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09APR2023
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Peter Tauber (c) Foto: Tobias Koch

… und mit Dr. Peter Tauber. Auf eine steile politische Karriere kann der heute 48-Jährige zurückblicken. 2009 zog er als Abgeordneter in den Deutschen Bundestag ein. Gut vier Jahre später wurde er Generalsekretär der CDU. Schließlich Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium. Inzwischen hat sich Peter Tauber aus der großen Politik zurückgezogen. Nach seiner überraschenden Ernennung zum Generalsekretär hatten sich viele gefragt, wer dieser kaum bekannte Politiker aus Hessen eigentlich ist. Er hat sich selbst damals mit drei Begriffen beschrieben: Historiker, Reserveoffizier, Christ.

Ich bin Historiker, das ist mein Beruf. Ich glaube, dass es zum Verstehen der Weltgeschichte ein wichtiger Zugang ist. Ich bin Reserveoffizier. Das ist die Verbindung zu meinem Land. Und das Wesentliche, das ist, dass ich ein gläubiger evangelischer Christ bin. Und daraus mache ich keinen Hehl, sondern ich finde, Christsein bedeutet, dass man darüber auch spricht.

Was wir gemacht haben. Nicht zuletzt, weil die Jahre in der Spitze der Bundespolitik eine Zeit waren, die ihn persönlich an Grenzen gebracht haben. Durch eine schwere Erkrankung sogar an die Grenze des Todes. Peter Tauber hat diese Erfahrung des Nicht-mehr-Könnens in einem sehr persönlichen Buch offen geschildert.

Dieses Buch, was ich geschrieben habe, „Du musst kein Held sein“, habe ich auch deswegen geschrieben, weil ich niemandem wünsche, dass er solche Brüche braucht. Ich glaube, es ist gut, wenn man nicht die Erfahrung von zwei Wochen Intensivstation mit Notoperation und all dem Drumherum machen muss im Leben. Aber wenn ich dann überlege, was kann ich daraus Gutes machen für mich, dann ist es eben genau das: Sich zu fragen, wie gehe ich eigentlich mit mir selber um?

Und trotzdem ist das Ideal ja immer noch der toughe Kerl, der alles wegsteckt und Grenzen nicht akzeptiert.

Wenn sie sich die Helden von Kindern und Jugendlichen anschauen, dann gilt für die modernen Helden von heute, von Harry Potter bis Frodo aus dem Herrn der Ringe: Sie haben zwar immer Freunde und Weggefährten, aber die sind im entscheidenden Moment nicht da, und sie müssen leiden, um zum Erfolg zu kommen. Und dann ist es ja vielleicht gar nicht verwunderlich, wenn man selber sagt: okay, ich muss jetzt leiden, nur dann werde ich erfolgreich sein.

Nun kennen wir Leiden ja auch im Christentum. Mit Blick auf Jesus sogar den steilen Gedanken von einer Nachfolge Jesu bis ins Leiden hinein. Das Wort dafür heißt sogar Kreuzesnachfolge.

Also gehört es dazu zum guten Christsein, dass man leidet? ich glaube, das meint er gerade nicht. Weil, am Ende steht die frohe Botschaft. Und vielleicht meint es, dass wir in dem Leid diese Hoffnung haben dürfen. Und dann kann es sein, dass sich ein Kreuz leichter tragen lässt.

Seine körperlichen und seelischen Grenzen habe er damals ignoriert, sagt er heute, bis zum Zusammenbruch. Man könnte auch sagen: Ein persönlicher Karfreitagsmoment. Wie wichtig war ihm da sein Glaube? 

Manche hadern ja dann mit ihrem Glauben oder verlieren ihn gar und andere finden ihn dort. Und ich habe das Glück, er war einfach da. Ich habe vorher aber, wenn ich gebetet habe, nie um was bitten müssen. Und da war eben zum ersten Mal die Situation, dass ich gesagt habe: Okay, das kann ich nicht alleine. Und dann war auch die Frage: Ist ER jetzt da? Und ich hatte dann das Gefühl, dass ich getragen bin. 

Im Buch schildert Peter Tauber jene Nacht im Krankenhaus, in der sein Leben auf der Kippe stand.

Ich hatte in der Tat so einen Moment der totalen Schwäche. Und dann habe ich schon über mein Leben nachgedacht und hab gedacht: ich habe so viel erlebt, es war so aufregend und toll. Ich habe auch noch so ein paar Dinge, die ich gern machen möchte. Aber diesen Gedanken: „Aber dein Wille geschehe“, den hatte ich dann, und habe auch ein bisschen Zwiesprache gehalten und habe gesagt: Jesus, okay jetzt, du musst entscheiden. Aber ich hatte da, wenn Sie so wollen, ein Stück weit meinen Frieden gemacht.

Was hat ihm in diesen Wochen Hoffnung gegeben?

Ich habe ja so viele wunderbare Nachrichten bekommen, nicht nur von Kollegen aus meiner Partei, von Menschen aus anderen Parteien, auch von Bürgern, die ich gar nicht kenne. Und auch die Menschen im Krankenhaus waren so wunderbar, dass ich am Ende da getragen war von anderen Menschen.

Sich am Tiefpunkt getragen fühlen dürfen von Menschen und von Gott. Ein hoffnungsvoller, geradezu österlicher Gedanke. Aber was ist mit dem, der das nicht so empfinden kann?

Da würde ich mir kein Urteil erlauben. Aber ich würde ihn ermutigen, sich darauf einzulassen, mit offenen Augen weiter durchs Leben zu gehen. Weil, meistens geschehen diese Begegnungen dann ja unverhofft. Und dann sind sie ja besonders schön.

Sein Zusammenbruch, sagt Peter Tauber heute, sei ein entscheidender Impuls gewesen, seinem Leben eine neue Richtung zu geben. Hat er dadurch auch etwas gewonnen? 

Es gibt ja auch dieses schöne Bibelwort: Alles hat seine Zeit. Also ich habe versucht, aus der Erkrankung etwas für mich Gutes zu machen und nicht einfach danach, als ob nichts gewesen wäre, weiterzugehen. Und man gewinnt Freiheit. Wenn man sich verabschiedet von einer vielleicht auch wirklich liebgewonnenen Sache, und ich habe mit Leidenschaft Politik gemacht, dann gewinnt man auf einmal eine Freiheit.  

Und dennoch bedeutet das ja immer auch einen Schritt ins Ungewisse. 

Das ist auch anstrengend. Das heißt ja nicht, dass man noch mal erfolgreich ist. Aber ich finde diese Freiheit, und der Mensch ist zur Freiheit berufen. Das ist ein so großes Geschenk, dass ich mich darüber jeden Tag freue.

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07APR2023
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Klaas Huizing Foto: Valerie Schmidt

Wolf-Dieter Steinmann trifft Dr. Klaas Huizing. Romanautor und Professor für evang. Theologie in Würzburg. Das Kreuz, das Symbol des Karfreitags, kann „Positives“ zum Leben lehren.

Karfreitag lehrt Leben

Karfreitag ist nicht mehr, was er mal war. Unsere Eltern haben noch schwarz getragen: Den Tod Christi begangen, der uns Menschen erlösen muss von unserer Sünde. Erlöst gewirkt haben sie eher nicht.
Klaas Huizing will Sünde und Kreuz nicht vergessen. Aber als evangelischer Theologe in die Bibel schauen, mit frischem Blick.

Das Schöne am Protestantismus ist ja immer: wir sind diejenigen, die immer wieder auf die Texte zurückgehen und dann kommt man zum Teil zu ganz anderen Einschätzungen.

In Gott sieht er nicht den, der versöhnt werden muss. Er ist sicher, biblische Texte weisen hin, wie gutes Leben möglich ist, auch angesichts von Tod und Gewalt. Beide verschwinden ja nicht aus der Welt, indem man sie ausblendet. Vielleicht kann man Gewalt unterbrechen.

Und zwar ist mir ganz wichtig die berühmte Stelle, wo Jesus selbst noch sagt:
‚Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.‘ Spannend ist daran, dass für Gewaltverzicht plädiert wird. Also es ist ein Rachestopper.

Rache, Vergeltung halten Gewalt am Kochen. Vergeben kühlt ab. Wie beide wirken, sieht man auch an Jesus. Er ist Opfer von Gewalt geworden, weil er den Machtfrieden gestört hat. Propheten machen leicht aggressiv. Auch heute, wenn sie Veränderung fordern. Hoffentlich führt da Klugheit weiter.

Wir brauchen schon das Prophetische, wo auf Missstände hingewiesen wird. Aber wir brauchen auch das Weisheitliche, um zu sagen: ‚Wie können wir die Menschen mitnehmen und eine Atmosphäre aufbauen, wo es leichtfällt, das zu tun, was nötig ist.

