Manuskripte

SWR3 Worte

Die Autorin Vreni Merz lässt den Tag gerne auf sich zukommen.  Am liebsten so:

Das Bündel packen, nur so viel, wie ich für heute brauche. Losmarschieren auf den Berg, auf Wiesenwegen oder durch die Stadt dem Marktplatz zu.

Egal wohin, und sehen, was ich sehe, was mir wie von selbst entgegen kommt.

Mal Sonne oder Regen auf der Haut, ein Kinderlachen, Autobusse voller Menschen, Schaufenster mit den feinsten Stoffen, Kleider, die ich nicht einmal zu kaufen brauche, Bäume, die mir Schatten spenden, dort ein Hund, der bellt.

Nur den Moment genießen und mich reich beschenken lassen – einfach so.

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Die Schauspielerin und Musikerin Jasmin Tabatabai erzählt darüber, wie sie mit ihrer eigenen Wut umgeht:

Selbstgespräche sind super. Und Spaziergänge, Laufen, Bewegung. Ich rege mich wahnsinnig schnell auf, ich kann ziemlich wütend werden. Andi, mein Mann, würde wahrscheinlich sagen: jähzornig. Da kann es auch ungerecht und laut werden. Ich finde aber einen reinigenden Streit besser als einen hegenden Groll und diese passive Aggressivität. Wenn man alles wütend raushaut – dann ist es raus und dann kann man versuchen, wieder in die Sanftmut zu gehen. Wut ist ja ein Kompass. Wenn du wütend wirst, dann musst du gucken: was bedeutet das? Wenn du dir das genau anguckst, dann kannst du es vielleicht verändern.

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Der italienische Dichter Petrarca ist der erste Mann gewesen, der in Europa einen 2000-er bestiegen hat. Das war in Frankreich. Von seiner Tour ist folgendes überliefert:  

 (…) als er (Petrarca) endlich den Gipfel erreicht hatte, lag ihm die Welt zu Füßen. Weit schaute er zu den Alpen, über den Golf von Marseille, ins Rhonetal. Dann setzte er sich und schlug ein Buch auf, das er mitgenommen hatte. Es waren die „Bekenntnisse“ des Kirchenvaters Augustinus. Darin stieß er auf einen Satz, der ihn wie ein Schlag traf: „Und es gehen die Menschen, zu bestaunen die Gipfel der Berge und (…) haben nicht Acht auf sich selbst.“ 

Plötzlich fühlte sich Petrarca beschämt: „Da entschied ich mich, genug von den Bergen gesehen zu haben, und wandte das innere Auge auf mich selbst (…).“

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Der Bergsteiger Reinhold Messner in einem Interview über den Sinn des Lebens:

(…) Sinn kann man nicht kaufen, wir geben Sinn, indem wir uns mit einer Sache intensiv beschäftigen. Bin ich ganz bei der Sache, bin ich mit jeder Faser, jedem Molekül in meinem Gehirn Sinn. Ich frage nicht mehr nach dem Sinn. (…) Mir geht es nicht darum, irgendwelche Rekorde oder Gipfel zu erreichen, ich will Ideen umsetzen, Träume realisieren. Ganz in diese Ideen hineinsteigen, selber diese Idee werden, den Rest völlig ausschalten (…). Was ich ein gelingendes Leben nenne und andere vielleicht als Glück empfinden, (das) passiert dann. (…)

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Ein Gebet für schwere Zeiten vom Theologen Adolf Exeler:

Ich kann nicht beten, Herr. Ich suche nach Worten, aber ich finde keine. Nur hohle Phrasen kommen mir in den Sinn. Herr, du bist in unendlicher Ferne. Ich habe dich verloren. Wo bist du? Wo soll ich dich suchen? Warum zwingst du mich, Herr, diese Wüste zu durchqueren? Spröde sind meine Lippen, und meine Knie wanken. Wie soll ich da durch diese Wüste kommen? Mein trockener Mund schreit nach dir (…). Herr, höre mein Flehen.

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Die Autorin Sabine Heuser über den mühsamen Start in die neue Woche:

montags wirkt mein Glaube noch so mühsam, so schwerfällig und hinkt wie eine dreibeinige Katze. Sonntags spreche ich mit Gott, bitte ihn um Vergebung für all das, was montags so geschieht. Er lacht und spricht: „Auch ich fing montags an. Erst als ich alles vollendet hatte war Sonntag. Und du? Ja bist du denn schon fertig?“

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Die Theologin Claudia Nietsch-Ochs sitzt sehr gerne im Café. Dabei beobachtet sie, was draußen auf der Straße passiert:

Die Bühne, größer als der Zuschauerraum. Kein Vorhang, die Bühne ist immer besetzt, wird immer bespielt. Ein schmaler Streifen für kleine Tische und Stühle – dem Publikum wird Kaffee gereicht. Ich sitze und schaue, und die Vorstellung beginnt, jetzt auch für mich:

Junge Frauen stöckeln vorbei, lachende Schönheiten. Die Schultasche hängt noch an der Schulter, aber die Pflicht ist erledigt, das Leben wartet. Ein Mann mit Hund, hier nur an der Leine. Wer begleitet wen? Das Paar vergisst alles um sich herum, ein Kuss, ein strahlendes Lächeln. Eine ältere Frau, kein Blick für die Müßiggänger am Bühnenrand, sie legt den Weg zurück, zügig ohne Anspruch, einen Blick zu gewinnen – sie hat zu tun.

Seht der Mensch! Ich schaue und bestaune die Einzigartigkeit auf dieser Straßenbühne des Lebens. Ich zahle, stehe auf und werde zur Akteurin.

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