Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Nichts, gar nichts bei sich haben, nur die Kleider am Leib. Auf diesen Gedanken bin ich gekommen als ich meinen Sohn vom Bahnhof abgeholt habe. Den Studenten auf Kurzbesuch zu Hause. Und nach Hause kann man ja schon mal ohne alles kommen. Es war schön anzusehen wie er so lässig am Geländer lehnte ohne Rucksack, Tasche oder Laptop, was er sonst immer dabei hat. Es hat so leicht ausgesehen, so frei und im Wortsinn unbeschwert. Denn was hat man nicht so alles mit sich rumzuschleppen im Alltag. Schlüssel, Brieftasche, Handy, ganz zu schweigen von beruflichen Schwergewichten wie Aktenmappen oder Laptops. Oder Frauen, die in ihren Handtaschen alles für die Schönheit und oft ein ganz wunderbares Alltags-Notfall-Set dabei haben. Und besonders viel zu tragen haben Frauen und manchmal ja auch Männer mit kleinen Kindern. Die Kinder selbst, ihre Buggies, ihre Fläschchen, Schnuller und die Kuscheltiere. Mal gar nichts bei sich haben als sich selbst. Wie muss sich das anfühlen, körperlich und seelisch. Mal alle Lasten, Belastungen ablegen und nur als Heike Müller oder Peter Kottlorz durch den Tag gehen. Und leicht sein, frei. Mich in kein Buch vertiefen und auf kein Handy starren, die Natur sehen, riechen wie der Herbst kommt,  die Vögel hören. Die Menschen anschauen, ihre Gesichter, ihren Gang und wie sie miteinander umgehen. Nichts bei mir haben, nur mich selbst, ein äußerst seltener Zustand oder vielleicht mal eine interessante Übung. Die mich daran erinnert wie ich in diese Welt gekommen bin und wie ich sie wieder verlassen werde. Mit nichts als mir selbst...                           

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Brot. Knuspriges Brot. Und ein Krug Wasser. Darum geht es in einem der für mich schönsten Texte der Bibel. Er geht weit zurück in die Geschichte Israels. Sie handelt vor rund 3000 Jahren vom Propheten Elia. Propheten waren Männer die kein Blatt vor den Mund genommen und sich für die Menschen und ihre Religion eingesetzt haben. Manchmal bis zur völligen Erschöpfung. Einer der kernigsten dieser Propheten war Elia. Völlig fertig von den lebensgefährlichen Auseinandersetzungen mit seinen Gegnern flüchtet er in die Wüste. Und will sterben. Setzt sich unter einen Ginsterstrauch und sagt: „Es ist genug, Herr. Nimm mein Leben..." legt sich unter den Strauch und schläft ein. Da kommt ein Engel, berührt ihn und sagt: „Steh auf und iss!" Elia setzt sich auf, schaut um sich und sieht ein Stück Fladenbrot, frisch gebacken in glühender Asche. Und einen Krug Wasser. Elia isst, trinkt und legt sich wieder hin. Da kommt der Engel ein 2. Mal, rührt ihn an und sagt: „ Steh auf und iss, sonst ist der Weg zu weit für Dich!" Elia steht auf, isst, trinkt und wandert durch diese Speise gestärkt weiter. Ich mag diese Geschichte sehr. Weil sie so reduziert ist, so klar: ein Mensch der fix und fertig ist, Brot, Wasser und ein Engel. Und es ist mir nicht so wichtig ob dieser Engel nun als „echter" Engel zu sehen ist. Wichtig ist mir an dieser Geschichte wie wunderbar einfach dieses wahrhaft himmlische Wesen mit einem Menschen umgeht der am Ende ist. „Steh auf und iss!" Keine große Worte, keine guten Ratschläge und keine moralischen Appelle, sondern nur „Steh auf und iss!" Bleib dran am Leben. Komm erst mal wieder zu Kräften. Und schlafe. Schlaf den Schlaf der für die Menschen so heilsam ist, wenn sie erschöpft sind an Leib oder Seele. Und noch was Wichtiges: der Engel bleibt da, bleibt bei dem der sich erholen muss. Und erst als der wieder kann erinnert er ihn sanft daran, dass das Leben weiter geht. Und dann geht Elia weiter...

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Es ist eine Figur, die find ich schräg und faszinierend zugleich: Simeon der Stylit, ein sogenannter Säulenheiliger. Simeon hat vor ungefähr 1600 Jahren im heutigen Syrien gelebt. Er war wohl ein besonders radikales Exemplar von Gottsucher. Er wurde Mönch und tat sich im Kloster durch so unmenschliche Bußübungen hervor, dass er gebeten wurde das Kloster zu verlassen. Also ging er ins Gebirge, wo er in einen trockenen Brunnenschacht stieg um dort aufrecht stehend Gott zu loben. Nach fünf Tagen zogen ihn seine Mitbrüder wieder entsetzt ans Tageslicht. Da ließ er sich mit einer Kette an einen Felsen schmieden, damit er dort „Tag und Nacht mit den Augen des Glaubens und des Geistes jene Dinge betrachten könne, die über dem Himmel sind", so die Legende. Das zog Menschen an, die diesen verrückten Heiligen sehen wollten. Was ihn natürlich wieder in seiner Ruhe und Gottesschau störte. Dann hatte er die Idee auf eine Säule zu steigen. Zwanzig Meter über der Erde auf einer kleinen Plattform hinter einer kleinen Balustrade - um weg von den Leuten zu sein, endlich ungestört zu sein. Dreißig Jahre soll er dort gelebt haben, meist aufrecht stehend auf dieser Säule, daher sein Name Simeon der Stylit, das heißt der Säulenheilige. Aber auch da oben, zwanzig Meter hoch über den Menschen hatte er keine Ruhe. Sie kamen in Scharen und von weit. Nicht nur um diese unglaubliche Figur zu sehen, sondern auch um von seinen Erfahrungen zu hören und um sich von ihm beraten zu lassen. Er schlichtete Streit und jeder nahm seine Ratschläge oder Schiedssprüche an. Und die Moral von der Geschicht'? Verrückt ist nicht nur verrückt. Und wenn du Gott für dich allein haben willst, schickt er dir Menschen.