Sich auseinandersetzen und verzeihen. So eine Atmosphäre eröffnet Leben. Aber Klaas Huizing macht klar: Zwischen Menschen kann man verzeihen nicht einfordern. Manche Verletzungen gehen zu tief.

Der Andere, das Opfer, muss dem Täter nicht in jedem Fall verzeihen. Das kann man auch runterbrechen auf so alltägliche Situationen.

Von Gott darf man denken, dass ER vergibt. Und die Bücher der Bibel zeichnen nach, wie Menschen das zunehmend erkannt haben.

Es wird immer klarer - wenn man sich die Biographie Gottes genug angeschaut hat - dass die zentrale Emotion die Liebe ist. Es ist eine Atmosphäre idealer Liebe und in der ist alles möglich.

Gott ist Gewaltstopper schon im Alten Testament. Weise lehrend geht er auf Menschen zu. Sogar für Kain, der seinen Bruder Abel umbringt, hat er zwei Botschaften.

 „Ja, er ist ein Mörder, geh mir bitte aus dem Blick, aber Du bist mein Geschöpf. Die Würde bleibt dir erhalten. Dieser Unterschied zwischen Würde und Tat, das ist eine weisheitliche Erfindung.

Und der sagt eben nicht, `alle Menschen sind böse,` sondern der sagt: `Herrsche über die Sünde`. Nein. Man kann was tun, sich entwickeln.

Klaas Huizing liebt Filme, Fussball, Literatur. Auch die der Bibel. Er treibt Theologie als „Lebenslehre für heute“. Das Kreuz z.B. deutet er nicht so, dass Jesus sterben musste als Sühnopfer. Nein, Gott liebt ohne Opfer. Und wir Menschen sind gerade nicht böse an sich. Siehe Kain in der Bibel.

Kain ist an sein Selbstbild gefesselt, kann sich damit auch nicht ändern. Dh. Sünde ist zunächst einmal: ‚Sind wir hinterfragbar oder leben wir - modern gesagt - in bestimmten Echokammern und lassen uns immer unser Selbstbild bestätigen? Dass man sagt: ‚Ja, wir lassen uns nicht hinterfragen: weder von Nachbarn noch von guten Mächten.

Zur Sünde fähig, das bin ich. Wenn ich mich nicht mal von guten Mächten bremsen lasse. Drei Lebenshaltungen können Gewalt bremsen: Gewaltverzicht, Gewaltopfern beistehen und Gewaltprävention.

Wir müssen auch diejenigen sein, die auf die Genese von Gewalt aufmerksam machen. Dort bereits arbeiten. Es wäre ja immer besser, wir kommen nicht in Schuld - und Sündesituationen.

In der Seelsorge z.B. nicht erst verletzten Seelen helfen, sondern präventiv gegen Gewalt wirken. Oder in der Politik? Auch da gibt es im Alten Testament differenzierte Einsichten. Z.B. dass Gewalt in der Regel kein Mittel der Politik sein solle.

Aber selbstverständlich gebe es das Recht zur Verteidigung und auch denjenigen beizutreten, die überfallen werden. Was ich schwierig finde, ist momentan, dass man ab und zu richtig Kriegsbegeisterung hört.

So verstanden, kann Karfreitag Leben lehren. Aber ein Stachel bleibt, dem will Klaas Huizing sich stellen. Der Tod ist gewaltsam an sich.

Gott ist der Geber des Lebens, das meint Lebendigkeit, meint Kreativität, das meint Entwicklungsfähigkeit. Und der Tod, gerade auch wenn er zu einer Unzeit kommt, schreibt dieses Leben fest und dann lässt es sich auch nicht mehr ändern.

Er nimmt uns die Freiheit. Er ist auch kein Gleichmacher: Fast alle Menschen werden vergessen, erinnert nur wenige. Und finden Sie es erträglich, wie ungerecht Lebensmöglichkeiten verteilt sind auf der Welt? Für einen philosphisch denkenden Menschen sind das existentielle Stachel.

Wir brauchen so etwas wie ein großes Gedächtnis, wo wir drin aufgenommen werden dann, und vielleicht auch die Idee einer Lebendigkeit wieder und auch die Idee der ausgleichenden Gerechtigkeit. Das ist mir doch wirklich wichtig. Das ist ein alter Stachel, den wir als Philosophen nicht lösen können.
Und die Frage ist, ob nicht zum Leben dazu gehört, eine positive Rundung.
Wir brauchen eine Erlösung aus der Geschichte.

Ihn bewegt, was Jesus gesagt hat, am Kreuz: „Heute wirst Du mit mir im Paradies sein“. Und so wagt Klaas Huizing, über den Tod hinauszufragen.

Vielleicht gibt es solch ein Phänomen, um zu sagen: ‘ ja, es bleibt der Leib - als spürender Leib - identisch und es gibt so etwas wie Unsterblichkeit.

Lesetipp:  Klaas Huizing, Lebenslehre

 

 

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02APR2023
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Raphaela Soden Foto: privat.

...und mit Raphaela Soden. Raphaela ist queer, bezeichnet sich als agender, geschlechtslos. Also weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zugeordnet. Für mich ist es wichtig, mit Raphaela zu sprechen, weil das Thema Geschlechtervielfalt im Netz gerade so hoch kocht. Und nicht immer nur gut. Zeit, einen Menschen zu Wort kommen zu lassen, der Expert*in ist.
Wie versteht Raphaela die eigene geschlechtliche Identität?

Meine geschlechtliche Identität ist eine Nicht-Identität. Ich habe keine geschlechtliche Identität und verstehe nicht, was es bedeuten soll, sich als Mann oder Frau oder als Person mit Geschlecht zu fühlen. Ich bin einfach ich und deswegen hab ich mich als agender geoutet.

Raphaela hat als jugendlicher Mensch festgestellt, dass unsere althergebrachten Kategorien Mädchen oder Junge irgendwie nicht für alle Menschen passen. Mit Mitte 20 realisiert Raphaela, dass der Mensch Raphaela sich anders verliebt als aufgrund des Geschlechts erwartet wird. Das passt alles nicht und Raphaela beschäftigt sich mit queerer Theorie. Das passt! Raphaela findet sich darin wieder und dann outet Raphaela sich.
Spricht man da auch von Outing?

Es ist ein Outing, und es ist auch jedes Mal immer wieder ein Outing, also ständig ein Outing. Also gerade was Geschlecht anbelangt, weil die Gesellschaft so vergeschlechtlicht ist. Geschlecht ist eine Kategorie, die in allen möglichen Bereichen in unserer Gesellschaft eine Rolle spielt. Also keine Ahnung von Klamotten über Toiletten, über Spielzeug. Also ich kann mir ja nix irgendwo im Internet bestellen, ohne dass ich nicht angeben müsste, ob ich Herr oder Frau bin. Da muss ich mich dann jedes Mal entscheiden, verwende ich eine falsche Kategorie für mich, weil beide falsch sind, und akzeptiere dann halt in dem Moment, dass ich nicht als die Person wahrgenommen werde, die ich bin.

Das stelle ich mir total schwierig vor, als Person nicht gesehen zu werden. Jetzt arbeitet Raphaela auch noch bei der katholischen Kirche. Wir sind ja nicht gerade berühmt dafür, mit dem Thema Geschlechter-Vielfalt gut und zeitgemäß umzugehen. Raphaela ist Bildungsreferent*in für Junge Erwachsene. Wie geht Raphaela damit um: agender in der kath. Kirche?

Ich bin in der katholischen Kirche aufgewachsen. Ich habe da ganz viel Gutes erlebt. Ich wäre heute nicht der Mensch, der ich bin, wenn ich da nicht in der kirchlichen Jugendarbeit gewesen wäre und da auf Menschen getroffen hätte, die mir Selbstvertrauen gegeben haben.
Warum soll ich denn anderen überlassen, dass die definieren, was richtig katholisch ist und was Gott gewollt ist und wie die Kirche zu sein hat? Also ich bin auch trotzig, hoffnungstrotzig und genau deswegen bin ich noch dabei.

Raphaela engagiert sich sehr für geschlechtliche Vielfalt in Kirche und Gesellschaft. Auch um deutlich zu machen, dass queere Personen da sind. In der Kirche sind sie viel zu selten sichtbar und wenn doch, müssen sie sich ständig erklären. Raphaela findet das…

…oft sehr anstrengend, weil ich da ganz oft selbst in Frage gestellt werde oder meine Identität infrage gestellt wird oder meine Existenz in Frage gestellt wird, also so nach dem Motto: jetzt spinnt die Person wieder rum.

Brauchen wir überhaupt die Kategorie Geschlecht?

