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Manchmal fühlt sich das Leben an wie ein Wartesaal. Etwas ist zu Ende gegangen – und das Neue hat noch nicht richtig begonnen.
So geht es gerade Debora, bei der ich Gesangsunterricht habe. Sie hat ihr Musikstudium abgeschlossen. Hinter ihr liegen intensive Monate voll mit Üben, Prüfungen und Lampenfieber. Jetzt ist sie erst einmal erleichtert. Und stolz darf sie auch sein. Aber gleichzeitig steht die große Frage im Raum: Wie geht es weiter? Ein paar kleinere Jobs hat sie schon. Doch bis sie wirklich von ihrer Musik leben kann, wird es dauern.
Solche Zwischenzeiten entstehen öfter als man denkt: z.B. beim Schulabschluss, nach einem Umzug, nach einer Krankheit. Nach dem Ende einer Beziehung oder mitten in einer beruflichen Neuorientierung.
In der Bibel gibt es ebenfalls so eine Zwischenzeit. In dem Abschnitt aus der Apostelgeschichte, der heute in katholischen Gottesdiensten zu hören ist, sitzen die Freunde Jesu in einem Haus in Jerusalem zusammen. Es war so viel los: Jesus ist gestorben und auferstanden. Und nach seiner Himmelfahrt ist er wohl endgültig nicht mehr bei ihnen. Sie wissen noch nicht, wie ihre Zukunft aussehen wird. Doch anstatt auseinander zu laufen, bleiben sie zusammen. In der Bibel heißt es: „Sie alle verharrten (…) einmütig im Gebet, zusammen mit den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern.“ (Apg 1,14) Sie haben so viel miteinander erlebt, und auch jetzt halten sie die Zeit miteinander aus. Sie tun nicht so, als müssten sie sofort Antworten haben. Sie beten. Sie warten.
Das klingt zunächst passiv. Aber vielleicht braucht es manchmal genau das: eine Zwischenzeit aushalten, in der scheinbar nichts passiert. Nicht sofort in Aktionismus verfallen und jede Leerstelle sofort füllen. Und auch nicht krampfhaft nach schnellen Lösungen suchen. Denn manches wächst langsam.
In der Landwirtschaft kennt man das Bild der Brache. Ein Feld wird bewusst eine Zeit lang nicht genutzt, damit der Boden neue Kraft sammeln kann. Damit später wieder etwas wachsen kann. Ich hatte in meinem Leben auch schon solche Brachzeiten. Zeiten, in denen ich unsicher war und mehr Fragen als Antworten hatte. Aber es ging weiter und irgendwann habe ich gemerkt: da ist ja doch einiges passiert.
Für meine Gesangslehrerin Debora bedeutet das vielleicht: weiter üben, Kontakte knüpfen, kleine Konzerte geben – und gleichzeitig akzeptieren, dass der eigene Weg Zeit braucht. Und vielleicht liegt gerade darin Hoffnung: Dass Neues oft leise beginnt. Nicht mit einem großen Knall, sondern in einer Zeit des Wartens.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44434Ich weiß nicht, ob Sie das schon erlebt haben: So einen Gänsehautmoment, wenn man das Gefühl hat, mit den anderen um einen herum verbunden zu sein – im gleichen Rhythmus, der gleichen Stimmung. Auf einem Konzert vielleicht oder auch im Stadion? Ich kenne das vom Singen im Chor: Wenn man probt und probt und dann – plötzlich - nicht mehr 20 oder 30 Einzelstimmen hört, sondern sich ein großer Klang ergibt. Solche Momente bleiben etwas Besonderes.
Es ist etwas Besonderes, so untereinander verbunden zu sein: wenn man förmlich spürt, wie man mit den anderen um einen herum zu einer richtigen Einheit wird. Eine Einheit, die jeden einzelnen darin trägt. Und die wünscht sich auch Jesus für seine Anhängerinnen und Anhänger. Im Gottesdienst an Christi Himmelfahrt heute erzählt eine Bibelstelle davon: Von seinem Wunsch, dass aus den vielen einzelnen Gläubigen eine starke Einheit wird. Jesus betet für seine Freunde und bittet darum:… 21dass sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, auf dass die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.
