Was könnten einmal meine letzten Worte sein? Der Jugendkreuzweg, meint Mateo Weida, bietet viele Möglichkeiten, sich auf kreative Weise mit solchen Fragen zu beschäftigen. Er greift aber auch gesellschaftspolitische Themen auf:

Momentan ist ja in aller Munde die Frage nach dem Rechtsruck in Deutschland. Und diese Station gibt die Möglichkeit zu sagen, hey, wir stehen dafür ein, dass wir gut miteinander umgehen, dass wir nicht über andere lästern. Gegen welche Worte wollen wir protestieren? Welches Wort des Onkels, das am Essenstisch wieder gesagt wurde, möchte ich eigentlich kommentieren und sagen, hey, das sehe ich anders?

Mateo Weida möchte Jugendliche sprachfähig machen, sich auch zu schweren Themen und in herausfordernden Situationen zu äußern. Eine eigene Lieblingsstation hat er auch.  Dass die vertrauten Konzepte immer mit der Kreuzigung enden, gefällt dem 39-Jährigen nicht. Deshalb geht es beim Jugendkreuzweg in der Nikolauskirche noch eine Station weiter:  

Und dann kommt man in diesen großen Raum, wo in der Mitte dieser Buzzer steht, und kann dahinlaufen. Und wenn man da draufdrückt, dann kann man sich quasi so ein Gefühl von Ostern herbuzzern.  

Was genau passiert, wenn man auf den roten Buzzer drückt, soll nicht verraten werden. Und obwohl Mateo Weida dieses Ostererlebnis so wichtig ist, weiß er auch, dass es oft gar nicht in unserer Macht steht, dass eine Geschichte gut ausgeht.   

Es gibt schwierige Situationen, da möchte man nicht einfach nur „und jetzt ist doch alles happy am Ende“ draufklatschen. Und deswegen wollen wir es den Leuten freistellen, ob sie jetzt gerade da bereit sind, über Neuanfang und Hoffnung zu hören oder ob sie sagen, hey, sie brauchen eigentlich noch ein bisschen Zeit, erstmal diese Krise zu verarbeiten. Und das ist dann auch okay.

Manchmal sind die Erfahrungen, die ein Mensch auf einem Leidensweg macht, am Ende sogar wichtiger als das große Happy End. Mateo Weida wünscht sich, dass die Jugendlichen, die sich beim Jugendkreuzweg mit Jesus identifizieren, am Ende spüren, dass Jesus sich umgekehrt auch mit ihnen identifiziert:

Man geht mit Jesus diesen Leidensweg mit und erlebt dabei, dass Jesus den eigenen Leidensweg und den eigenen Lebensweg eben auch genauso mitgeht und genauso begleitet.

Noch bis zum kommenden Sonntag ist der ökumenische Jugendkreuzweg in der Stuttgarter Nikolauskirche tagsüber geöffnet. Zum Abschluss gibt’s dort ein Konzert:

Wir enden den Jugendkreuzweg mit „MoveDove“. Das ist eine Band, die ganz viel Raumästhetik macht. Die nehmen ihre Synthesizer, machen da ganz viel mit Vocodern und machen aus alten Psalmtexten sphärische Musik, die unwahrscheinlich schön in solche Kirchenräume passt.

Weitere Informationen über Öffnungszeiten und über das Abschlusskonzert finden Sie auf: https://t1p.de/29y4h

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10MRZ2024
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Barbara Janz-Spaeth Copyright: Ulrich Pfeiffer

… und mit Bärbel Janz-Spaeth. Sie ist Theologin und Autorin – und kennt sich aus in der Bibel. Vor allem, wenn es um Frauengeschichten dort geht. Ich treffe sie in ihrem Büro in Stuttgart, und wir schauen nochmals in die vergangene Woche. Vorgestern sind Frauen weltweit im Mittelpunkt gestanden, am Weltfrauentag. An diesem Tag frage ich mich jedes Jahr: Was wäre eigentlich, wenn für Frauen und Männer in der katholischen Kirche gleiche Rechte gelten würden: Hätte das nicht Auswirkungen auf die ganze Gesellschaft?

Natürlich, da könnte Kirche ganz viel bewirken, sie könnte ihre Botschaft in der Praxis verkünden, indem sie hier wirklich Gerechtigkeit einfordert. Und das heißt auf Augenhöhe miteinander umzugehen, aber nicht in Pseudostrukturen.

Die Botschaft des Christentums ist uralt. Gerade wenn’s um die Stellung von Frauen geht. Sie ist in der Bibel grundgelegt. Bärbel Janz-Spaeth wiederholt sie, sicher zum x-tausendsten Mal. Aber immer noch mit leidenschaftlicher Überzeugung:

Wir sind Geschöpfe Gottes und als solche kommt uns allen wirklich die gleiche Würde zu. Und das heißt, jeder Mensch ist zunächst einfach gut, so wie er sie ist und in Ordnung und wertvoll und Teil dieser Erde. Und in jedem Mensch steckt etwas von dieser göttlichen Kraft und göttlichen Spur. Und das will ich auch mit Menschen entdecken, wenn ich unterwegs bin.

Unterwegs ist Bärbel Janz-Spaeth oft. Im Gepäck hat sie Geschichten von Frauen in der Bibel und ne ganze Menge Lebenserfahrung. Sie gestaltet Gottesdienste für Frauen; und immer wieder nimmt sie sich Zeit, um junge Frauen zu begleiten, die Fragen stellen. Ans Leben, an die Zukunft, an ihre eigene Zukunft als Frau in dieser Gesellschaft.