Für mich ist es verzichtbar. Ich frag mich wozu wir es brauchen? Wozu wir es irgendwo abfragen. Eigentlich sollten wir doch allen Menschen als Menschen begegnen und nicht als Mann, als Frau, als keine Ahnung, was. In den allerseltensten Fällen spielt es ja irgendeine Rolle, welche Körperteile eine Person hat. Eigentlich sollten wir uns als Menschen begegnen.

Dazu gehört auch, dass wir miteinander sprechen. Da brauche ich jetzt Nachhilfe. Raphaela ist ein weiblicher Vorname, Raphaela als Person agender. Wie spreche ich Raphaela sinnvoll an, wenn ich nicht nur „Hallo“ sagen will?

Sprache hat viele Möglichkeiten. Bei der Anrede, wenn du „Liebe“, „Lieber“ sagen möchtest, dann kannst du halt „Lieb*er“ sagen. Also beim Sagen ist es ein bisschen schwieriger, aber es geht auch wenn man es übt und beim Schreiben ist es ja ganz einfach, dann einfach zwischen das e und r ein Sternchen oder Doppelpunkt oder einen Unterstrich.

Performing the gap heißt das. Die Lücke ausdrücken. Raum lassen für alle Menschen. Ich finde das gut und übe das immer, wenn ich spreche. Es klappt meistens ganz gut und selbst meine kleinen Kinder sprechen viel von Person oder z.B. Lehrer*innen. Hauptsache, niemand wird durch Sprache verletzt.

Mich interessiert, ob es auch queere Personen in der Bibel gibt oder Geschichten, die queer gelesen werden können. Raphaela erzählt von der Josefsgeschichte aus dem Alten Testament. Josef trägt ein besonderes Kleid, das aus dem Hebräischen mit „Prinzessinnenkleid“ übersetzt werden kann. Vermutlich wollten seine Geschwister ihn deshalb loswerden. Diese Lesart ist für viele queere Menschen befreiend.

Eine Person, die hat mal formuliert, also wenn es wirklich so ist, dass Josef gender non conforming war, dann gibt es in meiner Erzähltradition eine Person, die von Gott geliebt worden ist, die genauso ist wie ich. Und wenn Gott Josef lieben konnte als gender non konforme Person, dann kann Gott vielleicht auch mich lieben und begleiten.
Das zeigt wie krasse Ausschlusserfahrungen Menschen machen, weil sie das Gefühl haben, sie kommen nicht vor und weil ihnen vermittelt wird, dass sie schöpfungswidrig sind.

Menschen leiden, werden diskriminiert, weil sie nicht sind, wie sie scheinbar zu sein haben.
Ich bin fest davon überzeugt, dass Geschlecht für Gott überhaupt keine Rolle spielt.
Wer ist Gott für Raphaela? Für Raphaela passt, wie sich Gott im Alten Testament, im brennenden Dornbusch vorstellt:

Dieses „Ich bin, wer ich bin“, das ist ein Gottesbild, was sich auch für mich gut anfühlt es auf mein Menschsein zu übertragen. Also ich bin auch, wer ich bin.
Kein Mensch kann mich irgendwie festlegen oder in irgendeine Kategorie pressen. Also ich bin, wer ich bin und genau das finde ich zum Beispiel auch eine schöne Vorstellung von Gottebenbildlichkeit.

Wir Menschen sind Gottes Ebenbilder. Und als solche sind wir sehr gut. Für Raphaela ist Gott...

Also ich würde ja sagen Gott ist trans. Trans heißt ja über, hinaus: transzendent. Wir sind alle mehr als das, was andere in uns sehen. Auch Gott ist nie das, was wir aus Gott machen und deswegen würde ich sagen: Gott ist trans.

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26MRZ2023
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Die Kraft der Zeuginnen

Wir sprechen über Ihr Buch: Trotzkraft heißt es. Die Texte und Gebete darin sprechen mir oft aus der Seele und berühren mich. Trotzkraft, frage ich sie, was bedeutet diese Wort?

Also mein Mann, der wissenschaftlicher denkt, würde es Resilienz nennen. … Und ich habe gesagt eine Lyrikerin nennt das Trotzkraft, also alles in uns, was zum Widerstand fähig ist oder was „Ja!“ sagt, obwohl alles um uns herum vielleicht nach „Nein!“ schreit. Und ich glaube, in dieser Pandemie haben wir das alle erlebt, dass wir so eine Kraft brauchen. Aber auch in Alltagssituationen oder in den großen Krisen, die wir alle irgendwie erleben.

Christina Brudereck kennt das aus eigener Erfahrung, wie das ist, wenn das Leben ganz anders läuft, als man es sich gewünscht hätte: Ihre erste Ehe wurde geschieden, sie wäre gerne Mutter geworden… Aber trotz schmerzvoller Erfahrungen: Sie hält trotzig Kontakt zu Gott - als Suchende:

Ich gucke, was mir hilft, eine Liebende zu sein und mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Ich gucke auch nach dieser Trotzkraft, also ich suche diese Wirkmacht wirklich, die meinem Herzen diesen Schubs gibt, sagt: „Komm, versuch es noch mal! Vertrau noch mal! Du schaffst das, und du kannst das Gute im anderen sehn. Und du kannst Vertrauen!“ Und es geht weiter.

Ich spüre: sie meint was sie sagt. Mich beeindruckt die Natürlichkeit mit der sie von ihrem Glauben spricht – ungekünstelt und echt. Und mit Tiefe. Woher nimmt sie Ihr Vertrauen?

Wurzel ist ein sehr gutes Wort finde ich. Also weil ich bin damit aufgewachsen, wirklich. Und weil es so eine große Erzählgemeinschaft gibt. Also ich hab mir das ja nicht alleine ausgedacht. Ich habe nicht angefangen, irgendwann in der Pandemie mit 51 zu sagen. Jetzt gucke ich mal, wo ich Trotzkraft finde, sondern die gibt es in den Ritualen, die wir einüben, seit vielen, vielen Jahrhunderten einüben. Wenn ich selber sprachlos werde vor Wut oder vor Ohnmacht, dann rette ich mich in diese alten Worte und mache sie mir zu Eigen. Oder ich leihe sie mir. Oder es ist manchmal ein bisschen wie ein unterschlüpfen in einer viele ältere Tradition, als ich selber alt bin.

Besonders Ihre Großmütter haben Ihr vorgelebt, welche Stärke aus Gottvertrauen wachsen kann. Aber sie findet: wenn wir in die Geschichte unseres Glaubens schauen, dann können wir auch lernen von denen, die vor uns da waren.

Ich finde die besten Resilienz-Geschichten sind jüdische Geschichten. Das kann ich, glaube ich, nur sagen. Unsere Wurzeln trägt uns wirklich. Also ohne die hebräische Bibel könnte ich mir das nicht vorstellen, als Christin zu leben. Das Judentum ist wirklich unsere Mutterreligion. Und darin zu wurzeln heißt, wirklich auch etwas von dieser Kraft aufzunehmen.

Trotz allem – Zuversicht

Christina Brudereck ist Theologin und Künstlerin. Ich bewundere, wie sie als Autorin und Poetin versucht sie zur Sprache zu bringen wie das ist mit Gott. Zur Zeit würde sie Gott so beschreiben:

Gott ist das Größte was wir sagen können. Alle Bilder sind immer nur hilflose menschliche Versuche dieses geheimnis oder diese Wirkmacht irgendwie zu umschreiben, aber mir gefällt Freundin der Menschen schon sehr gut… Vielleicht eine mütterliche Freundin oder eine Welten Mutter, das mag ich auch sehr gern, dieses Bild. Eine die durchaus nicht nur lieb ist im Sinne von harmlos, sondern die durchaus sehr wütend werden kann und ordentlich Kraft hat, eben diese trotzige Kraft und sie uns auch verleiht.

Trotzkraft – Resilienz, die braucht es im privaten Leben. Eine innere Widerstandsfähigkeit, um es mit dem Leben aufzunehmen. Aber als Christin, davon ist Christina Brudereck überzeugt – geht es immer auch über das Private hinaus.

Ich finde, man kann als Mensch nicht unpolitisch sein, weil es uns hier angeht, wie die Welt ist. Und die Frage, in welcher Welt wir leben wollen oder in was für einer Gesellschaft wir leben wollen, uns alle angeht als Menschen und als Christin bin ich Mensch, daher kann ich nicht unpolitisch Christin sein.

Ich muss nicht bei jedem Problem selbst aktiv werden – das überfordert einen. Aber Anteilnehmen und Mitfühlen das schon.

Wir halten nicht alles aus. Das versteh ich verstehe, dass man nicht jedes Problem zu seinem eigenen machen kann. Aber wir können nicht in dieser Welt leben und sagen, das ist mir egal, weil es uns angeht und Empathie, finde ich, ist ein sehr, sehr guter Anfang, sich einmal zu überlegen wie wäre es denn, wenn ich das wäre?