Alle, die glauben verbunden und eins mit Gott dem Vater und Jesus. Das klingt wunderbar und erinnert mich an meine Erfahrung vom Singen. An diese Gänsehautmomente, wenn unsere Stimmen zu etwas Größerem verschmelzen – und trotzdem singen wir nicht immer alle das gleiche. Bass, Tenor – Alt und Sopran singen jeweils ihre eigene Linie. Und alle bringe die verschiedensten Töne ein, die in Akkorden zu einem schönen Gesamtklang verschmelzen. Eins werden, das geht auch ohne Gleichmacherei oder Einheitslösung.
Ja, Chorsingen wäre gerade zu langweilig, wenn alle immer den gleichen Ton singen würden. Die vielen verschiedenen Töne zusammen ergeben einen neuen Klang. Und trotzdem braucht es etwas, dass die Sängerinnen und Sänger eint. Wenn alle einfach wild einen beliebigen Ton singen, dann entsteht Chaos, ein undefinierbarer Brei aus Tönen, der nicht schön klingt.
Erst durch die gemeinsame Vision, einen Plan – in dem Fall die Noten, denen die Sänger folgen, entsteht etwas Schönes.
Im vielstimmigen Chor der Christinnen und Christen ist Jesus so etwas wie der Dirigent und er hat den Menschen durch sein Leben und seine Worte eine Partitur gegeben. Wir müssen nicht alle die gleiche Stimme singen – nein, es ist sogar für den Gesamtklang besser, wenn es unterschiedliche Stimmen gibt. Durch die gemeinsame Vision vom Reich Gottes, da kann aus den verschiedenen Stimmen, ein geeinter Chor mit Orchester werden. Gänsehautmomente.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44399„Die Hoffnung stirbt zuletzt“. So heißt ein beliebtes Sprichwort. Und irgendwie ist da ja auch was dran. Hoffen zu können, das hält am Leben. Und hoffen kann ich letztlich auf ganz verschiedene Dinge. Da kann die Hoffnung sein, eine schwere Krankheit gut zu überstehen, bei der ich noch nicht weiß, wie sie ausgeht. Ich kann hoffen, dass mir ein berufliches Projekt gelingt, in das ich schon viel Zeit und Herzblut gesteckt habe. Aber auch, dass die kriselnde Beziehung zu einem nahen Menschen sich schon wieder einrenkt. Solange ich hoffen kann, dass etwas gut ausgehen wird, so lange spüre ich auf jeden Fall Lebensenergie in mir. Das Tolle an der Hoffnung ist ja: Sie braucht nicht mal einen handfesten, beweisbaren Grund. Und dennoch ist Hoffnung auch kein Wolkenkuckucksheim. Um hoffen zu können reicht schon ein kleiner Anhaltspunkt, eine Ahnung vielleicht, dass es klappen könnte. Dass die medizinische Therapie wirkt, die neue Sendung im Radio gut angenommen wird, die Aussprache mit dem Partner der Beziehung einen neuen Kick gibt.
Hoffen, das ist für mich aber auch ein anderes Wort für Glauben. Hoffen zu können ist deshalb etwas, das zum Christsein unbedingt dazugehört. Ja, das vielleicht sogar eine Art Markenzeichen sein kann für einen Christen, eine Christin. Petrus, der ja so was wie der engste Vertraute von Jesus war, hat die frühen Christen damals aufgerufen: Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die euch erfüllt. Seine Aufforderung, fast 2000 Jahre alt, gilt auch noch heute. Was also würde ich einem antworten, der von mir wissen will, worauf ich als Christ eigentlich hoffe. Drei Dinge würde ich aufzählen.
