Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

(GL 289/EG 85)

O Haupt voll Blut und Wunden,
voll Schmerz und voller Hohn,
o Haupt, zum Spott gebunden
mit einer Dornenkron,
o Haupt, sonst schön gezieret
mit höchster Ehr und Zier,
jetzt aber hoch schimpfieret:
gegrüßet seist du mir!

„O Haupt voll Blut und Wunden“ – Das Lied zum heutigen Sonntag gehört für mich unbedingt zur Passionszeit. Wer das Lied singt, richtet den Blick auf das Gesicht Jesu, das von Folter und Leiden gezeichnet ist. Ganz anders als es ihm zustehen würde: Einer, der allen gegenüber gütig ist, hätte doch verdient, dass man ihn in Ehren hält. Heute am Palmsonntag erinnern sich die Christen an den Einzug Jesu in Jerusalem, bei dem das Volk „Hosanna“ ruft und ihm diese Ehre erweist. Dasselbe Volk, das ein paar Tage später „Kreuzige ihn“ schreit, als Pilatus ihnen Jesus zeigt: von Folter gezeichnet, mit der Dornenkrone auf dem Kopf.

Johann Sebastian Bach hat das Lied in der Matthäuspassion verwendet und mit dem Text von Paul Gerhardt verbunden, der ihn aus dem lateinischen Hymnus „Salve caput cruentatum“ übersetzt hat. Diese Kombination ist so wirkungsvoll, dass Bach die Melodie in seinem Weihnachtsoratorium schon als Anspielung auf das Leiden Jesu verwenden konnte.

Die Melodie zu „O Haupt voll Blut und Wunden“ von Hans Leo Hassler ist ursprünglich für ein Liebeslied komponiert. Das Lied ist also vom Liebeslied zum Passionslied geworden. Für mich ist das stimmig. Als Christ versuche ich ja mitzufühlen, was Jesus in seinen letzten Stunden erleiden musste. Ich höre die Erzählungen davon und stelle mir vor, wie ich ihm als Freund zur Seite stehen könnte wie die Frauen, die beim Kreuz stehen oder sein Lieblingsjünger Johannes. Ich lasse mich so mit hineinziehen in sein Schicksal. In einer Strophe wird dieser Charakter für mich besonders deutlich, wo es heißt:

Ich will hier bei dir stehen,
verachte mich doch nicht;
von dir will ich nicht gehen,
wenn dir dein Herze bricht;
wenn dein Haupt wird erblassen
im letzten Todesstoß,
alsdann will ich dich fassen
in meinen Arm und Schoß.

Eine Frau, die genau so/in diesem Sinn/Auf diese Weise zu Jesus steht, ist die Hl. Veronika. Veronika ist keine historische Person, sondern vermutlich eine mittelalterliche Erfindung. Aber sie steht für mich stellvertretend für viele mutige Frauen, die zu denen halten, die aus der Gesellschaft ausgeschlossen und gefoltert werden.

Die Legende erzählt, dass Veronika Jesus mit einem Tuch Blut und Schweiß vom Gesicht wischt als er sein Kreuz nach Golgotha schleppt. Und wie durch ein Wunder sei das Bild von Jesu Gesicht von da an in ihrem Tuch zu sehen. Was das heißt, ist klar: Immer, wenn ich das Gesicht eines Menschen sehe, der leidet, sehe ich das Gesicht Jesu. Ich kann als frommer Christ nicht mit Jesus mitfühlen und die anderen Leute sind mir egal, wenn sie leiden. Ich bin immer gefragt als einer, der mitleidet und hilft. Denn Gott leidet (mit), wenn andere Menschen leiden. Das ist ja einer der Gründe, warum ich den Tod Jesu nicht nur betrauern muss, sondern daraus auch Trost ziehen kann.

Jesus verzeiht selbst denen noch, die ihn foltern und umbringen. Ihm ist eben nicht nur das Leid ins Gesicht geschrieben, sondern auch die Überzeugung, dass Gott mit seiner Liebe alles Leid überwinden wird.

Wenn ich mir mit diesem Lied also Jesu Gesicht vergegenwärtige, wird es am Ende auch zu einem Trost für mich selbst. Ich hoffe, dass dieses Bild von Jesus, mich trösten wird, wenn ich einmal leide und sterbe:

Wenn ich einmal soll scheiden,
so scheide nicht von mir,
wenn ich den Tod soll leiden,
so tritt du dann herfür;
wenn mir am allerbängsten
wird um das Herze sein,
so reiß mich aus den Ängsten
kraft deiner Angst und Pein.

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