Christina Brudereck bezeichnet sich selbst als Feministin. Wenn ich mich feministisch äußere erlebe ich oft: Für manche ist das immer noch ein rotes Tuch. Manche meinen: Feminismus braucht es nicht mehr! Christina Brudereck meint: doch!

Mich macht Sexismus sehr wütend, und wir erleben auch wie er immer wieder zurückkommt und doch immer wieder sich seinen Weg sucht. Und manchmal bin ich fassungslos und schüttel nur den Kopf, was Menschen denken und wie sie Frauen behandeln und Mädchen erziehen furchtbar. … Aber ich habe alle Freiheit und auch die Aufgabe, für Gleichwürdigkeit einzustehen. Und das Thema ist für Männer und Frauen nicht erledigt, für jede Orientierung, die wir leben, was auch immer unser Leben uns mitbringt. Das Thema Gleichwürdigkeit bleibt unsere Aufgabe.

Um Kraft für diese Aufgabe zu sammeln sucht Christina Brudereck nach Worten, die stärken. Und auch für uns hat Christina Brudereck etwas zur Stärkung. Vielleicht auch für Ihren Tag – damit sie voller Trotzkraft und Vertrauen leben können.

Das ist ein Gebet, das heißt: Hilf uns bei der heiligen Aufgabe der Zuversicht! Das ist vielleicht mein Lieblingsgebiet gerade. Hilf uns bei der heiligen Aufgabe der Zuversicht. Und ich mag daran die Zuversicht, weil sie ein Ergebnis der Trotzkraft ist, ein anderer Blick auf die Welt, der nicht immer nur das Schlimmste annimmt, aber auch nicht naiv ist. Es ist nicht einfach optimistisch oder Frohnatur, sondern es ist eine heilige Aufgabe. Aber die Zuversicht ist auch da.

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19MRZ2023
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Pirmin Spiegel (c) Foto: Klaus Mellenthin

…und mit Pirmin Spiegel. Seit 2012 ist der gebürtige Pfälzer der Hauptgeschäftsführer des Katholischen Hilfswerks Misereor. Nur wenige Jahre nach seiner Priesterweihe im Speyerer Dom ist Pirmin Spiegel als Pfarrer nach Brasilien gegangen. 1990 war das und dort ist er dann dreizehn Jahre geblieben. Nach der Rückkehr in die Heimat zog es ihn ein paar Jahre später aber noch einmal nach Brasilien, um vor Ort Frauen und Männer auszubilden und zu unterstützen, die das Evangelium in die Dörfer zu den Menschen bringen. Er hat dort konkret erlebt, was Misereor in diesem Jahr besonders in den Mittelpunkt seiner jährlichen Fastenaktion stellt: Die wichtige Rolle nämlich, die Frauen für die Gesellschaft und auch für die Kirche spielen.

Ich habe im Nordosten Brasiliens gelebt, 15 Jahre. Die Trägerinnen der Weitergabe des Glaubens waren in der Regel und sind in der Regel Frauen. Die erzählen ihren Kindern und Enkeln und Enkelinnen Geschichten von Jesus von Nazareth, organisieren die Katechese, organisieren die Beerdigungen, organisieren sowohl das kirchengesellschaftliche als auch das politische Leben in der Gemeinde. Ich war Pfarrer von 67 Gemeinden und 3/4 dieser Leiter und Leiterinnen in den Dörfern waren Frauen.

Frauen in kirchlichen Leitungsfunktionen, bei uns immer noch ein Streitthema, ist in manchen Ländern des Südens längst Realität. Insofern war es nur folgerichtig, auf der sogenannten Amazonassynode im Jahr 2019, die sich neben Fragen zur Ökologie auch mit der Zukunft der Kirche in Amazonien befasst hat, auch die Rolle der Frauen zu thematisieren. Pirmin Spiegel war damals als Delegierter dabei.

Wir haben nicht nur theologische Argumente eingebracht, sondern auch die praktische, dass bereits die Praxis so ist, dass die diakonische Aufgabe in der Mehrheit der Gemeinden von Frauen geleistet wird. Auf Grund dieser praktischen Erfahrung der Weitergabe des Glaubens und auch der Entscheidungsprozesse in den Gemeinden hat die Synode formuliert, den ständigen Diakonat für Frauen einzurichten, und in der Abstimmung anschließend stimmten 137 mit Ja und 30 mit Nein.

Schon da ging es um nichts weniger als die Weihe von Frauen zu Diakoninnen, was in der katholischen Kirche noch immer nicht möglich ist. Doch verändert sich, wenn Frauen in die Verantwortung kommen, nicht auch etwas in diesen Gesellschaften und letztlich auch in der Kirche?

Wenn da Frauen gemeinschaftliche Verantwortung übernehmen, Entscheidungsprozesse übernehmen, profitieren davon die Männer und profitiert davon die ganze Gemeinschaft. Und es sind politische Prozesse. diese Erfahrung der Emanzipationsprozesse, hat Einfluss auf das kirchliche Leben in diesen Gemeinden, zumal es nicht klar getrennt wird.

Wie wichtig ein Engagement von und für Frauen ist, das zeigt auch das Beispielland der Misereor-Fastenaktion 2023: Madagaskar. Ein Inselstaat im Südpazifik vor der Ostküste Afrikas und eines der am wenigsten entwickelten Länder der Erde. Pirmin Spiegel hat ihn vor kurzem besucht.

Madagaskar wurde 1960 unabhängig und war eines der wenigen Länder, die seit der Unabhängigkeit in eine Abwärtsspirale geraten sind. Und von daher die Frage: Welchen Beitrag können wir leisten, damit Hoffnung greifbar wird?

Wie aber kann in armen Ländern denn Hilfe zur Entwicklung aussehen?

Wir tun uns bei Misereor ab und zu schwer mit dem Begriff Entwicklung, weil Entwicklung zu oft besetzt ist mit dem Begriff nachholende Entwicklung. So wie wir es schon machen, sollen die anderen nachholen. Wir würden eher sagen partnerschaftliche Kooperation, weil es gerade nicht um eine Reproduktion unserer Art zu leben dort geht. Es gibt andere Geschichten in Lateinamerika, in Asien und Afrika als die europäischen Geschichten. Auch von daher noch mal Entwicklung zu hinterfragen, oder genauer, zu schauen, was heißt Entwicklung? 

Was könnte das denn für die konkrete Situation in Madagakar bedeuten?

Die große Herausforderung ist Bildungswesen. Wir sind überzeugt bei Misereor, in Übereinstimmung mit den Vereinten Nationen, dass Bildung der entscheidende Schlüssel ist, um aus der Armut herauszukommen. Und die Dörfer und Dorfgemeinschaften auf der Hochebene Madagaskars liegen oftmals 10, 15 Kilometer, 30 Kilometer entfernt vom Asphalt. Das heißt, an diesen Orten selbst ist keine Schule. Und wie können dann die Kinder, Bildungsmöglichkeiten, Schuloptionen sich eröffnen? 

In Madagaskar kümmert sich darum etwa eine Organisation namens Vozama, mit der Misereor vor Ort zusammenarbeitet.

Vozama leistet einen hervorragenden Beitrag, dass sie in den Dörfern Dorfschulen aufbaut. Die Dorfgemeinschaft wählt selbst Personen aus, die Lehrer oder Lehrerinnen sein sollen. In diesem Fall sind es zwischen 70 und 80 % Frauen, die von der Dorfgemeinschaft gewählt werden. Das Dorf baut selbst eine Schule in der fünf-, sechsjährige Mädchen und Jungs unterrichtet werden. Aber nicht nur lesen und schreiben, sondern auch Hygiene, sauberes Wasser trinken. Das heißt eher ein integraler Bildungsbegriff.

Was die Kinder dann wieder befähigt, auf weiterführende Schulen zu gehen. Am Ende nützt das sogar allen. Den Frauen im Dorf, die eine neue Perspektive als Lehrerinnen bekommen und so etwas Geld verdienen können. Und natürlich den Kindern, die dadurch die Chance erhalten, aus der Armut herauszukommen.

Am Ende interessiert mich aber auch, was ihm bei seiner Arbeit Hoffnung macht. 

Was mich immer wieder fasziniert, auch in den 15 Jahren meines Lebens und Arbeitens in Brasilien, dass die Freude und die Hoffnung nicht verloren geht. Auch in Madagaskar haben wir weitab vom Asphalt Feste gefeiert mit einer Freude. Wir wurden eingeladen zu tanzen, in Liedern wurde gesungen: Ihr seid keine Fremden, sondern ihr gehört zur Familie. Natürlich werden wir nie zu dieser Familie gehören. Aber die Idee, ich nenne es mal einer universellen Geschwisterlichkeit, wird in einem solchen Moment sehr konkret und bewegt und motiviert mich noch zusätzlich.