Ich würde antworten, dass ich zwar nicht beweisen kann, dass es einen Gott gibt. Aber dass ich darauf hoffe. Und dass diese Hoffnung der Kern meines Glaubens ist. Ich würde antworten, dass meine Hoffnung auch den Tod einschließt, und ich darauf vertraue, dass der nicht das letzte Wort sein wird. Weil mir dieser Gott Hoffnung gibt, dass da noch etwas kommt. Und schließlich hoffe ich auf Gerechtigkeit. Weil ich es sonst kaum ertragen könnte, wie viel Unrecht, Niedertracht und Gewalt es gibt, die hier auf Erden nie gesühnt werden. Eine Gerechtigkeit über den Tod hinaus. Auch die verbinde ich mit Gott. Glauben. Für mich ein anderes Wort für Hoffen. Eine Hoffnung, die nicht stirbt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44407Als Jugendlicher habe ich zum ersten Mal erlebt wie sich Beklemmung anfühlt: als würde es einem den Brustkorb einschnüren – ganz schrecklich. Ich war damals nachts mit Freunden unterwegs. Den letzten Zug hatten wir verpasst. Deshalb mussten wir laufen, immer an den Gleisen entlang. Als wir aus der Bahnhofsbeleuchtung heraustreten umschließt uns Finsternis. Von nun an läuft Angst mit. Bald konzentrieren wir uns nur noch auf das Wesentliche: einatmen, ausatmen. Dann, die Wende: Ein Freund stimmt ein Volkslied aus dem Musikunterricht an. Ausgerechnet. Im Unterricht haben wir dies Lied häufig gesungen und ebenso häufig belächelt. Aber wir kennen es. Alle. Erleichtert stimmen wir ein – auch der, der sonst nie mitsingt. Etwas Wunderbares geschieht und wir werden zu einem Klangkörper, dem die Finsternis nichts mehr anhaben kann.
Damals am Bahndamm habe ich gespürt: Dieser klingende Moment ist uns geschenkt, das ist eine Rettung, die hat nicht nur mit uns zu tun. Und andererseits hat diese Rettung nur mit uns zu tun. Denn auch wenn es an den Bahngleisen finster bleibt: für uns hat sich mit dem Gesang alles verändert.
Viel später habe ich diese Motive in einer Bibelgeschichte wiedergefunden. Sie gehört zum heutigen Sonntag Kantate, dem Sonntag, der dem Lobgesang zu Gott gewidmet ist: Der Apostel Paulus und sein Begleiter Silas sind im Gefängnis - einem Ort ultimativer Angst. Dort sind sie hineingeraten, weil sie öffentlich von ihrem Glauben erzählt haben. An ihrem Glauben halten die beiden fest, auch wenn sie nun dicke Mauern umgeben und ihre Füße im Holzblock stecken. Um Mitternacht umschließt sie tiefe Finsternis.
Ich stelle mir vor, wie die beiden ein- und ausatmen und dann – so weiß der Text – singen (Apg 16,25). Ihren Gesang adressieren sie an Gott, der ihnen ihren Lebensatem geschenkt und in seinem Sohn ihre Finsternis geteilt und überwunden hat. Diese wunderbare Verbindung wirkt. Paulus und Silas spüren wie die Gefängnismauern in ihren Grundfesten wanken, sich die Holzfesseln lösen und sich die Zellentüren öffnen.
Und obwohl es in ihrer Gefängniszelle immer noch finster und dunkel ist, bleiben sie dort. Der Ort hat sich nicht verändert, aber für Paulus und Silas hat sich etwas verändert, auch ihnen wurde eine Rettung geschenkt: Sie haben sich freigesungen von ihrer Angst. Und sie bleiben – ausgerechnet wegen des Gefängniswärters. Der eilt schnell in Paulus und Silas Zelle. Sind die Gefangenen geflohen, muss er den Kopf hinhalten. Im Schein der Fackel, die er mitgebracht hat geht ihm ein Licht auf: Die Gefangenen sind noch da. Seinetwegen! Auch er wird ein Teil dieses Klangraums, dieser rettenden Verbindung zu Gott. Diese Rettung strahlt aus und führt zusammen wie ein Lied in der Finsternis!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44347Für ein paar Euro kann man im Internet ein Bild erwerben, das manche wohl schlicht und einfach religiösen Kitsch nennen würden. Da steht Jesus mit fescher Föhnfrisur im milden Licht der untergehenden Sonne auf einer Weide. Um ihn herum eine Schafherde. Auf dem Arm trägt er ein Lämmchen. Es ist das klassische Bild von Jesus, dem „guten Hirten“. Eins der bekanntesten Motive aus der Bibel. Unzählige Künstler hat es im Lauf der Jahrhunderte zu Darstellungen inspiriert. Manche mehr, manche weniger gelungen. Ich gebe zu, dass ich schon öfter mit diesem biblischen Motiv gehadert habe. Weil ich mich einfach nicht mit einem unmündigen Schaf vergleichen will, das einem Hirten unreflektiert hinterhertrottet. Die Einladung, den Spuren Jesu in meinem Alltag zu folgen, habe ich so jedenfalls nie verstanden. Und dass kirchliche Würdenträger sich ja auch als Hirten und Oberhirten bezeichnen lassen, macht die Sache leider nicht besser.