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Ich seh' sie noch genau vor mir, eingebettet in saftiges Grün, abgeschieden in absoluter Stille: die Einsiedelei des Franz von Assisi.
Und über dem Eingang des so schönen wie schlichten Gebäudes die Worte „Ubi deus ibi pax", wo Gott ist da ist Frieden. Ja, stimmt, passt. Passt ganz besonders an diesen himmlischen Ort mitten in der wunderschönen Natur Umbriens.
„Wo Gott ist, da ist Frieden" - und in der unberührten Natur ist Gott wohl leichter zu spüren. Durch das beruhigende Grün der Eichen, Pinien und Zypressen, in der einsamen Stille, die noch deutlicher wird durch das Rauschen des Windes in den Blättern. Himmlische Weltabgeschiedenheit mit äußerer Ruhe, die auch die Seele still macht. An diesem Ort soll der heilige Franziskus mit den Vögeln gesprochen haben, soll er nachts auf dem Waldboden gelegen haben, sich in den Sternenhimmel verloren und in Gott wiedergefunden haben. „Ubi deus ibi pax", wo Gott ist, da ist Frieden.
Eigenartigerweise habe ich den Spruch anders herum erinnert: Ubi pax ibi deus - natürlich funktioniert er auch so herum: wo Frieden ist, da ist Gott. Ja so gefällt er mir fast besser, weil ich ihn so auch aus der Einsiedelei heraus in den Alltag mitnehmen kann. Denn wenn ich es immer wieder schaffe aus dem Alltagsgetümmel raus und in die Ruhe zu kommen, kann ich Gott näher kommen. Wenn ich im Reinen bin, mit mir selbst und mit den anderen ist da auch Gott. Wenn ich jemanden liebe, im Geist, im Herzen, mit Leib und Seele, da ist Gott. Wenn ich einen Streit schlichte, um Entschuldigung bitte, mich versöhne, überall dort ist Gott. Wenn ich Menschen die Würde gebe, wenn ich gerecht bin oder wenn ich teile, Zeit, Geld oder was auch immer ein Mensch gerade nötig hat, da, gerade auch da ist Gott. Ubi pax, ibi deus - überall dort, wo Frieden ist oder entsteht, da ist Gott.

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Es ist eine Frage bei der sich die Leute immer wieder die Köppe heiß reden: Gibt es ein Leben nach dem Tod?! Keiner kann was beweisen. Man kann das nur glauben oder darauf hoffen - oder eben nicht. Und wenn man dran glaubt dann ist es oft besser diesen Glauben in Bildern oder Geschichten auszudrücken. Dem Theologen Henry Nouwen ist das wie ich finde ziemlich gut gelungen. Mit dem Streitgespräch eines Zwillingspaares im Mutterleib. Er lässt die beiden Zwillinge diskutieren ob es ein Leben nach der Geburt gebe. „Glaubst Du an ein Leben nach der Geburt?" fragt also der eine Zwilling den anderen im Mutterleib. „Ja ich glaube das gibt es", antwortet ihm der andere. „Ich denke unser Leben hier ist nur dazu gedacht dass wir wachsen und uns auf das Leben nach der Geburt vorbereiten." „Blödsinn", sagt der nicht gläubige Zwilling, „das gibt es doch nicht. Wie sollte das denn überhaupt aussehen, so ein Leben nach der Geburt? „Das weiß ich auch nicht so genau" antwortet der andere, „aber vermutlich wird es viel heller sein als hier und vielleicht werden wir herumlaufen." „So ein Unsinn", entgegnet der andere, „herumlaufen?! Das geht doch gar nicht. Die Nabelschnur ist doch jetzt schon viel zu kurz!" „Doch, ich glaube das geht dann schon. Es wird eben alles ein bisschen anders... „Es ist noch nie einer zurückgekommen von ‚nach der Geburt', antwortet der ungläubige Zwilling, „mit der Geburt ist das Leben zu Ende." Der andere: „Auch wenn ich nicht genau weiß wie das Leben nach der Geburt aussehen wird, aber ich denke wir werden dann unsere Mutter sehen und sie wird für uns sorgen." „Mutter?! Du glaubst an eine Mutter?!! Wo soll die den bitte sein?!" „Na hier, überall um uns herum: Wir sind in ihr, leben in ihr und durch sie. Ohne sie können wir gar nicht sein." „Quatsch! Von einer Mutter hab ich noch nie was bemerkt, also gibt es sie auch nicht." „Doch, manchmal wenn wir ganz still sind, kannst Du sie singen hören oder spüren wie sie unsere Welt streichelt..."

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