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12MRZ2023
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Nina Roller Foto: ekiba

Peter Annweiler trifft Nina Roller, Pfarrerin für Projekte bei der Bundesgartenschau Mannheim

Teil 1: paradiesisch

Die 36jährige will frische Formate unter die Menschen bringen. Als ich die Pfarrerin besuche, spüre ich gleich: Die Frau ist am richtigen Platz, wenn sie für Kirchenprojekte auf der Mannheimer Bundesgartenschau  unterwegs ist.

Ich brenne dafür, rauszugehen dahin, wo Menschen vielleicht gar nicht mit Kirche rechnen und da zum einen Themen zu setzen und mit den Menschen über diese Themen ins Gespräch zu kommen.

Und dafür hat sie mit ihrem ökumenischen Team schon ganz schön viel vorbereitet. Wenn die Schau Mitte April anfängt, dann gibt es viel mehr als besinnliche Impulse zwischen Orchideen und Oleandern.

Wir haben auf der Bundesgartenschau ein ganz wunderbares Gelände, den sogenannten Möglichkeitsgarten. Der Möglichkeitsgarten ist zugleich Kirche und Garten, das ist ein Ort, an dem Neues wachsen soll, sowohl pflanzlich als auch inhaltlich und im Miteinander.

Also ein „Kirchgarten“ für ein neues Miteinander von Religion und Natur!  -  Das macht Sinn. Eben weil wir angesichts des Klimawandels das Miteinander von Mensch und Schöpfung neu denken müssen. Und da ist es so einleuchtend, auf die ur-alte Verbindung von Religion und Garten zu stoßen:

Tatsächlich ist meine Lieblingsverbindung zwischen dem Garten und meinem Glauben und der Bibel die naheliegendste, nämlich das Paradies. Ich glaube, dass wir in den Herausforderungen, vor denen wir stehen, ganz gut beraten sind, wenn wir diese Geschichte uns wieder hervorholen als Maßstab und auch als Kraftbild, aus dem man schöpfen kann. Son inneres Kraftbild, in dem eben die Welt sehr gut ist – und daran erinnert mich das, wenn ich in Gärten unterwegs bin.

Und wir leben zwar schon längst nicht mehr im Paradies. Aber wenn der Mensch im Garten wirkt, gilt zweierlei: Er findet etwas Ursprüngliches und Natürliches vor, das viel größer ist als er selbst. Und er kann säen, jäten, ernten. Er kann gestalten.

Der Garten ist Schnittstelle zwischen Natur und Kultur. Und diese Schnittstelle zwischen Schöpfung und Mensch hat Nina Roller schon früh kennen gelernt

Ich bin nämlich richtig aufm Land aufgewachsen mit einem großen recht wilden, aber auch schönen Garten mit einem kleinen Acker, auf dem Dahlien gewachsen sind, aber auch Kartoffeln und ner Streuobstwiese.

Ganz arg spüren wir in den letzten Jahren: Selbst solche Kraftquellen sind durch die Erderwärmung bedroht. Die Balance von Mensch und Natur ist katastrophal aus dem Lot geraten. Und in der bedrohten Welt wird der Garten genau deshalb neu zum Übungsfeld von Zuversicht.  „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute einen Apfelbaum pflanzen.“ sagt schon das Martin Luther zugeschriebene Hoffnungswort, längst nicht nur ein Kompass für das Wirken im Garten.

Teil 2: schöpferisch nach draußen

Nina Roller hat Stadt und Land,  Kultur und Natur in ihrem eigenen Leben gut ausbalanciert. Da passt es gut, dass die 36jährige Mannheimer Pfarrrein jetzt den Auftrag hat, Projekte für die Bundesgartenschau zu entwickeln.

Wenn ich in der Natur bin, dann tank ich da wahnsinnig auf – und in der Natur was zu tun, tut mit an Körper und Seele gut. Und die Liebe zum Kulturellen und zum Urbanen, und aber auch zur Schöpfung und zum Leben in der Natur – die verbindet sich jetzt für mich.

Nina Roller steckt andere an mit ihrer Begeisterung für Natur, Kultur und Religion. Schon Anfang des Jahres hatte die dynamische Frau mit ihrem ökumenischen Team 105 Ehrenamtliche zusammengebracht und 27 Themenwochen fix und fertig vorbereitet.

Wir beginnen die Bundesgartenschau mit der Themenwoche  „Himmel auf  Erden“ – da geht es um Visionen für eine Welt, die gut ist, um Geschichten über eine Welt, die gut ist – die haben wir ja in unserer Tradition. Wir hören auf mit „Gott sei Dank“ – das ist dann der große Bogen, der gespannt wird, die Dankbarkeit für das, was nicht selbstverständlich ist.

Und dazwischen finden sich Themenwochen zu „Arbeitswelt“, zu „Leben und Sterben“ oder zu „queerer Kirche“.

Die Bundesgartenschau wird sicher auch ein großes Sommerfest, bei dem viele Leute in einer großen Offenheit und in einer Lebensfreude einander begegnen -  und ich finde, wir leben als Kirche von so nem lebendigen Geist, der Begegnung provoziert, der in die Auseinandersetzung mit anderen provoziert, der Menschen öffnet füreinander und insofern entspricht uns das total, an so nem lebedigen Ort zu sein, wo viele Menschen unterwegs sind.

Und für diese Begegnungen ist es gut „nach draußen“ zu gehen. Eben weil es wichtig ist, nicht nur in den inneren Zirkeln „drinnen“ in den Kirchenräumen zu bleiben, sondern draußen auch die bedrohte Schöpfung als Thema „nach vorne“ zu bringen.

Ich glaube, wir sind gefordert, „Bewahrung der Schöpfung“ nicht als zusätzliches Thema … zu denken, sondern wirklich als  zentrales Thema unsres Glaubens zu verstehen – uns selbst als Menschen auch zu verstehen als Mitgeschöpf, als Teil der Schöpfung und nicht als etwas der Schöpfung Enthobenes.

Ja, da stimme ich Nina Roller zu: Es ist ein zentrales Glaubensthema, wie verbunden Mensch und Mitgeschöpfe sind.  Viele sind heute womöglich eher mit ihrem Smartphone verbunden als mit Baum und Blume. Und viel zu lange hat die Vorstellung vom Menschen als „Krone der Schöpfung“ dazu geführt, dass die Verbindung von Mensch und Schöpfung aus dem Lot geraten ist. Dabei weiß schon die Bibel, dass die „Krone der Schöpfung“ der siebte Tag ist: Also der Sabbat und damit der Ruhetag. Der Tag des Innehaltens und Einklangs zwischen Schöpfung und Gott. Schön, wenn wir uns wieder mehr als Teil der Schöpfung verstehen und wenn die Begegnungen auf der Mannheimer Bundesgartenschau dazu beitragen. 

Nähere Informationen:
www.kibuga23.de

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05MRZ2023
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Tsitsi Dangarembga Copyright: Hannah Mentz

Christopher Hoffmann trifft: die Schriftstellerin Tsitsi Dangarembga

Tsitsi Dangarembga hat 2021 als erste Schwarze Frau den Friedenspreis des deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche entgegengenommen. Im selben Jahr gewann die 64-Jährige aus Simbabwe gleich mehrere Preise des internationalen Autorenverbands PEN. Sie gilt als eine der wichtigsten Stimmen Afrikas. Und sie will vor allem Menschen aus ihrem Teil der Welt eine Stimme geben:                                                                         

Ich habe Psychologie studiert und da bin ich auf die Idee gekommen, dass auch Sprechen eine Handlung ist. Und wenn ich dann auf die Geschichte meines Landes und auch auf die Stellung der Frau zurückblicke, merke ich, wie sehr wir daran gehindert wurden, etwas zu sagen. Und so wurde mir klar, dass die Dinge beim Namen zu nennen eine wichtige Handlung ist – und etwas, das getan werden muss. Ich sehe das definitiv als meine Berufung an. 

Als ich ihr Erstlingswerk „Nervous conditions“* lese, das die BBC zu den 100 Büchern zählt, die die Welt verändert haben, spüre ich: hier nimmt mich die Autorin in starken Bildern und Zitaten mit in eine Perspektive, die meinen Horizont als weißer europäischer Mann, extrem weitet: Ich tauche ein in das Leben von Tambu, einem schwarzen Mädchen in Rhodesien, wie Simbabwe als britische Kolonie hieß. Und genau das beabsichtigt Tsitsi Dangarembga, indem sie die Geschichten der Unterdrückten dieser Welt erzählt:

Das ist wirklich meine Leidenschaft. Ich habe das Gefühl, dass wir einander durch die Geschichten, die wir uns erzählen, kennenlernen. Und so werden Beziehungen aufgebaut.