Um Hirten und Schafe geht es heute Morgen auch in den katholischen Gottesdiensten. Von einem Schafstall ist da die Rede. Von der Tür, die in den Stall führt und durch die der Hirte kommt. Aber auch von zwielichtigen Gestalten, die nicht die Tür nehmen, sondern sich illegal Zutritt verschaffen, um den Schafen zu schaden. Manches an diesen Bildern ist heute nur noch schwer verständlich. (vgl. Joh 10,1-10)
Etwas aber hat mich an dieser Bibelstelle beeindruckt: Die Schafe. Die werden hier nämlich weder dumm noch einfältig dargestellt. Einem Fremden werden sie nicht folgen, weil sie die Stimme nicht kennen, heißt es da. Diese Schafe entscheiden also selbst, wem sie folgen und wem nicht. Spüren, wer es gut mit ihnen meint und wer nur egoistisch seine eigenen Interessen verfolgt. Die Schafe übernehmen Verantwortung für sich selbst. Keine dummen Geschöpfe, die bloß gehorsam einem Führer hinterhertrotten.
Am Ende sagt Jesus schließlich: Der Dieb kommt nur, um zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben. Darum geht es. Ums volle Leben. Für alle. Auch für die, die schwach, krank oder fremd sind. Wo Leben behindert, erniedrigt oder vernichtet wird, kann das nie im Sinne Jesu sein. Biblische Texte erklären keine gesellschaftlichen Entwicklungen. Sie können aber Denkanstöße geben. Können mich etwa kritisch fragen lassen, wem ich vertrauen kann. Wer es wirklich gut meint mit mir und anderen, und wer nur sein ideologisches Süppchen kocht. In der Politik und auch in der Kirche. Das Lebensbeispiel, das Jesus hinterlassen hat, kann der Maßstab sein. Eine Tür ins Leben.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44313Das Ehebett meiner Großeltern war ein beeindruckendes Möbelstück und hat fast das gesamte Schlafzimmer eingenommen. Tagsüber thronten dort wie riesige Wolkengebirge die aufgebauschten Federbetten und auf den Kopfkissen zusätzliche Paradekissen. In den frühen Morgenstunden aber zerfiel diese ganze Pracht. Dann kamen mein Bruder und ich, wenn wir bei den Großeltern übernachtet haben, ins Bett geklettert und haben mithilfe der Schrankuhr gegenüber, wie schon meine Mutter und ihre Geschwister in der Generation davor, die Uhr lesen gelernt: Sieben Uhr, Viertel achte, halber achte, dreiviertel Achte, drei vor acht, neune; in süddeutscher Zählung.
Über dem Bett der Großeltern hing ein Bild. Das war nicht wie die Uhr Gegenstand lebensdienlicher Lektionen und hat mir doch mindestens genau so viel beigebracht. Darauf Wolken wie Federbettengebirge, in der Bildmitte ein weißes Kirchlein umgeben von Bäumen; im Vordergrund ein kleiner See. Rechts unten steht ein Mann am Ufer, den Kopf geneigt, wie in Andacht versunken, zu seinen Füssen ein Hund, und um ihn herum eine Schafherde mit frisch geborenen Lämmern. Eine Idylle mit haarscharfer Absturzkante ins Kitschige. Lange bevor ich wusste, dass es sich bei diesem Bild um eine gängige volkstümliche Darstellung des guten Hirten handelt und lange bevor ich wusste, dass der auferstandene Christus nach Ostern in die Rolle dieses guten Hirten schlüpft, hat mir dieses Bild eine Geborgenheit vermittelt, wie es sie vielleicht nur als Kind in Großelternbettenlandschaften gibt.
