Manuskripte

SWR3 Worte

Der Stuttgarter Klinikseelsorger Wolfgang Raible wünscht den Leuten in der Adventszeit gerne einen „krippalen Infekt“ – krippal mit K. Er sagt:

(…) (Ich wünsche Ihnen) einen „krippalen“ Infekt – dass Sie sich vom Kind in der Krippe anstecken lassen. (…)

Wenn Sie eines der drei folgenden Symptome an sich entdecken, sind Sie bereits (…) infiziert:

Schwäche: Wenn Sie eine Schwäche haben für Ihre Mitmenschen; wenn Sie sich dafür interessieren, wie es ihnen geht, worunter sie leiden, was sie brauchen.

Fieber: Wenn Sie fiebern und sehnsüchtig warten auf Gerechtigkeit und Frieden; wenn Sie sich sehnen nach Heilung und Hilfe.

Schluckbeschwerden: Wenn Sie nicht mehr alles schlucken können, was an Ungerechtigkeit (…) in Ihrer Umgebung geschieht. (…). Wenn Sie sich weigern, alles hinzunehmen, was man Ihnen an Oberflächlichem (…) vorsetzt.

Ich kann nur hoffen, dass Sie jetzt sagen: Ja, diesen „krippalen“ Infekt wünsche ich mir auch.

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Advent heißt Ankunft. Die Poetry Slammerin Julia Engelmann macht sich Gedanken ums Ankommen und Aufbrechen:

Ich will immer auf dem Weg sein zu irgendeinem Ort und mir vorstellen wie ich in ihm mein lang ersehntes Zuhause finde: (…) Ich gehe zur Uni und will den Abschluss, ich lerne dich kennen und will, dass wir uns verlieben (…), ich bin im Dezember und will endlich Weihnachten, dann Silvester, dann Geburtstag, und dann endlich Dezember und dann endlich Weihnachten. (…)

Wir reden immer darüber, wo wir herkommen und wo wir hingehen und viel zu selten darüber, wo wir sind. (…) Aber (…) wäre das nicht am Schönsten? (…)

Ich will den Oktober mögen und das Resteessen nach Weihnachten und das Aufräumen nach Silvester. (…) Ich will die Unsicherheiten beim Kennenlernen genießen und die ungesagten Dinge beim Abschied (…) und immer wissen, dass ich lebendig bin.

(…) Ich kann es nicht abwarten, endlich wieder aufzubrechen und dann anzukommen und dann aufzubrechen. Und anzukommen. Und aufzubrechen

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Eine Kleinanzeige, gefunden in einer Tageszeitung:

Verstärkung gesucht!

Aufgaben: Geknickte Halme aufrichten. Käfer vor dem Ertrinken retten. Köpfe streicheln. Rücken stärken. Tränen trocknen. Ausgebüxte Seelen ins Lot bringen.

Einsatzort überall. Vorerfahrung nicht nötig. Beginn ab sofort.

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Inger Hermann ist Lehrerin an einer Förderschule. Sie hat ein Buch geschrieben über Erlebnisse in ihrem Reli-Unterricht. Sie berichtet von einem Schüler, der kurz vor Weihnachten sagt:

„An Gott glauben, nee. Wenn man den mal sehen könnte, aber so? Den hat doch noch nie jemand gesehen, oder?“

Wir überlegen miteinander: Würden wir ihn überhaupt erkennen? Wie müsste er denn wohl aussehen? Die Ratlosigkeit hat uns alle erwischt.

Ich sage: „In zwei Wochen ist Weihnachten, Christi Geburt; der Jesus-Knabe, das Kind… (…) „Ach so“, ruft Roberto dazwischen und tippt sich an die Stirn, „jetzt blick ich das: Weihnachten ist zum Erinnern, dass es Gott zum Anfassen immerhin schon mal gegeben hat!“

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Im Buch „Dienstags bei Morrie“ unterhält sich der totkranke Mitch mit seinem ehemaligen Schüler. Er sagt:

„Jeder weiß, dass er sterben muss, aber niemand glaubt es. Wenn wir es täten, dann würden wir einige Dinge anders machen. (…)

Zu wissen, dass du sterben musst, und darauf vorbereitet zu sein – das ist besser! (…)

Stell dir vor, dass jeden Tag ein kleiner Vogel auf deiner Schulter sitzt, der dich fragt: `Ist heute der Tag? Bin ich bereit? Tue ich alles, was ich tun sollte? Bin ich der Mensch, der ich sein möchte?´“

Und Mitch drehte seinen Kopf zu seiner Schulter, als säße der kleine Vogel tatsächlich dort.

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Hermann Hesse über das Wort Glück:

Es ist eins von den Wörtern, die ich immer geliebt und gern gehört habe. (…) Auf jeden Fall bedeutete es etwas Schönes (…) Und dementsprechend fand ich den Klang des Wortes.

Ich fand, dieses Wort habe trotz seiner Kürze etwas erstaunlich Schweres und Volles, etwas, was an Gold erinnerte. Und richtig war ihm (…) auch der Glanz eigen, wie der Blitz in der Wolke wohnte er in der kurzen Silbe, die so schmelzend und lächelnd mit dem GL begann, im Ü so lachend ruhte und so kurz, und im CK so entschlossen und knapp endete.

Es war ein Wort zum Lachen und zum Weinen, ein Wort voll Urzauber und Sinnlichkeit. (…) Kein Zweifel, es kam nicht aus Wörterbüchern und Schulstuben, es war nicht erdacht, abgeleitet oder zusammengesetzt, es war Eins und rund, war vollkommen.

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Zum zweiten Advent einen Text des Hamburger Pastors Frank Howaldt:

„Engel“ wird sie genannt (…) Niemand weiß, wie sie wirklich heißt (…) Arm sieht sie aus, mit beiden Händen hält sie sich an ihrem (…) Rollstuhl fest. (…) Sie steht einfach da. (…) Mitten im Getümmel des Züricher Hauptbahnhofes. (…)

 Es hat sich herumgesprochen, wofür sie da ist. Sie segnet. (…) Meistens tut sie es beiläufig – ohne große Gesten und lautlos segnet sie die vorbeieilenden Reisenden. Wie ein immerwährendes Gebet.

 Manchmal bleibt jemand stehen. Scheinbar sorgenvoll, weil etwas Schweres bevorsteht. Auch dann bleibt sie leise, oft mit geschlossenen Augen. Aber die Menschen in Zürich vertrauen ihrem Engel am Rande der Bahnhofshalle. (…) Fürchte dich nicht!

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