Manuskripte

SWR3 Worte

Heute ist Martinstag. Der Heilige ist bekannt dafür, dass er seinen Mantel mit einem frierenden Bettler teilte. Wie Teilen heute aussehen kann, hat der Redakteur Kai-Uwe Scholz erlebt und erzählt:

„Eigentlich hatte sich das Ehepaar, dessen großer Sohn aus dem Einfamilienhaus am Stadtrand ausgezogen war, schon auf neue Freiheiten eingestellt. Doch dann lernten sie an einem Infostand den westafrikanischen Flüchtling Monday kennen. Sie mochten ihn auf Anhieb und seine Geschichte griff ihnen ans Herz. So halfen sie ihm bei Arztbesuchen, Behördengängen und luden ihm zum Essen ein – und boten ihm schließlich Unterkunft an, als er eine Tages auf der Straße stand. […] Statt mehr Freiraum für sich zu haben, ist das Ehepaar noch einmal zusammengerückt. Bad und Küche werden gemeinsam genutzt. Das bedeutet auch Einschränkung und Abgeben. […] Sie haben die Tür geöffnet und teilen ihr Haus.“

Kai-Uwe Scholz, Mit dem Herzen teilen. Gedanken zum Martinstag

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Unförmige Möhren, kleine Äpfel und zusammengewachsene Kartoffeln. Kaufen Sie diese Produkte? Die Journalistin Katja Jührend hat nachgeforscht:

„Produkte der sogenannten B-Ware sind genauso frisch, schmecken genauso und haben genau denselben Nährstoffgehalt wie die schöner anzusehenden Produkte der A-Ware. […] Supermarktketten bringen vor, dass Verbraucher zwar erklären, es sei ihnen egal, wie ihre Kartoffel aussähe, tatsächlich aber griffen sie unbewusst zu makellosen Früchten und ließen die B-Ware liegen. […]
Ja, unser Unterbewusstsein suggeriert uns beim Kauf „schön ist gut“.
Doch „schön“ bedeutet oft: schädlich für die Umwelt und verheerend für die weltweite Hungerbekämpfung. Es stimmt, das Auge isst mit. Aber muss es auch mit kaufen?“

Katja Jührend, Krumme Dinger.

 

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Gräber sind für die Toten und die Lebenden brauchen sie für ihre Trauer. Wenn Jutta Ouven am Grab ihres Liebsten steht, redet sie mit ihm:

„Hörst Du meine Schritte […]?
Mit Armen voller Astern eile ich durchs nasse Gras.
Sehnsucht treibt mich, Schmerz und Verzweiflung.
[…]
Wie soll es gehen ohne Dich an den langen Abenden?
Ohne Deine Umarmung, Dein Lachen und Dein Schweigen?

Meine Liebe schütte ich auf Dein Grab, habe viel zu erzählen.
Mein Tag war erträglich.
[…]
Über Dir, mein Liebster tanzen die Jahreszeiten in berauschenden Farben.
Dein Grab ist für mich ein lebendiger Ort.
[…]
Neben Dir die Schlafenden, über Dir die Wachenden.
Noch eine Kusshand bevor ich gehe […].
Am Tor raucht die Gärtnerin eine Zigarette
Sie lächelt mir zu und nimmt Dich in ihre Obhut.“

Jutta Ouvens, Fachkrankenschwester für Psychiatrie und Autorin, Dein Grab

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Sind Friedhöfe auch Orte für Kinder? Susanne Breit-Kessler, evangelische Regionalbischöfin in München, sieht das so:

Friedhöfe sind Orte, an denen Kinder sich sicher aufhalten können: keine Autos, [sondern] gepflegte Wege und Rasenflächen mit Pflanzen, Vögeln und Schmetterlingen […].