Heute heißt es im sonntäglichen Predigttext aus dem ersten Petrusbrief: „Ihr wart wie Schafe, die sich verirrt hatten. Jetzt seid ihr zurückgekehrt zu eurem Hirten, der euch beschützt.“ Es mag als Erwachsene kein Weg zurückführen in die Kuschelwelten der Kinderzeit. Aber der Kraft dieses Bildes traue ich immer noch. Ich glaube, dass einer mein Leben beschützt und es gut mit mir meint. Dass einer mich auf grüne Auen führt und zum frischen Wasser. Dass einer meine Seele erquickt. Und wenn es durch dunkle Täler geht, muss ich kein Unglück fürchten, denn er ist bei mir. Sein Stecken und Stab trösten mich. Zur Kraft des Bildes ist die Kraft der Worte getreten, wie hier aus dem 23. Psalm.
Die Schrankuhr meiner Großeltern steht heute bei meinem Bruder im Regal. Und das Bild von Christus, dem guten Hirten, hängt jetzt über meinem Bett. Und beide wissen wir: Unsere Zeit steht in Gottes Händen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44236Was passiert, wenn ein 1.700 Jahre altes Glaubensbekenntnis auf Popmusik trifft? Das haben sich kirchlich engagierte Menschen im Südwesten gefragt und Ende letzten Jahres einen Song Contest gestartet. „Credo Collab“[1] heißt das Projekt, und gesucht wurden junge Musikerinnen und Musiker und ihre Songs über das, was sie hoffen, woran sie zweifeln und woran sie wirklich glauben. In zwei Wochen findet das große Finale in der Popakademie in Mannheim statt. Dann performen die jungen Künstlerinnen und Künstler zum ersten Mal ihre Songs live vor Publikum, und ich freue mich schon drauf, die vielen frischen Worte und Töne rund um das Leben und den Glauben zu hören. Und um das, was die jungen Leute hoffen, aber auch zweifeln lässt.
Ein richtig altes und vermutlich sogar das älteste Glaubensbekenntnis ist das von Thomas, einem der Jünger Jesu. Er steht heute im Mittelpunkt des katholischen Gottesdienstes. Thomas wird oft auch der „ungläubige Thomas“ genannt. Denn er kann einfach nicht so recht glauben, was ihm seine Freunde erzählen, weil er kurz weg war: „Stell Dir vor, Thomas, Jesus ist nicht tot, er ist auferstanden, er war hier bei uns!“ Und deshalb antwortet Thomas: „Wenn ich meinen Finger nicht in das Mal der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht" (Joh 20,25). Das ist noch nicht das Glaubensbekenntnis. Aber trotzdem finde ich es sympathisch, dass Thomas so ehrlich ist. Dass er sich kritisch mit dem auseinandersetzt, was andere ihm erzählen. Dass er es genau wissen und sogar selbst erleben will. Und dann passiert es. Acht Tage nach Ostern erscheint Jesus den Jüngern noch einmal. Und Jesus fordert Thomas auf, seine Wunden zu berühren. Aber das ist Thomas nun gar nicht mehr so wichtig. Ganz ergriffen von der Begegnung stammelt er: „Mein Herr und mein Gott.“
Dieses Glaubensbekenntnis besteht nur aus fünf Worten. „Mein Herr und mein Gott.“ Doch entscheidend finde ich, wie Thomas diese Worte gefunden hat. Nämlich durch eine ordentliche Portion Fragen und Zweifel.
Ich glaube, darum geht es beim Glauben. Dass ich mich frage: Wer ist Gott für mich? Wie ist er oder sie? Was macht mir Angst, und was lässt mich hoffen? Und was hat der Glaube mit meinem Leben zu tun?
Vermutlich werden die Songs beim Song Contest ganz vorne mit dabei sein, bei denen man merkt, wie sehr da jemand mit dem Leben und mit Gott gerungen hat. Denn dann gehen die Lieder direkt unter die Haut.