In ihrer Heimat Simbabwe demonstriert Tsitsi Dangarembga friedlich für die Freilassung eines befreundeten Journalisten und für Reformen und wird dafür absurderweise zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Woher nimmt sie die Kraft das auszuhalten? Der Glaube trägt sie. In einem Interview hat sie einmal gesagt: „Heute ist Gott für mich wie die Luft, die ich atme.**“ Was meint sie damit?

Es ist interessant, weil das Wort für Geist in meiner Sprache, die ich zuhause spreche, „Atem“ ist, was wiederum „Luft” sein kann. Ich glaube, das hat mich wachgerüttelt. Fische bewegen sich im Wasser. Also wenn ich ein Fisch wäre, würde ich wahrscheinlich sagen, Gott ist wie Wasser. Allgegenwart! Wohin du auch gehst, Gott ist da. Also Omnipräsenz im Sinne von: Nicht nur „sein“, sondern „mit dir sein“ – wo immer du auch bist.

Diese Erfahrung kenne ich– ein Gott, der mit mir geht durch Krisen. Auch Tsitsi Dangarembga fühlt sich von diesem Gott in Schwierigkeiten begleitet:

Im Grunde habe ich das Gefühl, mein spirituelles Leben ist etwas, ohne dass ich nicht auskommen kann. Und wenn ich mich nicht auf mein spirituelles Leben einlasse, fühle ich mich nicht vollständig.  Das ist so, als würde dir jemand die Luft zum Atmen rauben.

Ich spreche mit Tsitsi Dangarembga. Die vielfach preisgekrönte Schriftstellerin aus Simbabwe ist als Methodistin aufgewachsen, wurde dann an einer katholischen Nonnenschule ausgebildet und ist heute Mitglied der Lutherischen Kirche. Eine spannende ökumenische Biographie:

Mein Glaube an Gott ist etwas, das gewachsen ist. Das waren also drei verschiedene Abschnitte meines Lebens, drei verschiedene Kirchen und Konfessionen, und heute bin ich froh, dass ich aus allen von ihnen schöpfen kann. Und deswegen fühle ich mich gesegnet – besonders durch den vielfältigen christlichen Hintergrund, den ich habe.     

Und doch formuliert die gläubige Christin in jedem ihrer Bücher ganz klar, dass Kirche und Kolonialismus in der Vergangenheit eine unselige Verbindung eingegangen sind, weil die Europäer die afrikanische Kultur zerstören wollten:

Ich würde die Kirche nicht einmal von der westlichen Welt trennen, weil die Kirchen von dort aus nach Afrika kamen. Und am Anfang waren sie vollständig miteinander verflochten, ganz besonders diejenigen, die mit dem britischen Kolonialismus zu tun haben, bei dem der Monarch auch das Oberhaupt der Kirche ist.

Bei aller berechtigten Kritik: Tsitsi Dangarembga sieht einen historischen Lernprozess der Kirchen, zum Beispiel wenn sich aktuell prominente Stimmen der Katholischen Bischofskonferenz von Simbabwe für Menschenrechte in ihrer Heimat einsetzen:

Ich persönlich finde es gut, dass einige Institutionen, die am Anfang Teil der Unterdrückung waren, auch spirituell wachsen konnten, um zu verstehen, dass diese Phase wahrscheinlich nicht die glorreichste war und dass man die Art und Weise, wie man über manche Situationen denkt und sich verhält, ändern kann. 

Ändern muss sich auch das Verhältnis zwischen Europa und Afrika. Was ist Tsitsi Dangarembgas Perspektive auf die Gründe so vieler Menschen sich auf den gefährlichen Weg nach Europa aufzumachen? 

Als Angela Merkel nach Westafrika kam, als sie Kanzlerin war, das war der Moment, in dem ich mich in sie verliebt habe, weil sie sagte: „Was ich herausgefunden habe, ist, dass die Menschen lieber zu Hause bleiben”. Und ich fand das wirklich erstaunlich, denn es scheint mir, dass im Westen oft die Vorstellung herrscht, dass alle Angst haben, weil SIE herkommen wollen. Wir wollen eigentlich nicht kommen, wir wollen zu Hause sein können und ein Leben in Würde leben. Das ist es, was wir wollen.

Solange aber Menschen im derzeitigen globalen Handelssystem derart ausgebeutet werden und keine fairen Löhne erhalten, sind sie gezwungen sich auf die Flucht zu begeben-deshalb wirbt Tsitsi Dangarembga entschieden dafür, diese Ungerechtigkeit zu beenden:

Diese finanzielle Diskriminierung ist wirklich enorm, dass Menschen, die am vorteilhaften Ende dieser Beziehung stehen, es so halten wollen. Aber es trägt nicht zu der Art von Stabilität in der Welt bei, die wir brauchen.

Die „Financial Times“ hat Tsitsi Dangerembga vergangenes Jahr unter die 25 einflussreichsten Frauen der Welt gewählt – stimmt sie der Wahl eigentlich zu?

Nein, das tue ich nicht. Ich möchte die „Financial Times” nicht beleidigen, ich möchte nur sagen: ´Das war sehr großzügig von Ihnen.’ Ich würde gerne viel mehr Einfluss haben, als ich aktuell habe.

Einfluss, um die Welt gerechter zu machen und auf die Not vieler Menschen, insbesondere Schwarzer Frauen, aufmerksam zu machen, damit deren Stimmen gelesen und gehört werden.

 

* auf deutsch erschienen: Tsitsi Dangarembga: Aufbrechen. Roman. Aus dem Englischen von Ilija Trojanow, Orlanda Verlag, Berlin 2019.

**vgl.:  https://chrismon.evangelisch.de/artikel/2021/52180/die-friedenspreistraegerin-tsitsi-dangarembga

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26FEB2023
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Malte Budde

Annette Bassler trifft Malte Budde, Generaldirektor eines 4-Sterne-Hotels in Mainz


Teil 1: Was einen professionellen Gastgeber ausmacht

Ein festlich gedeckter Tisch, lecker gekochtes Essen, ein gemütliches Bett zum Schlafen- herrlich! Gastfreundschaft. Für mich eine Wonne. Malte Budde hat diese Gastfreundschaft zu seiner Profession gemacht. Schon früh wollte er mal „was mit Hotel“ machen. Da war er fünf und mit seinen Eltern in einem Hotel in Budapest. Eins mit Liftboy.

Und dieser Liftboy hat mich genauso behandelt wie jeden anderen Gast. Und ich fand das als Kind natürlich ganz toll mit diesem Liftboy -der hatte weiße Handschuhe an- immer auf abzufahren mit diesem Aufzug. Und er hat -meine Eltern haben in der Lobby Kaffee getrunken- hat mir die Tür aufgehalten, ist mit mir in die fünfte Etage, hat mich rausgelassen. Ich bin wieder runter in die Lobby. Ich bin in die zehnte Etage, bin wieder in die Lobby und er hat eine Stunde lang mich hin und hergefahren. Und das ist mir so im Kopf geblieben, dass ich seitdem wirklich gesagt habe: das will ich später auch mal machen!

Also hat er „Hotel“ von der auf Pike gelernt: Zimmer putzen, kochen, bügeln, servieren, also alle Arbeiten, die in einem Hotel anfallen plus ein Betriebswirtschaftsstudium. Heute leitet der 44jährige Vater von zwei kleinen Kindern ein 4- Sterne Hotel in Mainz. Was muss man können, wenn man professioneller Gastgeber werden will? Nix, meint er. Nur eins:

Man muss mit Menschen umgehen wollen und können, und das kann man nicht lernen. Das - muss man lieben. Alles andere kann man den Leuten beibringen.  

Menschen gerne weiterhelfen, Menschen mögen mit all ihren Schrullen und Besonderheiten- für Jesus das höchste Gebot der „Nächstenliebe“. Für Malte Budde die Voraussetzung dafür, ein guter Gastgeber zu sein.

Jeden Tag sind wir Gastgeber von 200, 300, 400 Menschen, die alle ihre Wehwehchen und ihre Probleme haben. Und man muss für diese Menschen da sein. Man muss sich um diese Leute kümmern, die alle ihren persönlichen kleinen Rucksack mit sich tragen, und sei es Gäste, sei es Mitarbeiter. Und das kann man nicht lernen, das muss man mögen.

Wie gerne er Gastgeber ist, das hat er während in der Zeit der Pandemie gespürt. Da hat er das ganze Hotel schließen, alle Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken und alles auf Notstrom umstellen müssen. Drei Jahre mussten alle blitzschnell agieren und sich auf täglich neue Coronaverordnungen umstellen. Wie das ging? Durch finanzielle Rücklagen, Optimismus und ein Team, das sich gegenseitig unterstützt hat. Ohne das Engagement und die Solidarität im Team ein Ding der Unmöglichkeit. Was geblieben ist:

Sagen: ok, machen wir! Wir wissen, dass wir es nicht ändern können, aber wir wollen aus der Situation das Beste machen. Das hat Team auch unheimlich eng zusammengebracht, also nicht nur die Leitung, sondern auch alle einzelnen Mitarbeiter unheimlich eng zusammengebracht.