Manche Trauernde freuen sich, wenn sie ein Kind auf dem Friedhof sehen – ein fröhliches, hoffnungsvolles Sinnbild für neues Leben. Das Lächeln, der Juchzer eines Kindes mag manchen zunächst überraschen, vielleicht sogar für einen Moment stören. Aber letztlich wird so ein Ausdruck von Lebensfreude ein seelsorgliches Mosaiksteinchen im Trauerprozess sein. Eines, das mit dazu beiträgt, dass ein Mensch irgendwann wieder den Weg zurück ins Leben findet. […]

Und wenn Kinder für sich den Friedhof erobern, dort ihre eigene lebendige Ruhe finden, dann ist daran nichts Schlimmes. Im Gegenteil: Sie lernen frühzeitig, dass der Tod zum Leben gehört.

Susanne Breit-Kessler

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In Mexiko wird im November der Día de los muertos, der Tag der Toten, gefeiert. Pfarrer Hinrich Westphal war dabei und erzählt:

"Die bunte und fröhliche Art und Weise, in der die Mexikaner mit ihren Verstorbenen leben, finde ich faszinierend. […] Vor allem zum Día de los muertos feiert man im ganzen Land den Glauben, dass die Toten zurückkehren und ihre Familie besuchen. Auf den Friedhöfen tobt vielstimmiges, farbiges Leben: Chorgesang aus der nahen Kirche mischt sich mit Drehorgelliedern und Beatmusik. Verkäufer streifen über die Wege, […] Jugendliche veranstalten Partys, Kinder spielen auf Grabsteinen, daneben sitzen die Angehörigen auf Klappstühlen […]. Die meisten bleiben die ganze Nacht dort sitzen, zwischen üppigen Blumensträußen, in leuchtendem Kerzenschein und dichten Weihrauchschwaden. […] Sie alle feiern eine große Fiesta gegen die Vergänglichkeit.“

Hinrich C.G. Westphal, Der Friedhof lebt

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Trauern braucht Zeit. Das hat Regina Kaiser erlebt. Sie hat ihr Kind in der 40sten Schwangerschaftswoche tot auf die Welt gebracht und sagt:

„Ich habe erfahren, welche Bedeutung Selbsthilfegruppen haben. [...] Trotz eines Freundeskreises, der mich unterstützend umgab, war es nicht vergleichbar mit der „Gruppe“.

Meine Freundinnen und Freunde hatten diese Erfahrung nicht. In das bodenlose Nichts zu stürzen und zu denken: Wenn ich jetzt sterbe, ist es auch nicht so schlimm, dann bin ich wenigstens bei meinem Kind. Das bedeutet nicht selbstmordgefährdet zu sein. Es ist einfach die Hilflosigkeit, das nichts mehr stimmt. [...]

Manchmal höre ich, es müsste doch jetzt endlich mal wieder gut sein und ich solle die Alte werden. Aber wer ist die Alte? Es gibt sie nicht mehr. Ich habe eine Erfahrung gemacht, die nicht rückgängig zu machen ist. Ich kann sie nur in mein Leben integrieren. Das aber braucht Zeit.“

Regina Kaiser, Nur ein Hauch von Leben. Erfahrungen aus einer Selbsthilfegruppe für Fehl-, Früh- und Totgeburten.

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Heute ist Sonntag. Biblisch heißt das, Pause machen vom Alltag. Der Theologe Wolfgang Dietrich beschreibt, wie das gehen kann:

„Nicht auch noch die Freizeit in den Takt der Arbeit zwängen und Sonntagsneurose heraufbeschwören, sondern in Muße gehen, sich baumeln lassen und in der Zeit verweilen.
Einfach beieinander sein, etwas zubereiten - mal einzeln, mal gemeinsam, und heiter speisen.
Die Seele ausspannen wie ein Segel. Sich freie Zeit einverleiben. Spielräume entdecken. Räume mit Spiel erfüllen und für Verhältnisse sorgen, die Spielräume offen halten, ja, die selber immer mehr zu Spielräumen werden.“

Wolfgang Dietrich, Ruhetag gestalten.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25244