[1]https://www.credo-collab.de/
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44179Mein eindrücklichster Ostermoment? Den habe ich auf freiem Feld im Dunkeln erlebt. Ich weiß noch: Zusammen mit zwei Freunden bin ich auf einer Hochzeitsparty. Die liegt irgendwann in den letzten Zügen. Aber ein Freund und ich haben noch nicht genug. Es gibt noch viel zu erzählen und viele Lieder zu singen – kurzerhand greifen wir uns einen Kasten Bier und zwei Campingstühle. Zwei Freunde und ein Kasten Bier, so marschieren wir los. Rasch landen wir auf einem frisch gepflügten Acker. Wir bauen die Campingstühle auf, setzen uns und merken: die Luft ist raus, wir haben uns übernommen! Die Bierflaschen bleiben ungeöffnet, die Gespräche plätschern müde dahin, kreisen irgendwann ums Älterwerden. Lust auf Singen haben wir auch nicht mehr. Schließlich ist da nur noch Schweigen und eine dunkle Kälte, der wir in T-Shirt und kurzer Hose tapfer trotzen. Einfach so weggehen geht nicht. Irgendetwas kommt da noch, da sind wir uns einig. Doch der schwarze Ackerboden schweigt unbestechlich. Als sich der Himmel langsam verfärbt und am Horizont ein erster Lichtstreifen zu erahnen ist haben wir genug. Schlotternd stehen wir auf und wollen gerade den Bierkasten anheben – da hören wir dieses merkwürdige Geräusch. Unweit von uns raschelt es, dann erhebt sich aus dem schwarzen Acker ein Schatten. Steil steigt er auf. „Ein Vogel“ wird mir klar. Er scheint direkt in das schwache Morgenlicht hineinzufliegen – „dem Himmel so nahe“ denke ich bewundernd. Plötzlich hält der Vogel inne und schlägt rüttelnd mit den Flügeln. „Eine Lerche“, meint mein Freund noch, dann verstummt er, denn mit einem Mal zirpt und flötet es über uns, als wollte das kleine Tier dem zartrosa Himmel ein Ständchen singen. Schlagartig breitet sich in mir ein überwältigendes Sommergefühl aus, Sorgen und Kälte fallen von mir ab. Der Gesang spielt mit unzähligen Melodien, tönt gleichzeitig besänftigend und aufrüttelnd. Welch eine Befreiung! Und uns fällt die Zeile eines unserer Lieblingslieder ein: „The lark sings first, and the first sings best!“ Die Lerche singt als erstes – wenn die lange Nacht vergangen ist.
Wie sich dieser kleine Vogel vom kalten Ackerboden gelöst hat, aufgeflogen – ja – eigentlich in den Himmel aufgefahren ist und Licht und Leben begrüßt hat: das war mein eindrücklichstes Ostererlebnis.
Christus ist auferstanden! Frohe Ostern!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44142In den Dörfern im italienischen Piemont gibt es am Ostermorgen ein Ritual: Wenn zum ersten Mal die Kirchenglocken läuten, ganz früh am Morgen, rennen alle zum Dorfbrunnen. Dort schöpfen sie das kalte, klare Wasser und waschen sich die Augen. Man lacht, man grüßt sich mit „Halleluja“, und manche bitten um „Osteraugen“.
Was „Osteraugen“ sein können, das entdecke ich in der biblischen Erzählung, die heute in kath. Gottesdiensten zu hören ist. Maria von Magdala steht vor dem Höhlengrab, in das sie ihren Freund Jesus vor drei Tagen gelegt haben. Der Stein vor dem Grab ist weg und Jesus ist nicht mehr da. Irgendjemand muss den Leichnam weggebracht haben. Maria laufen Tränen übers Gesicht. Weinend schaut sie ins Grab und sieht dort auf einmal zwei Engel, die sie fragen: „Frau, warum weinst du?“ Maria sagt, was sie belastet, und dass sie unendlich traurig ist. Dann dreht sie sich um und schaut in den Garten, wo sie meint, einen Gärtner zu sehen. Als dieser sie mit „Maria“ anspricht, erkennt sie, dass es Jesus ist.
