Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

(GL 666,4)

Das Salve Regina habe ich als Student im ersten Semester kennengelernt. Wenn wir abends in der Kapelle zur Komplet, dem Nachtgebet, zusammengekommen sind, stand der Blick auf Maria am Schluss. Und dabei meistens das Salve Regina. Sei gegrüßt, Königin. In einem Glockenmotiv steigt die Melodie am Anfang nach oben: große Terz - kleine Terz - und noch ein Ganztonschritt. Ein Dur-Dreiklang mit der ergänzten Sexte. Und tatsächlich haben viele Kirchenglocken diese Tonfolge, die deshalb auch so heißt: Salve-Regina-Geläut.

Weshalb dieser Blick auf Maria am Ende eines Tages? Weil mit dem Dunkel der Nacht auch das in den Sinn kommt, was in unserer Welt dunkel und böse ist. Mein Tag ist oft von vielen Aktivitäten bestimmt. Ich bin gefordert, etwas zu tun, eine Sache fertig zu machen. Am Abend habe ich Zeit zum Nachdenken. Über das, was nicht gut gelaufen ist. Manchmal verstehe ich dann erst, was andere mir erzählt haben: dass ihr Kind so krank ist, dass eine Freundin im Sterben liegt, dass sie Angst haben, ihren Partner zu verlieren und ihr Leben wie ein Kartenhaus zusammenstürzt. Auch meine eigenen Ängste spüre ich am Ende des Tages: ob ich den Erwartungen morgen entsprechen werde, ob etwas auf mich zukommt, was ich nicht will.

Maria scheint mir da ein gutes Gegenüber zu sein für meine Fragen und Ängste. Maria kennt aus eigener Anschauung, was wir erleben und eben auch zu erleiden haben. Gerade das Dunkle und Trostlose wird im Salve Regina mehrfach angesprochen. Vom Tal der Tränen ist da die Rede, in dem wir trauern und weinen. Wir sind aus dem Paradies verbannt.  Es tut mir gut wissen, dass Maria dieses Schicksal teilt.

Wenn schon Königin, wie es hier heißt, dann ist Maria wohl am ehesten eine Königin der Herzen. Das legen auch die beiden Worte nahe, mit denen sie gleich am Anfang charakterisiert wird: Salve Regina, mater misericordiae. Mutter der Barmherzigkeit. Das macht sie also zur Königin, dass sie barmherzig denkt und handelt. Sie fühlt mit allen, die auch in schwieriger Lage sind. Sie tröstet, weil sie weiß, was es bedeutet, traurig, verzweifelt zu sein. Das charakterisiert Maria und prägt auch den Charakter des ganzen Gesangs. Deshalb mag ich das Salve Regina so gern. Weil es mir gut tut, milde gestimmt zu sein, sanftmütig und gelassen. Gerade am Ende eines Tages. Diese Sehnsucht prägt die Melodie des Salve Regina an vielen Stellen, ganz besonders am Schluss.

O clemens, o pia, o dulcis virgo Maria. O gütige, milde, süße Jungfrau. 

Der Text des Salve Regina ist tausend Jahre alt. Sein Verfasser war vermutlich ein Benediktiner-Mönch von der Reichenau im Bodensee. Sein Name: Hermannus contractus. Herrmann, der Verkrümmte, der Lahme. Sein Gebet ist alles andere als verkrümmt. In freien Rhythmen dichtet er einen Hymnus, der den biblischen Psalmen ebenbürtig ist und sich für eine Vertonung im Stil der Gregorianik anbietet. Es ist aber nicht dabei geblieben. Die Liste der späteren Vertonungen liest sich wie ein Who-is-who der bedeutendsten Komponisten quer durch die Jahrhunderte: Monteverdi, Händel, Haydn, Schubert, Liszt, Fauré, Webber, Pärt, Poulenc. Die Sehnsucht, von einer Mutter in den Arm genommen und getröstet zu werden, ist zeitlos.

Salve Regina
mater misericordiae,
vita, dulcedo et spes nostra salve Ad te clamamus, exsules filii Hevae Ad te suspiramis gementes et flentes
in hac lacrimarum valle Eia ergo advocata nostra,
illos tuos misericordes oculos ad nos converte Et Jesum benedictum fructum ventris tui
nobis post hoc exsilium ostende O clemens, o pia, o dulcis virgo Maria.

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