Heute beherbergt das Hotel nicht nur VIPs und reiche Geschäftsleute, sondern auch Geflüchtete und die, die alles verloren haben.

Teil 2: Reich und Arm unter einem Dach

Malte Budde ist Generaldirektor eines 4- Sternehotels in Mainz. Zum Gespräch hat er mich in die Präsidentensuite eingeladen. Weil die grade frei war. Mit herrlichem Rundblick über den Rhein. Hier haben schon Olaf Scholz und das belgische Königspaar gesessen. Ein paar Etagen tiefer haben aber auch Geflüchtete aus dem Ahrtal und der Ukraine gewohnt. Kostenfrei. Sich für Menschen in Not zu engagieren, ist Malte Budde ein Herzensanliegen. Und das ist so, seit er Verantwortung trägt für seine Mitarbeiter.

Wir haben natürlich viele auch internationale Mitarbeiter, die ja überall auf der Welt ihre Familien haben. Jetzt haben wir aktuell die Situation in der Türkei, in Syrien.

Und so hat er einen Mitarbeiter kurzerhand in die Türkei zu seiner Familie geschickt. Das Team übernimmt seine Arbeit und sein Gehalt läuft weiter.
Kurz nach dem Beginn des Ukrainekrieges hat er 60 Geflüchtete für mehrere Wochen im Hotel aufgenommen. Kostenfrei. Als Chef kann er das. Aber wie finanziert er das?

Ein leerstehendes Zimmer ist ein leerstehendes Zimmer. Letztes Jahr war Corona. Da hatten wir nicht die Situation, dass wir immer ausgebucht waren. Da ging das sehr gut. Da konnte man das machen ohne Probleme. Wir haben die Zimmer nicht gereinigt. Dann entstehen uns ehrlicherweise keine Kosten.

Die Liste solcher Hilfsaktionen ist lang und vieles passiert geräuschlos. Unbelegte Zimmer, Mitarbeiter, die sich ehrenamtlich engagieren und sich gegenseitig vertreten. Natürlich muss man klug überlegen, was machbar ist. Aber die Frage nach den Kosten ist für Malte Budde die falsche Frage. „Wenn du gibst, dann soll die linke Hand nicht wissen, was die Rechte tut!“ würde Jesus dazu sagen. Malte Budde macht einfach. Weil er davon überzeugt ist: Das Gute, das man tut, kommt irgendwie auch wieder zurück. Und das erlebt er auch so.

Es erdet sehr, wenn wir mit unseren Gästen zu tun haben. Also- das Wasser ist nicht warm genug, der Kaffee ist nicht warm genug. Das sind so die Herausforderungen, die man dann so hat. Dann regen wir uns darüber auf, dann versuchen wir, das zu lösen-

Aber das gelingt oft nicht so schnell. In solchen Situationen geht Malte Budde gerne mal weg. Besucht die, denen es nicht so gut geht. Menschen im Altenheim zB. Wo er mit der dortigen Pfarrerin ein Projekt gestartet hat.

Mir ist es tatsächlich wichtig, solche Sachen zu machen in diesem Arbeitsleben mittendrin und dann geht man kurz vor Weihnachten, wo hier alles auf Caterings und Gans essen und so weiter ist, um 17 Uhr in den Gottesdienst im Altenheim, dann ist man in einer komplett anderen Welt. Dann- ja, ordnet das die Probleme. Wo man dachte, der kalte Kaffee war das größte Problem des Tages. Das kann man auch ganz gut den Mitarbeitern transportieren, ihnen das Gefühl geben: geht nach Hause, kümmert euch um eure Lieben, um eure Familien. Der Kaffee- das Problem klären wir morgen.

Malte Budde hat mich dazu angeregt, ein bisschen mehr Gastgeberin zu sein. Runterzukommen von überzogenen Ansprüchen an mich und andere. Und mit Menschen, die denen das guttut, das Leben zu feiern. Weil ich glaube: da gibt Gott seinen Segen dazu.

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19FEB2023
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Clemens Fuchs Foto: Sabine Winkler

Rottenburg am Neckar ist nicht nur Bischofsstadt, sondern in diesen Tagen auch Fasnets-Hochburg. Dort treffe ich Clemens Fuchs. Er ist Mitglied und der Archivar der Rottenburger Narrenzunft. An der Fasnet ist er aktiv als „Ahland“ unterwegs, das heißt als „weißer Teufel“. Der Schwabe schlüpft dann in sein Narrenkostüm, auch Häs genannt, und das schon seit knapp 50 Jahren:

Das war schon immer ein Kindheitswunsch Ahland zu sein. Aber meine Eltern haben mir das nie gekauft oder ermöglicht. Auf jeden Fall habe ich mir diesen Herzenswunsch von meinem ersten Lehrlingsgehalt erfüllt.

Der Name Ahland ist vom Charakter her eigentlich ein Teufel. Der Name Ahland kommt von Fahland, „der zu Fall Bringende“ und ja der Ahland verkörpert dann einfach auch diese Funktion. Wobei er von seinem Häs her eigentlich ein untypischer Teufel ist, weil er hat ein weißes Leinengewand, das bemalt ist.

Der Teufel verkleidet im weißen Gewand, also sozusagen mit weißer Weste, so kommt es mir vor. Der Teufel steht für mich als Figur für das Böse. Dass es ihn als Wesen mit zwei Hörnern gibt, glaub ich nicht. Aber dass es Böses auf der Welt und auch teuflische Gedanken gibt, dass glaub ich sehr wohl. Und vielleicht steht ja auch die Teufelsfigur dafür, dass das Böse sich versteckt und nach außen hin sich verkleidet.

Der Ahland scheint mir jedenfalls ein eher freundlicher Teufel zu sein, der gerne neckt. Und da stimmt mir Fuchs zu. Denn in seiner Rolle als Ahland treibt er gerne sein Späßchen mit den Zuschauern während den Umzügen. Aber immer zur Freud, niemals zum Leid.  

Wenn Sie jetzt irgendwo am Tisch sitzen im Lokal und jetzt kommt da einfach eine Hexe rein oder paar Hexen und die setzen sich zu Ihnen. Die sagen erst mal vielleicht gar nix und dann beginnt von alleine eine närrische Konversation. Und da haben alle Freud, der, der im Häs steckt und die, die am Tisch sitzen, weil das ist was Spannendes. Was ist das für einer? Wo kommt der her? Und kennt der uns? Und dann verstellt er seine Stimme und sagt dann: „Ja, ich kenne dich, du bist heute Morgen ganz spät heimgekommen!“ Oder ja, einfach irgendwas Lustiges und dann lachen alle am Tisch. Und das ist das Eigentliche, was Fasnet ausmacht.

Fasnet ist Begegnung pur. Dabei verhalten sich die Menschen anders als unter dem Jahr. Sie sind freundlicher, aufgeschlossener und ausgelassener. Man hat Freude, redet miteinander kommt ins Gespräch. Es spielt einfach keine Rolle, wer ich bin, welchen Vorstandsposten ich innehabe, wie viel Geld auf meinem Konto ist oder welches Auto ich fahre. Man begegnet sich auf Augenhöhe und ist zusammen unterwegs.

 

Gleich erfahren Sie was darüber hinaus die Fasnet mit der Kirche verbindet.

 

(TEIL 2)

Das Zunfthaus, in dem ich den Narrenzünftler Clemens Fuchs antreffe, liegt fußläufig zum Bischofssitz. Sicher man kennt sich, aber wie eng sind Fasnet und Kirche wirklich miteinander verwoben?

Wir feiern mittlerweile am Fasnet-Samstag eine Zunftmesse in der Sankt Moritz Kirche. Einfach zu Beginn unserer Straßen-Fasnet, die dann im Anschluss an den Gottesdienst stattfindet. Und das ist natürlich ein Zeichen der Verbundenheit zur Kirche.

Es geht um ein allgemeines Besinnen untereinander darauf, dass Spaß an der Fasnet erlaubt ist, aber um der Freude Willen. Dass an den Nächsten gedacht wird, und dass niemand zu Schaden kommt. Darauf besinnen sich die Narren und holen sich Zuspruch und den Segen, dass es gut geht.

In diesen Narrengottesdiensten zeigt sich aber auch, dass die Kirche selbst närrisch kann:

Der jeweilige Pfarrer oder Prediger hält die Predigt dann in Reimform. Und da gab es also schon manchmal eher die Situation, dass der Pfarrer quasi die Rolle des Hofnarren übernommen hat und auch gegenüber der Verwaltung oder dem Bischof das eine oder andere deutliche Wort gesprochen hat.