Wie kann man Familie in Zukunft leben? Ist es nur die Ehe? Wären's nicht offenere Lebensformen wie die WGs, wo sehr wohl Partner, Partnerinnen, Familie miteinander in einem gemeinschaftlichen Wohnen zusammen sind, Kinderbetreuung sich aufteilen, die Haushaltsarbeit aufteilen, aber auch politisch sich engagieren? Da denken die drüber nach.

Könnte sie das als katholische Christin guten Gewissens mittragen, frage ich sie? Das entspricht doch ganz und gar nicht dem klassischen Familienbild der Kirche? Ihre Antwort überrascht mich, weil sie wieder an die Anfänge des Christentums zurückgeht.

Das ist ja zutiefst biblisch, weil sozusagen das Christentum eine neue Familie geschaffen hat, wo alle miteinander die Familie bilden, also als Gemeinschaft derer, die an diesen Gott und an diesen Jesus Christus glauben. Da ging es überhaupt nicht darum, ob die verheiratet sind oder sonst was.

Das wäre in der Tat eine ganz andere Lebenssituation für Frauen und Kinder. Bärbel Janz-Spaeth ist da mittlerweile ganz klar in ihrer Haltung und findet, dass Kirche längst die vielen unterschiedlichen Formen des Zusammenlebens würdigen sollte und damit anerkennen würde:

Von unserem Verständnis, was Menschsein ausmacht, aber auch wirklich Gottes Gemeinschaft ausmacht, das praktiziert ihr! Mir geht es gar nicht darum, jetzt Familie abzuschaffen, sondern zu sagen: Offensichtlich gibt es noch mehr Möglichkeiten, als wir uns vorgestellt haben.

Bärbel Janz-Spaeth arbeitet als Referentin für Bibelpastoral in Stuttgart. Einen besonderen Blick hat sie auf die Geschichten über Frauen in der Bibel. Weil sie findet, dass sie uns noch heute inspirieren können, neu nachzudenken.

Sie erzählt mir zum Beispiel von Rebekka im Buch Genesis im Alten Testament. Die wehrt sich gegen die Tradition, dass nur ihr ältester Sohn den Segen des Vaters bekommt. Oder die Frau von Tobit. Deren Mann wird im Alter blind und traut ihr nicht mehr. Sie beklagt sich, wie er sie nach so vielen Ehejahren so behandeln kann.

Sie haben ganz viele Erzählungen in diesen biblischen Texten, die diese patriarchalen Muster aufbrechen, in Frage stellen, hinterfragen und da sage ich: Da müssen Frauen fantasievoll werden, einfallsreich werden. Und dann ändern sie einfach normativ Strukturen, indem sie Dinge nicht mehr machen oder ganz anders machen.

Ich frage sie nach einem Beispiel, wo das heute in der Kirche überhaupt möglich ist. Bärbel Janz-Spaeth denkt sofort an die Reformbewegung in der katholischen Kirche, Maria 2.0. Weil Frauen endlich kreativ darauf reagiert haben, dass sie aus der Kirche ausgeschlossen sind.

Das haben sie deutlich gemacht, indem sie einfach alles vor der Kirche auf dem Kirchhof gemacht haben. Und ich sage schon lange: Geht auf den Marktplatz, geht an ganz andere Plätze und verkündet euren Glauben. Weil Glaube verkünden, Glaube, leben, Glaube praktizieren, hängt nicht ausschließlich davon ab, dass das im Kirchenraum stattfindet.

Ich möchte zum Ende nochmals zurück zu den jungen Frauen, die Bärbel Janz-Spaeth begleitet. Weil mich interessiert, was sie denkt: Wächst da eine Generation heran, die es anders macht, die das Potenzial hat, Gesellschaft und vielleicht sogar Kirche zu verändern? Ihre Antwort ist nicht so eindeutig, wie ich es gehofft hatte:

Ich erlebe einen Teil sehr klar und politisch sehr deutlich engagiert, die ganz reflektiert Positionen vertreten. Ich erlebe einen anderen Teil als sehr angepasst. Und ich erlebe einen Teil, der Rollenbilder nicht in Frage stellt, sondern Rollenbilder vertritt, von denen ich dachte, die wären längst überwunden.

Und trotzdem sagt Bärbel Janz-Spaeth, sie kann von allen jungen Frauen lernen. Auch was deren Einsatz für die Schöpfung, für Klimagerechtigkeit und nachhaltigen Lebensstil angeht:

Sie tun es einfach. Und machen einem dadurch deutlich: Denk mal drüber nach, wohin deine Lebensweise führt. Und dann gucke ich meine vollen Schränke an und denke: Hier kannst du lernen, wie du entrümpelst. Also das ist schon auch als Anfrage an unsere Generation gedacht und praktiziert. Und zu Recht.

Der Austausch zwischen den Generationen, der ist wichtig und wertvoll, sagt sie. Wenn es dabei allerdings ums Thema Kirche geht, dann hört sie von vielen jungen Frauen unmissverständlich:

Geschlechtergerechtigkeit, diese Missachtung in der katholischen Kirche, die ist wirklich ein wesentliches Motiv zu sagen: Hier werde ich mich nicht mehr engagieren und hier kämpfe ich auch nicht mehr. Bevor sich das nicht ändert.

Es gibt also viele Gründe, weshalb Kirche da unbedingt die Strukturen aufbrechen muss! Und bis dahin werde ich weiter hoffen und mich fragen: Wie würde sich unsere Gesellschaft verändern, wenn Kirche die Botschaft tatsächlich leben würde - vor Gott sind alle gleich!

 

Barbara Janz-Spaeth/Hildegard König/Claudia Sticher, „Zeigt euch! – 21 Porträts namenloser Frauen der Bibel“, Patmos Verlag

 

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