Manuskripte

SWR3 Worte

Ein Mann besaß ein Cello mit nur einer Saite, über die er stundenlang den Bogen führte, die Finger immer auf derselben Stelle haltend. Seine Frau ertrug diesen Klang sieben Monate lang, in der geduldigen Erwartung, dass der Mann entweder vor Langeweile sterben oder das Instrument zerstören würde. Da sich jedoch weder das eine noch das andere ereignete, sagte sie eines Abends in sehr sanftem Tone: „Ich habe bemerkt, dass dieses wundervolle Instrument, wenn es andere spielen, vier Saiten hat, über welche der Bogen geführt wird, und dass die Spieler ihre Finger ständig hin- und her bewegen." Der Mann hörte einen Augenblick lang auf zu spielen, warf einen Blick auf seine Frau, schüttelte das Haupt und sprach: „Natürlich bewegen sie ihre Finger hin und her. Sie suchen den richtigen Ton. Ich habe ihn gefunden." 

Eine Geschichte aus dem Buch „Oh!" vom Verlag „Andere Zeiten".

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Oskar ist erst zehn, aber er weiß, dass er sterben wird. Er bekommt im Krankenhaus immer wieder Besuch von einer Dame. Die bringt ihn auf die Idee, Briefe an den lieben Gott zu schreiben, in denen Oskar alles erzählt, was ihn bewegt. Oskar schreibt:

Lieber Gott, vielen Dank, dass du gekommen bist. Du hast den richtigen Augenblick erwischt, denn es ging mir gar nicht gut. (...) Es war so früh, dass die Vögel noch geschlafen haben, dass sogar die Nachtschwester eingenickt war, und du hast versucht, die Morgendämmerung zu fabrizieren. Es ist dir schwer gefallen, aber du hast dich ins Zeug gelegt. Du hast die Luft ganz weiß gepustet, dann grau, dann blau, du hast die Nacht vertrieben und die Welt zum Leben erweckt. (...). Da habe ich den Unterschied zwischen dir und uns verstanden: Du bist ein fleißiger Junge, der nie müde wird! Immer bei der Arbeit. Und da ist der Tag! Und da ist die Nacht! Und da ist der Frühling! Und da ist der Winter! (...) Was für eine Kraft! Ich habe gespürt, dass du da warst. Dass du mir dein Geheimnis verraten hast: Schau jeden Tag auf diese Welt, als wäre es das erste Mal.

 Aus dem Buch „Oscar und die Dame in Rosa" von Eric-Emmanuel Schmitt.

 

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Ich bin groß, weißhäutig, braunhaarig
Ich bin, was ich bin.
Ich bin musikalisch, selbstkritisch, menschenfreundlich
Ich bin was ich bin.
Ich bin frech, ruhig, glücklich
Ich bin, was ich bin. (...)
Ich bin schnelllebig, vielschichtig, weltmännisch
Ich bin, was ich bin. 

Ich bin
nicht so wie du
nicht so wie ich sein soll
nicht so wie andere mich gerne hätten
Ich bin, was ich bin. 

Ich bin
von Gott beschützt
von Gott begleitet
von Gott geliebt
Ich bin, was ich bin,
und Gott hilft mir dabei. 

Ein Gebet von Steffen Müller.

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Der Autor Paulo Coelho erzählt ein Märchen über einen Prinzen der zu begabt war um glücklich zu sein. 

Drei Feen waren zur Taufe eines Prinzen eingeladen. Die erste versprach ihm (...) seine Liebe zu finden. die zweite versprach ihm so viel Geld, dass er tun konnte, was er wollte. Die dritte versprach ihm Schönheit.
Doch wie in allen Märchen erschien die böse Fee. Sie war zornig darüber, dass sie nicht eingeladen worden war, und sprach einen Fluch: „Da du bereits alles hast, gebe ich dir noch mehr. Du wirst das Talent zu allem haben (...)!"
Der Prinz wuchs heran, war schön, reich und verliebt. Er war ein ausgezeichneter Maler, Bildhauer, Musiker, Mathematiker. Doch es gelang ihm nie, eine Aufgabe zu vollenden, weil er immer schnell abgelenkt war und etwas anderes machen wollte.

Der Meister sagt: „Alle Wege führen zum selben Ort. Doch wähle deinen eigenen Weg und geh ihn bis zum Ende. Versuche nicht, alle Wege zu beschreiten."

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Das Wort „katholisch" kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie „das Ganze betreffend" oder „all umfassend". Andreas Knapp hat daraus ein Gedicht gemacht. Es heißt: Katholisch 

Wenn engstirnig borniertes Denken
sich in weisen Weitblick verwandelt,
wenn statt kleinkariertem kalkulieren
du großzügig zu geben lernst ohne Berechnung,
wenn deine Sorge nicht nur deinem Nabel gilt
sondern ausgereift bis in´s Globale
wenn der Horizont des provinziellen Kirchturms
verschmilzt mit dem Gesichtskreis fremder Länder,
wenn du nicht auf Sparflamme liebst
sondern großflächig brennen wagst,
dann weitest du dich
ins Umfassende hinaus,
dann wirst du
(...)katholisch

Andreas Knapp, Tiefer als das Meer, echter-Verlag Würzburg, 2005, S. 58

 

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Der Autor Michael Ende schreibt in seinem Buch „Momo" übers Zuhören:

Was (...) Momo konnte wie kein anderer, das war: Zuhören. Das ist doch nichts Besonderes, wird nun vielleicht mancher (...) sagen, zuhören kann doch jeder. Aber das ist ein Irrtum. Wirklich zuhören können nur ganz wenige Menschen. Und so wie Momo sich aufs Zuhören verstand, war es ganz und gar einmalig. Momo konnte so zuhören, dass dummen Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen. Nicht etwa, weil (Momo) etwas sagte oder fragte, (...) nein, sie saß nur da und hörte einfach zu, mit aller Aufmerksamkeit und aller Anteilnahme. Dabei schaute sie den anderen mit ihren großen, dunklen Augen an, und der Betreffende fühlte, wie in ihm auf einmal Gedanken auftauchten, von denen er nie geahnt hatte, dass sie in ihm steckten. 

Aus dem Buch „Momo" von Michael Ende.

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Die Iren sind bekannt für ihre bildreichen Segensworte. Hier ein irischer Segen für die dunklen Tage:

Möge ein Engel dir zur Seite stehen,
wenn die Decke brüchig wird,
wenn Stürme aufziehen und dein Lebenshaus erschüttert wird.
Auf dass du bewahrt bist
und unversehrt bleibst,
selbst wenn um dich herum doch alles einstürzt. 

Wenn du an Gott denkst, lauschst und aufmerksam gehst,
mögest du den Schritt deines Engels hören.
Mögest du niemals vergessen - auch wenn dich (...) Schatten umgeben -
du gehst nicht allein! 

Am Ende eines steinigen Weges
möge dich die Wärme der Sonne empfangen.

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