Vielleicht erscheint es befremdlich, wenn Kirche sich so närrisch zeigt. Dabei ist die Verbindung von Fasnet und Kirche durchaus eine enge. Die Brauchtums-Forscher sind sich mittlerweile einig, dass die Fasnet vor allem als Schwellenfest, als bewusstes Fest vor der Fastenzeit entstanden ist:

Die katholische Kirche hat ja die Fastenzeit sehr streng gehandhabt. Und deswegen hat man in der Nacht vor dem Fasten, also vorm Aschermittwoch noch kräftig gegessen, getrunken, gefeiert, getanzt, geheiratet.

Fasnet ist also ein katholisches Fest durch und durch. Und die Kirche ist sogar an der Entstehung der ersten Narrenfigur beteiligt gewesen.

Die Kirche hat versucht, durch Bilder die Heilsgeschichte quasi zu erläutern. Und in der Heilsgeschichte ist natürlich sowohl ein Engel vorgekommen, aber auch ein Teufel. Es gibt Nachweise, dass Teufelslarven über die Fasnacht beim Mesner ausgeliehen werden konnten. Und so sind die ersten Larven und Masken eigentlich in die Fasnet gewandert und der Teufel war die erste Fastnachtsfigur.

Um es besser zu verstehen: Die Larve ist die Vorstufe zur Maske. Erst wenn man sie trägt, wird sie zur Maske. Von der Larve stammt auch der Begriff des Entlarvens, also wenn jemand demaskiert wird. Und darum soll’s ja auch in der anschließenden Fastenzeit wieder gehen: Gott zeigen, wie ich wirklich bin.

Fastnacht oder Fasnet – es ist ein großes Fest im Kalender, dass vielerorts kräftig gefeiert wird. So wie Clemens Fuchs diese fünfte Jahreszeit allerdings beschreibt, zeigt es mir doch, dass in diesem Fest viel mehr als Party und Krawall zu sehen ist. Es ist ein christliches Fest, dass das Leben feiert.

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12FEB2023
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Pfarrer Markus Eckert

Wolf-Dieter Steinmann trifft Pfarrer Markus Eckert. Er segnet Liebende am Valentinstag

Segen auf die Liebe

Wie drücken Menschen am Valentinstag ihre Liebe aus? Mit Blumen? Was Süßem? Schön essen gehen? Auf den ersten Blick könnte man denken: Liebe, die kostet. Aber vielleicht geht noch mehr. Markus Eckert ist Pfarrer in Fellbach-Öffingen. Er lädt übermorgen ein zum Gottesdienst.

Für wirklich alle Paare, die die Liebe feiern wollen, ihre Beziehung feiern wollen. Wie macht man das, das ist ja tatsächlich eine große Frage.

Seit ein paar Jahren feiern sie - wie in vielen Gemeinden - Segensgottesdienst. Anscheinend haben sehr verschiedene Menschen das Bedürfnis, ihre Beziehung zu feiern. Nach dem Trauschein fragt er nicht. Wer gesegnet werden möchte, ist willkommen.

Es kommen ja auch Menschen, die aus irgendwelchen Gründen nicht geheiratet haben. Da gibt es auch Menschen, die sich erst in nem späteren Lebensalter gefunden haben und jetzt sagen, ‚sie brauchen jetzt keine Hochzeit mehr‘ oder es sind Paare, die relativ frisch zusammen gekommen sind.

Ich spüre bei Markus Eckert, dass diese Gottesdienste ihm am Herzen liegen. Er weiß im Vorhinein nicht, wer kommt. Aber hat erlebt, mit anderen ihre Beziehung zu feiern, gibt ihm viel als Pfarrer.

Ältere Menschen, die noch mal wirklich in teilweise betagtem Alter gekommen sind, das fand ich immer sehr anrührend. Natürlich war auch ne besondere Sache, als es eben das erste Mal vorkam, dass ein homosexuelles Paar den Segen erbeten hat.

Hauptsache ist der Segen. Neben Gebeten und Texten. Und logisch, wenn es um Liebe geht, gibt es Musik.

Letztendlich werden Liebeslieder gesungen. Jetzt grad mit nem Paar, die singen jetz mehr so romantische Schumannlieder oder so was. Das ist dann auch mal was anderes. Aber die singen dann natürlich auch Phil Collins. Das darf alles sein.

Und wie kann ich mir das mit dem Segnen vorstellen? Alle auf einmal? Ne?
Er versucht beides zu verbinden. Diese Erfahrung, in einer größeren Gemeinschaft zu feiern. Und auch ganz persönlich sein zu können.
Als Paar, ‚einzeln sozusagen‘ nach vorn, dann frage ich nach dem Namen, manchmal sagen die dann auch noch was, kurz vorher, zu ihrer Beziehung. Und dann spreche ich ihnen einen möglichst persönlichen Segen zu. (0.14)

Gottesdienst am Valentinstag. Ist das Mode? Im Gegenteil findet er. Segen, also Gelingen für Beziehungen zu erbitten, das gehört für ihn zum Kern des Glaubens.

Wir sprechen von Gott, der die Liebe ist, von Gott, der sich hingibt, von
einem leidenschaftlichen Gott. Gott Vater, Sohn, Heiliger Geist, das ist
Beziehung. Insofern ist das ein Kernelement, Beziehung irgendwie in den Blick zu nehmen.

Der Valentinstag liegt Pfarrer Markus Eckert am Herzen. Dass die Beziehungen und die Liebe, die Menschen miteinander leben, dass die gelingen. Darum feiert er übermorgen in Fellbach-Öffingen Segensgottesdienst. Und da kommen viele Menschen, wohingegen klassische Ehejubiläen seltener in der Kirche gefeiert werden.

So nach dem Motto: ‚ach wir möchten da nicht so ein großes Fest haben, das ist uns zu anstrengend‘. Also die Feierlaune ist so ein bisschen runtergegangen.

Am Valentinstag kommen nicht nur Verheiratete, um sich segnen zu lassen. Vermutlich, weil viele spüren: Eine Beziehung, die trägt, ist kostbar. Und nicht selbstverständlich.

Ich glaube, dass das vielleicht lange auch von Kirche nicht so ernst genommen wurde. Als Kirche ist man lange Zeit noch mit der Gießkanne über die Leute drüber gegangen und hat gesagt, ‚das langt dann schon.‘ Aber diese wirklich persönliche und relativ kurze persönliche Ansprache, die sagt manchen Leuten zu.

Und auch, dass das Positive stark gemacht wird. Das heißt nicht, dass er andere Seiten einer Beziehung ausblendet. Wie oft ist Liebe gerade auch verzeihen.

Da kamen auch schon Paare zu mir, die sagten dann ‚ja, wir hatten jetzt eine schwere Zeit miteinander und wir sind sehr froh, dass wir jetzt hier stehen können und wir bitten jetzt auch noch mal um den Segen.‘ Also das ist so ein kleiner Aufhänger, da auch dankbar zu sein.

Wie gut so eine Feier tun kann, hat Markus Eckert letztes Jahr besonders erlebt. Da war er nicht der Pfarrer, der sie für andere gestaltet, sondern selbst „Feiernder“. Eine Kollegin hat an seiner Stelle den Gottesdienst gehalten.

Das war wirklich total schön, selber gesegnet zu werden. Ich bin da natürlich mit meiner Frau hingegangen. Das ist ne ganz tolle Art, ein Thema mit anderen zu ‚befeiern‘ und darüber nachzudenken und miteinander beim Sekt noch ins Gespräch zu kommen.

Er findet es darum ein Versäumnis, wenn Gemeinden solche Gottesdienste nicht anbieten. Verständlich bei diesen Erfahrungen. Und es geht ihm dabei auch um Grundsätzliches: Wenn Gott in Beziehungen lebendig ist. Dann liegt es nahe, dass Kirche sich als Lebensbegleiterin versteht und das übt.

Menschen werden getraut und dann kommen sie vielleicht wieder, wenn das Kind getauft werden soll. Was passiert dazwischen oder auch nach der Taufe? Man darf sich auch als Kirche nicht davor drücken und ich fände es gut, wenn das sich wirklich einbürgern würde.

Aber erst mal hofft Markus Eckert, dass Paare Lust bekommen haben auf Segen. Er denkt, dass übermorgen für jeden in fahrbarer Nähe ein Gottesdienst ist, der der Liebe gut tut und Beziehung bereichert und segnet.

Man wird als Paar, wenn man noch ein schönes Candle Light-Dinner hat oder so was, wird man noch ein paar andere Gesprächsthemen haben als die, die man sich vorher so überlegt hat.

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