Manuskripte

SWR3 Worte

Der US amerikanische Pfarrer und Autor Norman Vincent Peale schreibt über das vorweihnachtliche Verkehrschaos: 

Unser Taxi schaffte in jener Vorweihnachtszeit in fünfzehn Minuten etwa zwei Häuserblocks. „Dieser Verkehr ist eine Katastrophe“, schimpfte mein Begleiter. „Er nimmt mir das ganze bisschen Weihnachtsstimmung, das ich habe.“

Mein anderer Begleiter war philosophischer. „Es ist unglaublich“, sinnierte er, „ganz und gar unglaublich. Denkt doch bloß – ein Kind, das vor über zweitausend Jahren mehr als achttausend Kilometer von hier geboren wurde, verursacht ein Verkehrschaos auf der Fifth Avenue in New York.“ Tja, das ist tatsächlich unglaublich!

 

Quelle:

Norman Vincent Peale: Heute fängt dein Leben an, Oesch-Verlag, Zürich 2004.

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Eine Geschichte des Schriftstellers Paulo Coelho:

 Ein Freund (…) beschloss, ein paar Tage in einem Kloster (…) zu verbringen. Eines Nachmittags (…) sah er einen lächelnden Mönch. „Warum lächelst du?“ fragte er. „Weil ich die Bedeutung der Bananen begriffen habe“, sagte der Mönch und öffnete einen Beutel, aus dem er eine verfaulte Banane zog. „Dies ist ein Leben, das zu Ende gegangen ist, bevor es genutzt wurde – und nun ist es zu spät.“ 

Dann zog er eine noch grüne Banane aus dem Beutel. Er zeigte sie (…) und steckte sie wieder ein. „Dies ist ein Leben, das noch nicht zu Ende ist und auf den richtigen Augenblick wartet“, sagte er. 

Schließlich zog er eine reife Banane aus dem Beutel, schälte sie, teilte sie mit dem Mann und sagte: „Dies ist der jetzige Augenblick. Lebe ihn furchtlos.“

 

Quelle:

Paulo Coelho: Der Wanderer, Diogenes-Verlag, Zürich 1998, S. 81f.

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Ein Wintergedicht der Dichterin Eva Strittmatter: 

Ich mach ein Lied aus Stille

Und Septemberlicht.

Das Schweigen einer Grille

Geht ein in mein Gedicht.

 

Der See und die Libelle.

Das Vogelbeerenrot.

Die Arbeit einer Quelle.

Der Herbstgeruch von Brot.

 

Der Bäume Tod und Träne.

Der schwarze Rabenschrei.

Der Orgelflug der Schwäne,

Was es auch immer sei,

 

Das über uns die Räume

Aufreißt und riesig macht

Und fällt in unsere Träume

In einer finstren Nacht.

 

Ich mach ein Lied aus Stille.

Ich mach ein Lied aus Licht.

So geh ich in den Winter.

Und so vergeh ich nicht.

 

Quelle:

Eva Strittmatter: Sämtliche Gedichte, Aufbau-Verlag, Berlin 2006.

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Der Jugendseelsorger Wolfgang Müller hat ein Gedicht geschrieben. Es heißt:

 

Da und doch nicht da 

das ist wie beim lieben Gott…

der ist da und doch nicht da

 

so bin ich auch da

und manchmal doch nicht da

sondern woanders

anwesend nur körperlich

doch der Geist weit weit weg

 

da ist es auch schön

und fühlt sich an

fast wie im Himmel

 

Quelle:

Bischöfl. Jugendamt der Diözese Rottenburg-Stuttgart u.a.: Rückwärts Vorwärts  (Wernauer Adventskalender), Verlag Kath. Bibelwerk Stuttgart, 2012, 11. Dezember

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Morrie ist Soziologie-Professor. Ein Student beschreibt die eigenwilligen Methoden, wie Morrie seine Studenten in den Vorlesungen zum Nachdenken bringt: 

Morrie betritt das Klassenzimmer, setzt sich, sagt nichts. Er sieht uns an, wir sehen ihn an (…). Schließlich herrscht tiefe Stille und wir beginnen, die leisesten Geräusche wahrzunehmen, das Summen der Heizung (…), das (…) Atmen eines dicken Studenten.

Einige von uns sind nervös. Wann wird er etwas sagen? Wir rutschen auf unseren Stühlen hin und her (…). Ein paar Studenten schauen aus dem Fenster, versuchen über dem Ganzen zu stehen. Dies geht eine gute Viertelstunde lang so weiter, bis Morrie schließlich das Schweigen mit einem Flüstern bricht: „Was geschieht hier?“ fragt er. Und langsam beginnt eine Diskussion – so wie es Morrie beabsichtigt hatte – über die Wirkung des Schweigens auf menschliche Beziehungen. Warum macht Schweigen uns verlegen? Welchen Trost finden wir in all dem Lärm? 

Quelle:

Mitch Albom: Dienstags bei Morrie, Goldmann Verlag München 2002, S. 68.

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Der buddhistische Mönch Thích Nh?t H?nh (tiknaat ´han) beschreibt das Gefühl, gehetzt zu sein:

In Zen-Kreisen erzählt man sich die Geschichte von einem Mann und einem Pferd. Der Mann sitzt auf seinem geschwind dahin galoppierenden Pferd, und es hat den Anschein, als müsse er ganz schnell zu einer dringenden Verabredung. Am Wegesrand steht ein anderer Mann. Der ruft: „Wohin des Weges?“ Worauf der Reiter antwortet: „Keine Ahnung! Frag das Pferd!“ 

Dies ist auch unsere Geschichte. (…) Das Pferd ist mit der (…) Energie zu vergleichen, die uns vorwärtstreibt und gegen die wir nicht ankommen. Wir laufen ohne Unterlass; wir können gar nicht anders. Selbst im Schlaf noch hören wir nicht auf zu zappeln. (…) 

Wir müssen die Kunst (…) des Haltmachens lernen. Wir müssen lernen, aufzuhören mit unseren Gedanken und unserer Achtlosigkeit; wir müssen lernen halt zu sagen zu unseren Gewohnheitsenergien (…). 

Wir können das, indem wir uns darin üben, achtsam zu atmen, achtsam zu gehen, achtsam zu lächeln und tief zu schauen (…).

 

Quelle:
Thích Nh?t H?nh: Das Herz von Buddhas Lehre, Herder-Verlag, Freiburg 2004, S. 30.

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Ein Zitat der Autorin Andrea Schwarz:

Abenteuer Advent – das ist warten und lauschen, ob sich irgendetwas tut. Das ist suchen und sich auf den Weg machen. (…) Das ist träumen und wünschen, hoffen und ersehnen. Das ist sich nicht zufrieden geben mit dem was ist – das ist sich ausstrecken nach dem, was noch nicht ist – aber was sein könnte. Das ist sehnsüchtig sein nach mehr Leben und Lebendigkeit, das ist Ausschau halten nach Gott in meinem Leben. Das ist staunen können, wach sein, hellwach – und hinschauen, hinschauen auf mein Leben, auf diese Welt.

 

Quelle:
Ulrich Sander (Hg): In heiliger Nacht, Herder-Verlag, Freiburg 2008, S. 23.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=21065