Manuskripte

SWR1 Begegnungen

Peter Lehmann, der studierte Erzieher und Betriebswirt für Sozialwesen ist Leiter einer Einrichtung für wohnsitzlose Menschen, dem Caritas-Förderzentrum St. Christophorus in Kaiserslautern. Wohnsitzlose. Das Wort ruft unweigerlich bestimmte Bilder im Kopf hervor, nicht nur bei mir. Auch bei Peter Lehmann war das so, als er vor sieben Jahren dort anfing. 

Ich wusste eigentlich gar nicht, wo ich an dem Morgen hingehe, was mich erwartet. Die Kollegen haben so gesagt: Oh, gehst nach Kaiserslautern ins Pennerheim jetzt zum Arbeiten. Da stellt man sich schon so die Frage auch: Macht man jetzt das Richtige, so mit Obdachlosen oder so zusammenzuarbeiten. Weil, man hat ja immer so ein Bild im Kopf: Langer Bart, Rotweinflasche, Schlafsack. 

Dieses Bild im Kopf kenne ich auch. Doch Menschen, die dauerhaft auf der Straße leben, trifft man in St. Christophorus gar nicht so häufig. Aber wer sind dann die Menschen, mit denen Peter Lehmann hauptsächlich arbeitet? 

Im Grunde sind das ganz ganz nette Menschen, die irgendwann einen Bruch im Leben hatten. Also die kommen aus allen Schichten. Also es gibt nicht den Obdachlosen. Den gibt’s nicht wirklich, das hab ich festgestellt. Es gibt Menschen, die sind von Beruf Matheprofessor, die sind Oberstudienrat und die sind Maurer und LKW-Fahrer oder Verkäuferin. Also alle Schichten sind das. 

Ein Bruch im Leben. Oft kommt vieles zusammen, was einen Menschen aus der Bahn wirft. Schicksalsschläge, aber auch eigene Fehlentscheidungen, die am Ende dazu führen, dass einem das eigene Leben entgleitet. 

Das geht los, als Jugendlicher irgendwie auf die Straße zu kommen. Dann durch Drogen, Kriminalität irgendwie nicht mehr so richtig Fuß zu fassen. Aber so bei vielen Leuten ist einfach, dass dann die Überschuldung kommt, Arbeitslosigkeit dazwischen kommt, vielleicht teilweise auch mangelnde Schulbildung, Alkohol. Das ist alles so ein Zusammenspiel von vielem, bis plötzlich der Bruch da ist. 

Und dann ist plötzlich kein Platz mehr zum Schlafen da. Glück kann dann schon bedeuten, einfach nur ein Bett zu bekommen. 

Was ich gelernt habe und erkennen musste, wie schnell dass es eigentlich im Leben gehen kann, wo man so den Bruch erfährt, wo es plötzlich dann in eine andere Richtung geht, wo man vielleicht vor einem Jahr gar nicht dran gedacht hat. Dass ich plötzlich in einem Obdachlosenheim lande und letztendlich dann aber trotzdem glücklich bin, dass es noch ein Bett für mich gibt irgendwo. 

Ein Dach über dem Kopf und ein Bett zum Schlafen und dazu Menschen, die einem helfen, zurück ins Leben zu finden. Wie schwierig das oft ist und wie es dennoch gelingen kann, dazu gleich mehr nach dem nächsten Titel. 

Teil 2

Der Heilige Christophorus, nach dem die Einrichtung benannt ist, wird oft mit dem Jesus-Kind auf den Schultern dargestellt, das er der Legende nach durch einen Fluss getragen hat. 

Ich denk, es hat schon das Symbolische, jemand auch zu tragen. Obwohl, dass wir heute niemand mehr tragen, sondern wir begleiten ihn. Er muss selber gehen, muss lernen, wieder selber zu gehen. Wir sind am Anfang so die Stützen, die Krücken, aber wir wollen irgendwann auch wieder links und rechts weggehen, dass er selber gehen kann. 

Ein schönes Bild, finde ich. Bis zu 100 Menschen, die irgendwann den Halt verloren haben, können in St. Christophorus leben. Oft so lange, bis sie wieder auf eigenen Beinen stehen. 

Und dann versuchen wir in ihrem Leben wieder so eine Ordnung reinzubringen, so eine Ruhe reinzubringen, dass sie dann gestärkt irgendwann sagen können: Jetzt kann ich wieder Arbeit suchen, jetzt kann ich ne Wohnung suchen und ich muss mich nicht vor mir und vor anderen verstecken und ich möchte eigentlich gar nichts mehr mit dieser Welt zu tun haben, sondern ich bin  ein Mensch, der dazugehört und der Probleme hat, wie viele andere auch und ich hab sie wieder sortiert und ich kann wieder teilnehmen am Leben. 

Das gelingt leider nicht jedem, sagt Peter Lehmann noch. Aber viele schaffen es, auch, in dem sie Arbeit in einem geschützten Rahmen bekommen. In einer Holzwerkstatt der Einrichtung stellen einige der Bewohner beeindruckende Holzobjekte her, die sie dann selbst auf dem bekannten Weihnachtsmarkt im pfälzischen Deidesheim verkaufen. 

Beim Weihnachtsmarkt in Deidesheim sind sie mit dabei. Sie sollen präsentieren, was sie können, weil, sie können was und sie sind nicht nur abgestürzte Menschen, die am Rande dann stehen und verurteilt werden. Die Leute haben auch sehr sehr viel Gutes und Positives und wir versuchen das rauszuholen und dann den Weg, den zu verkürzen und dann ne Chance zu bekommen, irgendwie wieder einzusteigen. 

Und noch etwas anderes bekommen sie für ihre Arbeit, dass Peter Lehmann sehr wichtig ist. 

Wenn hier die Leute von der Werkstatt oder unsere Gartentruppe, die auch zur Werkstatt gehört, dann rausgeht in unser Pflegeheim, und die alten Leute oder die Senioren sagen dann: Ah, das habt ihr toll gemacht. Das ist so wertschätzend dann für die Leute und das tut ihnen gut. 

Die Menschen wertschätzen, egal, welche Geschichte sie mitbringen! Dieses Wort fällt mehrmals in unserm Gespräch. Klingt einfach und scheint vielen doch unendlich schwer zu fallen. Für Peter Lehmann, so scheint mir, ist es aber ein wesentlicher Schlüssel zum Erfolg.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24836