Von Maria lerne ich, was „Osteraugen“ sind, nämlich: erst einmal hinschauen, wie die Situation ist. Auch wenn es weh tut und ich lieber die Augen verschließen möchte vor dem Grab, vor dem, was mich bedrückt. Doch damit nicht genug. Wenn ich mit „Osteraugen“ schaue, dann lasse ich meinen Blick nicht bei dem, was ich zunächst sehe, sondern ich schaue tiefer. Und das nicht nur mit den Augen, sondern auch mit dem Herzen. Dann kann ich, wie Maria, im leeren Grab die Engel entdecken und erkenne im Gärtner Jesus.
Die Osteraugen haben auch was mit mir zu tun. In den letzten Monaten gab es viel Neues in meinem Leben: neuer Job, neue Leute, mit denen ich jeden Tag zu tun habe, neue Wohnung, neue Wege, die ich mit dem Rad zurücklege. Das hat mich mehr gefordert, als ich es mir zugestanden habe. Ich habe auch gemerkt, dass ich noch ein bisschen wehmütig an dem hänge, was vorher war. Was jetzt nicht mehr ist. Da hat es gutgetan, dass eine Freundin mir geduldig zugehört hat, wenn ich nach einem anstrengenden Tag erzählt habe, wie fix und fertig ich bin. Und dass sie mich liebevoll auf das gestoßen hat, was immer noch da ist, und worauf ich mich bei allem Neuen verlassen kann. Das war wie frisches Wasser im Gesicht, wie ein neuer Blick mit „Osteraugen“, der durch die Schatten hindurch das Licht sehen kann.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44178Dieses Jahr habe ich ein bisschen Angst, ob ich Ostern wohl gut überstehen werde. Ich bin nämlich das erste Mal allein, dieses Jahr. Ich habe keine eigene Familie, und meine Eltern sind mittlerweile auch beide gestorben. Meine Mutter letztes Jahr im Sommer.
Ich vermisse sie – sehr. Und Ostern sollte mich da doch eigentlich trösten: Mit seiner Botschaft, dass Jesus Christus von den Toten auferstanden ist. Und mit der Zusage Gottes, dass der Tod nicht das Ende ist. Ostern hat für mich immer Hoffnung bedeutet. Aber dieses Jahr bin ich nicht sicher, ob mich diese Hoffnung noch erreicht.
Wahrscheinlich liegt das daran, dass meine Mutter letztes Jahr kurz vor Karfreitag diesen Unfall gehabt hat und gestürzt ist. Und damit eine wirklich schwere Zeit begonnen hat: immer auf der Suche nach der richtigen Behandlung - nach dem richtigen Weg für meine Mutter – und zuletzt auch nach einem friedlichen Abschied. Aber wirklich gefunden haben wir den nicht.
„Die Hoffnung stirbt zuletzt“, sagt man. Und zuletzt, am Ende des Weges, hatte ich wirklich keine mehr. Und meine Trauer ist immer noch so stark, dass sie die Hoffnung in mir überdecken: noch verbunden zu sein mit meiner Mutter - und dass sie nicht einfach verschwunden ist im Strudel der Zeit…
Karfreitag ist genau so ein Tag, an dem die Hoffnung verstummt. Das ist damals unterm Kreuz nicht anders gewesen, als Jesus gestorben ist, vor den Augen seiner Mutter und seiner Freunde. Alles, worauf sie gehofft hatten, schien mit ihm gestorben zu sein. Die Verbindung: endgültig abgerissen. Die Bibel erzählt dann zwar weiter: wie Jesus drei Tage später von den Toten aufersteht, und wie es Ostern wird. An Karfreitag aber, da hat das doch noch niemand gewusst. Und ich weiß das eben heute auch noch nicht: ob die Hoffnung in mir wieder lebendig wird. Und ob sie auferstehen wird an Ostern.
Nur eines weiß ich, und das tröstet mich doch ein bisschen: dass mit mir noch viele andere unter dem Kreuz von Jesus stehen: die auch trauern, Angst haben oder die Welt einfach nicht mehr verstehen. Es tröstet mich, Teil einer Gemeinschaft zu sein, Freunde an meiner Seite zu haben. Ich bin nicht allein – und merke, wie sich eben doch ein bisschen Hoffnung in mir regt: Dass es Ostern wird, das Leben siegt und die Hoffnung eben doch stärker ist als der Tod.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44192




